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Buchkritik | Beitrag vom 05.08.2020

Will Hill: "After the Fire"Geschichte einer Befreiung

Von Sylvia Schwab

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Das Cover von Will Hills Buch ist auf orange-weißem Hintergrund zu sehen. Das Cover ist in Rot gehalten, die Skizze eines Bauwerks ist in schwarz darauf zu sehen. (dtv / Deutschlandradio)
In Will Hills Buch "After the Fire" geht es um das Leben eines jungen Mädchens vor und nach der Befreiung aus den Klauen einer Sekte. (dtv / Deutschlandradio)

Bekannt ist Will Hill für seine SF-Serie "Department 19" über eine britische Geheimorganisation im Kampf gegen das Übernatürliche. In seinem neuen Buch kämpft eine junge Frau gegen die Fänge einer Sekte an. Ein ernster, mitreißender Jugendroman.

Die furiose Einstiegs-Szene des neuen Romans von Will Hill könnte im Horror-Umfeld spielen: Eine gnadenlose Schießerei, bei der viele Menschen ums Leben kommen.

Auch die zu dieser Szene führende Roman-Handlung hat Horror-Charakter, nur dass dieser Horror real ist. Will Hill erzählt von der Gründung einer rigiden Sekte in den USA, von der jahrelangen Unterdrückung ihrer Mitglieder und der gewaltsamen Befreiung durch die Polizei.

Ein Leben vor und eines nach der Befreiung

Die 18-jährige Moonbeam hat nicht nur die elternlosen Jahre in der "Heiligen Kirche der Legion Gottes" überlebt, sondern auch das grauenhafte Feuer-Inferno der Befreiung.

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Nun ist sie mit allen anderen Kindern und Jugendlichen in einer Kinderpsychiatrie untergebracht und soll im Gespräch mit einem Therapeuten und einem FBI-Agenten ihr Trauma verarbeiten und möglichst viele Informationen über die Sekte liefern.

Vom Moment des Feuers an gliedert sich Moonbeams Leben in ein Davor und ein Danach. Und auch Will Hills Roman hält sich ganz klar an diese Struktur.

Traumata und ihre Aufarbeitung

Im "Danach" der Therapiesitzungen arbeitet Moonbeam im Gespräch mit zwei sehr unterschiedlich agierenden Männern ihre Traumata auf. Ihr anfängliches Misstrauen – sie ist konditioniert, alles außerhalb der Sekte als die Hölle anzusehen – schlägt im Dialog mit den wohlwollenden Männern langsam in Vertrauen um. Ein unglaublich interessanter Prozess, begleitet von vielen schmerzhaften Einsichten.

In den mit "Davor" überschriebenen Kapiteln schildert Moonbeam ihr Aufwachsen und das Leben in der Legion, einem mit hohen Zäunen begrenzten Lager in der Wüste. Father John, "Gottes Abgesandter auf Erden", führt ein gnadenloses Terror-Regime; bewaffnete Wachleute sorgen für Ordnung; statt Schule gibt es regelmäßige Gehirnwäschen; Fragen oder Widerstand werden hart bestraft. Daraus folgen Misstrauen und Einsamkeit.

Doch Moonbeam, deren Vater gestorben ist und deren Mutter ausgewiesen wurde, macht sich schon früh ihre eigenen Gedanken.

Kammerspielmäßig und temporeich

Will Hill hat nicht nur ein komplexes und hochinteressantes Thema angepackt, er gestaltet es auch psychologisch ausgesprochen spannend. Wie sich Moonbeam in den Gesprächen mit dem sympathischen Therapeuten und dem klugen Agenten langsam öffnet, wie sie die Angst vor dem toten "Propheten" und ihre Schuldgefühle peu à peu überwindet, wie sie Selbstvertrauen gewinnt und sich auf ein eigenes Leben vorbereitet, das ist kammerspielmäßig inszeniert und subtil und sensibel erzählt.

Actionorientiert und temporeich dagegen ist die "Davor"-Ebene gestaltet. In vielen spannenden Szenen erlebt der Leser die unterschwelligen oder auch grausamen Unterdrückungsmechanismen in der Sekte, die Verführungen und Abhängigkeiten, das leise Aufbegehren, den offenen Widerstand oder auch verbotene Gefühle.

Will Hill deckt den Schrecken dieser – und jeder – Gewaltherrschaft auf, er verkleinert ihn nicht, verzerrt ihn aber auch nicht sensationslüstern. Ein ebenso ernsthafter wie mitreißender Jugendroman!

Will Hill: "After the Fire"
Aus dem Englischen von Wolfram Ströle
dtv, München 2020
480 Seiten, 15,95 Euro
ab 14 Jahren

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