Wildbiologin Sophia Kimmig

    "Füchse sind auch Opportunisten"

    33:05 Minuten
    Ein Rotfuchs kommt hinter einer Hecke auf einem Friedhof hervor und betritt vorsichtig einen Sandweg.
    Ein Rotfuchs – die Berliner bleiben aber lieber unter sich und paaren sich selten mit den Brandenburger Füchsen. © picture alliance / Wolfram Steinberg
    Moderation: Ulrike Timm · 18.10.2021
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    Füchse sind die Leidenschaft der Wildbiologin Sophia Kimmig. Sie hat das Verhalten der Tiere Tag und Nacht erforscht. Besonders angetan haben es ihr die Stadtfüchse in Berlin. Und die Frage: Welche Beziehung haben Mensch und Fuchs?
    Bernsteinfarbene Augen, roter Pelz, elegante Statur – der Fuchs ist ein schönes Tier. Und anpassungsfähig: Er kann mühelos in der Großstadt überleben. Allein in Berlin gibt es mittlerweile schon seit mehreren Generationen zwischen 5.000 und 12.000 Exemplare. Auch davon erzählt die Wissenschaftlerin Sophia Kimmig in ihrem Buch "Von Füchsen und Menschen".
    "Dass die Füchse überhaupt in Städte gehen, hat damit zu tun, dass es auf dem Land durch Monokulturen leider nicht mehr so lebensfreundlich ist. Durch unsere Art der intensiven Landwirtschaft sind die Flächen sehr arm an Arten und damit auch an Beutetieren. Wildtiere mögen Strukturen, dass es Unterschiede gibt, hier mal eine Hecke, da ein bisschen unordentlich - unaufgeräumte Natur sozusagen. Das findet man auf einem Riesenmaisfeld nicht."

    Lieber Döner als Hase

    In der Stadt gebe es dagegen Nahrung im Überfluss. Schnell und leicht werden Füchse hier fündig und vor allem satt, so die Wildbiologin.
    "Füchse sind auch ein bisschen Opportunisten. Sie nehmen das, was sie am leichtesten bekommen können. In Berlin gibt es zum Beispiel auch Feldhasen. Aber der Hase muss sehr selten dran glauben. Da gibt es einfachere Dinge. Der Döner lässt sich leichter jagen als der Hase."
    Nikita, Frida, Hazel und Kalle – viele der Füchse haben Namen. Allerdings sind von denen, die Kimmig "besendert" hat, viele schon gestorben. Denn ihre Lebensdauer in der Stadt ist niedriger als auf dem Land. Die häufigste Todesursache: Verkehrsunfälle.
    Berliner Füchse, hat Kimmig festgestellt, bleiben gern unter sich. Mit dem Landfuchs haben sie nicht viel Kontakt. Wenn sie sich paaren, dann lieber mit Berlinern als mit Brandenburgern. Eine Art Verhaltensanpassung, meint die Wissenschaftlerin, die eine "Fuchsbrille" trägt, einen inneren Filter, der sie überall Füchse sehen lässt.
    17 Berliner Füchse hat sie wissenschaftlich erforscht und sie mit GPS-Sendern versehen. Dazu muss ihr der Fuchs zuerst in die Falle gehen. Dann klingelt der Alarm auf Kimmigs Handy und sie saust los, in der Regel mitten in der Nacht.
    Aber oft hat sich der schlaue Fuchs mit dem Köder schon aus dem Staub gemacht. "Dann ist es manchmal schon so, dass man den Igel, der dann in der Falle sitzt, am liebsten auf den Mond wünschen würde", sagt Kimmig.

    Füchse in der U-Bahn

    Füchse sind scheu, aber auch neugierig. In der Stadt kann man sie am besten auf Brachflächen und Friedhöfen antreffen, am ehesten nachts oder in der Dämmerung. Aber auch in Bussen oder in der U-Bahn wurden sie schon gesichtet.
    "Sie stecken überall ihre Nase rein. Sie sind vorsichtig, erkunden aber auch alles. Dazu gehört auch, mal in so einen Bus einzusteigen oder in die U-Bahn und zugucken, was da so los ist."
    Überraschend auch: Mancher Fuchs lebt in einer Art Wohngemeinschaft zusammen mit Kaninchen oder Dachsen. Das nennt sich Burgfriede, sagt Kimmig:
    "Füchse sparen sich quasi die Arbeit und nehmen einfach Röhrensysteme, die jemand anderes gegraben hat. Kaninchen machen das sehr gerne. Dann zieht der Fuchs einfach mit ein. Unter der Erde ist dann alles gut. Wenn sie sich aber draußen treffen, wird es wieder gefährlich für das Kaninchen."

    Das Draußen-Kind

    Schon als Kind hat sich Kimmig für die Natur begeistert. Die Verbundenheit mit ihr zu spüren, ist für sie lebenswichtig. So war das Biologiestudium für sie nur folgerichtig.
    Am liebsten betreibt sie Feldforschung. Sechs Monate beschäftigte sie sich in Mexiko mit Präriehunden, eine prägende Zeit für die angehende Wildbiologin. Eine schwere Krebserkrankung wirft sie mit Mitte zwanzig aus der Bahn. Auch heute leidet die 33-Jährige noch an den Folgen.
    "Man kriegt sein altes Leben nicht zurück. Das kann manchmal sehr frustrierend sein. Gleichzeitig gibt es einem aber auch viel, weil es Dinge relativiert, weil es einen daran erinnert, was im Leben wichtig ist, dass das Leben kurz und endlich ist. Das hat mich sehr motiviert, darüber nachzudenken, was ich in meinem Leben möchte. Ich weiß nicht, ob ich dieses Fuchsprojekt so erlebt, mitgenommen, genossen hätte, wenn das vorher nicht gewesen wäre."
    (svs)
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