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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.10.2012

Wiederauferstehung durch die Kraft der Sprache

Michail Schischkin: "Briefsteller", Deutsche Verlags-Anstalt, München, 384 Seiten

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Im Akt der Niederschrift wird in Michail Schischkins Roman der Tod überwunden. (DVA, Yvonne Böhler)
Im Akt der Niederschrift wird in Michail Schischkins Roman der Tod überwunden. (DVA, Yvonne Böhler)

Zwei Liebende erinnern sich an einen gemeinsamen Sommer. Doch es ist kein normaler Briefwechsel: die Schreibenden sind durch Tausende Kilometer und mehrere Generationen getrennt. In Michael Schischkins Roman "Briefsteller" setzt die Macht der Worte die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft.

Als Briefsteller (russisch: pismóvnik) bezeichnete man im alten Russland normative Handbücher zum Verfassen von Briefen. In erster Linie dienten sie als Anleitung für Briefe amtlichen Charakters. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden auch Muster für Briefe mit persönlichem Inhalt und sogar für die Korrespondenz zwischen Liebenden.

Michail Schischkin hat den Briefwechsel zweier Menschen, die lieben, zum Roman gemacht. Sascha (Koseform von Alexandra) lebt in Russland. Wolodja befindet sich in China. In ihren Briefen erinnern sich die beiden an einen gemeinsamen Sommer, bevor der Krieg sie getrennt hat. Die Sehnsucht nach dem anderen ist groß und wird beständig thematisiert. Und doch geht die Korrespondenz weit über das Genre Liebesbrief hinaus. Sie spiegelt vielmehr einen Roman von binärer Struktur: im ständigen Wechsel der beiden Perspektiven und Lebenswelten. Die Briefe von Wolodja und Sascha sind tagebuchartig und selbstreflexiv, voller detailgenauer Kindheitserinnerungen und ausführlich beschriebener Alltagserfahrungen: reich an Gerüchen, Klängen, Atmosphäre. Umfangreiche Dialoge stehen in wörtlicher Rede neben philosophischen Passagen. Einige der Briefe verzichten auf die persönliche Anrede, wirken wie seitenlange bekenntnishafte Monologe - kurzzeitig unterbrochen durch den Brief des anderen, auf den nie Bezug genommen wird.

So ausgefeilt die Form ist, so komplex entwickelt sich der Roman im Stoff. "Briefsteller" ist weit mehr als eine vordergründig schöne wie traurige Liebesgeschichte. Programmatisch formuliert Sascha schon zu Beginn, dass:

"die wirklich großen Bücher oder Gemälde gar nicht von der Liebe handeln, das geben sie nur vor, damit ihr Lesen Spaß macht. In Wirklichkeit geht es um den Tod. Da ist die Liebe nur Fassade, oder besser gesagt: eine Augenbinde. Damit man nicht zu viel sieht. Sich nicht graust."

Der Tod ist omnipräsent: Sascha wurde geboren und benannt nach ihrem gleichnamigen Bruder, der als kleines Kind tragisch ums Leben kam. Als spätere Ärztin gehören Abtreibungen zu ihrem Tagesgeschäft. Nachdem sie einen neuen Partner gefunden hat, erleidet sie eine Fehlgeburt. Über die Jahre schreibt sie vom Unfalltod ihrer Stieftochter, vom grausamen Sterben ihrer krebskranken Mutter und ihres Vaters. Für Wolodja ist der Tod noch unmittelbarer präsent. Er erlebt und beschreibt mit drastischen Worten seinen Einsatz im Krieg, konkret beim Boxeraufstand von 1900 in China. Gleichsam als direkter Bote des Todes verfasst Wolodja Benachrichtigungen an die Angehörigen gefallener oder erbärmlich zugrunde gegangener Soldaten. Und auch ihn selbst ereilt der Tod, was nichts daran ändert, dass weiterhin Post von ihm eintrifft:

"Nur die Briefe kommen nicht an, die ungeschrieben bleiben."

Schischkin bringt kunstvoll, wie schon in seinem vorangegangenen Roman "Venushaar", die Ästhetik seines Schreibens auf den Punkt: "Ich schreibe, also bin ich". Im Akt der Niederschrift wird der Tod überwunden. Die niedergeschriebenen Worte widersetzen sich der Auslöschung und dem Vergessen. Wolodja hatte sich deshalb schon als Kind seine Arche aus Worten gebaut:

"Ich war der Meinung, dass alles Wesentliche aufgeschrieben gehört- durch mich. Von allem Fleisch ein Paar! Ereignisse, Menschen, Gegenstände, Erinnerungen, Bilder, Töne. Noahs Werk ist die weise und überlegte Hinnahme des Todes."

Sprache lässt die beiden Protagonisten gleichsam wiederauferstehen, sie in ihrer bis ins letzte Detail ziselierten Individualität lebendig und unauslöschlich werden. Und die beiden stehen damit für weit mehr als für ein einziges Individuum. Ihre Briefe werden zu allgemeingültigen Zeugnissen menschlicher Existenz. Erst recht, weil hier die "Zeit aus den Fugen geraten" ist: faktografische und atmosphärische Angaben machen schnell klar, dass zwischen Sascha und Wolodja nicht nur Tausende von Kilometern liegen, sondern mehrere Generationen. Dies wiederum führt zurück auf den eingangs erwähnten sprechenden Titel "Briefsteller". Die Schicksale von Sascha und Wolodja sind, wenn nicht musterhaft, so doch exemplarisch. Freude, Hoffnung und Leid, die in ihren Briefen zum Ausdruck kommen, wiederholen sich seit Jahrhunderten in unzähligen Varianten menschlicher Erfahrung. Michail Schischkin hat diese Erfahrung erneut in Weltliteratur verwandelt. Mit Andreas Tretner steht ihm ein gleichermaßen sprachmächtiger Übersetzer zur Seite.

Besprochen von Olga Hochweis

Michail Schischkin: Briefsteller.
Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, 384 Seiten, 22,99 Euro


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