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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.07.2011

Wir müssen das Konsumniveau "drastisch senken"

Journalist Marcel Hänggi über die Herausforderungen einer globalen Energiewende

Jan-Christoph Kitzler im Gespräch mit Marcel Hänggi

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Das Umspannwerk des Stromversorgers RWE in Bockenheim (AP)
Das Umspannwerk des Stromversorgers RWE in Bockenheim (AP)

Wenn die Menschen in den Industrieländern weniger Energie verbrauchen, müssen sie deswegen nicht schlechter leben, sagt der Schweizer Journalist Marcel Hänggi. Zudem müsse erreicht werden, dass Menschen in ärmeren Regionen elektrische Energie nutzen und am modernen Leben teilhaben könnten.

Jan-Christoph Kitzler: Was haben wir nicht diskutiert über das Ende der Atomkraft. Deutschland steigt aus, ebenso wie die Schweiz, und auch in Japan kommt nun langsam Bewegung in die Sache. Die dortige Regierung will nun den Atomausstieg prüfen. Kritiker wenden ein, irgendwo her muss die Energie, die wir verbrauchen, ja kommen. Und sie haben Recht: Der weltweite Energieverbrauch steigt Jahr für Jahr und auch bei den fossilen Energieträgern zeigt sich langsam das Ende der Fahnenstange.

Und alles kreist um die eine Frage: Schaffen es die alternativen Energien, die Lücke zu füllen, die jetzt freiwillig oder zwangsläufig entsteht? Aber könnte man das Ende des Ölzeitalters nicht auch als Chance nutzen? – Dieser Meinung ist der Schweizer Journalist Marcel Hänggi. Er hat zu dem Thema gerade ein Buch veröffentlicht. Schönen guten Morgen!

Marcel Hänggi: Guten Morgen!

Kitzler: Das Ende des Ölzeitalters bietet eine Chance, und zwar auf neue technische Lösungen, sage ich mal, indem zum Beispiel unser Strom nicht im Atomkraftwerk, sondern im Windrad auf dem Meer entsteht, indem wir unser Öl nicht verheizen, sondern unsere Häuser mit moderneren Stoffen besser dämmen und Holzschnitzel aus dem Wald um die Ecke verheizen. Sie sind aber der Meinung, diese technischen Lösungen, die greifen zu kurz. Warum?

Hänggi: Erstens glaube ich nicht, dass die technischen Lösungen allein genügen, um unsere Probleme zu lösen. Eigentlich ist die ganze Technikgeschichte eine Geschichte von immer effizienteren Anwendungen. Die Energieanwendungen sind immer besser geworden, immer effizienter. Wir haben immer neue Energiequellen erschlossen. Und das hat aber nie dazu geführt, dass wir weniger gebraucht hätten, sondern wir haben immer mehr gebraucht. Das andere ist: Ich glaube, es greift zu kurz, weil ich der Meinung bin, es liegt eine Chance darin, uns auf eine Gesellschaftsform zu besinnen oder auf eine Wirtschaftsform, die auch mit weniger Energie auskommt.

Kitzler: Effizienz reicht nicht aus, Energieverbrauch ist eine gesellschaftliche Frage, meinen Sie. Das heißt aber, unsere Gesellschaft muss sich ändern. In welche Richtung?

Hänggi: Na ja, unsere Gesellschaft ändert sich ja dauernd. Insofern wenn man sagt, die Gesellschaft muss sich ändern, dann gibt es immer die Aufschreie von den Leuten, die sagen, aber das wollen wir nicht. Unsere Gesellschaft ändert sich ja laufend. Und solche Diskussionen wie die Diskussion um die Energiewende, die bietet natürlich die Chance, dass man sagt, okay, jetzt schauen wir mal, in welche Richtung sie sich denn ändern soll.

Wenn wir unbesehen in eine Energieknappheit hineinrasen, wenn zum Beispiel das Erdöl einfach immer teurer wird und man politisch nichts unternimmt, dann besteht die Gefahr, dass eben die Gleichheit beispielsweise, die Energie ein Stück weit gebracht hat, dass die wieder flöten geht und die Nachteile der Energiegesellschaft eben bestehen bleiben.

Kitzler: Aber heißt das nicht ganz konkret, wir müssen unser Niveau senken in Sachen Konsum, Lebensstandard, Komfort?

Hänggi: Doch! Natürlich müssen wir das Konsumniveau ganz, ich würde sagen, drastisch senken. Eine andere Frage ist schon, ob das auch heißt, dass wir den Komfort senken müssen. Es ist ja nicht ein Naturgesetz, dass die Menschen so und so viel Energie pro Tag brauchen, um zu überleben. Das ist etwas anderes bei der Nahrung. Nahrung, da braucht man 2.000 und irgendwas Kalorien pro Tag, um nicht unterernährt zu sein. Bei der Energie ist das anders.

Wie viel Energie ich brauche, um gut leben zu können, das wird ganz wesentlich von gesellschaftlichen Strukturen bedingt. Das heißt, wenn ich in einer Gesellschaft lebe, die vollkommen auf den Automobilverkehr ausgerichtet ist, dann habe ich ein Problem, wenn ich selber kein Auto fahre und dann brauche ich viel Energie, um mich zu bewegen. Ich denke, darum geht es in der Energiewende. Es geht nicht darum, dass man allen Menschen billige Energie in unbegrenzter Menge zur Verfügung stellt, sondern dass man versucht, die Gesellschaft sich so einzurichten, dass die Menschen eben auch mit weniger Energie sehr gut leben können.

Kitzler: Wir müssen unseren Lebensstil ändern zum Teil. Die Frage ist aber nur, wer darf darüber bestimmen, welches Leben wir führen, wenn nicht vor allem wir selber? Ist die Alternative die einzige, die man dazu findet, die Öko-Diktatur?

Hänggi: Im Gegenteil! Ich halte gar nichts von so autoritären Ansätzen. Ich glaube auch nicht, dass es darum gehen kann, dass man die Welt nach der Energiewende, die ideale Welt sich ausdenkt irgendwo in der stillen Kammer und das dann umsetzt. Sondern das muss sich zeigen, das muss in Experimenten entstehen, das muss wachsen, und die Politik soll solche neue Formen von gesellschaftlichem Leben ermöglichen. Sie soll aber nicht diese neuen Formen vorschreiben.

Kitzler: Bei dem ganzen Thema stellt sich natürlich auch die globale Frage: Fernab unseres gemütlichen Europas steigt der Energieverbrauch rasant. Dort denkt man ja weniger an Sparen, sondern vielmehr an Aufholen, und der gesellschaftliche Wandel, der geht in eine ganz andere Richtung als der, über den Sie nachdenken. Ist das nicht so?

Hänggi: Das ist vielleicht so. Aber gerade Staaten wie zum Beispiel China, die sind schlicht und einfach gezwungen, sich über Alternativentwicklungen Gedanken zu machen. Und das macht die chinesische Regierung auch, weil die wissen, die können gar nicht auf das Pro-Kopf-Energieniveau kommen, wie wir das in Westeuropa oder in Nordamerika kennen.

Und das andere, wenn wir vom Rest der Welt, also nicht von den reichen Industriestaaten sprechen, dann gibt es natürlich rund 1,5 bis zwei Milliarden Menschen, rund ein Drittel der Menschheit, die haben tatsächlich zu wenig Energie und die brauchen mehr. Die brauchen vor allem elektrische Energie, um auch an einem modernen Leben teilhaben zu können. Aber das sind relativ kleine Energiemengen, die die brauchen, um wirklich überhaupt sich beteiligen zu können an einem modernen Leben.

Wenn wir sonst schauen, wie die Entwicklung läuft, dann würde ich behaupten, dass auch in den armen Ländern, beispielsweise in Indien, mehr Leute darunter leiden, dass immer mehr Energie zur Verfügung steht, weil diese Energie eben vor allem von den Reichen genutzt wird und verbraucht wird und dazu führt, dass diese Reichen beispielsweise – ich nenne wieder das Beispiel Verkehr – sehr viel mehr Platz beanspruchen in Städten wie Delhi, die noch vor wenigen Jahren Fahrrad- oder Rikscha-Städte waren und heute eben Autostädte sind. Und Autostadt, das heißt in Indien, ein Prozent der Bevölkerung besitzt ein Auto und alle anderen, die kommen dann buchstäblich unter die Räder.

Kitzler: Wie optimistisch sind Sie denn, dass es gelingt, den Wandel, der nötig ist, weltweit zu organisieren? Ein abschreckendes Beispiel ist ja zum Beispiel das Ringen, der stockende Versuch, eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll zu finden.

Hänggi: Ja, das stimmt nicht gerade optimistisch. Ich war selber in Kopenhagen als Journalist mit dabei. Auf der anderen Seite bin ich wahrscheinlich optimistischer als die meisten, indem ich eben glaube, dass Gesellschaften fähig sind, sich zu entscheiden und Wege einzuschlagen und andere Wege auszuschlagen, und dass Gesellschaften nicht gezwungen sind, auf dem Weg weiterzuwandeln, auf dem sie die letzten 200 oder 300 Jahre schon gewandelt sind.

Kitzler: So sieht es Marcel Hänggi. Sein Buch "Ausgepowert – Das Ende des Ölzeitalters als Chance" ist gerade im Rotpunktverlag erschienen. Herr Hänggi, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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