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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.02.2009

"Wir brauchen Frauen in den obersten Gremien"

Unternehmensberaterin hofft auf andere Kommunikation bei weiblichen Führungskräften

Monika Schulz-Strelow im Gespräch mit Frank Meyer

Chefin und Angestellter (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Chefin und Angestellter (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Die Unternehmensberaterin Monika Schulz-Strelow fordert, dass mehr Frauen in den Aufsichtsräten deutscher Unternehmen sitzen. Bislang seien diese Gremien sehr männerdominiert, von denen sich viele schon seit langem kennen. Deshalb würden auch keine neuen Wege zur Krisenbewältigung beschritten. Würden mehr Frauen an der Spitze sein, verändere sich auch die Unternehmenskultur und -kommunikation.

Trailer: "Wären Frauen die besseren Wirtschaftsbosse?"

Frank Meyer: Darüber wollen wir reden in einer neuen Reihe hier im Deutschlandradio Kultur und heute über die Forderung "Frauen in die Aufsichtsräte!" Das Land Norwegen ist in dieser Frage schon sehr weit, dort müssen 40 Prozent aller Aufsichtsräte weiblich sein, so verlangt es dort das Gesetz für börsennotierte Unternehmen seit einem Jahr. Die deutsche Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte!" fordert genau das: mehr Frauen auch in die Aufsichtsgremien der deutschen Unternehmen zu holen. Die Unternehmensberaterin Monika Schulz-Strelow ist die Präsidentin dieser Initiative und jetzt hier bei uns im Studio. Frau Schulz-Strelow, wie finden Sie das Vorbild Norwegen? Hätten Sie das auch gerne in Deutschland verbindlich festgeschrieben, 40 Prozent Frauenanteil in den Aufsichtsräten?

Monika Schulz-Strelow: Erst mal: Das Vorbild Norwegen ist für alle anderen Länder wichtig, dass es in der kurzen Zeit umgesetzt wurde, 2002 verkündet, 2008 wirklich auch umgesetzt. Für Deutschland sehen wir das nicht so, weil wir als FidAR uns drauf verständigt haben, 25 Prozent zu fordern - erst mal.

Meyer: Das ist Ihr Verein, diese Abkürzung, die Sie gerade genannt haben.

Schulz-Strelow: Ja, ja, Frauen in die Aufsichtsräte - eine Initiative und mittlerweile ein Verein. Wir haben gesagt, erst mal auf freiwilliger Basis 25 Prozent, dann ab 2011 gesetzlich auch festgeschrieben und ab 2018 hätten wir schon gern die paritätische Besetzung, gleichberechtigt. Aber in Norwegen, das ist ein Punkt, den man unterscheiden muss zu Deutschland: Sie haben in Norwegen das "??? System", das heißt, diese 40 Prozent gelten sowohl für Aufsichtsrat wie für Vorstände. In Deutschland ist es ja komplett getrennt.

Meyer: Um kurz beim Beispiel Norwegen zu bleiben: Sie haben gesagt, das ging dort sehr schnell. Was für Erfahrungen gibt es dort mit dieser Umwandlung der Aufsichtsräte auf diese 40-Prozent-Regelung?

Schulz-Strelow: Es gibt einige Unternehmen in Norwegen, die ihre Gesellschaftsform geändert haben, um den 40 Prozent aus dem Weg zu gehen, aber die meisten haben es umgesetzt, anfangs mit großem Murren und auch Erstaunen, nur: Norwegen hat eine andere Tradition von Frauen in Führungspositionen. Da sind wir in Deutschland weit hinterher.

Wenn Sie sich den ganzen skandinavischen Raum angucken, nicht nur Norwegen, sondern auch Schweden und Finnland, sehen Sie sehr viel mehr selbstverständlich Frauen in diesen entsprechenden Positionen, und da können wir noch eine ganze Menge von lernen und müssen eben auch Frauen erst mal in die mittleren und höheren Ebenen in den Unternehmen reinbringen, damit sie auch in den Aufsichtsrat können.

Meyer: Jetzt fordern Sie eben: Frauen in die Aufsichtsräte. Warum eigentlich das? Das sind ja die Kontrollgremien der Unternehmen und nicht die eigentlich operativ handelnden Vorstände. Warum wollen Sie die Frauen gerade in die Aufsichtsräte holen?

Schulz-Strelow: Die Grundlage dieser Initiative, die 2005 gestartet war, kam aus Berlin, wie vieles Gute ja aus Berlin kommt, und zwar war das damals der Aufruf der Grünen im Rahmen des Landesgleichstellungsgesetzes. Das Land Berlin hat ja bei seinen Besetzungen der Gremien einen Riesenfortschritt gemacht, da sind heute über 30 Prozent Frauen in den Aufsichtsratsgremien, und von daher, von dieser Initiative ausgehend, haben wir gesagt: Okay, wir machen den Top-Down-Ansatz.

Wir brauchen Frauen in den obersten Gremien, damit Frauen in den unteren und mittleren Führungsebenen Vorbilder haben. Wenn sie oben nur Männer haben, wird sich keine Frau - oder wenige Frauen - nur danach orientieren. Wenn sie oben aber Frauen in den Gremien haben, verändert sich dann auch in den Unternehmen a) die Kultur, die Kommunikation, und auch die Einstellung zu Frauen. Eine Frau bringt noch nichts, eine Frau wird als Quotenfrau betrachtet. In Gremien mit zehn Besetzungen müssten drei Frauen sein, dann werden sie wirklich als qualifizierte Persönlichkeiten anerkannt.

Meyer: Und was ist der Sinn des Ganzen? Was würden Frauen in Aufsichtsräten anders machen als ihre männlichen Kollegen?

Schulz-Strelow: Frauen würden in vielen Dingen diese Old-Boys-Networks aufweichen. Wenn sie durch die Wirtschaftsszene gehen, kennen sich die Entscheider seit Langem, weil sie sich immer gegenseitig natürlich über den Weg laufen, gemeinsames Studium haben, gemeinsame Netzwerke, gemeinsame Clubs.

Und wenn sie alle gleich ausgerichtet sind, werden natürlich Fragen anders diskutiert, als wenn sie eine Frau in diesem Gremium oder mehrere Frauen in den Gremien haben, die anders hinterfragen. Es wird bei Entscheidungen "wen nehme ich in meinen Aufsichtsrat" häufig nach dem Ähnlichkeitsprinzip entschieden, also - sie suchen sich male und pale und ähnlichen Hintergrund. Wenn sie aber quasi ihren Freund, nicht zu sagen, aber einen guten Bekannten in ihr Gremium reinnehmen, wird der nicht so kritisch sein.

Meyer: Das ist jetzt erst mal die Frage, den Frauenanteil verstärken, Vorbilder schaffen für andere Frauen.

Schulz-Strelow: Genau.

Meyer: Aber die Grundfrage, auf die wir ja auch hinauswollen, ist: Sind Frauen die besseren Wirtschaftsbosse? Würden Frauen in Aufsichtsräten eine bessere Unternehmenspolitik machen?

Schulz-Strelow: Eine bessere - das kann ich nicht bewerten, dazu haben wir eigentlich zu wenig Erfahrung, aber zumindest einen anderen Ansatz wählen, a) wie ich schon sagte, in der Kommunikation, b) wahrscheinlich in der pragmatischen Ausrichtung und c), und das müssen sich ja doch auch viele Männer schon gefallen lassen, dass sie ihre Rituale in diesen Gremien sehr ausgeprägt leben. Und wenn Frauen das alleine unterbrechen können ...

Meyer: Was sind das für Rituale, die vielleicht auch ein Hindernis geworden sind für modernes Wirtschaften?

Schulz-Strelow: Das ist dieses Sich-Kennen, Sich-Vertrauen, ohne große Diskussionen Entscheidungen treffen. Und die Entscheidungen werden ja meistens nicht am Tisch in der Sitzung getroffen, Entscheidungen für Aufsichtsratsgremien werden vorab getroffen, und man verkündet diese Entscheidungen meistens nur. Und dann ist natürlich der Diskussionsrahmen sehr, sehr eng.

Meyer: Sie haben auch selbst schon in Aufsichtsräten gesessen. Wie sind denn Ihre Erfahrungen? Sind Sie da auch als Frau gehört worden?

Schulz-Strelow: Relativ wenig. In der Zeit, als ich in Berlin eine Geschäftsführungsposition bei der Tochter der IHK hatte, war die BAO auch in Aufsichtsräten vertreten, aber wir waren mit kleinen Anteilen nur vertreten, und das war eine reine Männersache. Es wurde auch kaum, wie ich das gerade sagte, diskutiert, es wurde durchgewinkt. Es waren eigentlich alle Dinge vorab geklärt. Und ich habe ein sehr schönes Beispiel einer Aufsichtsrätin aus einem großen deutschen Unternehmen, aber von der Arbeitnehmerseite, die erklärt hat: "Erst als der Aufsichtsratsvorsitzende mich vor der Sitzung anrief und mir die Dinge erläuterte, war ich ein akzeptiertes Mitglied des Aufsichtsrats."

Meyer: Aber da wurde auch wieder hintenherum außerhalb des eigentlichen Gremiums verhandelt.

Schulz-Strelow: Genau, ja.

Meyer: Wenn man darüber redet und wie Sie das gerade sagen, dass Frauen da durchaus Neues und Besseres einbringen könnten in solche Gremien, da fällt einem sofort ein Gegenbeispiel aus unseren heutigen Tagen ein - Maria Elisabeth Schaeffler, die Chefin der Unternehmensgruppe Schaeffler, die sich ja gerade an der Übernahme von Conti böse übernommen hat. Ist das nicht auch ein Beispiel einer Frau, die sich, genauso wie die Männer das auch getan haben jetzt in der Finanzkrise, böse verzockt hat?

Schulz-Strelow: Da würde ich Ihnen Recht geben, deswegen: Diese Aussage "Frauen sind per se die besseren Wirtschaftsbosse" wird sich wahrscheinlich eh nicht durchhalten lassen. Ich schätze, dass Frauen, wenn sie in denselben Machtebenen sich bewegen wie Männer, auch häufig ähnliche Muster, Verhaltensmuster, anlegen. Ich weiß jetzt nicht, wie das interne Gremium bei Schaeffler war, wie viel Unterstützung oder Ratgeber sie hatte, wie viele Banken sie auch beraten haben oder ob sie das wirklich alleine entschieden hat. Das glaube ich nicht.

Ich glaube eher, dass sie da auf den Rat ihrer Gremien wirklich gehört hat und vielleicht sich auch nicht genug gefragt hat: Sind wir, wir, die Kleineren, überhaupt in der Lage, ein größeres Unternehmen zu übernehmen? Nur jetzt ist es ... Und es gibt mehrere Beispiele, wo Frauen auch in Funktionen sind, und da bin ich auch gefragt worden: Warum passiert das trotz Frauen? Ich würde sagen, es sind halt noch zu wenige Frauen. Fragen Sie mich in fünf Jahren, dann werden wir gucken, was sich verändert hat.

Meyer: Das tun wir dann gerne. Die Unternehmensberaterin Monika Schulz-Strelow ist bei uns im Deutschlandradio Kultur, wir sprechen über die Forderung Ihrer Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte!", und weil Sie gerade in die Zukunft geschaut haben: Es gibt ja auch jetzt schon Entwicklungen, die in diese Richtung zeigen. Wir haben ja in unserem Programm vor Kurzem mit einer isländischen Schriftstellerin gesprochen, mit Steinunn Sigurdardóttir und die hat uns erzählt, wie aus ihrer Sicht sich die Lage in Island gerade darstellt:

Steinunn Sigurdardóttir: "Wir haben unglaublich starke Frauen, so zum Beispiel unsere ehemalige Präsidentin Vigdís Finnbogadóttir, die erste Frau auf der Welt, also in einer demokratischen Wahl, die zur Präsidentin gewählt wurde, wir haben Björk, wir haben unsere starke Außenministerin, Ausbildungsministerin und so weiter. Aber in diesem wirtschaftlichen Boom - keine Frau! Und: Die Frauen haben viel zu wenig zu sagen in Island in diesen Sachen Bank und Wirtschaft und so weiter. Meines Erachtens sind die Frauen doch von Natur aus etwas vorsichtiger als Männer, und jetzt wird es sehr interessant: Auf den Ruinen der ehemaligen Landesbank wurde eine neue Bank gebaut, und eine Frau kommt jetzt, die erste Leiterin einer großen Bank in Island, also eine Putzfrau nach der Männerorgie."

Meyer: Das sagt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir. Monika Schulz-Strelow, wie beurteilen Sie diesen Vorgang da in Island, dass da eine Frau jetzt die Scherben zusammenkehren muss?

Schulz-Strelow: Ja, es ist ja nicht nur eine Frau, die in Island die Scherben zusammenkehrt, auch die zweite Bank hat eine Frau an die Spitze gesetzt. Und das Bild, die Frauen sind die Putzfrauen, ist nicht gerade ein schmeichelhaftes Bild, aber dass Frauen in schwierigen Situationen besser dann auch die Menschen, die sie ja mitnehmen müssen - da sind ja sehr viele verunsicherte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen -, ich glaube, diese Fähigkeit werden die Frauen gut einsetzen können.

Und sie sind eben nicht so risikofreudig. Sie gucken und halten das Geld erst mal zusammen und investieren in das Notwendige und als zweites kommt dann die Kür. Und wir haben ja auch in Deutschland gesehen, jetzt nicht im Aufsichtsrat, aber in den Vorstand der Düsseldorfer Sparkasse kommen jetzt ab erstem April auch zwei Frauen. Es ist ja doch ein Zeichen, dass Frauen in schwierigen Situationen gerne für solche Aufgaben genommen werden.

Meyer: Das heißt, Sie würden auch für deutsche Unternehmen fordern, dass jetzt mehr Frauen an die Spitze gestellt werden, auch um als Fahrensleute jetzt den Weg aus unserer Krisensituation herauszufinden?

Schulz-Strelow: Ja, zumindest um auch neue Lösungen gemeinsam anzugehen, die die Männer, wenn sie in ihren Kreisen bleiben, aus meiner Sicht nicht angehen werden.

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