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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.12.2010

"Wir haben als NGO auf das Staatsversagen reagiert"

Aktionsbündnis Landmine.de löst sich nach 20 Jahren auf

Thomas Gebauer im Gespräch mit Nana Brink

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Landminen sind nur schwer zu finden. (gechs.uci.edu)
Landminen sind nur schwer zu finden. (gechs.uci.edu)

Der Gründervater des Aktionsbündnisses sieht keine große Gefahr mehr durch Landminen für das Zivilleben in ehemaligen Krisengebieten. Es sei nun ein fast umfassendes Verbot erreicht worden, so Thomas Gebauer.

Nana Brink:Seit Jahrzehnten kämpfen Hilfsorganisationen um ein Verbot von Landminen und Streumunition. In über 90 Ländern der Welt sind derzeit noch etwa 80 Millionen Landminen verborgen, und rund 8000 Menschen sterben jedes Jahr, Zehntausende, darunter vor allen Dingen viele Kinder, werden verstümmelt. Zwar wurde 1997 ein Verbot aller Landminen beschlossen und vor einigen Monaten ein Streuverbot, also ein Verbot von Streumunition, aber die Räumung ist teuer, bis zu 1000 Dollar pro Mine. Das deutsche Aktionsbündnis Landmine.de will sich nun heute auflösen, weil die wesentliche Forderung mit diesen beiden Verboten erreicht sei. Und bevor ich mit einem Vertreter des Bündnisses spreche, fasst Pascal Lechler zusammen, was die Verbote wirklich gebracht haben.

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Brink: Steven Goose war das von Human Rights Watch, und wir stellen uns hier die Frage natürlich: Ist die Gefahr also wirklich gebannt? Zumindest will sich das Aktionsbündnis Landmine.de, das in der Vergangenheit erfolgreich gearbeitet hat, nach 20 Jahren, wie sie sagen, auflösen, und ich spreche jetzt mit Thomas Gebauer von der Hilfsorganisation Medico international, und er ist auch Gründervater des Aktionsbündnisses Landmine.de, einen schönen guten Morgen, Herr Gebauer!

Thomas Gebauer: Schönen guten Morgen!

Brink: Warum löst sich das Aktionsbündnis auf? Ist die Arbeit wirklich erledigt?

Gebauer: Also die Arbeit ist natürlich nicht hundertprozentig erledigt, aber das, was wir im Rahmen des Aktionsbündnisses gemeinsam mit 16 anderen Organisationen tun konnten, das haben wir weitgehend erreicht, nämlich die Setzung der Norm, wie Sie gerade auch schon berichtet haben, das Verbot, das weitgehend umgesetzt wird, und wir haben vor allem vor Ort dafür Sorge tragen können, dass die humanitäre Katastrophe, die uns damals zum Handeln bewogen hat, langsam aber sicher in den Griff bekommen ist. Und da haben wir sehr viel tun können, sodass wir uns jetzt als politischer Zusammenschluss hier in Deutschland auflösen können, und die einzelnen Organisationen werden natürlich weiterhin arbeiten und werden gegen die Gefahren, die von Minen ausgehen, weiterhin aktiv sein. Sie werden auch Projekte unterstützen, und das haben wir uns fest vorgenommen.

Brink: Landmine.de gehört ja nun einer großen internationalen Kampagne an, nämlich der Kampagne zum Verbot von Landminen und Streumunition, die Sie damals mit initiiert haben vor 20 Jahren. Wie hat sich die Situation in diesen 20 Jahren verändert?

Gebauer: Sehen Sie, als wir damals angefangen haben, da gab es nichts, da gab es nur die Katastrophe von vielen, vielen zehntausend Toten und Menschen, die also ihre Lebensumstände nicht mehr nutzen konnten, es gab aber auch keine Institutionen in der Welt, die etwas getan hätten dagegen. Wir haben als NGO, als Nichtregierungsorganisation sozusagen, auf das Staatsversagen reagiert und diese Kampagne ins Leben gerufen, um ein Verbot zu erwirken, aber gleichzeitig Druck auf die Länder auszuüben, dass sie etwas tun gegen das Elend, das die Minen in aller Welt ausgelöst haben. Und da ist sehr viel entstanden.

Brink: Sie haben das Elend miterlebt, persönlich?

Gebauer: Ja, ich war in einigen Ländern, und das war auch der Ausgangspunkt, weswegen ich seinerzeit gesagt habe, wir müssen da etwas mehr tun. Medico hatte damals Prothesen Kriegsversehrten in Mittelamerika aber auch im Nordirak bereitgestellt, und haben dann gesagt, es ist wichtig, es ist notwendig, Menschen Prothesen zu geben, aber viel wichtiger ist es noch, dafür zu sorgen, dass die Menschen gar nicht erst mit diesen Sachen in Berührung kommen, und das geht nur über ein Verbot.

Brink: Nun ist ein Verbot ja eine Sache, eine andere Sache ist aber, dass immer noch 80 Millionen Landminen ja verborgen sind auf dieser Welt. Ist dann so ein Auflösen eines Aktionsbündnisses, das ja auch mit viel prominenter Unterstützung gearbeitet hat, nicht ein falsches Signal?

Gebauer: Ich glaube nicht, weil das Signal haben wir längst ausgesendet, und was ich gerade Ihnen erzählt habe, ist, dass in aller Welt eine leistungsfähige Institution entstanden ist, die dieses Minenräumen auch betreiben kann. Das können NGOs nicht unbedingt alleine. Wir können darüber wachen, dass es geschieht, aber stellen Sie sich vor, es gibt jetzt in den Vereinten Nationen einen UN Mine Action Service, es gibt ein, inzwischen ein Institut in Genf, es gibt ein weltweit koordiniertes Minenräumprogramm. Und alles das, was Sie in Ihrem Vorbericht geschildert haben, ist entstanden aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit, und dass es uns gelungen ist, diese staatliche finanzierten Institutionen zu schaffen. Und die machen jetzt die Arbeit, und das ist auch richtig. Da muss es geschehen.

Brink: Aber Großlieferanten von Streumunition wie die USA; China oder Russland haben ja die Streubombenkonvention noch nicht unterschrieben, also nutzt denn dann so ein Verbot wirklich was?

Gebauer: Wir werden darauf drängen, dass auch diese Länder noch dazukommen, das kann man machen im Rahmen der internationalen Kampagne. Wir sind froh, dass Deutschland – und der Deutsche Initiativkreis hat ja wesentlich auch mit der deutschen Regierung dann zu tun gehabt – diese beiden Konventionen unterschrieben hat.

Brink: Deutschland hat ja auch zugesagt, bis 2015 alle Bestände zu vernichten.

Gebauer Ja, und da werden wir natürlich drauf achten, dass das auch alles stattfindet. Und die USA, das haben Sie auch berichtet, sie stehen aufgrund der Tatsache, dass die Mine so geächtet worden ist oder die minenähnlichen Waffen und kein Mensch sich eigentlich noch hinstellen kann und jetzt guten Gewissens sagen kann, er ist für Minen, stehen sie auch unter Druck, obwohl sie das Verbot nicht unterschrieben haben, und leisten zum Beispiel jede Menge an finanzieller Hilfe, damit Minenprogramme in aller Welt finanziert werden können.

Brink: Ich möchte noch ein bisschen trotzdem bei diesen Verboten bleiben. Sie haben ja gesagt, diese Verbote müssen natürlich überprüft werden, also eben auch, ob die Vertragsstaaten ihren Verpflichtungen bei der Unterstützung der Opfer und der Beseitigung der Minen wirklich vorankommen. Werden Sie das auch mit überprüfen, werden Sie dranbleiben?

Gebauer: Ja, aber auch da gibt es eben international eine Struktur, die das macht, das ist der Landmine Monitor, der wird von Nichtregierungsorganisationen getragen, da gehört auch Handicap dazu, die hier in Deutschland weiter aktiv sein werden, und wir werden im Rahmen dieser internationalen Vernetzung darüber wachen, dass die Verpflichtungen der beiden Verträge eingehalten werden. Das ist gar keine Frage.

Brink: Die Kampagne Landmine.de spricht ja von 80 Millionen Landminen noch auf der Welt. Wie groß ist die Gefahr, und in welchen Ländern ist sie besonders groß?

Gebauer: Es sind einige Länder wie auch zum Beispiel Afghanistan oder Kambodscha, in denen noch immer Minen liegen und sehr viele Minen liegen, aber ich muss sagen, dass aufgrund der großen Aktivitäten, die im Rahmen des Minenräumens und der Aufklärung der Menschen über die Minengefahren jetzt durchgeführt worden sind, die Gefahr langsam aber sicher in den Griff bekommen worden ist. Es ist so, dass in vielen Teilen der Welt, in denen früher aufgrund der Minengefahr das Leben praktisch zum Erliegen gekommen ist, heute das Leben ist ja zurückgekehrt. Die Menschen kehren in ihre Wohngebiete zurück, und sie können dort auch ganz normal wieder Schulen aufsuchen und ihren wirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen. Es ist nicht so, dass man unmittelbar alle Minen räumen muss. Man muss vor allem Minenfelder auch markieren und dafür Sorge tragen, dass Menschen damit nicht in Berührung kommen. Es gibt auch hier in Deutschland noch Reste, explosive Reste aus dem Zweiten Weltkrieg, die aber deshalb nicht bedrohlich sind, weil die Felder sozusagen markiert sind.

Brink: Vielen Dank, Thomas Gebauer von der Hilfsorganisation Medico international und Gründervater des Aktionsbündnisses Landmine.de, das sich heute nach 20 Jahren erfolgreicher Arbeit auflöst.

Gebauer: Vielen Dank!

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