Seit 03:05 Uhr Tonart
Samstag, 08.05.2021
 
Seit 03:05 Uhr Tonart

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 11.08.2017

"Wildes Schleswig-Holstein"Wildcampen – ein legaler Selbstversuch

Von Johannes Kulms

Sonnenaufgang an einem Tümpel in Schleswig-Holstein. (Johannes Kulms)
Campen in freier Natur - in den meisten Bundesländern ist das verboten. An diesem Tümpel in Schleswig-Holstein ist es jedoch erlaubt. (Johannes Kulms)

Radfahren, wandern und abends im Wald das Zelt aufbauen – in Skandinavien geht das ziemlich einfach. Dort gibt es das sogenannte Jedermannsrecht. In Deutschland jedoch ist das "Wildcampen" in den meisten Bundesländern verboten. Ausnahme: Das "Wilde Schleswig-Holstein".

Ulrike Kaldewey führt mich über einen Trampelpfad voller Nacktschnecken. Vorbei geht es an dornigen Büschen und einer aufgegebenen Jagdhütte. Und dann ist der Blick plötzlich frei und reicht in die weite  sanft hügelige Landschaft der Holsteinischen Schweiz. Ein Paradies für seltene Tierarten, erklärt Ulrike Kaldewey:

"Das ist das Naturschutzgebiet. Jeden Tag kreist hier zum Beispiel ein Rotmilan, auch eine geschützte Art, drüber. Dann sind hier Störche und ein Haufen Frösche. Und Enten und Grillen wie man hört. Das ist von der Naturschutzbehörde renaturiert worden."

Wir stehen an einem Zaun in der Gemeinde Seedorf – etwa 20 Kilometer nordwestlich von Bad Segeberg. 

"Das war früher trocken gelegt durch einen Graben. Und die haben den Graben wieder aufgestaut und ja, jetzt ist es ein sehr schönes Sumpfgebiet." 

Campen am Rande eines Sumpfgebiets

Die Weide am Rande des Sumpfgebiets gehört Ulrike Kaldewey und ihrem Ehemann Jürgen. Genau dort will ich an diesem Abend mein Zelt aufbauen. Und gucken, ob es dieses "Wilde Schleswig-Holstein"  gibt, so wie es das gleichnamige Projekt verspricht. 

Auf derzeit 15 verschiedenen Flächen zwischen Nord- und Ostsee können abenteuerlustige Menschen für eine Nacht campieren – ohne dafür extra eine Genehmigung einzuholen. Das Ehepaar Kaldewey macht mit – und sieht mich keineswegs als Eindringling.

"Nö, das finde ich völlig in Ordnung. Schön ist natürlich immer, wenn man das, so wie Sie es auch gemacht haben, vorher anmeldet. Dann sind wir nicht ganz so überrumpelt oder können vorher noch ein paar Brombeerranken noch zurückschneiden, damit man da überhaupt hinkommt." 

Zelt an einem Tümpel in Schlesweig-Holstein. (Johannes Kulms)Was sind das für seltsame Geräusche mitten in der Nacht? Für einen Großstädter wie Johannes Kulm ist das Übernachten in der freien Natur gewöhnungsbedürftig. (Johannes Kulms)

Mücken, Bremsen und ein Reh am Morgen

Ich bin lange nicht mehr zelten gewesen, merke ich beim Versuch, meine Schlafstätte zu errichten. Um kurz nach 11 ist es dunkel. Ich bin längst völlig zerstochen von Mücken und Bremsen, liege auf meiner Isomatte und lausche. Der Autoverkehr auf der nahen Straße ebbt immer weiter ab und scheint irgendwann verstummt.

Immer wieder werde ich die nächsten Stunden wach werden, grübeln, ob es nun eine Katze, eine Maus oder eine Eule ist, die vor meinem Zelt ihr Unwesen treibt. Einmal klingt es sogar so, als wenn im nahen Tümpel ein Nilpferd ein Bad nimmt. Zumindest muss es etwas ziemlich großes sein, wenn ich meinen Großstadtohren trauen darf.

Um viertel nach Acht klingelt mein Wecker, ich stehe auf und baue mein Zelt ab. Gerade als ich den Platz verlassen will, erspähe ich ein Reh, wie es etwa 30 Meter entfernt am Tümpelrand entlang hüpft.

Kein Massentourismus

Insgesamt 20 Personen haben bisher das Angebot genutzt und ihr Zelt irgendwo auf dem rund 30.000 Quadratmeter großen Grundstück der Kaldeweys aufgebaut. Umgeben sind sie dort von uralte Kastanien, Hornissen- und Bienennestern und Birnen- und Apfelbäumen, die weitestgehend verschwundene Sorten tragen.

All dies sei er gerne bereit, Besuchern zu zeigen, erklärt der in der Nacht zurückgereiste Jürgen Kaldewey:

"Also, es soll kein Massentourismus sein, sonst ist der Reiz ja auch weg. Sondern es sollen die Leute sein, die auch die Natur kennenlernen möchten, die auch einen Blick haben für die kleinen Käfer, die zwischen den Gräsern herumlaufen, die auch mal nach oben sehen und die Eule im Baum sehen."

Jedermannsrecht: Wild Campen für Jedermann

In den skandinavischen Ländern ist genau dies deutlich einfacher möglich: In den dünn besiedelten Staaten räumt das Jedermannsrecht Besuchern eine weitestgehend freie Übernachtungsmöglichkeit in der freien Natur ein – sofern diese sich vernünftig verhalten.

In Deutschland sind die Sachen komplizierter, einfach so in der Wildnis campieren geht in der Regel nicht, jedes Bundesland hat eigene Bestimmungen. Gibt es in Schleswig-Holstein nun sozusagen ein "Jedermannsrecht light"? 

"Das ist ein schöner Begriff, find ich. Ja, kann man so sagen." 

Die Stiftung Naturschutz ist federführend bei der Aktion "Wildes Schleswig-Holstein". Mareike Zeddel kümmert sich hier um die Öffentlichkeitsarbeit. 

"Und dass ja schon ein Trend ersichtlich ist, dass die Leute auch mehr dieses eben ursprüngliche Naturerlebnis suchen. Was dann ja auch mit ganz vielen tollen Namen belegt ist, wie dieses 'microadventure' und alle wollen immer raus in die Natur und möglichst auch wenig Luxus und auch das Smartphone zu Hause lassen und so weiter."

Die Regeln des wilden Campens

Für das Schlafen unter dem Sternenhimmel gelten auf den ausgewiesenen Flächen Regeln: nur für eine Nacht, maximal zwei Zelte à drei Personen und nur eine Anreise zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Boot sind zugelassen. Dass auch der Müll beseitigt werden muss, versteht sich von selbst. 

Doch all dies werde akzeptiert, negative Rückmeldungen seien ihr bisher nicht bekannt, erzählt mir Mareike Zeddel bei einem Spaziergang durch den norddeutschen Regen. Wie viele das Angebot bisher genutzt haben sei schwer zu sagen, denn es gebe keine Statistiken.

Wer haftet bei Unfällen und Schäden?

Die meisten der 15 Übernachtungsflächen sind im Besitz der Stiftung, andere gehören Gemeinden oder sind im Privatbesitz. Nicht jede Fläche sei zum Zelten geeignet. In Fauna-Flora-Habitat, kurz FFH-Gebieten sei dies tabu auch bei Weiden und Wäldern gelte Vorsicht, sagt Zeddel.

"Bei den wilden Weiden ist es so, wenn Sie sich auf der Weide mit den wilden Heckrindern niederlassen und da passiert was, wer haftet, solche ganzen Geschichten. Es darf natürlich auch den Wanderern oder den Leuten, die hier übernachten nachts im Schlaf ein dicker Ast auf den Kopf fallen, dass da irgendwelche Schäden passieren."

Trotzdem könnten noch deutlich mehr Flächen in Schleswig-Holstein und bundesweit ausgewiesen werden für das Projekt, glaubt sie. Die Stiftung Naturschutz hofft, dass noch mehr Leute von dem Angebot erfahren. Aber auch nicht zu viele.

"Wenn man dann natürlich auf einem Platz wäre, wo dann noch 80 andere Zelte stehen würden, hätte man dieses Feeling ja gar nicht mehr. Dieses Gefühl, wirklich alleine draußen zu sein, darum geht’s ja auch und wirklich so ein bisschen eins zu werden mit der Natur. Dass muss schon beschränkt sein auf einige wenige an einem Ort." 

Nach meiner Nacht alleine im Zelt in der Schleswig-Holsteinischen Wildnis kann ich ihr nur recht geben.

(leicht geänderte Online-Version:mw)

In Rahmen der Aktion "Wildes Schleswig-Holstein" ist das Campen in freier Natur an ausgewiesenen Plätzen erlaubt. Eine Übersicht über die Übernachtungsplätze findet sich hier:
http://www.wildes-sh.de/natur-erleben/uebernachtungsplaetze

Mehr zum Thema

Paddeltour von Berlin zum Spreewald - 7 Schüler, 3 Wochen, 150 Euro
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 04.06.2017)

Wildcampen in Portugal - Traumstrände und Meerblick gratis
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 01.05.2016)

Günstig schlafen für den guten Zweck - Campen im Herzen von Paris
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 19.08.2016)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Länderreport

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur