"Wir sind keine 'Psst'-Bibliothek mehr"

Man muss nicht gleich die Treppe nehmen, sondern kann auch an einer Infostele der Stuttgarter Stadtbibliothek die Bestände durchforsten. © picture alliance / dpa / Matthias Röder
Von Uschi Götz · 24.10.2013
Die neue Stuttgarter Stadtbibliothek ist ein Bildungspalast. Das Haus ist auf dem besten Weg zum zentralen Treffpunkt der Stadt zu werden. Hier kann man auch Laptops und Notebooks ausleihen. Bis zum Jahresende werden rund drei Millionen Besucher erwartet.
Kind: "''Aber das soll nicht da rein.""
Mutter: "Ja, dann tu es in meinen Rucksack, bitte. …So, jetzt Max, jetzt machst du es, du weißt, wie es geht."

Max hält seinen Ausweis auf eine kleine, quadratische Glasfläche. Ein Schließfach öffnet sich geräuschlos. Der Grundschüler mit blonden kurzen Haaren, seine jüngere Schwester und die Mutter legen ihre Jacken in den Spint.

Die Schließfächer öffnen sich auch per Fingerabdruck gleich oder einem entsprechenden Zahlencode. High Tech in einer der modernsten Bibliotheken Europas.

Mutter: "Ja, guckt mal, wo ist die Kinderabteilung?"
Kind: "Zwei!"

Die Drei fahren mit dem Aufzug nach oben. Zeitgleich kommen zwei junge Frauen aus dem Aufzug heraus. Sie gehen auf eine interaktive Informationsstele zu. Die Ältere der beiden tippt mit dem Finger auf den Bildschirm:

"Man kann jedes Stockwerk durchgehen. Und vorhin haben wir genauso nach Wirtschaft geguckt, und da hat es sich hier aufgeteilt, komplett, wo die Bücher sich befinden, welche Seite die Bücher sind."

Besucher bestaunen die Architektur
Die beiden Frauen studieren Wirtschaftsingenieurwesen und suchen nun nach Literatur über den Architekten und Designer Le Corbusier. Von der vor zwei Jahren eröffneten Bibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart sind die beiden regelrecht begeistert. Die redseligere der beiden Frauen überlegt kurz und erklärt dann:

"Also, wenn man es nie gesehen hat und zum ersten Mal reingeht, ist man eigentlich überrascht. Vor allem der Eingang … waren wir beide total überrascht, weil es plötzlich ein ganz offener, riesen Raum war. Also ich finde es schön."

Überall stehen Besucher herum und bestaunen die Architektur. Das Gebäude, ein über 40 Meter hoher Kubus, erinnert an eine Trutzburg, die mitten in einem neuen Baugebiet hinter dem alten Stuttgarter Hauptbahnhof steht.

Konzentriert schauen die beiden Frauen jetzt wieder auf den virtuellen Plan, der sich Sekundenschnell aufgebaut hat und ihnen den Weg in den achten Stock weist.

Achte Etage. Die Studentinnen steigen aus. Fasziniert schauen sie nach unten. Der Blick ist frei auf mehrere Stockwerke. Hunderte Meter weiße, kantige Regale sind zu sehen. In den Regalen stehen tausende Bücher, insgesamt über eine halbe Million Medien. Auf der Treppe kommt eine Dame mit hohen Absätzen nach oben. Es ist Christine Brunner, die Direktorin der Bibliothek. "Wir brauchen nicht flüstern", sagt sie lachend:

"Wir sind relativ tolerant, was das Verhalten hier im Haus ausmacht. Wir sind keine 'Psst'-Bibliothek mehr."

Schnellen Schrittes führt die Direktorin zu einem Regal mit verglasten Schließfächern. In den Schließfächern liegen Laptops, Notebooks und CD Player zum Ausleihen. Christine Brunner zückt ihren Ausweis:

"Und dann zeigt er einem die Auswahl, in dem Moment, wo ich das Fach dann öffne ist dieses Netbook verbucht auf mich, und ich kann damit dann arbeiten, wo immer ich möchte, im ganzen Haus."

Es geht weiter an weißen Regalen vorbei. Auf einem blauen schlichten Sofa sitzen zwei Herren mit schwarzen Haaren, einer hat einen Laptop auf seinen Knien liegen. Bis auf die Dachterrasse reicht die Internetverbindung der Bibliothek. Viele Besucher können sich keinen eigenen Computer leisten, sie kommen jeden Tag.

"Ohne Menschen geht es dennoch nicht", sagt Frau Brunner auf dem Weg zu Herrn Butler. Als Anlaufstelle dienen Informationstheken. Kevin Butler hat heute im 5. Stock Dienst. "Welt" ist das Thema auf dieser Ebene. Herr Butler ist von Medien in 25 Sprachen umgeben, sein Publikum entsprechend multikulturell. Der junge Bibliotheksassistent lächelt sympathisch, steht auf, um ein Brett mit bunten Zetteln zu zeigen:

"Ein Brett, das anbietet verschiedene Sprachen zu lernen. Also, ich biete Serbisch, ich suche dafür Deutsch, und wie man dann Kontakt zu dieser Person aufnehmen kann."

Er zeigt auf einen weißen Zettel. Ein Inder sucht einen Tandempartner, um sein Deutsch zu verbessern.

Platz für das gemeinsame Lernen
"Dieses Brett wird sehr gut genutzt. Also wir haben täglich neuen Zuwachs und Abgang, also das Brett sieht jeden Tag anders aus."

Direktorin Brunner läuft weiter, vorbei an einem der vielen vollverglasten, schalldichten Räume. Die Bibliothek bietet Nachhilfeunterricht an. Zwei Mädchen lernen in dem Glaskasten zusammen. Auf dem Tisch der beiden sieht es chaotisch aus: Taschenrechner, I- Phone, Lippenstift, Mathebuch.

"Wenn man sich mit Freunden trifft, dann ist es Zuhause meist schwierig, wegen Geschwistern oder Eltern oder Platzmangel oder wie auch immer und in der Bibliothek werden halt Räume freigestellt und wenn man da lernen kann, wieso nicht?"

Direktorin Brunner ist mittlerweile am Südeingang der Bibliothek angekommen. Im Windfang bleibt sie stehen. Ein großer Kasten, einem Snackautomaten ähnlich, steht in dem Gang. Doch in den Fächern liegen keine Süßigkeiten, sondern Bücher und Filme. Von außen sind die Titel gut zu erkennen. "Wer nach 21 Uhr kommt, kann sich hier bedienen", sagt Frau Brunner:

"Wir haben es jetzt mal Bibliothek für Schlaflose genannt. Aber es ist natürlich auch den ganzen Sonntag geöffnet. Sie können mit ihrem Leseausweis hier die Fächer öffnen, so viele sie mögen und das ausleihen, was da drin steht."

Es gibt wohl viele Schlaflose in Stuttgart. "Pro Nacht wird über die Hälfte der Fächer geleert", sagt Christine Brunner nicht ohne Stolz und eilt zurück in ihr Büro.