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Zeitfragen | Beitrag vom 26.04.2018

Willkommenskultur im KreißsaalDie Macht der Kommunikation beim Kinderkriegen

Von Bettina Conradi

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Eine schwangere Frau hält ihren Bauch. (imago/CHROMORANGE)
Verständnis, Vertrauen und Respekt - auch das ist wichtig bei einer Geburt. (imago/CHROMORANGE)

Wie eine Geburt abläuft, darüber entscheidet auch der Ton und die Atmosphäre im Kreißsaal. Angst, Stress und Schmerzen verstärken sich und lassen die Geburt zur Qual werden, wenn die Kommunikation zwischen Geburtshelfer und Mutter nicht funktioniert.

Nora Lissmann: "Die Schwangerschaft war komplett problemlos. Ich hab mich ziemlich intensiv vorbereitet auf die Geburt, deswegen bin ich im Nachhinein so überrascht, dass es mich doch so heftig erwischt hat, sage ich jetzt mal."

Das ist Nora Lissmann, 27 Jahre alt, Mutter einer Tochter. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert.

Sven Hildebrandt: "Ich sage es immer so, dass jede Frau ein inneres Programm hat auf der Festplatte vorinstalliert eigentlich drei Programme Schwangerschaft exe sag ich immer, Wochenbett exe und Geburt exe. Die sind auf der Festplatte des Gehirns vorinstalliert und eigentlich könnten die ganz einfach ins Laufen gebracht werden. Aber tatsächlich, bei uns Menschen, sind diese Programme im wahrsten Sinne des Wortes solange im World Wide Web, dass die nicht mehr laufen und der Sinn einer guten Geburtsvorbereitung und einer guten Kommunikation bei der Geburt ist einfach, diese archaisch-vorinstallierten Programme wieder ins Laufen zu bringen."

Sven Hildebrandt, Gynäkologe, Mitbegründer eines inzwischen 20 Jahre bestehenden Geburtshauses und Professor an der Hochschule Fulda.

Elke Kötter: "Und es geht mit Worten. Vor allen Dingen. Eine Geburt geht selbstverständlich von alleine. Es gibt viele Geburten, die völlig problemlos verlaufen würden, ohne dass eine Hebamme dabei ist oder ein Arzt. Wir haben uns aber dazu entwickelt, dass wir uns weniger auf unsere Instinkte besinnen. Und wir haben das Zutrauen zu uns selbst ein Stück weit verloren, das einfach ganz selbstverständlich zu machen."

Elke Kötter seit 25 Jahren Hebamme und Abteilungsleiterin der Geburts- und Wochenbettstation der DRK Klinik in Berlin Köpenick.

Alexandra Kopf: "Also ist ja vielleicht ist ja auch vielleicht so ein Irrglaube. Wir müssen so arbeiten und ganz präsent sein und im Grunde genommen macht der Körper seine Arbeit. Es geht darum, dem nicht im Weg zu stehen."

Alexandra Kopf, Psychologin und Hypnotherapeutin.

Faktor Kommunikation

Sven Hildebrandt: "Und deswegen ist Kommunikation ganz wichtig. Menschen suchen sich traditionell schon seit Jahrtausenden Hebammen für die Begleitung bei der Geburt, das ist übrigens keine Menschen-Erfindung. Auch Primaten machen das, Menschenaffen. In dem Moment wenn eine zweite Person, die Hebamme oder die Gorilla Hebamme oder wie sie es nennen wollen. Wenn eine zweite Person da ist, ist Kommunikation immer wichtig."

Beziehung und Kommunikation werden für Nora Lissmann zentrale Elemente einer traumatisch erlebten Abwärtsspirale. Ihre Geschichte spiegelt exemplarisch die Kraft der Worte und die Macht der Kommunikation – auch die des Schweigens, eingebunden in ein gewachsenes System aus Hierarchien, Schichtplänen, Stellenschlüsseln und: Menschen.

Eine Frau bei der Entbindung im Kreißsaal (Imago)Traumatisierende Folgen kann es haben, wenn die Geburt nicht so verläuft wie erhofft. (Imago)
Nora Lissmann: "Also das ist ja irgendwie was einem da eingebläut wird, hab ich irgendwie das Gefühl. Man bekommt von Kindesbeinen an gesagt, eine Geburt ist schlimm und es sind die schlimmsten Schmerzen, die eine Frau je haben wird. Es wird vielleicht nicht so konkret gesagt, aber es wird einem schon so vermittelt. Und ja es war eigentlich von Anfang an so im Kopf drin."

Alexandra Kopf: "Und mit all diesen Bildern und Vorstellungen, die viele Frauen einfach haben oder wie man meint, Schmerz nicht bewältigen zu können. Die ja letztendlich auch wieder konstruiert werden aus der eigenen Vorstellungskraft oder dem, was man gelernt hat darüber, was man weiß, was man sich vorstellt, was man erwartet auch hier."

Nora Lissmann: "Und bei mir ist noch das die Sache. Ich bin relativ groß, mein Mann ist auch sehr groß. Und da kamen von Anfang an schon, überhaupt Jahre bevor wir ein Kind erwartet haben: ‚Wenn du mal mit dem Kinder kommst, weil das passt doch eh nicht durch.‘"

Selbstbestimmt in die Geburt

Viele Frauen brächten ungünstige Suggestionen mit in den Geburtsprozess, sagt Alexandra Kopf in ihrem Buch "Traumgeburt". Gründe dafür: privates Gerede, Negativprognosen und auch die soziale Tendenz sich eher im Leiden zu solidarisieren. Ganz zentral aber auch medizinische Fachsprache und Unachtsamkeiten seitens der Betreuung durch Experten.

Alexandra Kopf: "Und da schickt man Menschen auf Fährten oder mit Bildern im Kopf, die sind unauslöschlich erstmal und die müssen erstmal wieder ins rechte Licht gerückt werden."

Durch die Bewusstmachen eigener Bilder und Ressourcen könnten sich Frauen ein stückweit selbst immunisieren und damit Kräfte freisetzen, selbstbestimmt in eine Geburt zu gehen.

Sven Hildebrandt: "Die Geburt ist ein In-Beziehung-Treten auf ganz verschiedenen Ebenen. Wir haben erstmal die zentrale Beziehung, also eigentlich muss man sagen … Das erste ist, dass die Frau mit sich selbst in Beziehung tritt."

Alexandra Kopf: "Ja. Und wenn man nach innen flüchtet oder nach innen geht, dann muss auch jemand da sein. Und dass – dieses Vertrauen da rein. Da ist, da ist jemand in mir oder den Halt in sich selbst zu finden und das sich im Vorhinein bewusst zu machen."

"Kreißsaal" steht am 06.08.2015 in Berlin auf der Tür in einem Krankenhaus.  (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Unsicherheit und drohende Schmerzen - viele Frauen bekommen Angst bei der Geburt. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Nora Lissmann bereitet sich vor. Intensiv. Allein, mit Büchern, und auch im Vorbereitungskurs mit ihrem Mann. Sie möchte eine Geburt nach Möglichkeit ohne Medikamente, denn sie weiß auch um den Zusammenhang zwischen dem Eingreifen von außen und möglichen Komplikationen. Sie will darauf vertrauen, dass die Natur es kann, darauf, dass sie es machen wird.

Nora Lissmann "Eine gewisse Unsicherheit bleibt natürlich, aber ich habe versucht, mich davon nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Ich lernte im Geburtsvorbereitungskurs, dass es sich alles aufbaut, dass man am Anfang bloß nicht zu früh ins Krankenhaus gehen sollte. Wir gehen so spät wie möglich ins Krankenhaus, dass wir da einfach gar nicht so sehr reinrutschen. Dass ich mich auf mich konzentrieren kann und die Wehen veratmen. So hatte ich mir das vorgestellt."

Die Chemie zwischen Hebamme und Mutter muss stimmen

Nora Lissmann möchte eigentlich eine Beleghebamme finden, um bei der Geburt eine Begleitung dabei zu haben, die sie sich ausgesucht hat, die ihr sympathisch ist.

Sven Hildebrandt: "Ich sehe es sogar so, dass es ideal wäre – natürlich nur in wenigen Fällen machbar ist, dass die Beziehung zur Hebamme sich nicht erst beim Geburtsbeginn bahnt, sondern dass die Gebärende lange vor der Geburt bereits weiß, diese Hebamme lade ich zu meiner Geburt ein und die wird mich begleiten. Da habe ich Vertrauen. Da stimmt einfach die Chemie. Und dann haben wir natürlich ein ideales Beziehungs- und Kommunikationsmuster."

Nora Lissmann findet keine Beleghebamme, da der errechnete Geburtstermin ihrer Tochter nah an einem großen Feiertag liegt. Sie meldet sich im Krankenhaus an. Acht Tage nach dem errechneten Entbindungstermin setzen nachts um zwei Uhr die Wehen ein, massiv, schmerzhaft, erdrückend, von Beginn an schwer zu ertragen. Anders als sie es sich vorgestellt hatte.

Nora Lissmann: "Die Hebamme, die hier die Vor- und Nachsorge gemacht hat, die ist auch zwischendurch mal gekommen. Und die hat dann gesagt, auch wenn die Wehen noch nicht so regelmäßig sind, fahr mal lieber ins Krankenhaus. Die Wehen sind einfach so extrem stark. Vielleicht brauchst du mal ein Schmerzmittel. Ich glaub nach über zehn, fünfzehn Stunden waren die Wehen noch immer mit einem Abstand von nur zehn Minuten, manchmal fünf Minuten. Und das hat mich ziemlich verunsichert. Und das kam dann wie so eine Stimme im Hinterkopf: die anderen haben es gleich gesagt, hättest mal lieber von vornherein dich drauf eingestellt dann wärst du jetzt nicht enttäuscht.

Wir standen vor dem Kreißsaal, haben geklingelt und die haben uns dann die Tür aufgemacht und die Hebamme, die war super nett, ganz herzliche Begrüßung. Sie gesagt: ‚So jetzt wird alles gut.‘ Jetzt bist du hier und alles wird gut. Wir schreiben jetzt erstmal ein CTG."

Elke Kötter: "Natürlich ist der positive Einstieg immer wichtig. Sie zu begrüßen, als ob man nur auf sie gewartet hätte. Also als ob man sich so sehr freut, dass sie jetzt da sind, weil jetzt kommt ein Baby und ihnen damit auch ein Stück weit ihre Sorgen zu nehmen."

Nora Lissmann: "Und sobald ich das CTG hatte, wurden die Wehen stärker, der Abstand wird geringer und das hat mich extrem motiviert. Und dann diese nette Hebamme. Ich dachte okay, wir haben alles richtig gemacht. Super Timing."

Wenn der Schichtplan die Geburt bestimmt

Nora Lissmann ist froh über die Entscheidung, ins Krankenhaus gegangen zu sein, schöpft Mut und Kraft. Aber die Hebamme, die sie begrüßt hatte, verabschiedet sich.

Nora Lissmann: "Die ist dann reingekommen und hat gesagt, ‚So ich hab jetzt Schichtende‘. Die beiden soundso betreuen dich jetzt und ich hab von dem Namen her erkannt, wer das ist.

Zwei Hebammen haben Dienst. Eine hatte Nora Lissmann als Beleghebamme haben wollen, die andere war bei der Anmeldung im Krankenhaus ihre Ansprechpartnerin gewesen.

Nora Lissmann: "Die eine war sozusagen meine Wunschhebamme gewesen von Anfang an und die andere hatte ich einmal vorher gesehen und die war mir unglaublich unsympathisch."

Ein Arzt hält in einem Kreißsaal ein neugeborenes Baby in den Händen. (imago / Westend61)Wenn die Kommunikation zwischen Mutter und Geburtshelfern nicht klappt, wird es meistens schwierig. (imago / Westend61)
Alexandra Kopf: "Was ja jetzt so ein Thema ist, dass mehr und mehr Frauen sich so einen Geburtsplan machen und damit auch in die Geburt gehen oder das im Vorgespräch ansprechen. Das finde ich grundsätzlich erstmal richtig. So will ich das. Das ist mir wichtig. Das möchte ich nicht – nur den Dreh nicht vergessen, dass das oftmals in den Geburtsplänen ganz viel drin steht, was man nicht will. Alle Ängste präsent werden, was man nicht wünscht. Und da mehr auch den Fokus drauf. Und so will ich das, ja. So stelle ich mir das vor und dass da mehr Kommunikation stattfindet. Da müssen die Frauen kommen, mehr wollen dürfen, sich das auch erlauben. Und die andere Seite natürlich auch eine ganz große Offenheit entwickeln für das, was da kommt an Wünschen und Vorstellungen."

Nora Lissmann: "Bei der Anmeldung hatte ich versucht, Wünsche zu äußern. ‚Wie wird es denn hier im Krankenhaus gehandhabt, wenn man keinen Dammschnitt haben möchte?‘ Da hat sie mich nur angeguckt. ‚Also Dammschnitt kann man ja nicht einfach kategorisch ablehnen. Manchmal ist es halt notwendig.‘ Und da dachte ich noch, ‚Oh Gott, die möchte ich auf gar keinen Fall sehen.‘"

Alexandra Kopf: "Der physiologische Prozess der Geburt bringt einen in einen natürlichen Trancezustand, eine ganz hohe Fokussierung auf sich selbst, auf die Abläufe im Körper. Und ein Problem entsteht in dem Moment, wo man rausgeholt wird aus diesem Zustand.

Keine Spur von Herzlichkeit oder Freundlichkeit

Nora Lissmann: "Ich glaub zehn Minuten später kam dann die Hebamme rein, von der ich wirklich um keinen Preis wollte, dass sie mich betreut. Und das war ein kleiner Schlüsselmoment von der Geburt. Ich hab mir überlegt, soll ich noch, soll ich schnell fragen, ob ich die Kollegin bekommen könnte. Aber das ist so. Das ging so schnell. Und dann war die Hebamme schon im Raum und dann war es irgendwie vorbei."

Alexandra Kopf: "Wenn man dieses Hormon-Orchester laufen ließe sozusagen, ohne dass vielleicht Angst oder Stress mit hinein kommt, kann man einem natürlichen Trancezustand sein. Versunken in sich selbst mit hilfreichen Mechanismen, dass man die Außenwelt gedämpfter wahrnimmt, dass man Sprache anders wahrnimmt, dass man mehr im Gefühl, in einer Gefühls- und Bilderwelt ist."

Nora Lissmann: "Natürlich hat sie uns Hallo gesagt, aber da war von Herzlichkeit, Freundlichkeit überhaupt nichts, ihr stand schon ins Gesicht geschrieben, dass sie jetzt keine Lust hat, mich zu betreuen. Dann hat sie angefangen, mich zu untersuchen. Alles noch ganz normal und auf einmal dieser wahnsinnige, stechende Schmerz. Ich war wie gelähmt und habe die Hebamme angeguckt, hab die Augen aufgerissen. Mehrmals aua gesagt, habe meinen Mann angeguckt, der stand neben mir, auch Augen weit aufgerissen mich angeschaut. Und die Hebamme hat mich gar nicht angeguckt."

Elke Kötter: "Es gibt Gründe, in der Wehe nachzugucken, nämlich dann, wenn du wissen willst, ob der Kopf tiefer verschiebt, ob der Kopf wirklich den Weg findet. Man guckt auch nach, ob der Muttermund fest ist oder weich. Leider ist der Muttermund von innen wahnsinnig empfindlich."

Nora Lissmann: "Sie hat gar nichts dazu gesagt. Also kein Kommentar. Da war gar keine Kommunikation. Sie hat einfach nur weitergemacht. Das waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je in meinem Leben hatte. Nicht die Wehen. Nichts ist vergleichbar mit diesem Schmerz, den sie mir zugefügt hat."

Die Hebamme ist sichtlich genervt

Elke Kötter: "Und es ist so ein neuralgischer Punkt. Den berühren wir halt und der Kopf drückt auch da drauf und das macht dolle Schmerzen. Aber auch das kann man erklären und sagen ‚Wir machen das jetzt, weil ich will gucken und dann kann man das zusammen gemeinsam machen.‘ Ich versuche das immer zu erklären."

Nora Lissmann: "Und ganz am Ende der Untersuchung ist die Fruchtblase geplatzt. Es ist ein Schwall aus mir rausgekommen. Die Hebamme ist genervt zurück gesprungen, weil sie ja davon fast erwischt wurde und hat dann erst mal genervt gestöhnt. Und wieder kein Kommentar, kein Kommentar."

Alexandra Kopf: "Die Sprache, jemanden zu informieren einfach, über das was jetzt passiert. Welchen Tonfall nutze ich dafür, wie gehe ich in den Kontakt, ist dieser Mensch im Zentrum und halte ich den für entscheidungsfähig. Ich glaube, das hat eine ganz, ganz große Kraft."

Nora Lissmann: "Es war leider eine sprachlose Situation. Mein Mann hat tatsächlich keine Fragen gestellt. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, warum er da nichts sagen konnte. Er war einfach genauso geschockt wie ich."

Nora Lissmann wird schlecht, sie muss sich übergeben, bekommt kommentarlos eine Nierenschale aus Pappe gereicht.

Nora Lissmann: "Ich bin dann mit heruntergelassenen Hose, bin ich dann in den Kreißsaal rüber gehumpelt, denn meine Hose war natürlich klatschnass, das ganze Fruchtwasser war drauf und dann waren wir erstmal im Kreißsaal allein. Von dem Moment an gab's erst mal gar keine Kommunikation mehr."

Elke Kötter: "Es ist entscheidend. Die Kommunikation ist da total entscheidend. Und dieses durchweg Dabeibleiben. Diese Konstanz in der Betreuung. Dass man nicht rausgeht, etwas anderes macht und wieder weg ist, sondern dass man eigentlich am besten daneben bleibt."

Nichts als Schmerzen

Nora Lissmann: "Und mit dem Moment fingen die Wehen immer mehr an, weh zu tun und wurden immer stärker und mit immer kürzeren Abständen. Und ich wusste gar nicht …"

Elke Kötter: "Wenn wir permanent bei den Frauen bleiben könnten, würden wir wissen, welche Ursache der Schmerz hat. Wo an welcher Stelle die Geburt steht, ganz ohne dass wir händisch untersuchen."

Nora Lissmann: "Innerhalb von diesen paar Minuten hat sich die gesamte Geburt so richtig gewendet. Ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen."

Ein Piktogramm weist am 12.02.2016 auf einem Klinikwegweiser in Marburg (Hessen) den Weg zum Kreißsaal der Uniklinik.  (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi )Die Form der Kommunikation hat einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf der Geburt. (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi )
Alexandra Kopf begleitet Frauen auch bei der Aufarbeitung traumatischer Geburtserlebnisse.

Alexandra Kopf: "Es gibt immer diesen Punkt, wo die Frauen so völlig die Kontrolle verloren haben, so dieses ‚Ich wusste nicht mehr, wo oben, hinten und vorne war und ich bin nicht mehr zu mir gekommen.‘"

Nora Lissmann: "Die Hebamme ist dann irgendwann reingekommen hat gesagt: ‚Wie hättest Du das denn ohne Schmerzmittel machen wollen!?‘ Weil sie wusste ja, dass ich mir eine möglichst natürliche Geburt gewünscht hatte und ich war ja erst bei drei Zentimetern und wie soll das dann noch werden, so ungefähr."

Alexandra Kopf: "Das ist gut zu wissen, was man da setzt und dass man wirklich so viel Macht hat in einer Sprache, die so gut sein kann und so positiv und so bestärkend, aber gleichzeitig auch sehr zerstörerisch und unauslöschlich, sorgenvolle Bilder erst mal mit auf den Weg gibt."

Und die Angst steigt immer weiter

Regelmäßig folgen weitere Untersuchungen für Nora Lissmann. Sie fürchtet sich davor.

Nora Lissmann: "Ich war unglaublich angespannt. Ich konnte aber auch gar nicht. Ich konnte gar nichts sagen. Bitte ein bisschen vorsichtiger als vorher. Das hat mir wehgetan. Ich war wie gelähmt. Die Ärztin, die mittlerweile auch dazugekommen war, die stand nebendran und hat dann auch nochmal untersucht."

Sven Hildebrandt: "Allein die Präsenz ist schon eine Form der Kommunikation, beziehungsweise die Abwesenheit ist eine Form der Nicht-Kommunikation. Die Präsenz. Und zwar meine ich damit nicht nur, dass die Hebamme oder Arzt oder Ärztin im Raum anwesend sind, sondern, dass sie wirklich präsent sind, dass sie bei der Frau sind. Das zweite ist die Aufmerksamkeit, die die Hebamme oder Arzt oder Ärztin der Frau entgegen bringen. Und damit ist gemeint, dass sie ihr in die Augen schauen, dass sie bei der Frau sind."

Nora Lissmann: "Ich habe wieder geschrien vor Schmerzen und auch von der Ärztin kam keine Reaktion. Dann hat die Hebamme nochmal gefühlt und hat die Ärztin angeguckt hat gesagt: ‚Sie ist erst bei vier Zentimeter‘ und dann haben die beiden sich so genervt angeguckt."

Alexandra Kopf: "Alles, das sage ich auch immer in meinen Fortbildungen, alles was Sie sagen, ist Gold. Es ist so wichtig. Alles, was sie an Gestik oder Bewegung, Mimik von sich geben, kann eine Auswirkung haben. Im hilfreichen Sinne, aber kann einen auch in eine Problemhypnose bringen."

Nora Lissmann: "Und dann hat die sich mir zugedreht und gesagt: ‚Na gut, dann kriegste halt ne PDA.‘ Das Anästhesie-Team kommt ja dann. Die waren super nett. Als die durch die Türe kamen, die haben gelächelt. Die waren einfach super. Und ich hab mich richtig gefreut. In dem Moment dachte ich, okay jetzt geht's wieder bergauf!"

Und die Kommunikation zum Kind?

Mit einer Periduralanaesthesie, kurz PDA, kann man die Schmerzempfindung der Nerven der unteren Körperhälfte ausschalten. Nicht nur der Eingriff selbst birgt Risiken, denn eine PDA kann den Geburtsverlauf ungünstig beeinflussen. Bei Nora Lissmann bringt sie jedoch Entspannung und Geburtsfortschritt, auch die schmerzhaften Untersuchungen spürt sie nicht mehr. Pausen zu nutzen als Kraftspender, kleine und große, auch zwischen den Wehen, ist entscheidend, sagt Alexandra Kopf.

Alexandra Kopf: "So eine ganz einfache Intervention ist: Gibt es einen Ort, wo sie gerne wären? Man hat immer auch Zeit, in den Pausen einfach den Fokus zu verändern, etwas zu erfragen. Und dann entsteht ein anderer körperlicher Zustand. Die Bilder entstehen, die dazugehören. Das sind Ressourcen. Die sind ganz individuell. Das kann man niemandem erzählen sozusagen. Machen Sie jetzt mal eine Pause. Eher nicht davon auszugehen, wir wissen alle, was eine Pause ist, wissen wir nicht. Weil es für jeden was anderes ist."

Sven Hildebrandt: "Die Beziehung der Mutter zum Kind. Auch diese Ebene ist von größter Bedeutung. Deswegen ist eine der wichtigen Aufgaben von uns, die wir Frauen begleiten, bei der Geburt immer wieder die Kommunikation und diese Beziehung zum Kind während der Geburt aufrechtzuerhalten und gegebenenfalls wiederherzustellen."

Nora Lissmann: "Ich habe, das bereue ich im Nachhinein sehr, ich habe keinen Kontakt zu meinem Baby aufgenommen. Ich war so sehr mit mir und meinen Schmerzen beschäftigt, also gerade so bevor ich die PDA bekommen habe. Da konnte ich an gar nichts denken."

Sven Hildebrandt: "Die sagen der Mutter, ‚Bring mal dein Kind zum Lächeln.‘ Und dann geht die Mutter, man kann dann richtig sehen, wie die Mutter selber zu lächeln beginnt, wie sie zu ihrem Kind geht und wie das Kind spürbar reagiert. Wir haben es oft auf phantastische Weise zeigen können, dass wir allein durch das Hinführen der Mutter zu ihrem Kind erreichen, dass sich Herztonmuster wieder stabilisieren. Da werden auch Reflexe bei der Mutter geweckt, die auch für die Mutter heilsam sind."

Nora Lissmann: "Dieser ganze Prozess hatte nichts mehr mit meinem Kind zu tun. Und dass ich jetzt ein Kind bekomme."

Angst führt zu Verspannung

Die Geburt geht voran, eine Untersuchung ergibt den Befund, dass der Muttermund vollständig geöffnet ist. Die nächste Phase der Geburt des Kindes beginnt.

Nora Lissmann: "Diese zehn Zentimeter kamen am Ende relativ überraschend. Die Hebamme hat mich untersucht. ‚Also zehn Zentimeter, dann schalten wir die PDA jetzt ab.‘ Und dann ist sie rausgegangen, ich wusste gar nicht, was ich jetzt machen soll. Was bedeutet das jetzt? Die PDA wird abgeschaltet. Warum? Ich hab auch schon wieder angefangen, die Wehen zu spüren und es war einfach. Es war wieder, es hat genau da angesetzt, wo es aufgehört hatte. Die Schmerzen haben mich mit voller Wucht wieder überrollt."

Elke Kötter: "Angst macht Verspannung. Und dann hat man Angst vor der nächsten Wehe und die kommt und die tut viel mehr weh, weil man wahnsinnig verspannt ist. Und dann kommt wieder der Schmerz. Und das ist ein Kreislauf. Wir können ihn nur an der Angst kappen. Wir können durch positives Zutrauen durch. Du schaffst das, Du kannst das. Wir gehen diesen Marathon gemeinsam nur so kann man das schaffen. Anders geht es nicht."

Nora Lissmann: "Und ich stand da an diesem Kreißbett und hab die Hebamme dann angeguckt und gesagt, können wir bitte, bitte die PDA wieder aufspritzen, ich kann nicht mehr. Da hat sie mich nur angeschaut: ‚Also ohne Schmerzen kann man halt kein Kind bekommen.‘ In dem Moment war das wie so ein Schlag ins Gesicht. Ich hab mich schuldig gefühlt, dass ich mit den Schmerzen nicht klarkomme. Das gehört dazu und ich kann‘s nicht."

Der Arzt hält das schreiende Baby mit Nabelschnur in den Händen, daneben sieht man noch die Operationswunde. (dpa / Daniel Karrmann)Wenn die Verspannungen so groß sind, hilft in vielen Fällen nur noch ein Kaiserschnitt. (dpa / Daniel Karrmann)
Sven Hildebrandt: "Hier wird dein Kind geboren. Das ist ein weltgeschichtlich einmaliger Moment, der gerade passiert. Wenn wir die Frau immer wieder auf diese Ebene der Geburt zurückholen, dann werden wir hormonelle Systeme triggern, die ganz wesentlich für das Gelingen der Geburt ist."

Nora Lissmann: "Ich stand da am Kreißbett. Die Hebamme hatte noch gefragt, kriegt Ihr einen Jungen oder Mädchen. Und ich hab ihr dann gesagt, ein Mädchen. Okay. Und dann hat sie den Schrank aufgemacht und dann diese rosa Armbänder gerichtet, mein gesamtes Hirn hat sich in dem Moment, das war so, nee. Du kannst doch nicht jetzt dein Kind bekommen. In dieser Atmosphäre. Und dann hat sie gesagt, ich soll mich hinstellen und hat dann meinen Rücken angefangen zu massieren und hat mich dann mit jedem Ausatmen nach unten gedrückt. Das tat auch ganz gut. Allerdings hat sie den Rhythmus vorgegeben. Das war überhaupt nicht mehr meine Geburt. Ich war wie so eine Marionette."

Elke Kötter: "Es ist immer gut, der Frau zu sagen, dass sie der Boss ist. Sie macht die Geburt und auch für mich das Bewusstsein, es heißt ja Geburtshelfer. Eigentlich sollte es Geburtsbegleiter heißen."

Hebamme und Arzt übernehmen das Kommando

Nora Lissmann: "Sie hat bestimmt, wann ich mich nach vorne lehne, sie hat bestimmt, wie ich ein- und ausatme. Sie hat gesagt, tu dies, tu das. Du atmest falsch, atme gefälligst so."

Elke Kötter: "Wir müssen es aushalten, wir müssen geduldig sein. Wir müssen abwarten. Wir müssen schauen, was die Natur von ganz alleine macht. Und natürlich gehört dazu, der Frau das zu überlassen."

Nora Lissmann: "Und irgendwann haben wir gemerkt, da stimmt etwas nicht. Es geht nicht voran. Und dann habe ich gesagt, Ja was ist denn jetzt eigentlich gerade. Das war auch das erste Mal, dass ich es geschafft habe, mal eine Frage zu stellen."

Ihre Tochter scheine nicht richtig zu liegen, sagt die Hebamme, der Oberarzt werde nun gerufen, um die Lage zu beurteilen.

Nora Lissmann: "Der war in dem Moment bei einer anderen Geburt im Nebenzimmer gewesen und kam dann reingestürmt. Der war keine drei Sekunden im Raum, da hatte der seine Hand schon zum Untersuchen in mir drin. Hat er kurz einen gedankenverlorenen Blick Richtung Decke so, gefühlt und dann: ‚Absolut unmöglich: Kaiserschnitt.‘ Hand raus, dann mir ins Gesicht geschaut und gesagt, so ‚Hallo ich bin übrigens der Doktor Soundso.‘ Das war natürlich erstmal ein Schock, auch allein wie er das gesagt hat. Das war so ja, da ist gar nichts zu machen."

Keine Hoffnung mehr auf eine natürliche Geburt, die sie sich gewünscht hatte. Nora Lissmann hofft, dass es nun wenigstens schnell gehen werde, ihre Kräfte sind zu Ende. Aber in der Zwischenzeit kommen noch zwei weitere Frauen zur Geburt in den Kreißsaal, alle sind beschäftigt.

Nora Lissmann: "Also ich lag zweieinhalb Stunden auf dem Rücken mit CTG umgeschnallt mit Pressewesen und mit den heftigsten Schmerzen. Meine Tochter lag falsch. Sie hat die ganze Zeit, ich glaube, gegen mein Schambein gedrückt."

Im OP gibt es ein Wiedersehen mit dem Anästhesie-Team. Die OP beginnt. Nach kurzer Zeit ist ihre Tochter da. Sie möchte ihre Tochter in die Arme nehmen, aber die sind festgeschnallt.

Glücklich und schockiert

Nora Lissmann: "Und die Anästhesie-Schwester hat es gemerkt und hat dann auch sofort meine Arme losgeschnallt und ich hab noch versucht, meine Tochter zu berühren und hab aber nur noch den Arm von der Hebamme erwischt. Und dann hat die Hebamme gesagt, ich nehme sie jetzt mit rüber, hier ist es zu hell und zu kalt. Und dann waren sie weg."

Zurück aus dem OP, wird Nora Lissmann zu ihrem Mann und ihrer Tochter gebracht. Sie ist erschöpft, zittert, kann sie nicht halten, schläft ein, kurz und tief.

Nora Lissmann: "Für mich hat sich das angefühlt wie eine Ewigkeit und dann hat mein Mann mir die Kleine auf die Brust gelegt.

Nora Lissmann ist glücklich, aber auch schockiert, verletzt. Sie glaubt, dass die Geburt ihrer Tochter unter anderen Bedingungen einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Einige Zeit später nehmen sie und ihr Mann über das Beschwerdeformular Kontakt zum Krankenhaus auf und bekommen einen Gesprächstermin mit dem Chefarzt. Sie schildern ihre Erfahrung und fühlen sich zunächst verstanden. Was sie wünschen, ist eine Konsequenz, Umdenken, eine Bewusstheit bei den Beteiligten. Aber sie erfahren später, dass ihre Rückmeldung gar nicht an die Hebamme weitergegeben wurde.

Nora Lissmann: "Um für mich persönlich abschließen zu können, habe ich dann im November mich dazu entschieden, eine Rose abzulegen mit einem Brief. In dem Brief habe ich geschildert, was mir passiert ist. Ich habe keine Namen genannt."

Am internationalen Aktionstag Roses Revolution Day, dem 25. November, legen Frauen, die eine Geburt physisch oder psychisch als gewaltsam erlebt haben, Rosen vor "ihrem" Kreißsaal ab.

Nora Lissman: "Und dann eine Woche später per Einschreiben dann das Hausverbot im Briefkasten und das war wie eine weitere Demütigung. Eigentlich nochmal so ein richtiger Schlag ins Gesicht."

Machausübung statt Respekt

An Nora Lissmanns Geschichte zeigt sich das Ungleichgewicht in den Beziehungen der aufeinandertreffenden Personen, sie spiegelt die Bedeutung und Macht der Kommunikation: Patienten im Krankenhaus sind angewiesen auf Menschen, die es gut mit ihnen meinen, die respektvoll und verantwortungsbewusst kommunizieren, die ihre Macht nicht ausspielen. Was hier im Hausverbot gipfelt, spiegelt auch das "System" - die Machtstruktur Krankenhaus, die Maschine Krankenhaus, die Patienten, aber natürlich auch das Personal gleichermaßen einnehmen und überlasten kann.

Elke Kötter: "Es gibt kaum noch Hebammen, die Vollzeit arbeiten und ich glaube, dass es auch gesund ist. Ich glaube, Vollzeit im Drei-Schicht-System bei 4000 Geburten im Jahr, ist mal eine Stange, indem man es wahrscheinlich schwieriger hat, nett und freundlich zu bleiben. Und trotzdem sollte jeder, der professionell da mit am Bett steht, sich überdenken und sich reflektieren, was mache ich, wie wirke ich und warum."

Das System Krankenhaus ist in seinem Potenzial und in seiner Problematik historisch gewachsen, aber auch ein von Politik und Gesellschaft getragenes System. Ist das Krankenhaus vielleicht einfach nicht der richtige Ort zum Kinderkriegen?

Sven Hildebrandt: "Die Frage würde bedeuten, dass Krankenhausstrukturen an sich Kommunikations- und beziehungsfeindlich sind. Und das sind sie nicht. Es hängt ausschließlich ab, erstens vom Verständnis der Beteiligten von Beziehung und Kommunikation bei der Geburt und zweitens ganz entscheidend von den Ressourcen."

Elke Kötter: "An sich haben wir es in Mitteleuropa geschafft, in den Industrieländern geschafft, unsere Säuglingssterblichkeit und auch die Muttersterblichkeit drastisch zu senken. Ich glaube, das ist vor allem ein Verdienst von moderner Medizin und von Krankenhäusern. Ich denke, dass ein Krankenhaus eine intensivmedizinische Abteilung in der Nähe schon der richtige Ort ist zum Gebären. In der Nähe heißt aber nicht, dass es direkt Tür an Tür und dass eine Geburt ein pathologisch überwachtes Ding ist. Sondern es muss da stehen und es muss für den Fall der Fälle, für die wenigen Prozentzahlen bereit sein."

Das Problem steckt im System

Sven Hildebrandt: "Wenn es ein Krankenhaus schafft, eine Eins-zu-Eins-Betreuung einer Gebärenden durch eine Hebamme rund um die Uhr sicherzustellen. Wenn zum Beispiel der heikle Punkt des Schichtwechsels, der unter Umständen mitten in den Geburtsprozess hinein fällt, vom Krankenhaus organisatorisch abgefangen wird. Wenn das gelingt, dann ist die Geburt im Krankenhaus automatisch mit der gleichen Beziehungs- und Kommunikationsqualität ausgestattet wie bei der außerklinischen Geburt."

Die Zentralisation der Geburtshilfe macht Sven Hildebrandt Sorgen: Kleinere Einrichtungen werden zunehmend geschlossen, die personelle Ausstattung der größeren wird jedoch immer erst im Nachhinein, anhand der bereits erbrachten Geburtenzahl erhöht. Er fordert ein fundamentales Umdenken.

Sven Hildebrandt: "Wenn die Gesellschaft den Wert der Geburt für ein ganzes Menschenleben, den Wert der Geburt für die für die gesamte Gesellschaft, dann wird sich etwas tun. Ich träume davon, dass wir den Schutz der Geburt als Staatsziel formulieren. Die Geburtshilfe muss aus meiner Sicht ein separater betriebswirtschaftlicher Sektor sein, der natürlich zum Teil von den Krankenkassen mitfinanziert wird, aber der im Wesentlichen aus einem Fonds finanziert wird, der das Grundverständnis der Geburt als nicht medizinischen Akt, sondern als gesellschaftlichen Akt, als kulturellen Akt pflegt."

Ein eigener Finanzierungsfonds, ein eigenes Sozialgesetzbuch für die Geburt könnte auch andere Probleme rund um Geburten regeln:

Sven Hildebrandt: "Damit wäre auch dieses leidige Haftpflicht-Problem gelöst: Dass nicht mehr der Geburtshelfer, die Geburtshelferinnen oder die Hebamme versichert sind, sondern die Geburt ist versichert. Ähnlich wie bei der Kfz-Versicherung. Dort hat man dieses Prinzip ja durchgesetzt und bei der Geburtshilfe setzt man es nicht durch. So übertrieben das jetzt auch klingt, ich könnte mir vorstellen, dass einige unserer derzeitigen gesellschaftlichen Phänomene, mit denen wir so schlecht zurechtkommen, auch ein Stück damit zu tun haben, dass die Menschen, die jetzt gerade die Kultur ganz wesentlich prägen, selber in einer Geburtskultur groß geworden sind oder geboren worden sind, die eben nicht so ganz sanft war. Die Geburtshilfe der 60er-Jahre war eine relativ rabiate Geburtshilfe."

Elke Kötter: "Es ist einfach etwas, was uns dauerhaft begleitet. Man kann sagen, es ist ein tiefer Einschnitt mit meinem Leben. Und es ist ein schmaler Grat zu sagen ‚Meine erste Geburt war traumatisch‘ oder ‚Sie hat mich bewegt oder sie hat mich halt verändert.‘"

Nora Lissmann: "Das ist dann auch der nächste und wahrscheinlich letzte Schritt in der Traumatherapie, dass man, wenn das Gefühl kommt, dass man es zulässt, aber kontrolliert und es dann auch kontrolliert wieder gehen lässt und dass man einfach nicht wieder so ohnmächtig ist."

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