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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.07.2011

Wie wir uns an das Monstrum gewöhnten

Ein westlicher Blick auf den Mauerbau

Von Peter Schneider

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Demonstranten auf der Berliner Mauer 1986 (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
Demonstranten auf der Berliner Mauer 1986 (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)

Die Initiative zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ging von Osten aus. Zunächst durch die Politik Michail Gorbatschows, dann durch das Aufbegehren vieler hunderttausender DDR-Bürger. Im Westen dagegen hatte man sich mit der deutschen Teilung arrangiert.

Es war ein schöner Sonntag im August. Der britische Premier Harold Macmillan ließ sich durch die Nachricht aus Berlin nicht bei der Jagd stören, General Charles de Gaulle, der auf seinem Landsitz in Colombey-les-deux-Églises von den Ereignissen unterrichtet wurde, kehrte nicht nach Paris zurück, Präsident Kennedy befand sich auf einer Segeltour. Er gewann dem Mauerbau sogar eine positive Seite ab. "Warum sollte Chruschtschow eine Mauer bauen, wenn er sich Westberlin einverleiben wollte. Dies ist sein Ausweg aus dem Dilemma."

Viele in der DDR spürten schon Tage vor dem Mauerbau, dass etwas Endgültiges bevorstand. Tatsächlich fanden in den letzten Wochen vor dem 13. August noch Zehntausende mit nicht als ihren Kleidern auf dem Leib den Weg in den Westen. Eine von ihnen – mit der ich später zusammenlebte – hatte zwei Tage vor dem Mauerbau die Grenze überquert. In Westberlin fand sie sich bald mit Schicksalsgenossinnen zusammen. Wenn die drei Freundinnen ausgingen – und ich als einziger Westler mit dabei – ahnte ich etwas von dem ganz anderen Leben, in dem sie aufgewachsen waren. In leichten Kleidern und auf flachen Schuhen promenierten sie über den Kurfürstendamm und probierten ihre Wirkung auf die Kudamm-Casanovas aus. Sie zogen Karawanen von Verehren an, aber deren Protzgehabe verschlug bei ihnen nicht.

Mit einem spöttischen Trotz in den Augen erzählten sie sich Geschichten aus ihrer Schulzeit, sangen das eine oder andere FDJ-Lied, äfften Redefloskeln und Appelle nach, und brachen hinterher in ein befreiendes Lachen aus. Vor allem aber fehlte ihnen der Hass auf alles Deutsche, in dem ich aufgewachsen war. Ihr Feind war nicht die Eltern-Generation, die für den Nationalsozialismus verantwortlich war, sondern die Bonzen-Partei, die nach dem Kriege eine zweite deutsche Diktatur errichtet hatte.

Erstaunlich bleibt, wie rasch sich die Empörung der ersten Monate und Jahre über den Mauerbau in Gewöhnung, ja fast in Akzeptanz verwandelte. Allerdings mit unterschiedlicher Kraft. Während die Mauer für die Deutschen in der DDR das Ende der Bewegungsfreiheit bedeutete, lernten die Deutschen im Westen ziemlich schnell, dass ihnen – außer den "Brüdern und Schwestern im Osten" – eigentlich nicht viel fehlte. Die Wut reduzierte sich auf die Wut gegen die Schikanen beim Transit. In Westberlin und in der BRD bildete sich in der "Deutschlandfrage" eine innere Spaltung heraus.

Während die CDU und die Springer-Presse rituell die Einheit Deutschlands beschworen, wurden Begriffe wie "Schandmauer" und "Wiedervereinigung" von der Linken und der SPD zusehends tabuisiert. So kam es, dass das wichtigste deutsche Thema – die Teilung – zu einem Opfer des Lagerdenkens wurde. Die Empörung gegen die Mauer wurde zu einem Monopol der Rechten und der Springer-Presse; wer sich links einordnete, machte lieber einen Bogen um das Thema.

Als die Mauer 29 Jahre nach ihrer Errichtung fiel, ging die Initiative dazu eindeutig vom Osten aus. Während die Völker Mittel- und Osteuropas und schließlich auch die Ostdeutschen gegen die kommunistische Diktatur anrannten, rieben sich die Westdeutschen und ihre Schutzmächte die Augen. Was passierte da eigentlich im Osten, warum hatte niemand diese Revolution vorausgesehen? Selbst in seiner CDU, bekannte Helmut Kohl vor einem Jahr, hatte kaum noch jemand an den Fall der Mauer und an die Möglichkeit einer Wiedervereinigung geglaubt. Es ist kein Vorwurf, sondern eine historische Tatsache, dass in Westberlin und Westdeutschland keine einzige Demonstration für die Wiedervereinigung zustande kam.

Peter Schneider (privat)Peter Schneider (privat)Peter Schneider, 1940 in Lübeck geboren, studierte Deutsch, Geschichte, Philosophie an den Universitäten Freiburg, München und Berlin; 1972 Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen. Von 1966 bis 1972 war er in den Studentenbewegungen aktiv. Seit 1972 häufige Aufenthalte in Italien, seit 1985 als "writer in residence" und Gastprofessor an amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Princeton, und Harvard. Er veröffentlichte unter anderem: "Das Fest der Missverständnisse", Erzählungen (2003); "Skylla", Roman, (2005) und "Rebellion und Wahn. Mein 68 - Eine autobiographische Erzählung" (2008).


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