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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.06.2005

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Die Geschichte der Gastfreundschaft

Vorgestellt von Susanne Nessler

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Wie entstanden das Gastrecht und die Fremdenfreundlichkeit? Das neu erschienene Sachbuch "Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum " von Otto Hiltbrunner widmet sich den Anfängen der europäischen Gastkultur. Ein historischer Rückblick auf sieben Jahrhunderte Gastlichkeit.

Gastfreundschaft wurde in der Antike groß geschrieben. Sie war eine der obersten Pflichten. Wer an fremde Türen klopfte, fand Bett und Brot. Denn jeder Bürger musste Reisende von gleichem oder ähnlichem Stand in seinem privaten Haushalt unterbringen. Sich dieser Pflicht zu verschließen, war Frevel. Die Götter der Antike bestraften Ungastlichkeit, belohnten aber jene, die ihr Haus mit anderen teilten.

" Im klassischen Athen versetzt der Komödiendichter Aristophanes den, der sich gegen den Gast vergeht, an die erste Stelle unter den Verdammten, die auf dem Weg zu Hölle in Sumpf und Kot stehen. […] Die Gastfreundschaft ist ein Kennzeichen, an dem man den zivilisierten Menschen erkennt und misst. "

Gastfreundschaft lautet einfach und viel versprechend der Titel über ein Jahrtausende altes Phänomen. Ein Buch über die Wurzeln unsere Gastkultur. Otto Hiltbrunner der Autor, hat die verschiedenen Arten der Bewirtung und Einladung im privaten und im offiziellen Leben der Antike und des frühen Christentums gründlichst erforscht. Von Homer bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert reicht seine Beschreibung über die Geschichte der Gastlichkeit.

Ein hochwissenschaftliches 200 Seiten starkes Werk, das der emeritierte Professor für Altphilologie mit zahlreichen Zitaten aus der griechischen und römischen Literatur schmückt :
Homer, Aristoteles, Platon, Beschreibungen aus dem Bellum Gallicum, der Odyssee des Odysseus, und den Metamorphosen.
Für den Spezialisten ist das sicher interessant, doch all die Leser, die einen gut und allgemein verständlichen Überblick erwarten, werden enttäuscht.

Dass Gastwirte im antiken Athen und Rom nicht besonders angesehen waren, weil sie Geld für ihre Dienste nahmen, aber solche Gastwirtschaft vor allem von reichen Bürgern unterhalten wurde, gehört zu den vielen interessanten Informationen in diesem Buch. Inhaltlich hat der Autor jedes noch so kleine Detail, jede Ausnahme, jeden Widerspruch minutiös aufgelistet. Als profunder Kenner des Altertums will sich Otto Hiltbrunner davon auch nicht lösen, er hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Antike verfasst. Das Buch Gastfreundschaft ist für ausgemachte Spezialisten geschrieben, denen exakte Jahresangaben und ausführliche Zitate wichtige sind.

" In seiner christlichen Umformung der ciceronischen Pflichtlehre empfiehlt Ambrosius seinen Klerikern die Gastfreundlichkeit mit folgenden Worten: In ihr tritt die Menschlichkeit nach außen in Erscheinung, so dass der Fremde nicht ohne Obdach bleibt, liebevoll aufgenommen wird, dass sich ihm bei seiner Ankunft die Türe öffnet. Es dient sehr dem Ansehen vor aller Welt, wenn Fremde in Ehren aufgenommen werden, ihnen nicht die freundliche Einladung an den gastlichen Tisch versagt bleibt, man ihnen entgegeneilt mit großherzigem Anerbieten, wenn man sogar Ausschau hält nach ankommenden Fremden. "

Mit dem Ende der Christenverfolgung beginnen, ab dem 4. Jahrhundert die Pilgerströme. Begehrte Ziele sind Rom und Jerusalem. Doch die Zahl der christlichen Pilger ist schnell so hoch, dass sie privat nicht mehr alle untergebracht werden können. Die Ehrenpflicht der Gastfreundschaft aus der Antike ist für die Bürger nicht mehr zu leisten.

Wirtshäuser, Herbergen und Hospitien entstehen aus denen sich später Hospitäler entwickeln, die nicht nur der Unterkunft sondern auch der Pflege der Reisenden dienen.
Gastfreundschaft wird somit ab dem frühen Christentum immer mehr zum Tauschgeschäft, die Gäste bezahlen für die Unterbringung.

Das ist heute nicht anders. Diese Transferleistung muss der Leser allerdings selber treffen. Auf die Bedeutung der Gastfreundschaft für unsere heutige Kultur geht der Autor leider nicht ein.

Ein Buch über Gastfreundschaft, das leider nicht zum Lesen einlädt. Da reiht sich Zeile an Zeile über das eigentlich spannende Thema dröges Seminardeutsch. Kaum hat man einen Fachbegriff verstanden, kommt schon der nächste. Und wer sich in der antiken Sagenwelt nicht auskennt, weiß nach wenigen Seiten nicht mehr mit welchem der vielen Götter und Helden er es gerade zu tun hat.

Zu Recht ist der Titel bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen, doch das entbindet nicht von ansprechendem Sprachstil und Verständlichkeit.
Diese beklagenswerten Defizite besonders in deutschen Geisteswissenschaften setzt dieser Titel fort. Das Sachbuch ist eigentlich Fachliteratur, die sich so einem größeren Leserkreis versagt. Und das ist schade.

Otto Hiltbrunner: Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. 2005
210 Seiten

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