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Tonart | Beitrag vom 24.07.2019

Wie Streaming den Output von Musikern bestimmtMasse statt Klasse

Ina Plodroch im Gespräch mit Andreas Müller

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LOS ANGELES, CA - FEBRUARY 10: Recording artists Ed Sheeran (L) and Beyonce perform onstage during Stevie Wonder: Songs In The Key Of Life - An All-Star GRAMMY Salute at Nokia Theatre L.A. Live on February 10, 2015 in Los Angeles, California. (Photo by Kevork Djansezian/Getty Images) (Getty Images North America)
Um mehr Musik zu produzieren, kooperieren inzwischen auch Künstler, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben. Hier Ed Sheeran und Beyoncé. (Getty Images North America)

Streaming macht inzwischen mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der Musikindustrie aus. Um im Gespräch zu bleiben, müssen Musiker immer mehr Material herausbringen. Darunter leidet die Qualität – und es stellt sich die Frage, wer das noch alles hören soll.

Alle zwei Jahre ein neues Album, dazwischen eine Tour. Als die Menschen noch LPs und CDs kauften, war das der Rhythmus der Musikindustrie. Doch seitdem die Streaming-Dienste immer wichtiger werden – Streaming machte im ersten Halbjahr 2019 mehr als 56 Prozent des Gesamtumsatzes der Musikindustrie aus – verändert sich immer stärker die Art, wie Künstler ihre Musik veröffentlichen. 

Das Prinzip laute "Masse statt Klasse", sagt die WDR-Journalistin und Pop-Expertin Ina Plodroch. "Zwei Jahre warten nach einem Album – das käme dann fast einem Comeback gleich, weil die Streaming-Dienste und die Hörer den jeweiligen Künstler in der Zwischenzeit komplett vergessen haben könnten."

Aufmerksamkeit für die Marke

Das liegt vor allem an dem Überangebot an Musik: Allein bei Spotify gibt es 50 Millionen Tracks, jeden Tag kommen 40.000 neue dazu. Anne Haffmanns vom Indielabel Domino Records beschreibt es so: "Man muss die Zeit füllen, um Aufmerksamkeit für seine eigene Brand als Künstler zu generieren. Sonst geht man einfach unter."

Das führt dazu, dass der Output der Künstler größer wird: Da aber dermaßen viel neues Material gar nicht geschrieben und aufgenommen werden kann, erscheinen die alten Songs und Alben im neuen Gewand: Remixes, Live-Versionen, Deluxe Versionen, Re-Issues, Mix Tapes, Lost Tapes.

Künstler-Kampagne statt Album

Wie zum Beispiel bei Khruangbin. Ein US-amerikanisches Trio, das klingt, als wäre es eine Psychedelic-Band aus den 1970er-Jahren. 2018 kam ihr Album "Con Todo El Mundo" heraus. Ein Jahr später ließen sie das ganze Album vom jamaikanischen Produzenten Scientist neu arrangieren. Als Dub Version. "So richtig braucht das aber eigentlich kein Mensch", sagt Plodroch.

Miley Cyrus bringt in diesem Jahr statt eines Albums drei EPs heraus. Andere setzen auf viele Songs: Die Alben von Drake und Meek Mill haben jeweils 19 Tracks, Migos bringt sogar 24. Nicki Minaj veröffentlicht 20 Songs auf einmal und von jedem Album gibt es noch Deluxe-Versionen. "So kann man eben gar nicht mehr davon sprechen, dass man nur ein Album macht – sondern man macht im Prinzip eine Künstler-Kampagne", sagt Anne Haffmanns.

Überproduktion nicht zu bewältigen

Manche Künstler kooperieren mit anderen: Ed Sheeran hat sich für sein "Collaborations Project" 15 andere Musiker dazugeholt und bietet so gut wie alle aktuellen Genres an: Pop, Latin Pop, Trap, Grime, Singer Songwriter, Rock.

Auch Beyoncé hat jüngst kein richtiges Album veröffentlicht, sondern eine kuratierte Compilation zum Remake von "König der Löwen". Mit dabei sind mehr als 20 Musiker: Jay-Z, Kendrick Lamar, Childish Gambino, Tierra Whack, sowie Superstars und neue Talente aus Nigeria, Ghana und Kamerun.

"Das ist ziemlich gelungen – und es wirkt auch schlüssig, warum sie nun kein Album veröffentlicht", sagt Plodroch. Denn Beyoncé entferne sich etwas von ihrem eigentlichen Sound, widme sich den Stilen der Popwelt Afrikas und kombiniere das mit ihrem Thema: Empowerment.

Das Problem bleibt trotzdem: Weil alle Labels und Künstler die gleiche Strategie fahren – je mehr, desto besser –, nimmt die Masse an Musik zu. Bei dieser Überproduktion stelle sich die Frage, wer das alles hören soll, sagt Plodroch. "Wenn es noch mehr wird, ist es menschlich nicht mehr zu bewältigen."

(leg)

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