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Interview | Beitrag vom 18.04.2019

Wie Vergebung gelingtVerschiedene Wege zu verzeihen

Andreas Unger im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Das Bild "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von Rembrandt van Rijn (c1665-c1669): Ein Sohn kniet vor seinem Vater nieder, dieser umarmt diesen.  (picture alliance / dpa / The Art Collector / Heritage Images)
Ausdruck von Vergebung und Liebe: "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von Rembrandt van Rijn. (picture alliance / dpa / The Art Collector / Heritage Images)

Manchmal kommt das Verzeihen fast unmerklich. Andere empfinden es als autonomen Akt, als Befreiung. Und manchmal ist es auch schädlich. Journalist Andreas Unger hat mit Menschen gesprochen, denen Schlimmes angetan wurde, über ihre Wege der Vergebung.

"Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", heißt es im Vaterunser. Aber was bedeutet Vergeben und Vergebung eigentlich, hat sich der Journalist Andreas Unger gefragt.

Er hat mit Menschen gesprochen, denen Schlimmes angetan wurde, und dies in seinem Buch "Vergebung – Eine Spurensuche" geschildert. Alle Betroffenen haben einen unterschiedlichen Umgang mit dem Vergeben und Verzeihen gefunden.

Wenn das Verzeihen einfach so gelingt

Ihr sei das Verzeihen eigentlich mehr unterlaufen, erzählt Gisela Mayer dem Journalisten Unger. Mayer hatte ihre Tochter bei dem Attentat in einer Schule in Winnenden verloren. "Je stärker sie sich mit dem Täter beschäftigte, je stärker dieser Täter vom Monster zum Menschen wurde, desto weniger Hass konnte sie empfinden", schildert Unger. "Und irgendwo auf diesem Weg hat sie einfach gemerkt, so nennt man das wohl: Verzeihen ist, wenn man jemanden eine Tat nicht mehr vorhält, wenn ich sage: Es war, wie es war."

Vergeben – nur ein Weg unter vielen

Ismael Khatibs Sohn wird von israelischen Soldaten erschossen. Trotzdem spendet Khatib die Organe seines toten Sohnes an jüdische Kinder. Verziehen hat er trotzdem nicht. "Er hat gesagt: Sie haben mir mein Land genommen, sie haben mir meinen Sohn genommen, ich habe nichts zu vergeben", erzählt Unger von der Begegnung mit Khatib. "Er hat sich aktiv gegen das Verzeihen gewandt, war aber trotzdem großherzig genug, die Organe seines erschossenen Sohnes auch an israelische Kinder zu spenden."

Für den Journalisten Andreas Unger eine wichtig Lektion: "Weil ich gemerkt habe: Vergeben oder Verzeihen ist nicht alternativlos, sondern es ist ein Weg unter anderen Wegen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, sein Leben wieder nach vorne zu leben."

"Verzeihen ist eine ganz große Befreiung"

Verzeihen könne auch ein großer autonomer Akt sein, sagt Andreas Unger – und erzählt von einer Frau, die die Zwillingsversuche des KZ-Arztes Mengele in Auschwitz überlebt hat. Sie sei den größten Teil ihres Lebens nach Auschwitz ein perfektes Opfer gewesen, eröffnete sie dem Journalisten. "Sie war voller Hass, voller Argwohn, sie war Gefangene ihrer eigenen Gefühle."

Irgendwann entschied sie sich ganz bewusst, ihren Peinigern zu verzeihen. "Und sie hat das als großen autonomen Akt beschrieben. Es war etwas, was sie aus sich heraus tun konnte. Und dadurch hat sie sich frei gemacht von dem, was ihr Menschen angetan haben."

"Es gibt auch schädliches Vergeben"

Verzeihen könne aber nur aus einem selber gelingen, sagt Unger – und erzählt von einer Frau, die Opfer sexueller Gewalt in der Familie wurde. Ihre Verwandten drängten sie zu verzeihen. Und schließlich willigte sie ein und zeigte den Täter nicht an.

"Das ist nicht wirklich Verzeihen", sagt Unger. Denn diesem müsse immer ein innerer Prozess vorausgehen, sei es Hass, Trauer oder Wut. Erst dann könne Vergebung als Möglichkeit überhaupt "im Raum stehen". – "Verzeihen ist keine Abkürzung in der Verarbeitung dessen, was einem das Leben vor die Füße wirft."

(lkn)

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