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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.12.2009

"Wir lassen uns gerne ein bisschen verführen"

Medienwissenschaftler Bolz über die Sex-Doku-Soap "50 pro Semester" bei Pro7 und die Verschiebung der Sendung

Nobert Bolz im Gespräch mit Susanne Führer

Bolz: Jeder, der da mitwirkt, weiß genau, worum es geht. (Stock.XCHNG)
Bolz: Jeder, der da mitwirkt, weiß genau, worum es geht. (Stock.XCHNG)

"50 pro Semester" sollte Laiendarsteller beim Versuch zeigen, möglichst viele Bettpartner zu erobern. Kritik folgte prompt und heftig, Pro7 verschob die Sendung - und verbuchte einen Werbeerfolg, meint Medienwissenschaftler Norbert Bolz.

Susanne Führer: "50 pro Semester", so soll eine sogenannte neue Dokusoap des Fernsehsenders Pro7 heißen, rund um eine Wette. Mit den 50 sind nicht Euro oder gar Seminararbeiten gemeint, nein, es geht um eine Wette anderer Art. Fünf Studenten treten gegeneinander an, und wer es schafft, in einem Semester 50 Frauen oder Männer ins Bett zu bekommen, hat gewonnen.

Die Pilotsendung sollte im Januar laufen, doch der Sturm der allgemeinen Empörung hat diesen Sendetermin erst einmal hinweggefegt. Die Reihe werde auf unbestimmte Zeit verschoben, teilte Pro7 mit. Norbert Bolz arbeitet auch semesterweise, allerdings lehrt er als Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Guten Morgen, Herr Bolz!

Norbert Bolz: Guten Morgen!

Führer: Die Kritik an dieser geplanten Sendung war ja nicht von schlechten Eltern: menschenverachtend, Frauen und Männer werden zu Sexobjekten degradiert oder auch Erniedrigung und Missbrauch menschlicher Gefühle, so lauteten die Vorwürfe in etwa. Als wir Ihnen gestern von der Sendung erzählt haben, da haben Sie erst einmal schallend gelacht. Warum denn?

Bolz: Ja, ich bin immer wieder begeistert, welche fantastischen neuen Ideen die Privatsender entwickeln, um unseren Voyeurismus zu bedienen. Das ist schon erstaunlich, welche neuen Formate da geboren werden und welche neue Formen der Mischung von Realität und Fiktion, mit denen man die Menschen ködern will. Also ein bisschen professionelle Bewunderung für den Einfallsreichtum, der schwingt bei mir schon mit, obwohl ich natürlich auch die Urteile über die Geschmacklosigkeit des Ganzen teile.

Führer: Ach, das tun Sie doch?

Bolz: Ja, natürlich.

Führer: Was halten Sie denn jetzt von dem, ja ich weiß nicht, Einlenken von Pro7, auf unbestimmte Zeit verschoben? Das klingt ja fast nach einer Absage.

Bolz: Ich würde das nicht so sehen. Sicher ist es für Pro7 ein bisschen ärgerlich, mit dieser Sendung nicht direkt herauskommen zu können, aber der Werbeerfolg ist doch gewaltig. Man darf ja nicht vergessen, dass das Wichtigste für einen Privatsender die Faszination der Aufmerksamkeit ist, und das ist mit diesem Coup doch wieder hervorragend gelungen. Je größer der Skandal, desto größer die Aufmerksamkeit, umso klarer rückt der Name Pro7 wieder ins allgemeine Bewusstsein. Also das hat schon funktioniert.

Führer: Das Verrückte an dieser ganzen Aufregung ist ja, dass diese sogenannte Dokuserie gar keine Doku, also gar keine Dokumentation ist, sondern eine, ja, sagen wir mal Scheindokumentation. Neudeutsch heißt das Scripted Reality, also mit Schauspielern und Drehbuch. Das heißt, die von den Kritikern behauptete Erniedrigung oder die Menschenverachtung wird - also sollten diese Vorwürfe denn zutreffen - zwar gezeigt, aber ja gespielt.

Bolz: Richtig.

Führer: Und ich meine, Filme, in denen irgendwer als Sexobjekt behandelt wird, die kann man ja nun immerzu sehen. Läuft die Kritik damit nichts ins Leere?

Bolz: Die Kritik läuft in der Tat ins Leere, wenn man die Sache tatsächlich genau betrachten würde. Das galt aber für frühere Formate auch schon, die ähnlich skandalisiert haben. Die Unterstellung bei der moralischen Kritik ist ja eigentlich immer: Die armen Schauspieler, die Menschen, die da mit einbezogen sind, wissen nicht, was ihnen geschieht, sie werden entwürdigt.

In Wahrheit gibt es da natürlich einen großen kooperativen Geist. Jeder, der da mitwirkt, weiß genau, worum es geht, niemand wird da ernsthaft in seiner Identität erschüttert. Das alles ist ja nur gespielt, so wie auch der Skandal gespielt ist. Und das Einzige, was man sich fragen kann, ist, ob wenigstens die moralische Entrüstung der Kritiker ernst ist oder ob das auch nur Heuchelei ist.

Also das Ganze ist ein Spiel, des Scheins, des (…), und man sollte es vielleicht auch nicht zu ernst nehmen. Interessant ist nur, womit eigentlich geködert wird. Und das hält sich durch viele Formate der letzten Jahr durch. Man will die Menschen faszinieren mit künstlich hergestellter Echtheit, also eine echte Paradoxie. Authentizität, der Spitzenwert unserer Kultur, soll auf künstliche Weise mit Drehbuch hergestellt werden, einfach deshalb, weil das wahre Leben zu langweilig ist. Und das ist eigentlich die interessante Neuerung, also diese Mischform zwischen Fiktion und Realität, und dafür gibt es mittlerweile viele Beispiele.

Führer: Ich müsste aber doch noch mal die Kritiker verteidigen, die haben in diesem Fall, glaube ich, gar nicht so sehr die Schauspieler in Schutz genommen, sondern doch eher die Zuschauer. Das sollte ja am Nachmittag laufen, also 16 Uhr, klassische Kinderfernsehzeit auch. Und man kann ja sagen, es ist zwar keine Realityshow, es ist zwar keine Doku, aber immerhin tut sie so, als wäre sie eine.

Bolz: Wenn man kleine Kinder, die um 16 Uhr Fernsehen schauen, vor Sex schützen will, wird man, glaube ich, sehr viel zu tun haben. Ich halte das auch offen gestanden für eine Illusion, mit dieser alten Vorstellung eines Senderahmens und zeitlicher Sendeschemata Kinder schützen zu können oder sie vor unliebsamen Erfahrungen zu bewahren.

Ich würde es ganz radikal sagen: Wer heute seine Kinder vor Angeboten der Massenmedien schützen will, muss das persönlich, also von Elternseite her tun, da gibt es keine Schemata, die diese Kinder beschützen würden, zumal Fernsehen nicht das Einzige ist, was sie mit diesen Realitäten konfrontiert oder mit diesen Verlockungen konfrontiert.

Also da steckt auch ein bisschen Naivität oder Heuchelei dahinter, wenn man glaubt, wenn man solche Sendungen etwa in die Zeit nach 22 Uhr verbannt, wären die Kinder geschützt. Ich glaube, das ist eine Illusion.

Führer: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Medienwissenschaftlicher Professor Norbert Bolz über falsche Realitysendungen im Fernsehen. Also wir haben jetzt dieses ja doch relativ neue Format, dieser scripted Realityshows. Ich frage mich, was so die Faszination ausmacht.

Ist es möglicherweise so, dass die Fernsehmacher und die Zuschauer doch insgeheim so einen Pakt schließen, also wir tun jetzt mal so, als wäre das Realität, und die Zuschauer tun so, als glaubten sie das, wissen aber beide, dass das nicht stimmt?

Bolz: Ich glaube, das ist wunderbar beschrieben, schöner könnte ich es gar nicht sagen. Im Grunde haben wir die Situation, die Urszene alles dessen immer noch in Big Brother in dem Container. Irgendwie sind es nicht Schauspieler, irgendwie sind es Menschen wie du und ich.

Andererseits gibt es ein Drehbuch, es gibt buchstäblich einen Container um die Situation herum. Es kann eigentlich doch nichts Überraschendes geschehen. Und wir genießen es, als sei es das reine Leben selber, als könnten wir durch die Gardinen bei den Nachbarn hineinschauen.

Also der Voyeurismus wird bedient, und da hilft sicherlich der alte Mechanismus von Fiktion, überhaupt das, was die Theoretiker "suspension of disbelieve" genannt haben, also das Außerkraftsetzen des Unglaubens. Genau wie Sie das geschildert haben: Wir lassen uns gerne ein bisschen verführen und überreden, und wir sind alle bereit, Fiktion für Realität zu nehmen, wenn es eben unseren Voyeurismus befriedigt. Und das ist sicher der Mechanismus, mit dem das Ganze funktioniert.

Führer: Nun ergeht es ja den Menschen in diesen Formaten häufig nicht so besonders gut, Sie haben das vorhin so geschildert, dass man gesagt hat, die Armen, und die entblößen sich da. Wenn es jetzt aber so eine Scripted Reality ist, dann kommt ja noch mal so dieser Spielcharakter dazu. Also alle wissen, man kann eigentlich jederzeit aussteigen oder man kann ausschalten.

Bolz: Ganz genau. Dass man ausschalten kann, wäre ja sowieso die Lösung für alle Probleme, die wir mit dem Privatfernsehen haben, aber offenbar findet man ja den Schalter nur sehr schwer. Man muss sich dann, denke ich, schon diesen anderen Aspekt deutlich vor Augen halten, nämlich, dass wir es mit, ja wie sagt man, Laienschauspielern zu tun haben, also mit Menschen aus dem sogenannten richtigen Leben, die aber Drehbücher nachspielen so wie Schüler bei einer Theateraufführung in der Schule irgendeine Rolle spielen, mehr schlecht als recht.

Dass gerade das einen eigenen Reiz ausübt, kann man, glaube ich, tatsächlich nur damit erklären, dass Authentizität der ultimative Kick in unserer Medienwirklichkeit geworden ist. Wir sind es so gewohnt, mit Skandalen überhäuft zu werden, mit Fiktionen, dass nichts reizvoller scheint, als die Wirklichkeit selber mal in ihren Geheimnissen zu beobachten. Aber auch das geht ironischerweise nur nach Drehbuch.

Führer: Ja, aber auch die Wirklichkeit selber muss natürlich was aufbieten, damit sie interessant ist, um unseren Voyeurismus zu befriedigen oder die Skandale zu toppen. Insofern finde ich es ja auch eigentlich logisch, dass diese sogenannten Dokus inzwischen inszeniert werden müssen, denn so viel Außergewöhnliches oder Skandalöses oder auch Erregendes, wie die kommerziellen Fernsehsender brauchen, das passiert wohl einfach gar nicht in diesem Land. Ist es vielleicht auch so, dass das für die ein prima Format ist, weil es so schön billig ist?

Bolz: Erstens ist sehr, sehr billig und es bringt die Sache auf einen harten und einfachen Kern: Letztlich weckt nichts das voyeuristische Bedürfnis so sehr wie Sex, und wenn das noch mit dieser Authentizitätsvermutung verknüpft ist, hat man eigentlich den Kernbestand dessen, was man hier auf eine sehr billige Weise uns anbieten kann, als verlockend, als interessant, als geheimnisvoll. Im Grunde ist das so eine Art softe Form von Pornografie. Und dass die funktioniert, wissen wir seit Jahrhunderten.

Führer: Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft der TU Berlin. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch, Herr Bolz!

Bolz: Sehr gerne.

Führer: Schönen Tag noch, tschüss!

Bolz: Tschüss!

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