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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 29.12.2005

"Wir brauchen solche Jubiläen in der Form nicht"

Kulturwissenschaftlerin Treusch-Dieter zum Schillerjahr

Moderation: Matthias Hanselmann

Postkarten mit dem Bildnis Fridrich Schillers an einem Souvenirstand in Weimar (AP)
Postkarten mit dem Bildnis Fridrich Schillers an einem Souvenirstand in Weimar (AP)

Die Kulturwissenschaftlerin Gerburg Treusch-Dieter hat die Aktivitäten zum Schillerjahr kritisiert. Man sei dem Schriftsteller damit in keiner Weise gerecht geworden, erklärte Treusch-Dieter. Solche Jubiläen seien nur ein Recycling von Geschichte und ein Versuch, neue Formen von Kommerzialisierung auszuprobieren.

Hanselmann: Das Schillerjahr geht zu Ende und wir sind sicher, dass Sie in der einen oder anderen Form etwas davon bemerkt haben, denn auch Deutschlandradio Kultur ist in zahlreichen Beiträgen darauf eingegangen. Das 200. Todesjahr Friedrich von Schillers war der Anlass für dieses besondere Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen wurde bundesweit an den deutschen Dichter, Dramatiker und Historiker erinnert. Die Kulturwissenschaftlerin, Prof. Gerburg Treusch-Dieter, ist Mitherausgeberin der Wochenzeitung "Freitag" und eigentlich bekannt geworden durch Arbeiten zum Thema Geschlechterforschung. In diesem Jahr hat sich Frau Treusch-Dieter in der Kulturzeitschrift "Ästhetik und Kommunikation" mit Friedrich von Schiller befasst. Zunächst einmal: Was interessiert Sie an Friedrich Schiller?

Treusch-Dieter: Um es kurz zu machen, drei Dinge. A: Bin ich eine Landsmännin, ich komme auch aus Schwaben. Mit 14 Jahren bin ich schon heiß entbrannt für die Marmorbüste auf unserem Klavier nach Marbach gefahren, Marbach am Neckar. Ja, was interessiert mich an Schiller? Er ist ein moderner Intellektueller, ich finde er wird falsch rezipiert. Jeder politisch denkende Autor hat heute eben auch Historiker zu sein. Und ich denke Schiller verbindet beides, er ist Dramatiker und Wissenschaftler. Eine Verbindung, die in Deutschland ungewöhnlich ist und die vielleicht sogar auch nicht geduldet wird. Jedenfalls die Arbeitsteiligkeit hat sich im 19. Jahrhundert durchgesetzt. Und Schiller ist in diesem Sinne, aus meiner Sicht, immer falsch rezipiert. Er wird für jedes politische System vereinnahmt, ohne dass es wirklich gelingt.

Hanselmann: Wie könnte das verhindert werden? Wenn er falsch rezipiert wird, woran liegt das?

Treusch-Dieter: Ja, ich denke der Ausgangspunkt ist seine Haltung zur französischen Revolution, die in sich widersprüchlich ist, aber eben als widersprüchliche Haltung eine dialektische Haltung. Also, er ist selbstverständlich ein Befürworter dieser Revolution, er wird Ehrenbürger dieser Revolution und gleichzeitig wendet er sich gegen die Wende sozusagen zum Terror in dieser Revolution und festzuhalten am revolutionären, gesellschaftlichen Aufbruch und nichtsdestotrotz Formen, also, der Überschreitung hin zum Terror zu verneinen, das ist eine Dialektik, die offensichtlich das Bürgertum als Klasse nicht geschafft hat, aber die Gesellschaft, die moderne Gesellschaft insgesamt nicht geschafft hat. Es gibt sozusagen nur entweder oder: Stillhalten, Ordnung, Recht und Sicherheit oder eben das, was wir heute unter Terror verstehen.

Hanselmann: Das Heft der Zeitschrift "Ästhetik und Kommunikation" sollte eigentlich zum Thema Schiller erscheinen mit dem Titel "Ich-AG Schiller", hieß dann aber "Denken mit Schiller". Jetzt will ich doch mal fragen, was war an Schiller eventuell eine Ich-AG?

Treusch-Dieter: Ja, Schiller ist ein eigener Existenzgründer. Das halte ich auch für das ganz Aktuelle an ihm. Ich meine, er ist ja so gesehen derjenige, der -vielleicht in Analogie zu Diderot und anderen in Frankreich - aber in Deutschland zum ersten Mal die Frage des Berufs Schriftstellers, also das Schreiben ein Geschäft ist, und in diesem Sinne ein politisches Geschäft, das heißt eine Arbeit, weit ab von jeder romantischen Schwärmerei, weit ab von jedem theatralen Pathos eine Arbeit. Er ist der Erste, der das klar gesagt hat und in diesem Sinne sein Leben auch organisiert hat.

Hanselmann: Und der dafür plädiert hat, dass daran nichts Ehrenrühriges ist.

Treusch-Dieter: Ja, das heißt er nimmt den Arbeitsbegriff in den Kunstbegriff auf und ist genau aus diesem Grunde, meiner Meinung nach, so aktuell heute und eben genau aus diesem Grunde falsch rezipiert, weil ihm genau immer wieder das angehängt wird. Ein romantischer Schwärmer, der ich weiß nicht wie sinnlos sich verschwendend, ja, der für ein Freiheitsbegriff plädiert, der gar nicht zu realisieren ist. Nein, Schiller steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden dieser Welt. Er ist ja nicht nur Autor im Sinne des dramatischen Autors, wobei er selbst sagt: Ich bin kein Sophokles, ich bin ein ökonomischer Schriftsteller und das sagt er in seinen Briefen und von da aus organisiert er auch das Denken. Er arbeitet ja als Publizist, er gründet Zeitschriften, er ist mit seinen Verlegern in einem nicht nur geschäftlichen, sondern auch intellektuellen Kontakt. Er ist derjenige, der nicht zuletzt zusammen mit Goethe die - ja sagen wir mal - die deutschen Köpfe aufbereitet. Nur das haben sie ihm nie verziehen. Also, ich behaupte ja, dass die Schillerlocke an sich ein Gebäck oder auch ein Seeaal, ich gehe eher von einem Gebäck aus, dass die Schillerlocke eine ironische Replik darauf ist, dass Schiller genau durch diejenigen Dinge eigentlich zum Kopf verhelfen wollte, enthauptet worden ist, in dieser deutschen Geschichte enthauptet worden ist.

Hanselmann: Was können wir durch die Auseinandersetzung mit Schiller lernen über unsere heutige Welt und dem Umgang mit derselben?

Treusch-Dieter: Ja, wir könnten durch unsere Auseinandersetzung mit Schiller in erster Linie lernen, dass sich ein intellektueller und ein materialistischer Zugang zu dieser Welt nicht widersprechen, sondern wechselseitig bedingen. Schiller sagt auch: Ein Autor hat nicht mehr zu geben, als seine Individualität. Wir haben also auch zu lernen, dass wir in unserem Kampf um einen Durchblick in dieser Welt uns einen Kopf zu machen für und gegen diese Welt, das können wir von Schiller lernen. Das heißt eine Unerbittlichkeit im Widerstand, die aber nicht bei einem Anti stehen bleibt, sondern die im Stande ist sich eben mitzuteilen, Gegenentwürfe zu machen, Visionen zu haben. Genau in das vorzustoßen, was ein Ernst Bloch auch den Utopiebegriff bei Schiller nannte. Er macht daraus ein Kolumbusfest, also sozusagen, wenn Kolumbus Amerika nicht entdeckt, macht das nichts. Eine Imagination behält trotzdem Recht, weil er aufgebrochen ist entsprechend einer Vision.

Hanselmann: Ihr Aufsatz in "Ästhetik und Kommunikation" hat die Überschrift "Das Bubenstück der Moderne. Schillers Frage nach der Überflüssigkeit des Menschen".

Treusch-Dieter: Ja, Schiller stellt in diesem Fortsetzungsroman "Der Geisterseher" tatsächlich die Frage: Was passiert, wenn der Arbeiter überflüssig wird? Wenn das, was er macht, also weder ihn mehr ernähren kann noch jemals weiterhin gebraucht wird. Das ist eine Frage, die ja dann erst Mitte 20. Jahrhundert von Hannah Arendt und anderen gestellt wird. Die Frage nach der Überflüssigkeit des Menschen. Und...

Hanselmann: Gerade jetzt wieder eine aktuelle Frage - oder?

Treusch-Dieter: Ja, absolut. Im Grunde eine aktuelle Frage. Und ich gehe eben davon aus, dass Schiller aufgrund seiner Erfahrungen in der Karlsschule, wo er ja die Disziplinierung bis in die Gebetshaltung hinein und in die Form des Essens und so fort erlebt hat, dass Schiller also einer der Ersten ist, der begriffen hat, was das heißt, wenn jede Geste kontrolliert wird, wenn der Körper bewirtschaftet wird über seine Disziplinierung. Er begreift das, und das zeigt er im "Geisterseher" und das arbeite ich da heraus.

Hanselmann: Wir sprechen mit Prof. Gerburg Treusch-Dieter zum Ende des Schillerjahres. Sie sind Kulturwissenschaftlerin, lassen Sie uns ein wenig Bilanz ziehen, Bilanz dieses deutschen Schillerjahres. Was ist bei Ihnen hängen geblieben? Was für ein Schillerbild wurde vermittelt?

Treusch-Dieter: Ja, bei mir ist eigentlich hängen geblieben, dass man wie gesagt Schiller in keiner Weise gerecht wurde, dass vielfache Ansätze versucht wurden, verschiedene Biographien und vor allem auch, apropos Geschlechterverhältnis, Schillers Versuch, mit zwei Frauen ein Leben zu konzipieren, alles das wurde aufgegriffen. Es wurden auch Schiller und das Recht und andere Sonderaspekte eben herausgearbeitet. Aber insgesamt bleibt eine, wie soll ich sagen, nicht nur Unentschiedenheit in dieser Diversifizierung, sondern auch eine Kontaktlosigkeit: Was soll man mit diesem Autor heute? Das ist sozusagen die Frage, die nicht übersprungen werden konnte und die eigentlich, wie ich finde, in diesem Fernsehfilm "Schiller", Matthias Schweighöfer als Schiller, auf einen Nenner gebracht wird, der sich nur umgekehrt zu dem Horst-Caspar-Film, 1941 unter Goebbels Obhut gedreht, verhält. Nämlich heute wird Schiller eben als Autor, der in gewisser Weise schon am sterben ist, bevor er noch begonnen hat zu leben, vorgestellt, und das verhält sich symmetrisch umgekehrt eben zu der Schillerkonzeption 1941, der Heroe, der den SS-Mann letztendlich repräsentierende Vaterlandskämpfer.

Hanselmann: An Sie als auch ehemalige Schauspielerin: Kann so ein Film wie diese ARD-Fernsehproduktion "Schiller" dazu beitragen, Menschen das Thema Schiller näher zu bringen?

Treusch-Dieter: Ja, ich war erschreckt. Ich habe mit verschiedenen gesprochen. Ich war erschreckt darüber, dass in der Tat schon mal das passiert ist. Identifikation aller Art sind gelaufen, nicht zuletzt eben mit diesem kränkelnden auf dem Arsch von Schauspielerinnen seine Verse schreibenden Autor, der gleichzeitig ewig Schulden hat, drogensüchtig und so fort. Also offensichtlich wird diese Art von Pop-Version von Schiller in Anlehnung an James Dean, aber sozusagen 50 Jahre zu spät, oder 40 Jahre zu spät doch als Identifikation heute akzeptiert.

Hanselmann: Ihr kurzes Fazit, haben wir ein solches Schillerjahr gebraucht?

Treusch-Dieter: Nein. Wir haben es nicht gebraucht. Wir haben überhaupt ein solches Jahr wie das 2005 nicht gebraucht, was ja auch ein dummes Mahnjahr, ein Sartrejahr und so fort war, insbesondere ein Einsteinjahr. Wir brauchen solche Jubiläen in der Form nicht, die nur ein Recycling von Geschichte sind immer wieder mehr denn je ganz in Analogie zu Weihnachten eben ein Anlass, neue Formen der Kommerzialisierung zu versuchen.

Hanselmann: Frau Treusch-Dieter was mögen Sie an Schiller überhaupt nicht?

Treusch-Dieter: Ich liebe Schiller!

Hanselmann: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch! Dankeschön!

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