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Nachspiel | Beitrag vom 06.12.2020

WinterschwimmenSchlottern bei Wind und Wetter

Von Fritz Schütte

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Ein Winterschwimmer des Vereins "Berliner Seehunde" geht am 01.01.2013 in Berlin beim Neujahrsschwimmen im Orankesee ins Wasser.  (picture alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen)
Winterschwimmen kostet zunächst Überwindung, fühlt sich dann aber toll an - sagen zumindest die Fans. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen)

Draußen ist es bitterkalt, Winterschwimmer und Schwimmerinnen gehen dennoch ins Wasser. In Coronazeiten mit geschlossen Hallen scheint der Sport attraktiv zu werden. In Potsdam gehen immer Menschen in der kalten Jahreszeit ins Nass.

"So, es reicht. Oh, ist das kalt", sagt der Winterschwimmer. "Jetzt schnell abtrocknen und anziehen, bevor das große Zittern einsetzt. Eine Minute habe ich geschafft." Jaqueline Jänike ergänzt: "Letzte Woche war ich 40 Minuten drin, gestern 36 Minuten. Da schlottere ich hinterher schon auch."

Samstags und sonntags schwimmt Jaqueline Jänike im Heiligen See in Potsdam, egal ob es regnet oder schneit. Vor sechs Jahren hat sie damit angefangen. Zunächst galt das als spleenig. Jetzt ist die Schwimmhalle pandemiebedingt geschlossen und immer mehr Kolleginnen aus ihrem Verein wollen es auch mal ausprobieren.

"Es gibt immer mehr, die wirklich ins Wasser gehen und schwimmen. Das ist krass und das finde ich total cool, weil es mehr Spaß macht."

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Die Sonne scheint. Es ist windstill. Fast ein bisschen warm. Für Jaqueline ein idealer Badetag: "Das Wasser hat noch zehn Grad. Ich meine, wir haben heute November." Im Wasser laufen gerade Rekordversuche. "Wie lange schon?", fragt ein Winterschwimmer eine Frau mit Stoppuhr am Ufer. "Drei Minuten", sagt sie. "Ich merke nichts mehr." 

Ist das gesund?

Jaquelines Paradedisziplin: 1000 Meter Brust bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Sie hat schon Titel bei Eis- und Winterschwimm-Weltmeisterschaften gewonnen. Ist das gesund? Es ist auf jeden Fall nicht ungesund, meint sie: "Ich bin seitdem sehr viel weniger krank, und wenn, dann nicht mehr so lange und intensiv." 

Während Jaqueline sich noch umzieht, trocknen sich andere bereits ab.

"Es ist wie neu geboren, sehr refreshing. Aber wenn man reingeht, muss man ein bisschen durchatmen."

"Der Clou ist, zu versuchen zu entspannen, während der Kältereiz einen eigentlich anspannt", sagt eine Winterschwimmerin.

Bei Frost lässt die Begeisterung erfahrungsgemäß nach. Nicht aber bei Jaqueline: 

"Wenn wirklich der Rand zugefroren ist, haut man sich eine Nische frei und in der Mitte kann man schwimmen. Das hatten wir hier auch schon. Da war das hier frei und in der Mitte war eine leichte Eisschicht. Da bin ich halt immer bis zur Eisschicht geschwommen und wieder zurück. Es kamen auch Leute, die, wenn ich mich ausgezogen habe, fassungslos stehen geblieben sind: ‚Sie gehen da jetzt nicht rein?‘ Oder wenn ich rausgekommen bin: 'Sie waren da jetzt nicht drin?' - 'Doch.' - 'Das glaube ich nicht.'"

Immer jemanden dabei haben

Jaqueline gleitet ins Wasser, ohne zu stöhnen. Sie zieht eine orangefarbene Signalboje hinter sich her. Ein Vereinskollege im Neoprenanzug begleitet sie.

Unterdessen haben die Nachwuchswinterschwimmer einen Rekord zu vermelden: "Fast 22 Minuten." Vor Wettkämpfen checkt ein Arzt, ob Herz und Kreislauf okay sind. Jaquelines Mann Ralf hat sich einen wärmenden Mantel übergeworfen und hält Ausschau nach der Boje. "Man sollte immer jemanden haben, der weiß, wo man ist, wie es einem nach langem Schwimmen im kalten Wasser geht, einem hilft beim Anziehen." 

"Da bin ich wieder." Liebevoll trocknet Ralf seine Frau ab und streift ihr einen Pullover über. "Sofort Oberkörper bedecken mit Kleidung. Oberkörper ist wichtiger als die Beine oder die Extremitäten, weil da die wichtigen Organe drinnen sind. Beine und Füße werden dann irgendwann von ganz alleine wieder warm."

Jaqueline sieht glücklich aus. Jetzt wird sie eine Viertelstunde schlottern.

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