Wiederentdeckt

VonThomas Migge |
Bereits vor 20 Jahren entdeckte ein Kunstexperte das Bild in den Depots von Queen Elizabeth II. Aber erst jetzt, im restaurierten Zustand, wird das Meisterwerk in Rom präsentiert. Doch die Kunstwelt streitet noch darüber, ob es ein echter Caravaggio ist oder ob es vielleicht von einem seiner Schüler gemalt wurde.
Anscheinend wissen die Windsors nicht so genau was sie alles besitzen. Kein Wunder, denn Queen Elizabeth II. ist nicht nur die reichste Frau der Welt, sondern auch diejenige mit der größten Kunstsammlung überhaupt. Da kann es schon einmal passieren, dass ein großer Meister den Kuratoren der königlichen Kunstdepots durch die Lappen geht. Wie jetzt im Fall eines der ganz großen Stars der europäischen Malerei. Zwei angesehene italienische Kunsthistoriker entdeckten im Kunstdepot der königlichen Residenz Hampton Court ein Gemälde, das sie nach gründlichen Untersuchungen Michelangelo Merisi, auch Caravaggio genannt, zuschreiben, berichtet Claudio Strinati, oberster Kunsthüter der Stadt Rom und Experte für Renaissance- und Barockkunst:

"Die Geschichte ist folgende und sie ist sehr kurios: Alle reden jetzt von einer sensationellen Entdeckung, von einem ganz neuen und bisher unbekannten Caravaggio. Es war der berühmte Kunstexperte Maurizio Marini, der vor rund 20 Jahren in Hampon Court ein Gemälde fand, das er für einen Caravaggio hält. Doch das Bild war in einem so miesen Zustand, total schmutzig, dass Marini zwar eine Fotografie veröffentlichte, doch die Angelegenheit auf sich beruhen ließ. Und: er fand keinerlei Dokumente, die beweisen, das es wirklich Caravaggio ist."

Marinis These wurde vergessen und auch das Bild verschwand wieder im Windsor-Depot. Vor einiger Zeit waren Marini und seine Frau erneut in den Kellern von Hampton Court. Sie wollten sich das Gemälde noch einmal anschauen, denn in der Zwischenzeit war es restauriert worden. Und: man hatte Dokumente gefunden, die nachweisen, dass König Karl I. 1637 für 40 Pfund das 163 cm mal 132 cm große Gemälde mit dem Titel "Die Bekehrung von Petrus und Paulus" angekauft hatte. In dem königlichen Inventurverzeichnis war die Rede von einem gewissen MA als Maler. Für Marini war die Sache klar: M steht für Michel und A für Angelo und gemeint ist Caravaggio. Jetzt ist die Rede von einer epochalen Entdeckung und bis in den Januar hinein wird das Bild, das Jesus und die beiden Apostel zeigt, zum ersten Mal überhaupt der Weltöffentlichkeit präsentiert: in Rom, in der Ausstellungshalle des Hauptbahnhofes Stazione Termini.
Claudio Strinati:

"Marini zufolge ist das Gemälde aufgrund seiner stilistischen Beschaffenheit, der Figurenanordnung auf der Bildfläche, der Farben etc. ein echter Caravaggio, und zwar aus dessen römischer Periode um das Jahr 1600."

Auch Sir Denis Mahon, einer der weltweit angesehensten Caravaggio-Experten, Multimillionär und Kunstsammler sowie Kurator der römischen Ausstellung, die das wiederentdeckte Bild zeigt, ist felsenfest davon überzeugt, dass das Gemälde von dem Künstler aus der Ortschaft Caravaggio bei Bergamo in Norditalien stammt. Ein Irrtum, erklärt Mahon, sei ausgeschlossen:

"Ich bin jetzt fast 90 Jahre alt und wissen Sie, ich kenne mich wirklich mit Caravaggio aus! Man braucht sich dieses Bild mit seinen kräftigen Farben, dem intensiven Licht-Dunkel-Effekt und der perfekten Ausführung, dem Pinselstrich, doch nur anzuschauen: das ist ein echter Caravaggio! Das sind die Fakten."

Claudio Strinati bremst den Enthusiasmus von Sir Denis und ist weitaus vorsichtiger. Auch Strinati genießt international den Ruf ein Kenner der Materie zu sein und genau deshalb ist er mit der definitiven Zuschreibung des Bildes vorsichtig:

"Gibt es Beweise dafür, dass es ein Caravaggio ist? Nein. Da müssen wir ganz ehrlich sein. Das Bild verfügt über keinen Namenszug des Malers. Kein Zeitgenosse und kein nachgeborener Kunsthistoriker hat jemals über ein solches Bild Caravaggio geschrieben."

Claudio Strinati weist ausdrücklich darauf hin, dass es keine endgültigen Beweise für die Autorenschaft Caravaggios gibt - auch wenn das Gemälde wunderschön und sicherlich ein Meisterwerk der Malerei des frühen 17. Jahrhunderts ist. Eine Zuschreibung sei aufgrund bestimmter Stilmittel, die der Maler nutzte, plausibel, könne aber nicht endgültig erfolgen. Aus gutem Grund, so der Experte:

"Das Gemälde verfügt über Charakteristiken, die nachdenklich machen sollten. Caravaggios Malstil war ausdrucksstark. In allem: in den Farben, im der Darstellung der Gesichter, in der Bilddramatik etc. Caravaggio konnte aber auch sehr graziös sein, ein Meister der intimen Darstellung, des Feinsinnigen. Dieses Gemälde hier in Rom ist sehr graziös und könnte deshalb auch ein Werk eines seiner Schüler sein, die das eher Feinsinnige ihres Meisters bevorzugten. Das Motiv ist auf jeden Fall caravegesk: Jesus, der seine Apostel beruft."

Ob Caravaggio oder einer seiner Schüler. Vielleicht wird dieses Geheimnis nie gelüftet werden. Auf jeden Fall aber war ein Meister am Werke. Ein großer Meister - darin sind sich alle Experten einig.