"Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan gegen Doping"

Eine Laborantin untersucht im Kölner Institut für Biochemie eine Dopingprobe. © AP
Moderation: Hanns Ostermann · 20.06.2007
Der Rechtsexperte Jens Adolphsen hat einen nationalen Aktionsplan gegen Doping gefordert. Adolphsen, Mitglied der Arbeitsgruppe Recht der Nationalen-Anti-Doping-Agentur (NADA), sagte im Deutschlandradio Kultur, man müsse auf allen Ebenen präventiv wirken, auch in der Schule. Mit dem jetzigen Entwurf zu einem Anti-Doping-Gesetz sei er unzufrieden.
Ostermann: Wie legt man den Sumpf trocken? Einmal mehr beschäftigt sich heute der Sportausschuss des Bundestages mit der möglichst effektiven Doping-Bekämpfung in Deutschland. Zwar liegt ein Gesetzentwurf auf dem Tisch, aber noch immer streiten Gelehrte und Politiker über den richtigen Weg. Der Sport beharrt auf seiner Autonomie und sieht die Gefahr der Einmischung. Aber muss sich der Staat nicht einmischen, wenn er Millionen in die Spitzensportförderung investiert und vielleicht auch über die besseren Instrumente verfügt? Am Telefon von Deutschlandradio Kultur ist Professor Jens Adolphsen von der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Er ist Inhaber eines auf Doping-Recht spezialisierten Lehrstuhls und arbeitete bei verschiedenen Anti-Doping-Initiativen der Sportorganisationen mit. Guten Morgen, Herr Adolphsen!

Jens Adolphsen: Guten Morgen.

Ostermann: Wem fällt es eigentlich schwerer, die erforderlichen Schritte einzuleiten: dem Sport, der um seine Selbstständigkeit fürchtet, oder der Politik, die sich ja auch immer wieder über Medaillen freut?

Adolphsen: Also der Politik fällt es ersichtlich schwer, aus ganz unterschiedlichen Gründen, denn wir müssen bedenken, dass die Initiativen in Richtung an die Doping-Gesetze jetzt schon 16 Jahre alt sind, und wir sind noch nicht sehr viel weiter. Dem Sport ist es eigentlich die letzten Jahre nicht schwergefallen, zumindest aktiv zu werden. Wenn Sie bedenken, dass die Welt-Antidopingagentur gegründet wurde, in Deutschland die NADA, und sich die Struktur komplett umgestellt hat. Also der Sport hat etwas getan, aber der Sport beharrt noch zu sehr auf einer angeblich vorhandenen Autonomie und sieht immer noch den Staat in dem Bereich der Doping-Bekämpfung als Gegner, und ich würde ihn als Hilfestellung ansehen.

Ostermann: Eine Hilfestellung, das haben Sie eben gesagt, die 16 Jahre nicht zustande kam. Warum fällt es der Politik so schwer?

Adolphsen: Die Politik vermutet hinter dem Stichwort der Autonomie eine für sie bestehende Barriere, und das scheint nach wie vor zu bestehen und das ist so nicht richtig. Autonomie, auch die Autonomie der Verbände ist bei uns natürlich grundrechtlich gewährleistet, ist aber nicht naturgegeben, sondern ist vom Staat gegeben. Und die Autonomie, die wir im Sport haben, ist ja längst keine Komplettautonomie als Freiheit vor dem Staat, sondern ist längst eine Autonomie, die ganz stark durchwoben ist und interaktiv ausgestaltet ist mit Tätigkeiten des Staates. Ich nenne nur die Finanzierung: Ohne eine staatliche Finanzierung des Leistungssportes würden wir gar keine olympischen Medaillen haben. Die sind alle beim Zoll, bei der Polizei und bei der Bundeswehr angestellt. Also der Staat finanziert diesen Sport, und dann hat er ohne weiteres auch eine Berechtigung, hier zusätzlich ein Instrumentarium aus Strafrecht aufzubauen.

Ostermann: Er hat auch sogar die Verpflichtung, wenn er sich andererseits mit Medaillen schmückt.

Adolphsen: Er hat deshalb die Verpflichtung, aber er hat auch die Verpflichtung, wenn er feststellt, dass zum Beispiel die Volksgesundheit - das ist ein anerkanntes Rechtsgut im Bereich Arzneimittelrecht - gefährdet ist, dann muss der Staat eingreifen. Und mir scheint das inzwischen der Fall zu sein.

Ostermann: Ihre Position läuft darauf hinaus, dass beide Seiten ihre Stärken einbringen müssen. Der Sport argumentiert nun, wenn wir bestrafen, durch unsere Sportgerichte, dann spürt das der Sportler am ehesten. Stimmt das eigentlich?

Adolphsen: Der spürt es unmittelbar und sicher auch umfassender, als es ein Staat könnte. Wenn Sie bedenken, dass die Regelstrafe im Weltantidopingcode zwei Jahre beträgt, die wird in der Praxis bei Ersttätern natürlich nach unten schuldangemessen reduziert, dann sind das natürlich Strafen, über die wir im staatlichen Strafverfahren als Gefängnisstrafe sicher nicht nachdenken müssen.

Trotzdem spürt der Sportler die staatsanwaltliche Ermittlungstätigkeit, wenn nämlich in einem ganz normalen Wohnhaus, zum Beispiel in Unna oder Beckum, wo bestimmte Radprofis lebten, mal kein Verbandsermittler klingelt, sondern die Staatsanwaltschaft mal eine Durchsuchung durchführt. Ich denke, dass bei gesetzestreuen Bürgern, und hier scheinen diese Menschen im Grundsatz gesetzestreu zu sein, das doch einen völlig anderen Effekt hat, als wenn ein Verbandsermittler um eine Doping-Probe bittet.

Ostermann: Die Frage ist doch aber, wie gut die Staatsanwaltschaften bislang vorbereitet sind, um Radfahrern und vielen anderen auf die Schliche zu kommen.

Adolphsen: Die Staatsanwaltschaften sind derzeit völlig unzureichend vorbereitet. Sie haben weitestgehend alle Anzeigen, die vor allen Dingen aus dem Bereich des Leichtathletikverbandes kamen, abgeblockt und gesagt, es bestehe kein Anfangsverdacht. Und hier muss man ansetzen, dass man Straftatbestände jetzt so fasst, dass die Staatsanwaltschaften verpflichtet sind, ihre Ermittlungstätigkeit aufzunehmen. Und wenn es solche Delikte gibt, dann besteht auch ein Verfolgungszwang, und dann können die Staatsanwaltschaften nicht anders.

Ostermann: Herr Professor Adolphsen, Sie plädieren dafür, dass Sportlerinnen und Sportler mehr in die Verantwortung zu ziehen sind, sie seien Täter und nicht Opfer. Das scheinen doch aber die beiden großen Parteien CDU und SPD anders zu sehen?

Adolphsen: Mich wundert das sehr. Die CDU fährt diese Linie. Ich kann allerdings nicht verstehen, wieso man den Sportler, der im Zentrum dieses Geschehens steht, im Zentrum dieses bestehenden Systems und Netzwerks, dass man den aussparen will. Ich nenne nur den Fall: Der Sportler kriegt eine Spritze durch einen Arzt, und in dem Fall soll der Arzt strafbar sein, der Sportler, auf dessen Geheiß aber die Spritze gesetzt wird und der dopen will, der soll nicht strafbar sein. Die Logik erschließt sich mir nicht, das tut mir leid.

Ostermann: Und bislang heißt es, der Sportler wird dann zur Rechenschaft gezogen, wenn sich größere Mengen an Doping-Mitteln bei ihm befinden. Das ist ja ein wachsweicher Begriff oder jedenfalls einer, über den man lange streiten kann, und manch einer bezeichnet das derzeitige Gesetz, das vorliegt, als Scherz. Würden Sie auch soweit gehen?

Adolphsen: Ich will nicht ganz soweit gehen, weil ich weiß, welche politischen Anstrengungen unternommen worden sind. Man hat ja einen politischen Kompromiss gemacht. Als Fachmann kann man mit so einem politischen Kompromiss nicht zufrieden sein, soweit muss man wohl gehen. Denn man muss ganz klar sagen, ich gehe davon aus, dass zum jetzigen Zeitpunkt bereits der Besitz nicht geringer Mengen einen Handel indiziert und dabei bereits nach geltendem Recht strafbar ist. Also ich könnte jetzt schon den Sportler deshalb belangen. Und die Ausgestaltung dieses Tatbestandes mit einer Verordnung und einer Benennung von irgendwelchen Grenzen ist so wachsweich und schwierig, dass wir vielleicht sogar noch verfassungsrechtliche Probleme mit der Bestimmtheit dabei bekommen, dass ich einfach sagen würde, bestrafen wir bitte doch den Komplettbesitz von Doping-Substanzen.

Ostermann: Wo bleibt eigentlich die gesellschaftliche Debatte, welche Ziele der Spitzensport in Deutschland verfolgt?

Adolphsen: Das ist etwas, was zurzeit sich durch dieses Zusammenspiel von Skandal und diesen Gesetzgebungsverfahren, was derzeit überhaupt nicht ordentlich abläuft. Wir brauchen mehr als ein Anti-Doping-Gesetz, wir brauchen einen nationalen Aktionsplan gegen Doping. Wir müssen alle Ebenen einsetzen, und zwar die Schulen, wir müssen präventiv tätig werden und wir müssen bewusstseinsbildend tätig werden, dass eine folgende Generation nicht mehr sich auf den Randstein setzt, wie Herr Aldag, weint, weil er nicht hinterherkommt und dann Doping einwirft. In der Situation muss ein neuer Radsportler der nächsten Generation sagen, dann eben nicht.