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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.08.2020

Wiedereröffnung in New YorkWegen Corona wird am Met gerechnet statt gefeiert

Max Hollein im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Das Eingangsportal des berühmten "Metropolitan Museum of Art" in New York City. Das Museum hatte lange geschlossen während der Coronavirus Pandemie. (imago / ZUMA / Vanessa Carvalhox)
Beim Metropolitan Museum of Art gehen bald wieder die Türen auf, aber die Pandemie bleibe eine große Herausforderung, sagt Max Hollein. (imago / ZUMA / Vanessa Carvalhox)

Max Hollein freut sich: Die Eröffnung des New York Metropolitan Museum of Art ist ein "Zeichen hin zu einer gewissen Normalität". Doch zum Feiern - das Haus begeht sein 150-jähriges Bestehen - ist dessen Direktor in der Pandemie nicht zumute.

Vladimir Balzer: Schritt für Schritt öffnen die Museen dieser Welt wieder, auch das Metropolitan Museum in New York, Amerikas größtes Kunstmuseum mit dem Haupthaus am Central Park. In den 150 Jahren seiner Existenz war dieses Museum nie länger als drei Tage zu. Jetzt war es fast ein halbes Jahr geschlossen und öffnet am Wochenende wieder nach der Corona-Schließung. Direktor ist Max Hollein.

Endlich öffnet als das Metropolitan Museum wieder am Wochenende. Wie groß kann die Feier überhaupt ausfallen?

Hollein: Ich glaube, es ist kein Moment, um wirklich zu feiern. Wir haben die Zeit sowohl durchlebt, aber wir haben sie immer noch: Eine Zeit, die mit großen Herausforderungen verbunden ist, die mit viel Leid auch verbunden ist, die mit viel Unsicherheit auch noch verbunden ist. Insofern würde ich es jetzt nicht als Feiern bezeichnen.

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Es ist auf der anderen Seite natürlich aber ein wichtiges Zeichen hin zu einer gewissen Normalität. Es ist ein Angebot auch insbesondere an die New Yorker, wieder in ihr geliebtes Met kommen zu können. Insofern ist es wirklich eine wesentliche Stufe. Es ist ein Weg, den New York jetzt nimmt, wieder zu einer gewissen Form der Normalität zurückzukommen, obwohl wissend, dass auch noch die Zukunft eine ganze Reihe von Herausforderungen in sich hat. Wahrscheinlich auch für uns als Institution.

Für viele ist es ein Zurückkommen ins Met

Balzer: Vielleicht auch etwas Tröstendes, vielleicht auch einfach ein Zeichen, dass Kunst, Kultur wieder da ist. Welche Coronaregeln werden denn gelten?

Hollein: Also wir werden natürlich ein System haben, "time ticketing" wie wir es hier nennen, wo Sie im Voraus Ihren Zeitslot buchen, wann Sie kommen werden, damit wir gewährleisten können, dass wir nur 25 Prozent unserer normalen Besucherzahlen im Museum haben werden.

Es gilt natürlich Maskenpflicht, die Temperatur wird gemessen werden am Eingang. Alle Formen der - in dem Sinne - Gruppenbildungen werden wir nicht fördern. Es gibt keine Touren durch das Museum, alle unsere Audioguides sind nur herunterladbar. Sie können Sie von der Website herunterladen, wir geben kein Equipment aus.

Max Hollein, Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York City. 4. September 2019.  (laif / The New York Times / Redux / Lelanie Foster)Max Hollein, Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York City (laif / The New York Times / Redux / Lelanie Foster)

Ein großer Vorteil des Met ist, dass es 200.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche hat. Insofern werden wir natürlich auch dafür sorgen, dass sich unser Publikum gut im Haus verteilt. Gerade während der Zeit dieser Schließung haben uns so viele Leute gesagt, wie sehr sie das Met vermissen, wie sehr sie natürlich auch das Met lieben, wie wichtig es ist natürlich in ihrem Leben, mit dem Met, aber mit der Kunst natürlich insbesondere verbunden zu sein.

Ich glaube, es wird ein Moment sein für viele, wirklich zu ihrem "home away from home" - zu ihrer Form der Auseinandersetzung und der Begeisterung für Kunst - wieder zurückzukommen. Das möchten wir auch möglich machen. Wir möchten wirklich, dass es ein Gefühl ist, wirklich wieder ins Museum kommen zu können.

Insofern sind alle Galerien offen, und wir wollen natürlich, dass sie mit ihren Partnern durch die Galerien gehen können und ein gutes Gefühl haben und wirklich auch sich mit einer intensiven Auseinandersetzung mit unserer Kunst wieder erfreuen, nachdenken, vieles neu erleben werden.

Durch die Pandemie stellen sich wesentliche Fragen

Balzer: Aber Gemeinsamkeit spielt ja eben doch eine Rolle beim Museumbesuch. Zumindest steht da das Wort "together" bei Ihnen neben dem Eingang auf einem Banner von Yoko Ono, daneben "dream" und "together", zwei große Begriffe, die auf den Bannern dort zu sehen sind direkt am Eingang. Dieses Werk von Yoko Ono, ein Zeichen der Hoffnung für Sie?

Hollein: Für uns war es wichtig, mit einem Kunstwerk ein gewisses Zeichen zu setzen. Während dieser Zeit der Pandemie sind natürlich eine ganze Reihe von Fragen, ganz wesentliche Fragen auch aufgeworfen worden, die noch immer relevant sind. Die Frage auch von sozialer Gerechtigkeit, die Frage von Rassismus und Diskriminierung, die Frage auch, wie diese Gesundheitskrise oder die Pandemie sich auswirkt auf die Arbeitsbedingungen, aber auch auf die Fragen der Arbeitslosigkeit und vieles andere mehr.

Ich glaube, das sind alles Faktoren, die natürlich auch uns weiter begleiten werden, weltweit auch, weit über die Pandemie und ihre direkten Folgen hinaus.

Ein Zentrum der Gesellschaft und des Diskurses

Balzer: Das heißt, das Museum hat sich in der Schließzeit auch verändert, wahrnehmend, was da draußen in der Gesellschaft, in der amerikanischen Gesellschaft los ist, die wir ja zumindest von Europa aus als eine extrem zerrissene Gesellschaft, eine Gesellschaft in der Krise erleben?

Hollein: Das Museum ist natürlich immer auch ein Zentrum der Gesellschaft und auch des gesellschaftlichen Diskurses. Es ist nicht nur von uns wahrgenommen worden, sondern wir sind natürlich Teil davon.

Gerade diese Fragen, die aufgeworfen worden sind und die uns weiterhin begleiten - wie sehr wurde wirklich in unserer heutigen Gesellschaft gegen Rassismus gekämpft, wie sehr ist man sowohl als Person als auch als Institution aktiv, dass man dagegen eintritt. Wie groß sind die Fragen von sozialer Gerechtigkeit, auch in einer Institution wie der Met?

Das fängt bei den Gehältern an, es geht im Grunde auch auf die Fragen, wie "accessible" sind wir für alle. Hier steht ein Museum natürlich auch sozusagen nicht nur auf einem gewissen Prüfstand, sondern es ist natürlich auch Teil einer Entwicklung.

Man darf nicht vergessen, dass das Metropolitan Museum natürlich eines der ganz großen Museen der Welt ist, aufgebaut ist natürlich auf dem Willen der Gesellschaft, es zu so einer großen Institution zu machen. Und insofern mit der Gesellschaft, mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigt sich dann auch dieses Museum unwillkürlich und wird sich dadurch auch weiterentwickeln.

Das ist, denke ich, ein sehr guter und ein wichtiger evolutionärer Prozess. Wir feiern ja jetzt in diesem Jahr das 150. Jubiläum des Met. 150 Jahre Met sind im Grunde auch 150 Jahre Geschichte von New York. Insofern ist das wieder auch ein nächster Teil dieses Kapitels oder Teil der Entwicklung.

Diversität von Kunst und Kultur weiter fördern

Balzer: Ist das auch eine Frage nach weißer bürgerlicher Vorherrschaft auch im Kulturbetrieb?

Hollein: Ich glaube, dass gerade auch in Amerika sich nicht nur verschiedenste Kräfte für Kunst und Kultur engagieren, sondern dass natürlich auch eine Diversität an Kunst und Kultur immer weiter gefördert wird. Das wird natürlich ein Museum wie das Met noch mehr als vorher reflektieren und auch reflektieren müssen.

Balzer: Wollen Sie da noch mal eine Hand anlegen auch tatsächlich angesichts der Debatten der letzten Wochen und Monate?

Hollein: Seit den letzten Jahren oder besonders seit ich hier bin, haben wir gerade in diesem Bereich ganz wesentliche Schritte eingeleitet, zum Beispiel eine große Ausstellung über Afrika und die Beziehung von Afrika und Byzanz oder auch eine Ausstellung über Juan de Pareja, den Assistenten - und damals Sklave - von Velazquez, der dann selbst ein ganz bedeutender Meistermaler wurde, und vieles andere mehr.

Also neben diesen Fragen heißt es auch, dass sozusagen gewisse Projekte in unserem Programm und auch in unseren Aktivitäten noch mehr Brisanz, noch mehr Priorität erreichen.

Balzer: Es hat sich einiges verschoben vermutlich, anderes musste zurückgestellt werden. Welche Pläne haben Sie für den Herbst, für den Winter, für die nächsten Monate?

Hollein: Wir eröffnen am Samstag gleich auch mit einer ganzen Reihe von wesentlichen neuen Ausstellungen. Die wichtigste Ausstellung wahrscheinlich ist "Making The Met". Sie ist unsere Jubiläumsausstellung, wie das Met entstanden ist, wie das Met über sich selbst reflektiert, wie das Met die Kunst feiert, aber auch hinterfragt. Das wird eine ganz wesentliche Ausstellung sein.

Dann zeigen wir Jacob Lawrence, einen der ganz wesentlichen afroamerikanischen Künstler der Moderne mit seiner "American Struggle Series", die gerade auch diese Themen im frühen 20. Jahrhundert behandelt.

Dann werden wir Ende Oktober unsere große Ausstellung des Costume Institute zeigen, die "About Time" heißt und über die Geschichte der Mode der letzten 150 Jahre reflektiert, eine Ausstellung, die ursprünglich natürlich am ersten Montag im Mai eröffnen hätte sollen mit der großen Met-Gala. Das haben wir aber in den Oktober verschoben und werden es jetzt zeigen, allerdings ohne eine Gala.

Rund 150 Millionen Dollar durch die Pandemie verloren

Balzer: Max Hollein, wir müssen am Ende unseres Gespräches noch mal über Geld reden. Wie sind Sie finanziell durch die Zeit gekommen, das Museum?

Hollein: Also wir haben errechnet, dass wir wahrscheinlich am Ende dieses Jahres rund 150 Millionen Dollar verloren haben: durch entgangene Eintrittserlöse, durch entgangene Gewinne im Restaurant, im Shopbereich, auch durch Fundraising-Events, die nicht stattgefunden haben und so weiter.

Wir haben das aber natürlich sehr rasch zu kompensieren versucht, indem wir einerseits unsere Ausgaben reduziert haben, Programme natürlich verändert haben, aber auch unsere Förderer gebeten haben, uns zu unterstützen.

Das ist auch passiert mit rund 25 Millionen allein von den "trustees" und anderen. Insofern werden wir aus dieser ersten Krise gut herauskommen, allerdings natürlich mit schmerzhaften Einschnitten.

Balzer: Welche Einschnitte werden das sein?

Hollein: Wir mussten rund 20 Prozent unserer Mitarbeiter reduzieren, unseren Mitarbeiterstab um 20 Prozent durch Pensionierungen oder auch Entlassungen oder sozusagen "in furlow", also in Urlaub schicken. Aber es bedeutet für uns: Man muss sehen, dass das Met 7,4 Millionen Besucher im Jahr gehabt hat. Wir werden wahrscheinlich diese Zahlen in den nächsten zwei, drei Jahren nicht erreichen, weil es wird natürlich eine ganze Zeit lang dauern, bis der Tourismus - insbesondere der internationale Tourismus in New York - wieder so ist, wie er vorher war.

Insofern mussten wir uns natürlich auch auf diese neuen, noch immer sehr guten Besucherzahlen, die wir prognostizieren, aber doch deutlich reduziert, einstellen. Das bedeutet natürlich auch ein anderes finanzielles Umfeld.

Balzer: Sie haben davon berichtet, dass "trustees", also Stifter, Freunde, Förderer, Ihnen da mit 25 Millionen unter die Arme gegriffen haben. Aber das scheint ja nun bei Weitem noch nicht das auszugleichen, was Sie an Verlusten dort hatten. Also sehen wir da vielleicht auch am Beispiel des Met das amerikanische Museumssystem, das viel auf private Gelder setzt und setzen muss, weil der Staat deutlich weniger finanziert als in Deutschland zum Beispiel, als besonders krisenanfällig in so einer Situation?

Hollein: Ich glaube nicht, dass es besonders krisenanfällig ist. Es muss viel rascher reagieren als vielleicht jetzt in dem Sinne manche europäische Institutionen, die vielleicht jetzt durch einen Schutzschirm oder durch die öffentliche Hand gestützt und unterstützt werden, was ja auch sehr wichtig ist.

Ich glaube, dass man sich in Europa wahrscheinlich die Frage stellt, wie viele Kulturbudgets in dieser Größenordnung, wie sie jetzt notwendig waren, um die Museen durch diese Krise zu führen, wie lang die auch auf dieser Ebene gehalten werden - oder ob nicht auch da diese Einschnitte notwendig sind.

In den amerikanischen Häusern schlägt eine Krise sehr rasch durch, und wir haben nicht nur die Förderer aufgerufen zu unterstützen, sondern wir haben auch unsere Ressourcen dann anders verwendet. Wir haben zum Beispiel Gelder von rund 70 Millionen, die wir sonst für anderes verwendet hätten - Akquisitionen und andere Projekte - auch dafür verwendet, um unser projektives Budget zu unterstützen.

Das heißt: Wir haben natürlich auf der anderen Seite dann eine ganze Reihe von Möglichkeiten und - ich würde sagen - Freiheiten als privat organisierte Institution, um einer solchen Krise zu begegnen. Aber es ist sicherlich eine Herausforderung, die alle Museen haben, wahrscheinlich nicht nur in den USA.

Stiftungsgelder verstärkt für kleinere Häuser

Balzer: Man hört aber dramatische Prognosen, dass jedes dritte Museum in den USA in seiner Existenz gefährdet sein könnte. Wie sehen Sie die Lage der Kolleginnen und Kollegen?

Hollein: Das Met hat einen Kapitalstock von über drei Milliarden Dollar. Wir können diese Krise nicht nur überwinden, sondern wir werden da herauskommen und sicher eine Weiterentwicklung dieser Institution sehen.

Aber natürlich ist es für eine ganze Reihe von kleineren Institutionen, die nicht über so einen solchen Kapitalstock verfügen und die vielleicht auch nicht in Metropolen angesiedelt sind, die über einen großen Pool an Mäzenen sozusagen in ihrem direkten Umkreis verfügen, das ist sicherlich eine wesentliche Herausforderung.

Hier gilt es, insbesondere die Stiftungen in dem Sinne aufzufordern, unterstützend tätig zu sein. Und das passiert genau auch jetzt gerade. Also Mellon Foundation, Ford Foundation, die ganz großen amerikanischen Stiftungen setzen ihre Gelder gerade dafür ein, kleinere kulturelle Institutionen zu unterstützen und weniger die großen, und ich finde das auch genau richtig so.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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