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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 06.05.2014

Wir lernen in EuropaStudieren in Wien

15 Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses

Von Karla Engelhard

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Das Hauptgebäude der Universität in Wien. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Das Hauptgebäude der Universität in Wien. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

Studenten erleben Europa als großen Hörsaal. Zu den beliebtesten Adressen gehört die Universität Wien: eine offene Hochschule ohne Studiengebühren und Numerus clausus. Volle Hörsäle und überforderte Betreuer sind die Folgen.

Lenard Hamza sitzt im "Cafe Möbel" in der Wiener Burggasse. Er hat klare Vorstellungen was er will: Seinen Doktor in Politikwissenschaften an der Uni Wien und dann Kommunalpolitiker in seiner Heimatstadt im Kosovo:

"Kosovo als junges Land braucht junge Leute, die im Ausland studieren, und ich hatte das Glück, dass ich das Masterstudium in Kosovo beendet habe, doch es war ein Tempus Programm, was sehr wichtig ist. Es war finanziert von der Europäischen Union und wir hatten viele Gastprofessoren von der Uni Graz. Und ich hatte auch die Gelegenheit, ein Semester an der Uni Graz an einem Institut zu arbeiten, innerhalb von diesem Masterstudium. Und es war eine sehr, sehr gute Erfahrung, da konnte man direkt anfühlen, was die Europäische Union macht."

Lenard fühlt es auch an sich, denn er hat einen kosovarischen und einen kroatischen Pass, seine Familie lebte längere Zeit in Kroatien. So ist er EU-Bürger und Nicht-EU-Bürger in einer Person:

"Ich benutze die Gelegenheit, dass ich manchmal sage, ich bin Kroate oder ich bin Kosovare. Zum Beispiel pro Semester bezahle ich als europäische Bürger nur eine Gebühr von 18 Euro und als kosovarischer Student musste ich ungefähr 400 Euro zahlen. Als EU-Bürger steht man immer vor irgendwie, als Drittlandbürger ist es immer schwieriger."

Ein Drittel aus dem Ausland

Von den rund 91.000 Studierenden an der Universität in Wien sind knapp ein Drittel aus dem Ausland. Professorin Christa Schnabl, als Vizerektorin zuständig für "Studierende und Lehre", ist recht stolz darauf:

"Na ja, die Uni Wien ist für die Region attraktiv. Wenn wir uns die 30 Prozent der ausländischen Studierenden anschauen, dann sind das zu einem hohen Anteil deutsche Studierende und dann die ganzen umliegenden südosteuropäischen Länder. Also wir fischen nicht unbedingt in Frankreich, aber aus Polen, Russland, Ukraine, die ganze südosteuropäische Flanke, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und so weiter..."

"Es sind - prozentual gefühlt - für mich nicht mehr deutsche Studenten da als Studenten aus Polen, Tschechien, Bulgarien, Ex-Jugoslawischen Ländern, das ist sehr bunt gemischt."

Diese Mischung gefällt dem Architekturstudenten Jonas, der aus Litauen kommt, doch das Studium selbst gefällt ihm nicht immer:

"Vor allem in diesem Bachelor-Studiengang ist alles sehr oberflächlich, wie ich empfinde. Es hat den Anschein einer Massenabfertigung. Es sind Vorgaben, die es nötig machen, auch solche Massen abzufertigen. Dementsprechend wirkt das auch relativ weniger universitär und es gibt dann aber trotzdem Ausnahmen, wo man sich vertiefen kann, doch sind aber trotzdem nur Ausnahmen."

"In Österreich haben wir in den meisten Fächern einen offenen Hochschulzugang , das heißt wir müssen die Studierenden, die sich entschieden haben, das Fach studieren zu wollen, aufnehmen und die Zahl der Studierenden ist in den letzten fünf bis zehn Jahren wesentlich stärker gestiegen als die Finanzierung der Universitäten und dadurch haben wir in vielen Fächern keine guten Betreuungsverhältnisse mehr."

Keine Studiengebühren, keine Zugangsbeschränkung

Vizerektorin Schnabl sieht die Politik gefordert, denn in Österreich gibt es weder Studiengebühren noch eine Zugangsbeschränkung für Studierende - und schon gar nicht ausreichende finanzielle Mittel aus der Staatskasse. Mittelfristig könnte die Uni Wien dadurch an Attraktivität verlieren:

"Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man mit dem Problem umgeht. Die eine Möglichkeit ist, ok offener Hochschulzugang ist uns viel wert, dann müssen wir aber auch die Finanzierung entsprechend gestalten und aufstocken. Oder, wenn man sagt, das kann man oder will man sich als Staat nicht leisten und ist auch nicht bereit einen privaten Beitrag der Studierenden durch Studienbeiträge einzuheben. Dann muss man die Zahl der Studierenden regulieren und einschränken und in Österreich haben wir derzeit beides nicht. Und das führt in manchen Fächern halt dazu, dass unsere Lehrenden überlastet sind und Betreuungsverhältnisse im internationalen Vergleich nicht mehr standhalten und schlecht geworden sind."

Im Rating der besten Universitäten der Welt verliert die Uni Wien mehr und mehr. Nichtsdestrotz zählt die Donaumetropole zu den lebenswertesten Städten der Welt, auch für Studenten, meint der litauische Architekturstudent Jonas:

"Ja, ich finde (Wien) schon sehr lebenswert, also gerade was Kunst betrifft, was abends weggehen betrifft, also man hat da schon sehr viele Möglichkeiten, Konzerte abends. Das ist schon sehr gut, deswegen wollte ich auch nach Wien. Ja, man hat hier sehr viele Ablenkungsmöglichkeiten, wenn man sich ein bisschen rar machen will an der Uni, kann man sich hier ganz gut die Zeit vertreiben. Also ich mag Wien als Stadt sehr gerne. Im Winter ist es allerdings ein bisschen zäh und lang, das ist das einzige Problem."

 

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