Seit 09:00 Uhr Nachrichten
Freitag, 07.05.2021
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 28.04.2020

WindkraftDas Problem mit dem Recycling

Von Felicitas Boeselager

Die Rotorblätter eines Windrads in einem Windpark, im Hintergrund ein gelbes Weizenfeld. (imago / blickwinkel)
Rotorblätter bestehen aus einem Netzwerk von Verbundstoffen. Das macht es schwer, sie zu recyceln. (imago / blickwinkel)

Auch Windräder haben ein Mindesthaltbarkeitsdatum: Nach 25 Jahren müssen sie ausgetauscht werden. Doch für die Entsorgung und den Rückbau fehlt es an klaren Leitlinien. Und das Recycling der Rotorblätter gestaltet sich schwierig.

Nicht nur Milch, Joghurt und Käse haben ein Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern auch Windräder. Die sind – um im Vergleich zu bleiben – bis zu 25 Jahre haltbar. Und die sind bei vielen von ihnen in diesem oder im kommenden Jahr um. Doch obwohl Windräder für grüne und nachhaltige Energiegewinnung stehen, stellt gerade ihr Recycling die Branche vor große Herausforderungen. Die hat Ferdinand Zotz von der Beratungsfirma Ramboll vergangenes Jahr in einer Studie für das Bundesumweltamt herausgearbeitet:

"Es bestehen besondere Herausforderungen sowohl beim Rückbau als auch bei der Versorgung durch zum Beispiel die enthaltenen Verbundwerkstoffe, die Materialvielfalt (…) Die Anlagen sind auch sehr heterogen, das ist auch etwas, was wir im Rahmen der Studie untersucht haben. Auch fehlen häufig Informationen über die Materialzusammensetzung zum Beispiel im Bereich der Rotoren, die bei der Entsorgung der entsprechenden Komponenten dann hilfreich sein könnten."

Das Recycling der Rotorblätter ist daher auch besonders schwierig. Einfach kleinhäckseln und aus dem alten Material neue Windräder bauen, das geht nicht. Und die Flügel zu verbrennen, ist unter ökologischen Gesichtspunkten wenig sinnvoll – zumal sie auch viele wertvolle Stoffe enthalten. Um zu verstehen, warum das Recycling so schwer ist, hilft es, sich den Aufbau der Windflügel vor Augen zu halten: 

Christian Dreyer, Polymerforscher am Fraunhofer Institut, spricht von einem Faserverbundwerkstoff, da "haben Sie zum einen die Fasern, und die sind drumherum mit einem Reaktivharz zusammengeklebt, also wie so Zwei-Komponenten-Systeme, das Sie aus dem Baumarkt kennen und was sie zusammenführen. Und dann haben Sie zum Schluss ein großes Molekül in der Idealvorstellung, also ein großes Netzwerk, was theoretisch die ganze Länge des Windmühlenflügels in Anspruch nimmt."

Nur ein spezielles Verfahren kann Rotorblätter recyceln

Das habe den Vorteil, dass es sehr beständig sei. Allerdings den Nachteil, dass man es nur sehr schwer wieder in seine Einzelteile zerlegen und hochwertig weiterverwerten kann. Bislang gibt es in Deutschland nur eine Firma, die in der Lage ist, Rotorblätter zu recyceln. Frank Kroll ist der Geschäftsführer von Neocomp in Bremen und macht noch auf eine weitere Hürde in der Verwertung aufmerksam:

"Es ist sehr interessant, was in einem Rotorblatt alles drin ist. Da sind ja nicht nur das Harz und die Glasfasern drin, nein, da ist Aluminium drin als Verstrebung, da sind Edelstahle drin, PU-Hartschäume und Polyethylen. Da sind Glasfasern verbaut für die Stabilisierung, dort sind zum Teil Glasfasermatten, es ist Gummi drin, es sind Lacke drin. Also, Sie müssen schon wissen, was Sie da finden und idealerweise für alle Komponenten eine ideale Entsorgung finden."

Neocomp hat ein spezielles Verfahren entwickelt, indem es gelingt, die Glasfasern aus den Rotorblättern so zurückzugewinnen, dass sie statt Sand bei der Herstellung von Zement eingesetzt werden können.

"Es findet dort in der Zementindustrie eine thermische und stoffliche Verwertung statt, das heißt, das Material, das sie haben, wird zum einen verbrannt, dabei fällt Asche an."

Die wertvollen Fasern zurückgewinnen

Und diese Asche dient dann als Ersatz für teuren Bausand. Auch am Fraunhofer-Institut beschäftigt man sich intensiv mit dem Recycling der Glasfasern aus den Rotorblättern. Aber nicht nur: In jüngeren Generationen von Windrädern sind auch teurere Karbonfasern verbaut. Holger Seidlitz, Leiter des Forschungsbereiches "Polymermaterialien und Composite PYCO", erläutert eines der Hauptziele ihrer Forschung:

"Wir sind also immer bestrebt, die wertvollen Fasern zurückzugewinnen, die haben so ganz besondere Festigkeits- und Steifigkeitseigenschaften."

Und deshalb könnte man die Fasern zum Beispiel in Rohren oder beim Auto- und Fensterbau wieder einsetzen. Sein Kollege Christian Dreyer hat mit seinem Team ein chemisches Verfahren entwickelt, wie man das Netzwerk der Verbundstoffe in Rotorblättern auseinanderschneiden kann, "sodass wir am Schluss, wie wenn Sie so einen Eiffelturm aus Legosteinen gebaut haben, den nehmen Sie dann auseinander und bauen aus den Legos dann das Brandenburger Tor beispielsweise. Und genauso machen wir das, sodass wir im Gegensatz zu den bisher etablierten Verfahren, wo beispielsweise was verbrannt wird, die recht teuren Reaktivharze nicht nur zurückgewinnen, sondern auch in ein neues Polymer überführen können."

Windräder in einem Windpark  (imago / Jochen Tack)Die Kosten für das Recycling liegen bei den Herstellern. (imago / Jochen Tack)

Bisher gibt es in Bund und Ländern noch keine Gesetze oder einheitliche Leitlinien, wie der Rückbau und die Entsorgung von Windrädern genau ablaufen sollen. Die Kosten für das Recycling liegen bei den Betreibern. Um den Rückbau zu vereinfachen, wäre es aber auch eine Idee, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen. In der Verpackungsindustrie ist diese Herangehensweise schon längst etabliert, hier wird von Beginn an das Ende eines Produktes mitgedacht. Ein Joghurtbecher zum Beispiel so designt, dass die Pappbanderole gleich ins Altpapier und der Plastikbecher in den gelben Sack geworfen werden können. Das ist natürlich sehr vereinfacht, wäre aber auch bei Rotorblättern denkbar, sagt Holger Seidlitz vom Fraunhofer-Institut:

"Auf Knopfdruck wäre es dann gut, wenn alles in seine Einzelbestandteile auseinander fällt, sei es, dass sich die Harze zum Beispiel von der Faser lösen oder dass ich Klebestellen auf Knopfdruck, da sprechen wir dann von Bonding on Demand, dass diese Einzelbestandteile, diese Flügelzonen dann aufgelöst werden. Und wenn man das erreichen könnte und auch die Anlagensicherheit garantieren könnte, dann wäre man schon einen ganzen Schritt weitergekommen."

Es fehlen Leitlinien für den Rückbau

Schließlich darf so ein Knopfdruck auch nicht zu leicht ausgelöst werden. Bis es aber soweit ist, empfehlen Ferdinand Zotz und sein Team von der Beratungsfirma Ramboll im Bericht für das Umweltbundesamt erst einmal, Leitlinien für den Rückbau und die Entsorgung von Windrädern zu entwickeln, denn hier herrsche noch viel Orientierungslosigkeit:

"Unsere Empfehlung wäre, eine solche Leitlinie auch unterhalb der Ebene eines Gesetzes einzuführen, sozusagen das bestehende Gesetz an der Stelle mit konkreten Empfehlungen zu füllen, die dann Orientierung geben: sowohl für die Betreiber, als auch Rückbauunternehmen, Entsorger, für die Behörden, die den ganzen Prozess überwachen. Das ist sicher eine Kernempfehlung unseres Berichts."

Schließlich hat die Windkraft einen Ruf zu verlieren, wenn der Rückbau ihrer Anlagen nicht nachhaltig und ökologisch sinnvoll geschehen kann.

Mehr zum Thema

Erneuerbare Energien - Recycling von Windkraftanlagen
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 25.08.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

Bäume und KlimaDie Suche nach dem Wald der Zukunft
Douglasien in Pflanzhüllen als Schutz in einem Wald in Niedersachsen  (picture alliance / blickwinkel/J. P. Burkhardt)

Dem Wald in Deutschland geht es so schlecht wie nie zuvor. Verantwortlich dafür sind Dürre und Stürme, aber auch die anfälligen Monokulturen. Derzeit werden daher Baumarten aus anderen Klimaregionen getestet. Doch Experten warnen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur