Mittwoch, 17.07.2019
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 06.12.2012

"Wir sind abhängig davon, was auf der Welt passiert"

IG-Metall-Chef über den Gewerkschaftskongress "Kurswechsel für ein gutes Leben"

Berthold Huber im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Der Vorsitzende der IG-Metall, Berthold Huber.  (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)
Der Vorsitzende der IG-Metall, Berthold Huber. (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)

Themen wie Finanzkrise und Energiewende und deren Auswirkungen auf die Industrie verlangen nach neuer Orientierung der Gewerkschaften, sagt der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber. Darüber wolle man auf dem internationalen Gewerkschaftskongress in Berlin offen diskutieren.

Marietta Schwarz: "Die Zeit ist reif für einen Kurswechsel", schreibt die IG Metall in einer Pressemitteilung, darin kündigt sie einen internationalen und überaus prominent besetzten Kongress an. Mit dabei Leute wie der amerikanische Nationalökonom Nuriel Roubini oder der ehemalige Präsident Brasiliens Lula da Silva. Wissenschaftler, Verbandssprecher und Politiker aus aller Welt werden über den Kurswechsel für ein gutes Leben diskutieren, so der Titel des Kongresses. Es geht also nicht nur ums Arbeitsleben, wie man es von einer Gewerkschaft vielleicht erwarten würde, sondern auch um Klimawandel, Finanzkrise, soziale Gerechtigkeit. Der Initiator ist jetzt am Telefon, Berthold Huber, erster Vorsitzender der IG Metall. Guten Morgen!

Berthold Huber: Guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Ja, Herr Huber, was ist das für eine Veranstaltung? Warum veranstaltet eine Gewerkschaft überhaupt einen solchen internationalen Kongress?

Huber: Ja, weil wir uns ja nicht nur im nationalen Rahmen um Tarifverträge, um ordentliche Arbeitsbedingung für die Menschen in der Metall- und Elektroindustrie kümmern, sondern weil wir ja abhängig sind von der Entwicklung der Ökologie, wir sind abhängig davon, was auf der Welt passiert, das sind generelle Fragen, die sich nach der großen Finanzmarktkrise 2009/10 aufdrängen, und zwar nicht nur national, sondern über die europäische Krise ja auch im europäischen Maßstab und darüber hinaus sehen wir ja ähnliche Entwicklungen von Brasilien bis zu den Ländern wie Indonesien und so weiter und so fort. Und eine Gewerkschaft muss sich darum kümmern. Wie gesagt, wir sind nicht nur für die Betriebe hier in Deutschland zuständig, sondern darüber hinaus haben wir einen politischen und sozialen Auftrag.

Schwarz: Darum kümmern heißt, man denkt mal darüber nach, man lässt sich inspirieren von dem, was andere zu den Themen zu sagen haben?

Huber: Ja, natürlich, das ist ja ein offener Prozess, das ist eine offene Diskussion, wo wir auch Wissenschaftler, wie Sie sagten, eingeladen haben und Wissenschaftlerinnen, die uns ihre Erfahrungen skizzieren, und das steht dann unter dem Motto: gegenseitig lernen. Im Übrigen, Frau Schwarz, wenn ich drauf hinweisen darf: Das hat eine gute Tradition in der IG Metall. Ein erster Kongress, wo es um die Frage Humanisierung der Arbeit und Grenzen des Wachstums ging, hat schon 1972 stattgefunden in Oberhausen, ein bemerkenswerter Kongress. Und das haben wir eben in, ja, doch großen Abständen, sagen wir mal, alle zehn Jahre mal gemacht, wenn wir glaubten, dass es Einschnitte gibt, wo man sich neu orientieren muss, wirtschaftliche und soziale Einschnitte.

Schwarz: Aber die Frage ist doch: Was kann man mit einem solchen Kongress aktiv bewegen?

Huber: Man kann die Themen zum Beispiel sortieren. Was soll eine Gewerkschaft tun? Man kann den Blick schärfen über das Soziale hinaus in Richtung ökologischer Neuerung, Energiewende als Stichwort. Was bedeutet das für eine Gewerkschaft, die wie die IG Metall ja sehr stark zum Beispiel in der Automobilindustrie verankert ist? Das sind ja Fragen, die ineinander übergehen und denen die IG Metall nicht aus dem Weg gehen kann.

Schwarz: Herr Huber, ich kann verstehen, wenn Sie sich für diese Fragen interessieren, aber ist das der Weg, wie man als Gewerkschaft in eine Gesellschaft hineinwirkt, mit einem Kongress?

Huber: Das ist der Versuch, eine offene Diskussion anzustoßen. Ob das so aufgegriffen wird, wie wir das wünschen, das wird sich zeigen.

Schwarz: Sie haben gerade diesen Kongress von 1972 erwähnt, der offenbar damals sehr einflussreich war. Das sind jetzt 40 Jahre her – was hat sich denn seither an der Wirkungsmacht der IG Metall verändert?

Huber: Ja, schauen Sie, die Themen, die dort diskutiert worden sind – Humanisierung der Arbeit, das war ja dann ein wesentliches Thema unter der ehemaligen sozialliberalen Bundesregierung, es sind Programme aufgelegt worden, wir haben seither Einiges erreicht in dieser Frage, was die Humanisierung von Arbeitsplätzen anbelangt. Aber darüber hinaus ging es – ich darf Sie erinnern – um die Frage Mitbestimmungsgesetz, das ja 1976 dann verabschiedet worden ist, Signale, und zwar ganz wesentliche, ging von diesem Oberhausener Kongress aus. Und die Problematisierung, ob es Grenzen des Wachstums gibt, diese Debatte ist doch in diesen Jahren entstanden, und die IG Metall hat zu dieser Debatte beigetragen.

Schwarz: Heutzutage hat natürlich eine Gewerkschaft hier in Deutschland nicht mehr den Einfluss, wie sie früher hatte. Ist das vielleicht auch der Grund, weshalb man einen solchen Kongress veranstaltet, auch, um ein bisschen Imagebildung zu betreiben? So Vortragsveranstaltungen sind ja auch sehr in zurzeit.

Huber: Ja, natürlich hat das auch damit zu tun. Wir wollen uns präsentieren als eine offene Diskussion, kein Closed Shop. Wir wollen, dass wir in Debatten kommen, und schauen Sie, gestern hat der Vorsitzende vom BUND ausdrücklich – der Hubert Weiger, der Vorsitzende des BUND [Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland] – darauf hingewiesen, dass für ihn und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter das eine der Naturschutz und die ökologische Frage ist, und dass die untrennbar verknüpft ist mit sozialen Fragen, und hat ausdrücklich angeboten, neue Koalitionen zu suchen. Das ist wunderbar, und selbstverständlich werden wir so ein Angebot aufgreifen.

Schwarz: IG-Metall-Chef Berthold Huber über die internationale Konferenz "Kurswechsel für ein gutes Leben", die seit gestern in Berlin stattfindet. Herr Huber, vielen Dank!

Huber: Ich danke Ihnen, einen guten Tag!

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