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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.08.2013

Winzig wohnen, trendy leben

Mini-Haus von Renzo Piano liegt im Trend zum komprimierten Wohnen

Von Johannes Halder

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Minihaus "Diogene" auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein (picture alliance / dpa)
Minihaus "Diogene" auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein (picture alliance / dpa)

Der Stararchitekt Renzo Piano hat die Wohnbedürfnisse des Menschen auf das Minimum schrumpfen lassen. 20.000 und 50.000 Euro soll das Designerhäuschen kosten - ohne Grund und Boden. Es ist die Kunst der bewussten Beschränkung, die der Architekt Renzo Piano hier pflegte.

Wie viel Platz braucht ein Mensch zum Leben, wie viel Raum braucht er zum Wohnen? Der italienische Stararchitekt Renzo Piano hat sich diese elementare Frage schon vor Jahrzehnten gestellt, und seitdem tüftelt er an einem Projekt, das zum Ziel hat, die Wohnbedürfnisse des Menschen auf ein Minimum zurückzuführen.

Das haben vor ihm auch schon andere getan, Le Corbusier etwa, der sich in seinem Büro in eine winzige Zelle zurückzuziehen pflegte, um seine Entwürfe auszubrüten und der sich 1952 an der Côte d’Azur ein Ferienhäuschen baute, gerade mal 3,6 Meter im Quadrat.

Mit siebeneinhalb Quadratmetern Wohnfläche liegt Pianos Entwurf jetzt weit darunter, und Gefängnisverwalter bekämen juristische Probleme, wenn sie Strafgefangene auf Dauer in solch kleine Zellen steckten.

Doch seit ein paar Wochen steht der Prototyp von Pianos Häuschen jetzt auf dem Architekturcampus der Möbelfabrik Vitra in Weil am Rhein, neben all den spektakulären Bauten von Kollegen, denen die Firma auf ihrem Werksgelände ein viel beachtetes Forum bietet.

"Diogene" (ital., sprich "Diódschene") heißt das Mini-Haus, so benannt nach dem griechischen Philosophen Diogenes, dem ein Fass als Wohnstatt bekanntlich genug war – Hauptsache, es schien die Sonne.

Mit "The Shard" in London hat Renzo Piano gerade eines der höchsten Gebäude Europas gebaut. Auf dem Architekturcampus der Möbelfabrik Vitra in Weil am Rhein steht derzeit das kleinste Projekt, das der Stararchitekt jemals entworfen hat: "Diogene", so benannt nach dem griechischen Philosophen, dem ein Fass als Wohnstatt genügte.

Diogene steht idyllisch auf der Wiese neben einem Kirschbaum. Es ist heiß, die Sonne knallt auf die Aluminiumhaut des putzigen Domizils, doch als Aja Huber, die Projektleiterin, die Türe aufschließt, strömt uns kühle Luft entgegen.

Huber: "Bitteschön!"

Kein Brutkastengefühl

Drinnen gibt es Platz, auch bequem für zwei; rechts eine gepolsterte Sofabank, die sich zu einem Doppelbett ausklappen lässt, links ein Tisch, ein Stuhl. Wände und Decken sind aus gediegen hellem Holz, es gibt zwei Fenster, eins davon am Dach – und nein, die Befürchtung, das Haus wäre ein Brutkasten, erfüllt sich nicht.

"Es ist sehr gut isoliert, es hat eine Isolationsschicht, die ist nur drei Zentimeter dick, die ist aber hoch effizient."

Kein Wunder, die Wohnbox ist vollgestopft mit Versorgungs-, Klima und Entsorgungstechnik; das gemütlich anmutende Satteldach ist gedeckt mit Solarpaneelen, Heizröhren und einem Boiler. Da ein winziges Wandschränkchen, dort eine schwenkbare Deckenleuchte; die Atmosphäre in dem behaglichen Kabuff schwankt zwischen Campingwagen und Zugabteil, alles ist auf Platzsparmodus ausgelegt, praktisch, pflegeleicht und schön.

Es ist die Kunst der bewussten Beschränkung, die der Architekt Renzo Piano hier perfektioniert, sagt Aja Huber:

"Es ist ein Ort der Stille, und der Ort der Stille, da kann eine Person sein, die sich zurückzieht. Eigentlich ist es der Rückzugsort, und der kann auch für zwei funktionieren."

Ein Refugium mit einem Höchstmaß an Reduktion, so hat sich der prominente Planer das ausgedacht. Ein stilles Örtchen. Apropos: Die rote Schwenktür im hinteren Teil öffnet sich zum kombinierten Sanitärbereich.

"Ja, das kann beides. Hier einerseits Toilette, umgekehrt Dusche. Und dann hat’s hier alle diese Dinge, die Sie dazu brauchen, in diesen Klappen. Da können Sie Ihr Handtuch trocken unterbringen, Ihre Duschcreme hierher stellen, Zahnpasta, was immer Sie brauchen. Sie haben dort ein Waschbecken, das ist der Duschkopf; wenn Sie jetzt Wasser anmachen, dann läuft das hier raus."

Auch kochen kann man hier, nur gewiss kein richtiges Menu. Denn eines muss klar sein, sagt Aja Huber: Diogene ist keine Dauerwohnung, sondern im Grunde ein philosophisches Projekt. Es zelebriert die Sehnsucht nach Beschränkung.

XXL ist out

Dabei ist der Trend zur räumlichen Reduktion heute oft eine schiere Notwendigkeit. Weltweit tüfteln ambitionierte Architekten und smarte Heimwerker an praktikablen Lösungen für das Wohnen in extrem verdichteten Metropolen. In Manhattan, zum Beispiel, boomen derzeit winzige Wohnzellen mit flexiblen Multifunktionsmöbeln.

Platz ist knapp, XXL ist out, schicke Mikroapartments sind cool. Selbst Leute, die sich Größeres leisten könnten, verbinden mit der räumlichen Beschränkung eine Befreiung von Zwängen, und nicht selten ist die bewusste Loslösung von lästig gewordenen Besitztümern auch ökologisch motiviert. Mag sein, dass das nur eine Mode ist, die wieder vorübergeht.

Doch angesichts einer rasant wachsenden Weltbevölkerung schreitet die Verzwergung des Wohnens voran. Megastädte wie Hongkong oder Singapur sind voll von deprimierend engen Miniapartments, und in den berüchtigten japanischen Kapselhotels wird man zur Schlafenszeit regelrecht eingesargt. Ob man sich darin wohlfühlt, ist sicher auch eine Frage der Mentalität, und vielleicht muss der Begriff des Wohnens neu definiert werden: Wohnst du noch, oder lebst du schon? Sicher ist jedoch, dass der urbane Minimalismus die Tendenz zu Vereinsamung, Abkapselung und Isolation befördert – mit allen Folgen für die Gesellschaft.

Ob sich 1.000 Häuser verkaufen lassen?

Renzo Pianos radikal entschlackter Entwurf hat damit nur begrenzt zu tun. Er ist vor allem ein Denkgebäude, ein Spielzeug für den Architekten. Zwar ist das Häuschen transportabel, doch eine mobile Behausung für globale Erwerbsnomaden ist es nicht.

"Wenn Sie was Mobileres möchten, dann müssen Sie sich ein Wohnmobil, einen Wohnwagen suchen. Es hat keine Räder."

Ach ja, der Preis. Zwischen 20 000 und 50 000 Euro soll die Designerklause kosten, wenn sie einmal in Serie geht. Das sind in der Spitze über 8 000 Euro pro Quadratmeter, und zwar ohne Grund und Boden. Der pure Luxus.

"Das ist so, ja. Es ist ganz klar ein Luxus. Und die Diskussion, ob es eben auch an einem Ort funktionieren kann, wo es auf einem ganz niederen Preisniveau ist, die haben wir x-mal geführt. Und das ist es ganz klar nicht."

So definiert sich auch der Kundenkreis für das kostspielige Gehäuse: betuchte Klienten, die schon alles haben und einmal Verzicht üben wollen auf höchstem Niveau.

Noch ist Pianos Häuschen ein Prototyp, noch hat es Entwicklungspotenzial. Und ein Geschäft soll es auch noch werden. Interessenten, sagt Aja Huber, gibt es schon: aus den USA, aus England und Australien, ja sogar aus Äthiopien. Fast tausend Stück muss Vitra davon verkaufen, damit es sich rechnet. Da sind wir aber mal gespannt.

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