"Wir hatten viele Leichen, aber keine Täter"

Gedenkveranstaltung im Vernichtungslager Majdanek © AP
Von Otto Langels · 28.06.2006
In der Nähe von Majdanek, ein Teil der polnischen Stadt Chelm, errichteten die Nazis Anfang der vierziger Jahre ein Konzentrationslager. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte. Was an Unmenschlichkeiten damals geschah, kam im Düsseldorfer Majdanekprozess, der 1975 begann, vor Gericht. Am 30. Juni 1981, also vor 25 Jahren, wurden die Urteile gesprochen. Klaus Ambach war Staatsanwalt im Düsseldorfer Majdanekprozess.
Ambach: "Angeklagt waren 17 Personen, die jeweils zwei, manche sogar drei Verteidiger hatten. Das füllte den riesigen Schwurgerichtssaal doch schon weitgehend. Das war zunächst mal ein besonderer Eindruck, den man hatte. Dann war sehr beeindruckend, mit welcher gelangweilten Miene die Angeklagten dem Prozessgeschehen gefolgt sind. Absolut gelangweilt. Sie waren die Banalität des Bösen, sie waren ein Beispiel dafür. Nachdem ich diese Personen sechs Jahre lang nahezu täglich sehen musste, sind mir natürlich diese Personen auch noch heute vor Augen, auch wenn sie alle schon inzwischen verstorben sind."

Die Angeklagten, denen Dieter Ambach jahrelang gegenüber saß, waren ehemalige SS-Aufseher des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek. Dieter Ambach, heute 68 Jahre alt, war Staatsanwalt im Majdanek-Prozess. Am 30. Juni 1981 endete vor dem Landgericht Düsseldorf eines der längsten Verfahren der deutschen Justizgeschichte.

Ambach: "Ich bin gefragt worden, ob ich bereit wäre, in einem wahrscheinlich länger andauernden und sehr anstrengenden Strafverfahren mit meinem Kollegen Weber aus Köln die Anklage zu vertreten. Es war damals zu Anfang davon die Rede, daß da mit zwei Jahren so ungefähr zu rechnen wäre. Daraus sind dann sechs Jahre geworden. Das hatte keiner der Beteiligten gewußt, dass es zu einem solchen riesigen, dem wohl größten Strafverfahren in der Art gekommen ist."

Auf der Anklagebank saßen betuliche ältere Damen im Strickkostüm, nette Hausfrauen mit frisch frisierter Dauerwelle und biedere Männer im Anzug. Regungslos verfolgten sie die Zeugenaussagen, als gingen sie die schrecklichen Verbrechen nichts an, von denen die überlebenden KZ-Häftlinge berichteten. In den Verhandlungspausen spannten sie auf dem Gerichtsflur ihre Regenschirme auf, um sich vor Pressefotografen zu schützen. Nichts deutete darauf hin, daß es sich um dieselben Personen handelte, die die Häftlinge in Majdanek als Bestien in SS-Uniform erlebt hatten.
474 Prozesstage lang, bis zum 30. Juni 1981, musste Dieter Ambach die Gegenwart der Angeklagten ertragen, bei denen er "allergrößte Schwierigkeiten hatte, sie als normale Menschen zu betrachten und nicht als Monster".

Aussage des Zeugen Mendel Miller: "Als wir einmal in die Gärtnerei kamen, befanden sich dort eine SS-Aufseherin und ein kleiner Mann in einem schwarzen Anzug. Dieser sagte zu der Aufseherin: "Geben Sie mir Ihre Pistole, damit ich die dreckigen Juden erschießen kann!" Daraufhin erwiderte die Aufseherin: "Das Vergnügen möchte ich lieber selbst haben." Daraufhin schoß sie in die Gruppe der Häftlinge hinein. Ein Häftling fiel gleich tot zu Boden, ein anderer blieb schwer verwundet liegen. Wir bekamen dann den Befehl, diese beiden Personen zurückzutragen, damit beim anschließenden Appell die Zahl stimmte. Die SS-Frau trug die übliche deutsche Uniform von beigebrauner Farbe. Sie trug eine Jacke, Rock und eine Kopfbedeckung in Art eines Schiffchens. Ich glaube, daß die hier in der ersten Reihe sitzende Frau diese Frau gewesen ist."

Dieter Ambach, 1937 geboren, studierte nach dem Abitur Jura, arbeitete danach zunächst als Verwaltungsrichter und anschließend als Staatsanwalt in Düsseldorf. Ohne Vorbereitung übernahm er - zusammen mit einem Kollegen - die Anklage. Ein Sprung ins kalte Wasser. Er hatte lediglich Zeit, einige historische Bücher zu lesen, um sich Hintergrundwissen zu verschaffen. Aber die juristische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus interessierte ihn.

Mindestens 170.000 Menschen waren in Majdanek ermordet worden; vergast, erschossen, ertränkt, totgeschlagen, verbrannt. Von 1200 SS-Leuten, die in dem KZ ihren "Dienst" verrichtet hatten, standen 31 Jahre nach der Befreiung des Lagers 17 vor Gericht. Ihnen wollte Dieter Ambach hundertfachen Mord nachweisen. Ein später Versuch, ein wenig Gerechtigkeit herzustellen.

Ambach: "Angeklagt waren ungefähr 120 Taten, was auch eine Erklärung für die lange Laufzeit sowohl der Vorermittlungen als auch des Prozesses gewesen sind. Es sollte untersucht werden, welche Mordtaten in einem Konzentrationslager - Majdanek war ein besonderes, nämlich wie Auschwitz ein Vernichtungslager - sich ereignet hatten."
Die Angeklagten waren z. T. an einflussreicher Stelle, z. B. der Angeklagte Hackmann war stellvertretender Schutzhaftlagerführer, die Braunsteiner war stellvertretende Lagerführerin des Lagers für die Frauen und Kinder. Aber eigentlich wurde sie noch an Grausamkeit übertroffen von einer anderen Angeklagten, die bezeichnenderweise im Lager den Spitznamen "blutige Brigida" hatte. Beide aber waren von unverständlicher Grausamkeit, wobei bei der blutigen Brigida unverständlich war: Sie hatte selbst zwei kleine Kinder und hat sich mit großer Freude und Begeisterung beteiligt an dem Aussondern der Kinder und Abtransport zu den Gaskammern.

Aussage der Zeugin Rachel Nurman: "Unter den SS-Männern und –Frauen waren auch diese beiden hier sitzenden weiblichen Angeklagten. Ich erkenne sie beide wieder. Die dahinten hat mich ja geschlagen. Sie hat auch einmal so lange auf ein Mädchen eingeschlagen, bis es tot dalag. Sie wurde im Lager die 'Blutige Brigida' genannt. Wir hatten alle Angst, sie auch nur anzusehen. Ich erkenne sie wieder an ihrem Gesicht und den starken Backenknochen. Sie war früher sehr hübsch und gesund. Sie trug ihre dunkelblonden Haare meist hoch und hatte ein leuchtendes Gesicht. Sie konnte mit einem Fußtritt ein Mädchen töten. Sie hatte auch immer einen großen Hund bei sich, den sie mit sadistischem Vergnügen auf uns Häftlingsfrauen hetzte, wenn wir beim Spinatpflücken waren. Ich selbst habe noch jetzt eine Narbe von einem solchen Hundebiss auf dem Rücken."

350 Zeuginnen und Zeugen wurden vernommen, z. T. im Gerichtssaal, z. T. aber auch in Israel, Polen oder den USA, weil die überlebenden KZ-Häftlinge schwer krank waren und nicht mehr nach Deutschland reisen konnten oder weil sie das Land der Täter nicht betreten wollten.

Ambach: "Es waren einige, eigentlich nebensächliche Schilderungen, die doch einen besonderen Eindruck machten, insbesondere auf mich, der ich einige Zeit vor dem Verfahren selbst ein Kind im Straßenverkehr verloren hatte. Wenn dann z.B. geschildert wurde, daß die Juden nach dem Warschauer Getto-Aufstand in großen Transporten ins Lager kamen und nur kurz "abgelagert" wurden sozusagen. Die Kinder versuchte man sofort in die Gaskammern zu bringen zur Beseitigung. Wenn dann einige Väter versucht haben, in einem Rucksack ein kleines Kind mit in das Lager zu schmuggeln, um es wenigstens noch einige Zeit am Leben zu erhalten, und dann die SS-Leute mit Stöcken herumgingen und auf die Rucksäcke einschlugen, bis sich dann ein völlig ermattetes Kind irgendwie durch leises Weinen bemerkbar machte, sie dann dieses Kind packten und auf Transportwagen zur Gaskammer beförderten, war das sehr, sehr beeindruckend."

Bei dem Abtransport der kleinen Kinder vom Frauenfeld, nachdem sie den Müttern stellenweise aus den Armen gerissen worden waren und an Armen und Beinen auf die Ladeflächen von Lkws geworfen wurden, wenn sich irgendwie zwischen Plane und Brett dann noch die Hand eines Kindes raus stahl, das waren fürchterliche Gedanken, die dann da im Gehirn haften blieben.

Aussage des Zeugen Zakis, Hundeführer der Wachkompanie: "Am Morgen des 3.11.1943 kam jemand und sagte, es gebe eine Sonderaktion und zwei Liter Schnaps und 200 oder 400 Zigaretten für den, der mitmachen wolle. Als damals von der Teilnahme an einer Sonderaktion die Rede war, wußte ich, daß damit Erschießungen gemeint waren. An dem Tag wurde das Lager in Alarm versetzt. Ein Teil der Hundestaffel wurde auf Außenposten geschickt. Man konnte das Heranbringen der auswärtigen Juden sehen. Das Schießen war auch von meinem Posten zu hören. Das Schießen ging bis zum Einbruch der Dunkelheit."

Ambach: "Eine der grausamsten Aktionen im Lager Majdanek war die so genannte Aktion "Erntefest". Das bedeutete, an diesem Tag Anfang November 1943 wurden sämtliche Juden aus der Umgebung Lublins und sämtliche Juden, die noch im Lager lebten, zusammen getrieben. In den Tagen vorher hatten die im Lager lebenden Juden Gräben ausheben müssen, in diese Gräben wurden dann schubweise die Juden nach Entkleidung hinein getrieben und wurden von SS- und Gestapo-Angehörigen, die am Grubenrand standen, erschossen. Bei dieser Aktion, die sich von morgens früh bis zum Abend hingezogen hat, sind mindestens 18.000 Juden erschossen worden."

Aussage des Arbeitsdienstführers Hans Bott: "Als ich abends nach Dienstschluss zu meiner Frau in die Stadt fahren wollte, kam in der Nähe der Wachbaracken Lagerführer Hackmann auf mich zu und sagte: "Holen Sie sich eine MP; es kommt ein Transport mit Frauen und Kindern, die erschossen werden sollen." Ich befolgte diese Anweisung jedoch nicht, sondern holte mein Fahrrad und fuhr in die Stadt. Daß ich diese Anordnung dann doch nicht ausgeführt habe, hat für mich keine Nachteile erbracht."

Zweimal im Verlauf des Verfahrens fuhren alle Prozess-Beteiligten nach Majdanek, um sich ein Bild von den Tatorten zu machen.

Ambach: "Das Beeindruckendste für mich war eine Ecke in einer der Baracken, wo eine Menge von ungefähr drei Quadratmetern an Kinderschuhen auf gehäuft war. Daneben war eine Abteilung fast des gleichen Umfanges mit Brillen. Das waren die Überbleibsel der Menschen, die in das Lager gekommen waren."

Mit dem Wort "beeindruckend" versucht Dieter Ambach auszudrücken, wie die Zeugenaussagen und das ehemalige Vernichtungslager auf ihn gewirkt haben. Stärkere Gefühlsausbrüche gestattet sich der Staatsanwalt im Ruhestand auch 25 Jahre nach dem Prozess nicht. Nach außen kontrolliert und diszipliniert auftretend, bemühte Ambach sich, ein Verfahren durchzustehen, in dem unfassbare und unbeschreibliche Verbrechen zur Sprache kamen.

Ambach: "Es ist eine wichtige Eigenschaft eines Mitgliedes der Justiz, dass man zumindest nach außen hin die Dinge objektiviert sieht und keine allzu großen Emotionen durchscheinen läßt. Wie es da drinnen aussieht, geht niemand was an."

Nicht nur die schockierenden und erschütternden Zeugenaussagen überlebender NS-Opfer verfolgte Dieter Ambach mit unbewegter Miene. Er musste auch geschmacklose Anträge einiger Verteidiger aus dem Dunstkreis der rechten Szene über sich ergehen lassen, die beweisen wollten, daß verbranntes Menschenfleisch genauso rieche wie verbranntes Tierfleisch; oder die das Gericht aufforderten, eine Holocaust-Überlebende wegen Beihilfe zum Massenmord festnehmen zu lassen, weil sie als Zeugin berichtet hatte, wie sie im Lager Majdanek Behälter mit Zyklon B zur Gaskammer schleppen musste.
Sechs Jahre seines Lebens hat Dieter Ambach alles Schreckliche in sich hinein gefressen und dafür einen hohen Preis gezahlt.

Ambach: "Wenn wir als Prozessbeteiligte natürlich auch uns hüten mußten, irgendwelche Reaktionen zu zeigen, es hat uns alles sehr beeindruckt und es ist, wie man so sagt, nicht in den Kleidern stecken geblieben, es hat sehr viel Stress bei uns verursacht, was dann auch zur Folge hatte - bei mir z. B. -, da ich natürlich entschieden mehr geraucht habe als vorher, was auch nicht gerade zur Verbesserung meines Gesundheitszustandes dann beigetragen hat.

In der Hauptzeit haben wir an vier Tagen in der Woche verhandelt. Unterbrechen konnten wir die Sitzung nur für allenfalls zehn Tage. Am zehnten Tag mußte wieder weiter verhandelt werden. Zum Abschalten blieb überhaupt keine Zeit, denn am Wochenende haben wir das diktiert, was während der Woche gesagt worden war von den Zeugen, und dann gleichzeitig vorbereitet das, was in der nächsten Woche auf uns zukam, so daß wir niemals aus diesem Verfahren heraus kamen. Es wäre auch schwer gewesen, das Ganze beiseite zu schieben angesichts der Monströsität dieser Vorfälle, die da geschildert wurden.
Und nach besonders schlimmen Tagen war es durchaus auch üblich und auch nötig, dass wir erst mal einige Gläser Bier getrunken haben, um das schlimmste Grauen ein bisschen herunter zu spülen, um nicht alles dann zu Hause bei der Familie abladen zu müssen.

Mein Familienleben ist dadurch nicht tangiert worden, denn meine Familie, meine Ehefrau und meine Kinder hatten volles Verständnis und großes Interesse an dem Verfahren, so dass ich sogar stellenweise einige Dinge, die ich tagsüber in mich hinein gefressen hatte, dann abends etwas von mir geben konnte."

Während des Prozesses erhielten die Richter und Staatsanwälte anonyme Drohungen von Sympathisanten der Angeklagten aus der rechtsextremen Szene. Zeitweilig stand Dieter Ambach unter Polizeischutz, Polizei überwachte seine Wohnung und seinen Parkplatz.

Ambach: "Aber es ist letztendlich nichts passiert. Aber auch in der Zeit nach dem Verfahren bis in die jüngere Vergangenheit kommen ab und zu mal noch Anrufe nach wahrscheinlich irgendwelchen Kameradschaftsabenden, wo dann gesagt wird, daß man mich nicht vergessen habe, der ich doch die Kameradinnen und Kameraden so verunglimpft hätte."

Die Taten hatten die Düsseldorfer Staatsanwälte schnell bewiesen, aber den Angeklagten waren einzelne Morde nur sehr schwer nachzuweisen. Wie sollten die überlebenden Häftlinge, wenn sie im Gerichtssaal durch vier Reihen von Angeklagten gingen, nach so langer Zeit einem bestimmten Gesicht ein konkretes Verbrechen zuordnen, zumal die SS-Leute damals in ihren Uniformen einander ähnlich sahen und es den Häftlingen verboten war, ihre KZ-Wächter anzuschauen.

Die Angeklagten schwiegen penetrant. Wenn sie sich doch einmal äußerten, stritten sie alle Anschuldigungen ab. Und die 100 SS-Leute, die im Prozess als Zeugen auftraten, vermieden es, ihre ehemaligen Kameraden und Kameradinnen zu belasten.

Aussage des Blockführers Julius Flekats: "Tötungshandlungen innerhalb oder außerhalb des Lagers habe ich selbst nicht gesehen. Man hat aber davon gesprochen. Genaue Fragen durften damals nicht gestellt werden. Von den hier im Saale Anwesenden kenne ich niemanden, weder vom Aussehen noch vom Namen her."

Aussage des SS-Angehörigen Fritz Dehling: "Wenn ich Ihnen von Misshandlungen von Aufseherinnen gegenüber Häftlingen berichten sollte, müßte ich Sie belügen. Ich selbst habe Häftlingen manchmal sogar zur Flucht verholfen. Wegen meiner zu weichen Haltung ihnen gegenüber bin ich sogar getadelt worden."

Ambach: "Es war auffällig, dass diese Zeugen, wenn sie überhaupt andere SS-Leute als Täter benannten, immer Personen benannten, die entweder bekanntermaßen schon verstorben waren oder nicht mehr auffindbar waren. Es wurde aber insbesondere von diesen SS-Zeugen, und zwar von über 60 dieser Zeugen, ganz klar geschildert, daß es zu Vergasungen kam und daß große Mengen von Menschen dort auf diese Art und Weise umgebracht worden sind. Was wiederum diese Ausführungen von einigen ewig Gestrigen, es habe überhaupt keine Vergasungen gegeben, völlig ad absurdum führen."

Aussage des Zeugen Heinz Müller, Angehöriger der Wachmannschaft: "Ich habe einmal in die Gaskammer reingeschaut, als Menschen drin waren. Als ich reinguckte, war das Gas schon eingeströmt. Ich habe beim Reingucken nur Arme gesehen. Die Leute lagen da auf dem Boden. Sie lagen übereinander und durcheinander. Es waren ca. 20 bis 25 Menschen. Ich glaube, sie waren nackt. Ich weiß nicht mehr, ob es nur Frauen oder nur Männer oder beides waren."

Ambach: "Die Angeklagten haben keinerlei Reaktionen gezeigt, allenfalls haben sie nach den sie belastenden Zeugenaussagen durch ihre Anwälte erklären lassen, daß sie an dieser Tat nicht beteiligt gewesen seien. Es blieb der Eindruck bestehen, daß sie der ganze Prozess nicht so sehr berühren würde.
Uns hat keiner der Angeklagten ein Wort darüber gesagt, weshalb er es getan hat. Wir haben nur aus besonderem Verhalten dieser Leute bei den Aktionen schließen können, daß hier eine Art Mordlust mit dabei war. Bei anderen war es eine so tief verblendete politische Einstellung, die dann zu diesen unmenschlichen Taten geführt hat. Und bei anderen war es ganz einfacher Opportunismus, weil sie wußten, je grausamer ich mich gebärde, desto eher erreiche ich Vorteile von meinen Vorgesetzten."
"Wir hatten viele Leichen, aber keine Täter", lautet Dieter Ambachs bitteres Fazit des Prozessverlaufs.

Ambach: "Wir mussten ihnen ja, das war die Schwierigkeit des Verfahrens, jeweils einzelne Taten nachweisen. Man mußte ihnen z. B. nachweisen, dass sie mit Freude und aktiv an Selektionen etwa im Frühjahr 1943 teilgenommen hatten, wo Kinder dann abtransportiert worden sind oder Frauen."

Vier Angeklagte verstarben während des Verfahrens oder waren nicht mehr verhandlungsfähig. Vier weitere Beschuldigte sprach das Gericht im April 1979 vorzeitig frei. Die Urteile für die noch verbliebenen neun Angeklagten verkündete das Gericht am 30. Juni 1981: Ein Freispruch, sieben Haftstrafen zwischen drei und 12 Jahren wegen Beihilfe zum Mord. Hermine Braunsteiner, "die Stute von Majdanek", wurde wegen Mordes in zwei Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ambach: "Ich kann es offen sagen, wir waren nicht glücklich über das gesamte Urteil. Die Strafen waren zwischen lebenslänglich und drei Jahren. Das Gericht hat im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft in den meisten Fällen nicht täterschaftlichen Mord angenommen, sondern nur Beihilfe zum Mord.
Die Höhe der Strafen, die entsprach in vielen Fällen nicht dem Antrag, den wir gestellt hatten. Ich hatte stellenweise nach alledem, was wir gehört hatten über diese Taten und über diese Täter, kein Verständnis dafür, bei diesen Personen nur eine Beihilfe anzunehmen und zu einer zeitigen Freiheitsstrafe zu kommen. So erging es auch einem Großteil der Zuhörer. Ich hatte Verständnis für diese Empörung."
Das milde Urteil erschütterte Dieter Ambach. Es widersprach seinem Gerechtigkeitsempfinden. Er hatte das Gefühl, alles sei sinnlos gewesen: die Vernehmungen von 350 Zeugen, 100 Aktenordner gefüllt mit 20.000 Blatt Protokollen, 474 Prozesstage, die Reisen ins Ausland, die Ortsbesichtigungen in Majdanek, die Strapazen des fünfeinhalbjährigen Verfahrens, doppelt so lange, wie das Vernichtungslager Majdanek überhaupt existiert hatte. Menschen, die soviel Schrecken verbreiteten, hätten es nicht verdient, einen ruhigen und unbekümmerten Lebensabend zu verbringen, meint der Staatsanwalt. Dennoch sei es wichtig gewesen, das Verfahren durchzuführen, um den überlebenden NS-Opfern eine gewisse Genugtuung zu verschaffen und zu zeigen, daß Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch noch Jahrzehnte später verfolgt werden.

Dieter Ambach sitzt heute im Rollstuhl. Wenn er über den Majdanek-Prozess spricht, muß er zwischendurch tief Luft holen und Pausen einlegen. Das Reden strengt ihn an. Denn er hat "seine Gesundheit dem deutschen Staat geopfert", wie er sagt.

Ambach: "Im Jahr 1993 habe ich einen schweren Schlaganfall erlitten, auf Grund dessen ich dann ungefähr ein Jahr in verschiedenen Kliniken mich aufhalten mußte und dann von hervorragenden Therapeuten und Ärzten wieder soweit repariert wurde, daß ich dann anschließend, obwohl ich hundert Prozent schwer behindert war, dann noch sieben Jahre ungefähr gearbeitet habe.

Es klang bei einigen der behandelnden Ärzte an, als sie von meiner Vergangenheit hörten und von diesem außergewöhnlichen Stress-Vorfall von sechs Jahren Prozess, dem gesteigerten Rauchen usw., wurde die Vermutung geäußert, es könnte eine der Ursachen gewesen sein, die zu diesem späteren Schlaganfall geführt haben."
Nach dem Schlaganfall war Dieter Ambach nahezu vollkommen gelähmt, auch das Sprachzentrum war zunächst betroffen. Sprechen lernte er wieder mit Hilfe eines Dokumentarfilms von Eberhard Fechner über den Majdanek-Prozess. Selbst während seiner schweren Krankheit war Ambach mit den Verbrechen des NS-Regimes konfrontiert. Der Regisseur Eberhard Fechner hatte Erinnerungen und Eindrücke aller Prozess-Beteiligten gesammelt, sie durch Film- und Fotodokumente ergänzt und daraus 1985 einen viereinhalbstündigen Dokumentarfilm zusammengestellt.

Ambach: "Bei den Versuchen, mir meine frühere Stimmlage und Phrasierung wieder beizubringen, ist dann eine der Therapeutinnen auf die Idee gekommen, ob ich irgendetwas hätte, eine Aufnahme, wie ich früher gesprochen hatte. Da fiel mir ein, daß ich noch den Film von Eberhard Fechner auf Video hatte. Den hat sie sich dann abends angehört und hat danach in der Reha-Klinik meine Stimme wieder einigermaßen zu formen versucht."

Sieben Jahre war Dieter Ambach dann noch im Justizdienst tätig, zuletzt nicht mehr als Staatsanwalt, sondern als Gnadenbeauftragter im Landgericht Düsseldorf. Im Jahr 2000 trat er in den Ruhestand. Losgelassen hat ihn der Majdanek-Prozess nicht.

Zu Hause lagen 350 Protokolle der Zeugenaussagen von überlebenden KZ-Häftlingen und SS-Mitgliedern, von Dieter Ambach selbst notiert während der Verhandlungen. Eine Auswahl der Mitschriften hat er vor drei Jahren in einem Buch veröffentlicht.

Ambach: "Es war sehr schwer, zwei Kisten voll mit Zeugenheften noch einmal durchzulesen, um aus diesen ungefähr 350 mitgeschriebenen Vernehmungen die zeithistorisch interessanten Aussagen herauszusuchen. Man hat dann das Ganze natürlich noch einmal durchgelebt, aber es mußte gemacht werden, denn ich hätte es nicht übers Herz gebracht, diese Zeitzeugnisse von diesen Leuten etwa in den Schredder zu werfen und das Ganze vergessen zu lassen."

Der Dokumentarfilm von Eberhard Fechner über das Majdanek-Verfahren habe mehr bewirkt als er selbst mit seiner juristischen Tätigkeit, zieht Dieter Ambach eine ernüchternde Bilanz seiner Arbeit als Staatsanwalt. Deshalb war es ihm wichtig, die Zeugenaussagen zu publizieren und damit der Nachwelt eine historisch wertvolle Dokumentation zu überliefern. Wenn nicht auf juristischem Wege ein Stück Gerechtigkeit herzustellen ist, dann soll immerhin im Spiegel von Zeitzeugen die nationalsozialistische Lagerrealität aufscheinen.

Aussage der Zeugin Rachel Nurman: "An einem Tage hat uns die 'Blutige Brigida' zu der Stelle begleitet, wo wir Baumaterialien transportieren mussten. Dort arbeiteten auch Männer aus dem Lager. Wegen des großen Durstes ging ein junger jüdischer Mann mit seiner Essensschüssel zu einem großen Bottich mit Regenwasser. Die 'Brigida' rannte hinter ihm her und tauchte ihn in den Wasserbottich hinein. Dann hielt sie seine Beine so lange hoch, bis er nach anfänglichem Zappeln ruhig war. Dabei lachte sie hysterisch. Als wir zu weinen begannen, rief sie: "Wenn Ihr weiter weint, wird Euch dasselbe passieren."
Die 'blutige Brigida' wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, eine Strafe, die in den Augen von Dieter Ambach "viel zu dünn" ausfiel. Hermine Braunsteiner, ‚die Stute von Majdanek‘ saß 15 Jahre ihrer lebenslänglichen Strafe ab, dann wurde sie begnadigt. Inzwischen sind alle Angeklagten aus dem Majdanek-Prozess verstorben.

Dieter Ambach besucht heute manchmal Schulen und erzählt dort von dem Prozess und dem System der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager. 25 Jahre nach dem Verfahren ist er selbst zu einem Zeitzeugen geworden.

Am Tag, als der Vorsitzende Richter im Düsseldorfer Majdanek-Prozess das Urteil verkündete, hatte Dieter Ambach Geburtstag. Es war kein schöner Tag für ihn, er sah keinen Anlaß zu feiern. Der Prozess war zwar zu Ende, aber die Erinnerungen blieben.

Ambach: "Wenn man diese Dinge mit einer solchen Intensität über einen so langen Zeitraum in sich hat aufnehmen müssen, und ich durfte ja auch nichts vergessen, ganz tief in meinem Innern saß es, dass entfernt man niemals mehr. Diese Erinnerungen an dieses Verfahren und an bestimmte Aussagen sind auch heute noch vorhanden. Dieser Eindruck hat sich so verfestigt, der ist wie auf einer Festplatte eingebrannt."