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Sonntag, 05.07.2020
 
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Interpretationen | Sendung am 12.07.2020 um 15:05 Uhr

Wilhelm Stenhammar und seine 2. SinfonieSchwedische Stimmungen

Gast: Tomi Mäkelä, Musikwissenschaftler; Moderation: Olaf Wilhelmer

Der schwedische Komponist Wilhelm Stenhammar (1871-1927) (imago / Artokoloro)
Der schwedische Komponist, Pianist und Dirigent Wilhelm Stenhammar (1871-1927) auf einem Gemälde von Robert Thegerström aus dem Jahr 1900 (imago / Artokoloro)

Volkslied und Fuge – dazwischen bewegt sich die 2. Sinfonie von Wilhelm Stenhammar, eines der bedeutendsten Orchesterwerke Schwedens. Geschrieben in den Jahren des Ersten Weltkriegs, bricht das Werk zu neuen Ufern auf, indem es zurückblickt.

Grieg in Norwegen, Sibelius in Finnland, Nielsen in Dänemark. Und in Schweden? Das größte skandinavische Land hat keinen Komponisten von vergleichbarem Ruhm hervorgebracht. Nach Franz Berwald und neben Hugo Alfvén war Wilhelm Stenhammar der wohl prominenteste schwedische Tonsetzer; seine Zweite Sinfonie gilt vielen Kennern als eines der bedeutendsten jemals in Schweden komponierten Werke.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Wilhelm Stenhammar wurde 1871 in eine arrivierte und musikalische Familie hineingeboren. Trotzdem – oder gerade deswegen – genoss er keine rundum akademische Musikausbildung, sondern eignete sich vieles im Selbststudium an. Das führte dazu, dass er sich in den späten Jahren seines nicht allzu langen Lebens – er starb, überarbeitet und erschöpft, schon 1927 – noch einmal musiktheoretischen Studien zuwandte.

Die Zweite Sinfonie, komponiert in den Jahren 1911 bis 1915, zeugt davon. Ihre Stimmen sind dicht ineinander verwoben, ihr Finale wird von einer monumentalen Doppelfuge gekrönt.

Pionier mit Selbstzweifeln

Dabei hatte Stenhammar eigentlich keinen Grund, seinen eigenen Fähigkeiten zu misstrauen. Als Solist seines eigenen, ersten Klavierkonzerts wurde er von Richard Strauss und den Berliner Philharmonikern begleitet. Den Berlinern und ihrem Chef Arthur Nikisch widmete er später ein eigenes Orchesterwerk. Stenhammar selbst war ein brillanter Dirigent, der beim Orchester in Göteborg von 1907 bis 1922 Aufbauarbeit leistete.

Am liebsten aber widmete sich der von vielen Selbstzweifeln gebeutelte Musiker der Kammermusik, begleitete Geiger vom Klavier aus und gab unzählige Sonatenabende. Sein Repertoire als Pianist reichte von Bach bis zu Debussy, sein Einsatz als Dirigent galt – neben den Werken der bewunderten Kollegen Nielsen und Sibelius – der Musik Bruckners und Mahlers, die er in Schweden bekannt machte.

Herb statt heimelig

Dennoch setzte sich Stenhammar zunehmend von zentral- und westeuropäischen Tendenzen ab – allerdings nicht, wie so viele Skandinavier seiner Zeit, um folkloristisch bunte Rhapsodien zu schreiben, wenngleich ihn schwedische Volkslieder sehr interessierten. Vielmehr schuf er streng strukturierte Werke, deren Tonfall bisweilen archaisch anmutet.

Neeme Järvi dirigiert das Estnische Nationalorchester bei einem Gastspiel in der St. Petersburger Philharmonie, 2012 (imago / ITAR-TASS)Diesen Augen entgeht kein Repertoire-Schatz: Neeme Järvi, der große Dirigent nordischer Musik, 2012 in der St. Petersburger Philharmonie (imago / ITAR-TASS)

Manches von dem, was Stenhammar in den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg seinen Selbstzweifeln abtrotzte, nimmt den herben Neoklassizismus eines Paul Hindemith ("Mathis der Maler") vorweg. Stenhammar begann als Romantiker, ohne sich – wie die etwa gleichaltrigen Komponisten Schönberg und Ives – zum Modernisten zu entwickeln. Dieses musikalische "Zwischen-den-Stühlen-Sitzen" lässt ihn aus heutiger Sicht besonders eigenständig erscheinen.

Eine Dynastie und ihre Dirigenten

Wenige Dirigenten haben sich bislang an Stenhammars Zweite Sinfonie herangewagt, auch wenn die greifbaren Aufnahmen des Werkes erstaunlich vielseitig sind. Die Diskographie beginnt in den 1950er Jahren, wird später entscheidend bereichert durch die dirigierende Järvi-Dynastie, um heute in Herbert Blomstedt einen besonders engagierten Fürsprecher zu finden. Ehrensache für die Göteborger Symphoniker, an dieser Aufnahmetätigkeit maßgeblich mitgewirkt zu haben: Stenhammar hatte dem Orchester einst die Zweite Sinfonie gewidmet.

Unser Studiogast Tomi Mäkelä ist Professor für Musikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Experte für nordeuropäische Musik und Biograf von Jean Sibelius, mit dem Stenhammar befreundet war.

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