"Willst du was gelten, mache dich selten"
Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister hält es für ratsam, dass Politiker ihre TV-Auftritte dosieren - sonst drohe eine Abwertung ihres Berufsstandes. "Das wäre ungefähr so, als ob Sie als Schlagerstar jeden Tag ein Konzert geben", so Hachmeister. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach verteidigt dagegen seinen Auftritt in einer ZDF-Dokusoap, in der er im Hamburger Hafen Schiffe entladen hat.
Klaus Pokatzky: Jeder fünfte Deutsche hätte gern Horst Schlämmer als Bundeskanzler, die Politikerfigur, die der Komiker Harpe Kerkeling erfunden hat. So beliebt wie Horst Schlämmer wäre gerne auch jeder echte Politiker, und um zumindest ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, tun sie vieles, was früher undenkbar gewesen wäre. Gestern begann in der ARD die Reihe "Abgeordnet", in der Politiker im Praxistest zu sehen sind. Zu Beginn spielte Renate Künast von den Grünen auf einem oberbayrischen Bauernhof Bäuerin, und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach einen Pfleger in einem Bielefelder Krankenhaus. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist demnächst in der Justizvollzugsanstalt Iserlohn zu sehen und hat auch schon für die ähnlich gestrickte ZDF-Reihe "3 Tage Leben" als Vorarbeiter im Hamburger Hafen Schiffe entladen. Wolfgang Bosbach begrüße ich nun am Telefon. Guten Tag, Herr Bosbach!
Wolfgang Bosbach: Ich grüße Sie!
Pokatzky: Herr Bosbach, warum tun Sie das?
Bosbach: Weil ich darum gebeten worden bin, ganz einfach. Das ZDF hatte zunächst angefragt, hat mir das Format vorgestellt und hat mich dann gefragt, ob ich zu diesem Praxistest bereit sei. Man wird ja als Politiker, insbesondere als Berufspolitiker, jeden Tag aufs Neue mit bestimmten Urteilen und Vorurteilen konfrontiert, und zu den beliebtesten Vorurteilen zählt sicherlich die Annahme, dass wir ohnehin nicht alltagstauglich seien. Und diese drei Tage im Hamburger Hafen sollten ja das Gegenteil beweisen. Allerdings muss ich der guten Ordnung halber hinzufügen, ich war dort alles andere als ein Vorarbeiter, ich habe nur mitgearbeitet.
Pokatzky: Aber ist das nicht alles doch eine schreckliche Show, Herr Bosbach? Das alles findet vor der Kamera statt, vor laufender Kamera, das heißt, es ist abgesprochen untereinander, wie man da agiert. Wird auf diese Art und Weise nicht doch weiterhin entpolitisiert?
Bosbach: Ja, da muss ich Sie enttäuschen. Also Sie sind nicht dabei gewesen, Sie können also aus eigener Kenntnis gar nicht wissen, wie die Drehtage abgelaufen sind, aber Sie haben ein ganz bestimmtes Vorurteil. Es hat übrigens vor der Sendung überhaupt keinen Kontakt von mir gegeben zu dem Team, zu dem Kollegen Thomas Grabener, mit dem ich zusammengearbeitet habe – im Übrigen ein ganz feiner Kerl – und auch nicht zur Familie Köppel. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes dort ins kalte Wasser geworfen worden und musste mich da im Alltag bewähren. Ob das gut oder weniger gut gelungen ist, das mögen dann andere beurteilen. Aber ein Drehbuch, eine Dramaturgie hat es nicht gegeben. Mit einer einzigen Ausnahme: Es waren drei verschiedene Arbeitsplätze, die ich an drei Tagen besucht habe.
Pokatzky: Im Hamburger Hafen. Und nun gehen Sie …
Bosbach: Im Hamburger Hafen, in der JVA Iserlohn war eigentlich ja nur an einem einzigen Tag.
Pokatzky: Richtig. Was haben Sie in Iserlohn gelernt?
Bosbach: Die Konfrontation mit einer Lebenswirklichkeit, die den allermeisten von uns verborgen ist. Natürlich war ich schon in der Justizvollzugsanstalt, aber nicht hinter Gittern, sondern davor. Ich habe natürlich in meiner Tätigkeit als Rechtsanwalt und Strafverteidiger auch schon mal den ein oder anderen Mandanten besucht, aber es ist ein Unterschied, ob man auf einen U-Häftling oder Strafhäftling im Besuchsraum wartet, ein Gespräch führt und wieder nach Hause fährt, oder ob man einmal den gesamten Tagesablauf erlebt, längere, auch sehr persönliche Gespräche mit den Häftlingen führt, auch mit deren Lebensschicksal konfrontiert wird.
Und eine beispielsweise sehr, sehr bittere Erfahrung war für mich die Teilnahme an einer Stunde Mathematikunterricht. Da sitzen 18-, 19-Jährige, die Rechenaufgaben lösen sollen, die für Zweit- oder Drittklässler bestimmt sind, und man sieht, wie sie sich abmühen. Und da bekommt man schon ein Gefühl dafür, aus welchen familiären Situationen, mit welchem Bildungshintergrund sind diese jungen Menschen auf die schiefe Bahn geraten, und was wird aus ihnen, wenn sich eines Tages wieder die Tore für die Freiheit öffnen.
Pokatzky: Aber Herr Bosbach, könnten Sie das nicht viel überzeugender, ehrlicher in intimen Gesprächen mit diesen jungen Menschen hinter Gittern herausfinden, als wenn die Kamera das alles aufzeichnet und dann hinterher dem Zuschauer präsentiert?
Bosbach: Die Kamera hat ja auch nur einen Bruchteil aufgezeichnet. Es ist ja auch nicht alles aufgezeichnet worden. Sehen Sie mal, der Arbeitstag begann morgens, ich glaube so gegen sechs Uhr, und zwölf Stunden später war er beendet. Und ein Bruchteil dieses Tages ist gefilmt worden und wird anschließend gesendet. Es hat sehr, sehr viele auch Gespräche unter vier Augen gegeben, wo weder Ton noch Kamera dabei war.
Pokatzky: Danke an Wolfgang Bosbach, den stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und den einzigen Politiker, der in der ARD-Reihe "Abgeordnet" und in der ZDF-Reihe "3 Tage Leben" mitgespielt hat. Das Gespräch mit Wolfgang Bosbach hat im Studio mitgehört der Medienforscher Lutz Hachmeister. Guten Tag, Herr Hachmeister!
Lutz Hachmeister: Guten Tag!
Pokatzky: Herr Hachmeister, wundert es Sie eigentlich noch, wenn die Leute Horst Schlämmer für einen realen Politiker halten?
Hachmeister: Na, ich weiß nicht, ob das stimmt. Also ich glaube, dass das Publikum – das mag nun an meiner grundsätzlich optimistischen Lebensauffassung liegen – aufgeklärter ist, als man eigentlich denkt, und ich glaube, dass die Leute schon eine Comicfigur, die von Harpe Kerkeling kreiert worden ist, von einem realen Politiker unterscheiden können. Dass sie diesen Politiker Horst Schlämmer ganz sympathisch finden und ihn auch wählen würden, ist eine andere Tatsache.
Aber diese Experimente, die Wolfgang Bosbach mit sich machen lässt, ich würde das nicht dramatisieren. Es gibt so einen schleichenden, langfristigen Effekt, dass man denkt, Politiker bevölkern geradezu das Fernsehen, sie sind quasi billige Schauspieler, billige Arbeitskräfte für den Fernsehunterhaltungsjournalismus, machen alles mit, sind zu allem bereit, also bei Wolfgang Bosbach hat das ja jetzt sehr überzeugend und ernsthaft geklungen.
Der Eindruck, der den Zuschauern vor dem Bildschirm vermittelt wird, ist ein anderer. Politiker sind quasi, prostituieren sich dafür, dass sie für alles zu haben sind, wenn das Fernsehen anfragt – das war ja eine sehr verblüffende Antwort von ihm, als er sagte, warum haben Sie das gemacht, weil ich darum gebeten worden bin. Wenn Politiker alles machen würden, worum sie gebeten würden, dann sähe diese Republik sicherlich anders aus, im Positiven wie im Negativen.
Pokatzky: Also gestern, wenn wir uns angesehen haben Renate Künast als Bäuerin, als Teilzeit-, Freizeit-, Kurzzeitbäuerin und dann eben den Gesundheitsexperten Lauterbach als Pfleger im Krankenhaus, da hatte das teilweise wirklich auch so den Charakter einer ganz großartigen Inszenierung, abgesprochen natürlich, wenn der Pfleger Lauterbach ins Zimmer kommt, hat es vorher natürlich schon Kontakt mit den alten Damen, die da in den Betten liegen, gegeben. Welche Folgen hat so etwas, diese Art der Inszenierung, die dann ja teilweise auch in Soap abgleiten kann, welche Folgen hat das für eine ernsthafte Politikberichterstattung?
Hachmeister: Ich denke schon, dass Politik sich damit auch selber immer mehr als Soapopera darstellt. Also die Politiker machen es freiwillig mit, sind sogar froh, wenn sie Auftrittsmöglichkeiten bekommen. Man hat auch das Gefühl, sie machen so ziemlich jedes Format mit, sie würden sich auch einem seriösen Zweierinterview stellen. Was sie noch am ehesten verweigern, sind kritische investigative Interviews, die haben sie inzwischen nicht mehr so gerne, weil man ja andere Auftrittsmöglichkeiten im Fernsehen bekommt. Und das vermittelt eben einen Eindruck des alten FDJ-Spruches: Immer bereit. Also das ist …
Pokatzky: Allzeit bereit.
Hachmeister: Allzeit bereit, genau, das ist dann das Image der Politiker. Und ich glaube, die größte Gefahr einer solchen Überpräsenz von Politikern im Fernsehen liegt darin, dass das Publikum den Eindruck bekommt, sie arbeiten nicht mehr ernsthaft in ihrem eigentlichen Beruf als Parlamentarier, was vielleicht gar nicht stimmt, wahrscheinlich arbeiten sie noch genauso ernsthaft daran, sondern sie verwenden den Hauptteil ihrer Zeit auf eine wie immer geartete Selbstdarstellung in diesem Medium. Und das ist letztlich für die Politik viel fataler als für den Fernsehjournalismus.
Pokatzky: Werden Politiker nicht durch eine solche zunehmende Anzahl solcher Sendungen, aber natürlich auch dieser Inflation der Talkshows, werden sie da nicht zunehmend entwöhnt, auf wirklich ernsthafte journalistische Fragen, die dann ja auch Nachfragen und Nachhaken bedeuten, werden sie davon nicht entwöhnt?
Hachmeister: Ja, wir haben ja ganz deutlich einen Niedergang der politischen Magazine, die ja früher zumindest zu den Diskurs in diesem Lande maßgeblich mitbestimmt haben, also "Monitor", "Panorama" und so weiter, und wir hatten den Siegeszug dieser Polit-Talkshows zur Primetime, und ich denke, dass da zu diesem Zeitpunkt schon die Entwicklung eingesetzt hat, dass der investigative Journalismus von den Politikern nicht mehr so gerne gesehen wurde, weil sie ihn eben nicht mehr brauchen. Sie kommen im investigativen Journalismus in einer Rolle vor, in der sie befragt werden, manchmal unangenehm befragt werden. In den konventionellen Talkshows oder in solchen Formaten, über die wir jetzt reden, kommen sie eigentlich eher in einer Rolle vor, die sie meinen, sehr stark im Griff zu haben oder fast in einer komödiantischen Rolle oder in einer alltagstauglichen Rolle. Und der Fehlschluss ist, dass das Publikum das letztlich sympathischer findet als eine harte Befragung von Politikern. Meiner Meinung nach ist das ein Trugschluss.
Pokatzky: Ich spreche mit dem Medienforscher Lutz Hachmeister. Wie weit gilt denn die Rechnung, die ja möglicherweise auf Politikerseite gemacht wird, je häufiger ich im Fernsehen bin, je öfter ich in der Glotze zu sehen bin, desto populärer bin ich und desto mehr Stimmen bekomme ich?
Hachmeister: Die gilt eigentlich gar nicht. Also es gibt sicher keinen populären Politiker, der nie im Fernsehen auftritt, also der sagt, ich verweigere mich diesem ja immer noch Massenmedium komplett, und es reicht mir, wenn ich ab und zu in der Presse beschrieben werde oder den direkten Wahlkampf auf Straßen und Plätzen mache. Aber eine Dosierung ist wie bei allen vernünftigen Auftritten sehr erforderlich. Das wäre ungefähr so, als ob Sie als Schlagerstar jeden Tag ein Konzert geben. Also große Popgruppen, große Stars treten sehr dosiert auf. Und wenn sich die Politik schon an der Popkultur orientieren will, dann soll sie sich an den Professionalitätsmustern der Popkultur auch ein Beispiel nehmen und nicht durch ein ständiges Übertouren den eigenen Berufsstand herabwerten.
Pokatzky: Also auch mal rar machen?
Hachmeister: Das ist die alte Partyweisheit, willst du was gelten, mache dich selten – das gilt mehr denn je für die Politik.
Pokatzky: Wir haben hier einen Politiker gehabt, jedenfalls bis gestern, wo wir denken konnten, er stilisiert sich sozusagen gerade durch dieses Rarmachen in den Niederungen der medialen Talkshowwelt, weil er da so gut wie gar nicht zu sehen war, ich meine unseren Bundeswirtschaftsminister, den Freiherrn von und zu Guttenberg, der nun gestern in einer neuen Show bei Sat.1, die moderiert wurde von Sabine Christiansen und Stefan Aust, aufgetreten ist. Weitgehend nach einem herkömmlichen Strickmuster, wie wir’s ja von Sabine Christiansen von früher her kennen: kleine Diskussion, aber er als Hauptperson, und ganz viele einzelne Teile mit Anruf, mit SMS, Twittern, Webcam und so weiter und so fort. Warum macht ein Mann wie der Freiherr von und zu Guttenberg, der eben als der Vornehme, Reiche, der es nicht nötig hat, da hinzugehen, bisher erschien, warum macht er so was?
Hachmeister: Also ich denke, dass er da gedacht hat, ich komme in eine Talksendung mit Stefan Aust und Sabine Christiansen, und die wird ungefähr so ablaufen wie die Talkshows, die ich kenne. Er hat, glaube ich, nicht daran gedacht, dass diese Sendung sich selbst technologisch total überfrachtet, also mit all diesen Kleinteiligkeiten, mit den ständigen technologischen Gimmicks, mit den Zwischenanrufen ist sie vollkommen zerfasert. Das ist so ein Programm, was sowohl die Journalisten als auch die Politiker überfordert, die darin stattfinden, man kann kaum noch einen Gedanken zu Ende führen, und ich glaube nicht, dass er das vorher kalkuliert hat oder so gesehen hat. Das ändert für mich an dem Bild von Guttenberg jetzt nicht allzu viel.
Pokatzky: Danke an den Medienwissenschafter Lutz Hachmeister. Wir sprachen über Politiker im Fernsehen und inflationäre Tendenzen dabei.
Wolfgang Bosbach: Ich grüße Sie!
Pokatzky: Herr Bosbach, warum tun Sie das?
Bosbach: Weil ich darum gebeten worden bin, ganz einfach. Das ZDF hatte zunächst angefragt, hat mir das Format vorgestellt und hat mich dann gefragt, ob ich zu diesem Praxistest bereit sei. Man wird ja als Politiker, insbesondere als Berufspolitiker, jeden Tag aufs Neue mit bestimmten Urteilen und Vorurteilen konfrontiert, und zu den beliebtesten Vorurteilen zählt sicherlich die Annahme, dass wir ohnehin nicht alltagstauglich seien. Und diese drei Tage im Hamburger Hafen sollten ja das Gegenteil beweisen. Allerdings muss ich der guten Ordnung halber hinzufügen, ich war dort alles andere als ein Vorarbeiter, ich habe nur mitgearbeitet.
Pokatzky: Aber ist das nicht alles doch eine schreckliche Show, Herr Bosbach? Das alles findet vor der Kamera statt, vor laufender Kamera, das heißt, es ist abgesprochen untereinander, wie man da agiert. Wird auf diese Art und Weise nicht doch weiterhin entpolitisiert?
Bosbach: Ja, da muss ich Sie enttäuschen. Also Sie sind nicht dabei gewesen, Sie können also aus eigener Kenntnis gar nicht wissen, wie die Drehtage abgelaufen sind, aber Sie haben ein ganz bestimmtes Vorurteil. Es hat übrigens vor der Sendung überhaupt keinen Kontakt von mir gegeben zu dem Team, zu dem Kollegen Thomas Grabener, mit dem ich zusammengearbeitet habe – im Übrigen ein ganz feiner Kerl – und auch nicht zur Familie Köppel. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes dort ins kalte Wasser geworfen worden und musste mich da im Alltag bewähren. Ob das gut oder weniger gut gelungen ist, das mögen dann andere beurteilen. Aber ein Drehbuch, eine Dramaturgie hat es nicht gegeben. Mit einer einzigen Ausnahme: Es waren drei verschiedene Arbeitsplätze, die ich an drei Tagen besucht habe.
Pokatzky: Im Hamburger Hafen. Und nun gehen Sie …
Bosbach: Im Hamburger Hafen, in der JVA Iserlohn war eigentlich ja nur an einem einzigen Tag.
Pokatzky: Richtig. Was haben Sie in Iserlohn gelernt?
Bosbach: Die Konfrontation mit einer Lebenswirklichkeit, die den allermeisten von uns verborgen ist. Natürlich war ich schon in der Justizvollzugsanstalt, aber nicht hinter Gittern, sondern davor. Ich habe natürlich in meiner Tätigkeit als Rechtsanwalt und Strafverteidiger auch schon mal den ein oder anderen Mandanten besucht, aber es ist ein Unterschied, ob man auf einen U-Häftling oder Strafhäftling im Besuchsraum wartet, ein Gespräch führt und wieder nach Hause fährt, oder ob man einmal den gesamten Tagesablauf erlebt, längere, auch sehr persönliche Gespräche mit den Häftlingen führt, auch mit deren Lebensschicksal konfrontiert wird.
Und eine beispielsweise sehr, sehr bittere Erfahrung war für mich die Teilnahme an einer Stunde Mathematikunterricht. Da sitzen 18-, 19-Jährige, die Rechenaufgaben lösen sollen, die für Zweit- oder Drittklässler bestimmt sind, und man sieht, wie sie sich abmühen. Und da bekommt man schon ein Gefühl dafür, aus welchen familiären Situationen, mit welchem Bildungshintergrund sind diese jungen Menschen auf die schiefe Bahn geraten, und was wird aus ihnen, wenn sich eines Tages wieder die Tore für die Freiheit öffnen.
Pokatzky: Aber Herr Bosbach, könnten Sie das nicht viel überzeugender, ehrlicher in intimen Gesprächen mit diesen jungen Menschen hinter Gittern herausfinden, als wenn die Kamera das alles aufzeichnet und dann hinterher dem Zuschauer präsentiert?
Bosbach: Die Kamera hat ja auch nur einen Bruchteil aufgezeichnet. Es ist ja auch nicht alles aufgezeichnet worden. Sehen Sie mal, der Arbeitstag begann morgens, ich glaube so gegen sechs Uhr, und zwölf Stunden später war er beendet. Und ein Bruchteil dieses Tages ist gefilmt worden und wird anschließend gesendet. Es hat sehr, sehr viele auch Gespräche unter vier Augen gegeben, wo weder Ton noch Kamera dabei war.
Pokatzky: Danke an Wolfgang Bosbach, den stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und den einzigen Politiker, der in der ARD-Reihe "Abgeordnet" und in der ZDF-Reihe "3 Tage Leben" mitgespielt hat. Das Gespräch mit Wolfgang Bosbach hat im Studio mitgehört der Medienforscher Lutz Hachmeister. Guten Tag, Herr Hachmeister!
Lutz Hachmeister: Guten Tag!
Pokatzky: Herr Hachmeister, wundert es Sie eigentlich noch, wenn die Leute Horst Schlämmer für einen realen Politiker halten?
Hachmeister: Na, ich weiß nicht, ob das stimmt. Also ich glaube, dass das Publikum – das mag nun an meiner grundsätzlich optimistischen Lebensauffassung liegen – aufgeklärter ist, als man eigentlich denkt, und ich glaube, dass die Leute schon eine Comicfigur, die von Harpe Kerkeling kreiert worden ist, von einem realen Politiker unterscheiden können. Dass sie diesen Politiker Horst Schlämmer ganz sympathisch finden und ihn auch wählen würden, ist eine andere Tatsache.
Aber diese Experimente, die Wolfgang Bosbach mit sich machen lässt, ich würde das nicht dramatisieren. Es gibt so einen schleichenden, langfristigen Effekt, dass man denkt, Politiker bevölkern geradezu das Fernsehen, sie sind quasi billige Schauspieler, billige Arbeitskräfte für den Fernsehunterhaltungsjournalismus, machen alles mit, sind zu allem bereit, also bei Wolfgang Bosbach hat das ja jetzt sehr überzeugend und ernsthaft geklungen.
Der Eindruck, der den Zuschauern vor dem Bildschirm vermittelt wird, ist ein anderer. Politiker sind quasi, prostituieren sich dafür, dass sie für alles zu haben sind, wenn das Fernsehen anfragt – das war ja eine sehr verblüffende Antwort von ihm, als er sagte, warum haben Sie das gemacht, weil ich darum gebeten worden bin. Wenn Politiker alles machen würden, worum sie gebeten würden, dann sähe diese Republik sicherlich anders aus, im Positiven wie im Negativen.
Pokatzky: Also gestern, wenn wir uns angesehen haben Renate Künast als Bäuerin, als Teilzeit-, Freizeit-, Kurzzeitbäuerin und dann eben den Gesundheitsexperten Lauterbach als Pfleger im Krankenhaus, da hatte das teilweise wirklich auch so den Charakter einer ganz großartigen Inszenierung, abgesprochen natürlich, wenn der Pfleger Lauterbach ins Zimmer kommt, hat es vorher natürlich schon Kontakt mit den alten Damen, die da in den Betten liegen, gegeben. Welche Folgen hat so etwas, diese Art der Inszenierung, die dann ja teilweise auch in Soap abgleiten kann, welche Folgen hat das für eine ernsthafte Politikberichterstattung?
Hachmeister: Ich denke schon, dass Politik sich damit auch selber immer mehr als Soapopera darstellt. Also die Politiker machen es freiwillig mit, sind sogar froh, wenn sie Auftrittsmöglichkeiten bekommen. Man hat auch das Gefühl, sie machen so ziemlich jedes Format mit, sie würden sich auch einem seriösen Zweierinterview stellen. Was sie noch am ehesten verweigern, sind kritische investigative Interviews, die haben sie inzwischen nicht mehr so gerne, weil man ja andere Auftrittsmöglichkeiten im Fernsehen bekommt. Und das vermittelt eben einen Eindruck des alten FDJ-Spruches: Immer bereit. Also das ist …
Pokatzky: Allzeit bereit.
Hachmeister: Allzeit bereit, genau, das ist dann das Image der Politiker. Und ich glaube, die größte Gefahr einer solchen Überpräsenz von Politikern im Fernsehen liegt darin, dass das Publikum den Eindruck bekommt, sie arbeiten nicht mehr ernsthaft in ihrem eigentlichen Beruf als Parlamentarier, was vielleicht gar nicht stimmt, wahrscheinlich arbeiten sie noch genauso ernsthaft daran, sondern sie verwenden den Hauptteil ihrer Zeit auf eine wie immer geartete Selbstdarstellung in diesem Medium. Und das ist letztlich für die Politik viel fataler als für den Fernsehjournalismus.
Pokatzky: Werden Politiker nicht durch eine solche zunehmende Anzahl solcher Sendungen, aber natürlich auch dieser Inflation der Talkshows, werden sie da nicht zunehmend entwöhnt, auf wirklich ernsthafte journalistische Fragen, die dann ja auch Nachfragen und Nachhaken bedeuten, werden sie davon nicht entwöhnt?
Hachmeister: Ja, wir haben ja ganz deutlich einen Niedergang der politischen Magazine, die ja früher zumindest zu den Diskurs in diesem Lande maßgeblich mitbestimmt haben, also "Monitor", "Panorama" und so weiter, und wir hatten den Siegeszug dieser Polit-Talkshows zur Primetime, und ich denke, dass da zu diesem Zeitpunkt schon die Entwicklung eingesetzt hat, dass der investigative Journalismus von den Politikern nicht mehr so gerne gesehen wurde, weil sie ihn eben nicht mehr brauchen. Sie kommen im investigativen Journalismus in einer Rolle vor, in der sie befragt werden, manchmal unangenehm befragt werden. In den konventionellen Talkshows oder in solchen Formaten, über die wir jetzt reden, kommen sie eigentlich eher in einer Rolle vor, die sie meinen, sehr stark im Griff zu haben oder fast in einer komödiantischen Rolle oder in einer alltagstauglichen Rolle. Und der Fehlschluss ist, dass das Publikum das letztlich sympathischer findet als eine harte Befragung von Politikern. Meiner Meinung nach ist das ein Trugschluss.
Pokatzky: Ich spreche mit dem Medienforscher Lutz Hachmeister. Wie weit gilt denn die Rechnung, die ja möglicherweise auf Politikerseite gemacht wird, je häufiger ich im Fernsehen bin, je öfter ich in der Glotze zu sehen bin, desto populärer bin ich und desto mehr Stimmen bekomme ich?
Hachmeister: Die gilt eigentlich gar nicht. Also es gibt sicher keinen populären Politiker, der nie im Fernsehen auftritt, also der sagt, ich verweigere mich diesem ja immer noch Massenmedium komplett, und es reicht mir, wenn ich ab und zu in der Presse beschrieben werde oder den direkten Wahlkampf auf Straßen und Plätzen mache. Aber eine Dosierung ist wie bei allen vernünftigen Auftritten sehr erforderlich. Das wäre ungefähr so, als ob Sie als Schlagerstar jeden Tag ein Konzert geben. Also große Popgruppen, große Stars treten sehr dosiert auf. Und wenn sich die Politik schon an der Popkultur orientieren will, dann soll sie sich an den Professionalitätsmustern der Popkultur auch ein Beispiel nehmen und nicht durch ein ständiges Übertouren den eigenen Berufsstand herabwerten.
Pokatzky: Also auch mal rar machen?
Hachmeister: Das ist die alte Partyweisheit, willst du was gelten, mache dich selten – das gilt mehr denn je für die Politik.
Pokatzky: Wir haben hier einen Politiker gehabt, jedenfalls bis gestern, wo wir denken konnten, er stilisiert sich sozusagen gerade durch dieses Rarmachen in den Niederungen der medialen Talkshowwelt, weil er da so gut wie gar nicht zu sehen war, ich meine unseren Bundeswirtschaftsminister, den Freiherrn von und zu Guttenberg, der nun gestern in einer neuen Show bei Sat.1, die moderiert wurde von Sabine Christiansen und Stefan Aust, aufgetreten ist. Weitgehend nach einem herkömmlichen Strickmuster, wie wir’s ja von Sabine Christiansen von früher her kennen: kleine Diskussion, aber er als Hauptperson, und ganz viele einzelne Teile mit Anruf, mit SMS, Twittern, Webcam und so weiter und so fort. Warum macht ein Mann wie der Freiherr von und zu Guttenberg, der eben als der Vornehme, Reiche, der es nicht nötig hat, da hinzugehen, bisher erschien, warum macht er so was?
Hachmeister: Also ich denke, dass er da gedacht hat, ich komme in eine Talksendung mit Stefan Aust und Sabine Christiansen, und die wird ungefähr so ablaufen wie die Talkshows, die ich kenne. Er hat, glaube ich, nicht daran gedacht, dass diese Sendung sich selbst technologisch total überfrachtet, also mit all diesen Kleinteiligkeiten, mit den ständigen technologischen Gimmicks, mit den Zwischenanrufen ist sie vollkommen zerfasert. Das ist so ein Programm, was sowohl die Journalisten als auch die Politiker überfordert, die darin stattfinden, man kann kaum noch einen Gedanken zu Ende führen, und ich glaube nicht, dass er das vorher kalkuliert hat oder so gesehen hat. Das ändert für mich an dem Bild von Guttenberg jetzt nicht allzu viel.
Pokatzky: Danke an den Medienwissenschafter Lutz Hachmeister. Wir sprachen über Politiker im Fernsehen und inflationäre Tendenzen dabei.