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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.03.2011

Wie zwei Frauen den RAF-Terror bewältigen

Julia Albrecht und Corinna Ponto über ihr gemeinsames Buch "Patentöchter - im Schatten der RAF"

Julia Albrecht und Corinna Ponto im Gespräch mit Katrin Heise

Das Fahndungsbild vom Oktober 1993 zeigt Personen, die der Mitgliedschaft in der RAF verdächtigt und gesucht wurden. (AP Archiv)
Das Fahndungsbild vom Oktober 1993 zeigt Personen, die der Mitgliedschaft in der RAF verdächtigt und gesucht wurden. (AP Archiv)

30 Jahre nach dem RAF-Mord an Jürgen Ponto beginnen dessen Tochter und die Schwester einer der Täterinnen einen Briefwechsel, der nun als Buch erscheint. Im Interview schildern Corinna Ponto und Julia Albrecht, wie es zu dem Kontakt kam - und wie sie sich dabei fühlten.

Katrin Heise: Am 30. Juli 1977 wurde Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, in seinem Haus von RAF-Terroristen erschossen. Bei dem Kommando dabei: Susanne Albrecht. Die Familien Albrecht und Ponto verband eine jahrzehntelange Freundschaft, man feierte gemeinsam Familienfeste, fuhr in den Urlaub, man war den Kindern gegenseitig Patenonkel – bis Susanne Albrecht die intime Freundschaft dazu ausnutzte, sich Zugang zum Hause Ponto zu verschaffen und so die Ermordung Pontos ermöglichte. Eine unfassbare Tat, ein unfassbarer Verrat. Der Kontakt der Familien brach ab.

Bis die Schwester der RAF-Terroristin Susanne Albrecht und die Tochter Jürgen Pontos 2007 das Schweigen zwischen den Familien brachen. Aus einem Briefwechsel entstand das Buch "Patentöchter". Julia Albrecht, Rechtsanwältin und Schwester Susanne Albrechts, und Corinna Ponto, Opernsängerin und Tochter Jürgen Pontos stellten das Buch jetzt gerade auf der Leipziger Buchmesse vor und ich hatte die Gelegenheit, mit ihnen in unserem Studio dort zu sprechen.

30 Jahre nach der Ermordung, nach 30 Jahren Schweigen nahmen Sie, Frau Albrecht, den Kontakt zu Frau Ponto auf. Ich nehme mal an, dass das ungeheuer Mut gekostet hat. Wodurch war das eigentlich ausgelöst, was erhofften Sie sich?

Julia Albrecht: Ich hatte einen Beitrag von Corinna Ponto in einem Buch gelesen, in dem sie sich mit der Tat an ihrem Vater auseinandergesetzt hatte, und gleichzeitig natürlich über unsere Familie oder über meine Schwester reflektiert hat. Und das hat mich sehr berührt und gleichzeitig sozusagen die Augen geöffnet, dass ich diesen Kontakt aufnehmen wollte. Und dann habe ich mich hingesetzt und einen Brief formuliert.

Heise: Und Sie, Frau Ponto, haben relativ schnell geantwortet. Was löste diese Anfrage in Ihnen aus?

Corinna Ponto: Das war, muss ich wirklich sagen, ein sehr überwältigendes und unvergessliches Erlebnis in meinem Leben, diese Ankunft dieses kleinen Briefes mit großer Wirkung und einer kleinen, feinen Briefmarke drauf. Julia schrieb in dem Brief, das ist in dem Buch nicht drin, dass sie natürlich verstehen könnte, wenn ich nicht antworte, und mir das freistellt. Und eigentlich dieser freie Moment der Wahl, die ich hatte, der hat mich total befeuert, sofort zu antworten.

Heise: Sie siezten sich auch in den Briefen noch, das tun Sie jetzt nicht mehr. War diese Distanz am Anfang – ich meine, die Distanz war einfach da und sie war auch gut, dass sie so gehalten wurde …

Ponto: … richtig.

Heise: Wie konnten Sie dann beginnen, womit haben Sie Ihre Rede, Antwort, Ihren Briefwechsel begonnen?

Ponto: Wir haben begonnen … Eigentlich hat Julia Albrecht begonnen. Sie hat erzählt, wie sie es beschäftigt, und dass sie sich vor allen Dingen eigentlich unsere Familie nie vor Augen geführt hat. Und sie hat sich auch mit der Tat ihrer Schwester in dem Brief auseinandergesetzt. Und wir haben eigentlich sehr schnell dann doch uns auf den Weg gemacht, uns auch persönlich zu treffen.

Heise: In dem Buch ist es dann so zusammengestellt, dass Sie sich fast gegenseitig auch immer, ja wie antworten, also in den Briefen haben Sie sich gegenseitig geantwortet auf verschiedene Situationen, die Sie sich wieder vor Augen geführt haben. Frau Albrecht, Sie schreiben über Ihre Gedanken zur Verantwortung Ihrer Eltern, zum Umgang der Öffentlichkeit mit Ihrer Familie, Sie verzweifeln an der Tat Ihrer Schwester, aber auch an dem Verlust der Schwester – Susanne Albrecht war 13 Jahre lang untergetaucht. Welche Frage hat Sie die vielen Jahre hindurch am meisten beschäftigt?

Albrecht: Ich weiß nicht genau, ob mich eine Frage beschäftigt hat, aber es war sozusagen ein Fächer von verschiedenen Aspekten, die mich beschäftigt haben. Und zwar einerseits dieser Verlust der Schwester, diese Abwesenheit von einem auf den anderen Tag, die ja nach hinten unbegrenzt war, weil man, wenn jemand weg ist, nicht weiß, ob er, und wenn ja, wann er wiederkommt. Dann das Grauen über die Tat und wenn Sie so wollen die damit zusammenhängende Frage, wie kann das sein, wie war das möglich, was war Motivationsgrund dafür, falls man das überhaupt so formulieren kann, und gibt es eine Erklärung, die das Grauen vielleicht doch noch mal in ein anderes Licht rücken würde. Und schließlich sozusagen der Umgang damit, wenn jemand, den man eigentlich – oder nicht nur eigentlich – liebt, weg ist, auf der Grundlage einer so verwerflichen Tat, dann wirft das sozusagen nicht explizit, aber implizit die Frage auf, wie lebt man damit.

Heise: Frau Ponto, was haben Sie in den vergangenen Jahrzehnten am meisten vermisst, haben Sie nach Erklärungen gesucht?

Ponto: Da kann man gar nicht von Jahrzehnten sprechen, denn also gute 15, 20 Jahre war das Thema bei mir wirklich, wie ich auch immer wieder schreibe, in Kisten verpackt, war wirklich weg. Jetzt beschäftige ich mich mehr damit, jetzt vermisse ich vor allen Dingen die richtige, wahrheitsgemäße Geschichtsschreibung. Und wenn Sie nach Vermissen fragen: Meinen Vater vermisse ich eigentlich auch die letzten Jahre viel, viel mehr als früher. Denn man darf nicht vergessen, das Verlassen des Elternhauses, das lag eigentlich altersgemäß direkt auf meinem Lebensweg, sodass, die ersten Jahre war ich sowieso ganz mit meiner Jugend, meinem eigenen Lebensaufbau beschäftigt. Jetzt ist natürlich diese wirklich familiäre Heimatlücke eigentlich viel deutlicher, wir haben kein Großelternhaus. Der Bruch der Geschichte ist eigentlich die letzten 15 Jahre sogar viel deutlicher.

Heise: Julia Albrecht und Corinna Ponto im Gespräch im Deutschlandradio Kultur über den Umgang mit der Ermordung Jürgen Pontos und ihr gemeinsames Buch "Patentöchter. Im Schatten der RAF". Frau Albrecht, Sie schildern sehr eindrucksvoll in dem Buch, dass Sie von dem Moment der Tat an nicht mehr Julia Albrecht waren, sondern die Schwester von Susanne Albrecht wurden. Sie waren damals 13. Sprach eigentlich irgendjemand mit Ihnen darüber oder über Ihre Gefühle und Ängste?

Albrecht: Da die Tat so bombastisch war, wie sie es war, war das für die Umwelt schwer bis unmöglich, darüber zu sprechen. Und insbesondere glaube ich, mit mir als zunächst 13-jährige und dann älter werdende Jugendliche war das anscheinend nicht möglich, zumindest ist das sozusagen ein weiteres Moment gewesen, was sehr prägend für mein Leben in diesen Jahren war, dass sich niemand getraut hat, mich darauf anzusprechen oder irgendwie auch nur Bezug darauf zu nehmen und diese schreckliche Geschichte und mich miteinander in Bezug zu bringen und damit zur Umwelt so eine Vermittlung herzustellen. Also das war schon sehr schwierig, das Gefühl mit dieser Tat der Schwester immer identifiziert zu werden, ohne dass es eingebunden war in das normale Leben, was ja weiterging.

Heise: Was passierte, nachdem Ihre Schwester gefasst wurde und ihr Prozess begann? Hat das bei der Aufarbeitung geholfen?

Albrecht: Ja, insoweit als dass es einen Realitätsschub gab. Sie war wieder da, sie war ansprechbar, auch wenn sie zunächst im Gefängnis war. Und dann gab es den Prozess, in dem es dann endlich mal um die Sache selber ging. Nein, insoweit als dass wirkliche Aufarbeit vielleicht in bestimmten Hinsichten bis heute nicht stattgefunden hat.

Heise: Frau Ponto, was löste die Verhaftung und der Prozess in Ihnen aus?

Ponto: Die Verhaftung war sehr schwierig für mich, weil ich in der Nähe, also wirklich nur 100 Kilometer weit weg von der Verhaftung durchs Radio erfuhr, und ich war durch diese physische Nähe unbeschreiblich erschrocken und geriet auch in einen richtig panikartigen Angstzustand. Den Prozess habe ich schon wieder gar nicht mehr so wahrgenommen, da habe ich mich eigentlich wieder vollkommen abgekoppelt, der hat mich überhaupt nicht interessiert.

Heise: Wenn Sie so schildern, was auch ja körperlich quasi mit Ihnen passiert, wenn die Wunden wieder aufgerissen werden durch beispielsweise die Verhaftung, hatten Sie, als der Brief von Albrecht kam, nicht auch Angst, dass da alles wieder aufbricht und Sie damit nicht umgehen können?

Ponto: Merkwürdigerweise – das ist eine sehr interessante Frage – hatte ich bei dem Brief keine Angst. Der Brief hatte irgendwie durch dieses Julia, und der hatte so einen ganz friedlichen Moment. Ich habe sehr, sehr emotional reagiert, das gebe ich zu, aber nicht ängstlich.

Heise: Würden Sie beide sagen, der Briefwechsel hat Ihnen geholfen in der Aufarbeitung des Ganzen?

Ponto: In jedem Fall, ja.

Albrecht: Ja, in jeder Hinsicht.

Heise: Dieser Briefwechsel, den Sie geführt haben, der war ja sehr privat, sehr ehrlich, sehr nahegehend. Wann entstand denn daraus die Idee zu einem Buch, also zu einem öffentlichen Dialog?

Ponto: Die Idee, die war da. Die Idee war da, wurde einfach nur in den Raum gestellt, und schon haben wir Ja dazu gesagt. Aber mit aller Offenheit eines Prozesses. Wir haben einfach diesen Prozess gleich dokumentiert und haben nichts konstruiert. Das fand einfach statt, so wie alles immer eigentlich geschehen ist.

Albrecht: Ich würde sagen, so wie Corinna sagt: Diese Idee war da und es fand statt, und ich glaube, dass die Texte überhaupt nur so entstehen konnten, weil wir relativ früh entschieden haben, dass wir gemeinsam dieses Buchprojekt, wie wir es immer genannt haben, wagen wollen. Ich kann es gar nicht genau erklären, es hat irgendetwas damit zu tun, dass wir sozusagen dieses Projekt im Kopf hatten, dass wir uns auf eine bestimmte Weise darauf einlassen und konzentrieren konnten.

Ponto: Ja, das schaffte natürlich eine Konzentration und auch eine Disziplin, und wir hatten dadurch ja natürlich auch sehr schnell unseren Lektor zur Seite, was natürlich sehr wichtig war als seelische und auch als schreibende Begleitung.

Heise: Ein Buch jedenfalls, das noch einmal ganz andere Seiten aufzeigt der Zeit in den Siebzigern und überhaupt unserem Umgang mit dem RAF-Terrorismus. Vielen Dank an Julia Albrecht und Corinna Ponto, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!

Albrecht: Danke auch!

Ponto: Danke!

Heise: Das Buch, "Patentöchter. Im Schatten der RAF – ein Dialog" ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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