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Im Gespräch | Beitrag vom 02.05.2020

Wie schaffen wir die Gratwanderung? Corona: Leben mit der "neuen Normalität"

Stefan Selke und Timo Ulrichs im Gespräch mit Gisela Steinhauer

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Kleine runde Kuchen in einer Auslage: Sie sind mit Zuckerguss verziert. Ihnen wurden zwei Augen und ein Mundschutz "aufgemalt". (Klaus-Dietmar Gabbert / Gebäck mit einem Mundschutz aus Zuckerguss, gesehen in der Bäckerei Wetzel in Stendal in Sachsen-Anhalt.dpa-Zenralbild/dpa )
Gebäck mit einem Mundschutz aus Zuckerguss, gesehen in der Bäckerei Wetzel in Stendal in Sachsen-Anhalt. (Klaus-Dietmar Gabbert / Gebäck mit einem Mundschutz aus Zuckerguss, gesehen in der Bäckerei Wetzel in Stendal in Sachsen-Anhalt.dpa-Zenralbild/dpa )

Wir sollen Schutzmasken tragen, Abstand halten, direkte Kontakte meiden. Das Corona-Virus zwingt uns einen neuen Alltag auf. Arbeit, Schule, Freizeit – alles ist betroffen. Wie können wir mit dieser "neuen Normalität" leben? Diskutieren Sie mit!

Die Corona-Pandemie hat uns ein neues Schlagwort beschert: die "neue Normalität". Dahinter verbirgt sich die bittere Wahrheit, dass wir noch länger mit dem Virus leben müssen. Und wenn auch die Einschränkungen immer mehr gelockert werden, die Schutzmaßnahmen mit all ihren Folgen bleiben. Arbeit, Schule, Freizeit – alles ist betroffen. Was verlangt uns das ab? Wie lange wird das Ganze dauern? Bei vielen Menschen liegen bereits jetzt die Nerven blank.

Bei Lockerungen mehr Disziplin als beim Lockdown

"Wir müssen mit einer Bedrohung umgehen, die wir bisher nicht kannten", sagt Timo Ulrichs, Professor für Globale Gesundheit an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. "Und wir dürfen nicht vergessen: Wir machen das alle zum ersten Mal! Wir machen Vorschläge, und die Politik – und das ist erstaunlich – hat sehr lange mitgezogen. Jetzt sind wir an einem Punkt, wo man über Lockerungen nachdenken kann – weil wir erfolgreich waren."

Es sei "der Fluch der guten Tat": Jetzt zeigten sich die ersten Erfolge; viele Menschen würden ungeduldig, so der Infektionsepidemiologe. "Aber wir sind noch mitten drin. Und wir müssen eine Art und Weise finden, wie wir mittelfristig mit der Situation umgehen."

Dabei gelte es, die Waage zwischen den verschiedenen Gütern zu finden: der Gesundheit, wirtschaftlichen und existenziellen Fragen – und dabei das Virus in Schach zu halten. "Und die Frage ist: Wie weit gehen die Menschen mit? Es braucht bei Lockerungen noch mehr Disziplin als beim Lockdown."

Chance für eine Systemveränderung

"Gegenwärtig zwingt uns ein unsichtbares Virus eine neue Perspektive auf unsere Welt auf", sagt Prof. Dr. Stefan Selke, Soziologe an der Hochschule Furtwangen. "Meine These ist: Wir wissen gar nicht, was Normalität ist. Es ist eher ein Set aus Konventionen, Regeln, das wir immer neu schaffen. Was wir damit meinen, ist eher Kontinuität, Verlässlichkeit, Vertrauen in die Institutionen." All dies werde durch das Virus infrage gestellt; die Einschränkungen stellten viele Menschen vor große Herausforderungen.

Stefan Selke sieht aber auch Chancen. "Diese Krise hat das Potenzial, eine Systemveränderung auszulösen. Plötzlich stehen Werte im Mittelpunkt, die vorher vernachlässigt wurden, wie solidarisches Verhalten, Wertschätzung gegenüber Pflegern."

Neue Verantwortungskultur - gerechtere Welt

Das Corona-Virus gebe uns gerade Nachhilfe: Es stelle uns vor neue Problemlagen, fordere eine neue Verantwortungskultur – von jedem einzelnen, aber auch von der gesamten Gesellschaft. Es gebe eben nicht die erhoffte Reset-Taste, um in den bisherigen Alltag zurückzukehren. "Das ist die Zukunft: Dinge neu zu ordnen." Und dies auch für eine gerechtere Welt.

Das möge utopisch klingen, aber Selke ist überzeugt: "Utopien sind geöffnete Türen in Richtung Zukunft."

(sus)

Leben mit der "neuen Normalität" – Wie schaffen wir die Gratwanderung?
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9.05 bis 11 Uhr mit Stefan Selke und Timo Ulrichs. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de.

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