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Studio 9 | Beitrag vom 11.09.2018

Wieland Giebel (Hrsg.): "Warum ich Nazi wurde"Begeisterung für Hitler und die "Volksgemeinschaft"

Von Wolf-Sören Treusch

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Fotomontage aus dem Cover des Buchs "Warum ich Nazi wurde" und einer Originalseite der im Buch veröffentlichten Biogramme früher Nationalsozialisten (Berlin Story Verlag)
In dem Buch "Warum ich Nazi wurde" erzählen hunderte von Menschen, warum sie sich für den Nationalsozialismus begeisterten. (Berlin Story Verlag)

Weshalb sie Mitglieder der NSDAP geworden waren, erzählten die Teilnehmer an einem Preisausschreiben im Jahr 1934. Ihre Lebensläufe konnten dem Regime zur Propaganda im Ausland dienen. Diese Selbstzeugnisse fasst das eindrucksvolle Buch "Warum ich Nazi wurde" zusammen.

Die Versuchsanordnung ist bizarr. Theodor Abel, amerikanischer Soziologe polnischer Abstammung mit deutschem Namen, reist in die Reichshauptstadt, weil er von den Nazis wissen will, warum sie Nazis geworden sind. Dafür arrangiert er ein Preisausschreiben, dotiert mit 400 Reichsmark. Den Hauptgewinn soll erhalten: "die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitler-Bewegung".

Einzige Voraussetzung: Die Teilnehmer müssen vor der Machtübernahme Hitlers, also vor Januar 1933, in die NSDAP eingetreten sein. Theodor Abel kommt mit seinem Anliegen genau zum richtigen Zeitpunkt.

"Im Sommer '34 war er in Berlin und hat total Glück gehabt, dass das Propagandaministerium ihn unterstützt hat, dieses Preisausschreiben zu machen, weil: Die Nazis zu dem Zeitpunkt gerade Kontakt haben wollten, guten Kontakt mit den Engländern und den Amerikanern."

Hunderte Lebensläufe und Berichte

683 viele Seiten lange Lebensläufe sind auf diese Art entstanden. Wieland Giebel, Gründer des Berlin Story Verlages, hat die 581 Berichte, die noch erhalten sind, jetzt als Buch veröffentlicht. Herausgekommen ist eine Sammlung, in der die frühen Nationalsozialisten bereitwillig die Beweggründe für ihr Tun darlegen.

Erste Seite des Schreibens von Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe, der ebenfalls an dem Preisausschreiben teilnahm. Auszug aus dem Buch "Warum ich Nazi wurde", das Hunterte Biogramme früher Nationalsozialisten umfasst. (Berlin Story Verlag)Schreibens von Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe, in dem er darlegte, weswegen er der NSDAP beitrat. (Berlin Story Verlag)

"Von Hitler ging eine unsichtbare Macht aus, die alles in ihren Bann zog", schreibt Hans Thaysen, 34 Jahre alt. Und der sieben Jahre jüngere Gustav Kohlenberg ergänzt. "Jede Versammlung der Nationalsozialisten war ein inneres Erlebnis, ein Gottesdienst manchmal."

Adolf Trappe, 39 Jahre alt, schwärmt von der Kampfbereitschaft der Nazis. "Wir hatten damals schon den Grundsatz, dass für einen Kameraden, der von der KPD verhauen wurde, fünf KPDler daran glauben mussten."

"Unglücklicherweise total aktuell"

"Unglücklicherweise ist das total aktuell", meint Wieland Giebel mit Blick auf die heutigen Verbindungen von AfD und Pegida mit rechtsradikalen Schlägern. "Das war bei den Nazis auch so. Da gab es zwei Gruppierungen: Das eine waren die SA-Typen, die Schläger, deren Feinde die Kommunisten und die Polizei war, und auf der anderen Seite waren die Parteileute, die eine Parteikarriere machen wollten. Und der Zusammenschluss von den beiden, von den Schlägern und von den Parteileuten, von den Ideologen, das machte die Gefahr aus."

Der Soziologe Theodor Abel erkennt damals drei Hauptmotive für den Parteibeitritt der Nazis: Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen, völkische Ideologie und die Sehnsucht nach einem charismatischen Führer. Auch 48 Frauen nehmen an dem Preisausschreiben teil. Käthe Eiden, 31 Jahre alt, schreibt: "Der nationale Sozialismus ist durchdrungen vom Geist der Volksgemeinschaft. Nationalsozialismus, das ist Dienst am Volk." Und die 54-jährige Margarethe Schrimpff ergänzt: "War es nach all diesen traurigen Ereignissen ein Wunder, wenn sich ganz Deutschland nach einem Mann sehnte, der diesen Augiasstall mit eisernem Besen ausfegte?"
 
Die 581 Selbstzeugnisse zeigen eindrucksvoll, wie die frühen Nationalsozialisten dem Aufstieg Hitlers regelrecht entgegenfiebern. Und Vielfalt, Toleranz und Rechte von Minderheiten ignorieren.

Wie können heute Rassismus und Nationalismus verfangen?

Wieland Giebel ist irritiert, dass die Menschen heute schon wieder für solche Ideen empfänglich sind. "Weil die, die das 1934 geschrieben haben, die wussten nicht, dass der Zweite Weltkrieg kommt mit 60 Millionen Toten und der Holocaust, aber die heute, die sich dieser Nazi-Ideologie anschließen, die wissen das, in deren Bewusstsein ist das da, und sie lassen sich trotzdem auf diesen Rassismus und übersteigerten Nationalismus ein."

Theodor Abel konnte das Buch, in das die Erlebnisberichte der frühen Nazis einflossen, erst 1938 veröffentlichen. Das Reichspropagandaministerium hielt die Berichte so lange zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Sammlung praktisch vergessen.

Seit einigen Jahren ist sie im Internet abrufbar, nun als Buch veröffentlicht. Die beim Preisausschreiben versprochenen Geldprämien übrigens wurden nicht verteilt. Jedenfalls ist kein Gewinner bekannt.

Giebel, Wieland (Hrsg.): "Warum ich Nazi wurde", Biogramme früher Nationalsozialisten, Die einzigartige Sammlung des Theodore Abel
Berlin Story Verlag, Berlin 2018
928 Seiten, 49,95 Euro

(Redaktioneller Hinweis: In einer früheren Version haben wir auf eine falsche Downloadseite verlinkt. Diesen Link haben wir entfernt.)

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