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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2009

Wie Menschen und Tiere aufeinander reagieren

Möhring/Perinelli/Stieglitz: "Tiere im Film", Böhlau Verlag, 292 Seiten

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In dem Buch geht es auch um die Mensch-Tier-Problematik (hier ein Pferd). (Deutschlandradio - Andreas Lemke)
In dem Buch geht es auch um die Mensch-Tier-Problematik (hier ein Pferd). (Deutschlandradio - Andreas Lemke)

Mit dem Buch "Tiere im Film" gibt es erstmals einen Überblick auf diesem Gebiet. Die Autoren Maren Möhring, Massimo Perinelli und Olaf Stieglitz verlieren dabei auch nicht die umfangreichere Forschung außerhalb Deutschlands aus dem Blick.

Das Titelblatt ziert einen Zelluloidstreifen, darin ein Hund sitzt, über dessen Kopf eine Kamera gestülpt ist. Der Anblick macht staunen. Erst recht erstaunt, wie vielschichtig und breit gefächert sich diese Textsammlung offenbart. "Tiere im Film", das mag zunächst harmlos klingen.

Jeder hat mal Kulturfilme mit stolzen Elchen, brüllenden Tigern, sich paarenden Vögeln und schießwütigen Jägern gesehen. Was aber verbirgt sich hinter solchen oft neckischem, auf den ersten Blick neutralen Beiträgen?

Welche Personen produzierten wann, wo, unter welchem Unständen, zu welchen Objekten, mit welchen Mitteln Filme, in denen die Mensch-Tier-Problematik unterhaltsam, zeitbezogen, auch problemorientiert verhandelt wird? Darauf gibt das Buch seriöse, zumeist differenzierte, auch mutige Antworten. Freilich keine erschöpfenden.

Rolf F. Nohr wirft in seinem Beitrag "Tarzans Gesicht" sogar einen Blick in die Literatur, Filmemacher beuten sie mit Vorliebe aus, und nennt exemplarisch den Mythos vom Wolfskind: in Stevensons "Robinson Crusoe" oder in Kiplings "Jungle Book".

Kern all der Geschichten ist die Frage nach der Herkunft des Menschen, seinem Verhältnis zur Natur, seinem Potenzial zur Positionierung in der Natur und seiner selbst - oder fremdbestimmten Entwicklung.

In diesen Koordinaten untersucht der Autor an Tarzanfilmen die Menschwerdung jenes aus eigener Kraft rasch vom Tier zum Menschen aufsteigenden Doppelwesens. In dem Film "Greystoke" sei das zentrale Moment seiner Menschwerdung die Rasur. Rasiert sich Tarzan, schaut er, sich selbst erkennend, in den Spiegel, benutzt er ein Werkzeug, das Messer. Die Rasur kulminiert im Erwerb des Sprechens. Auf diese Weise legt der Film nahe:

Der Mensch ist im Tier enthalten, er muss sich nur befreien, sich ausschälen – oder eben rasieren.

Anders der Autor Vinzenz Hediger. Er schaut den Film "Greystoke" durch die politische Brille an und nennt ihn eine aufgeklärte Verfilmung des Tarzanstoffes. Die im literarischen Vorwurf guten Herrscher seien hier finstere, zwar keine Militärs und Polizeikräfte, die Aufständische nieder prügeln, wohl aber Vertreter des viktorianischen Wissenschaftsbetriebs. Naturforscher nämlich, die seltene Tierarten aufspüren und erlegen und zu guter letzt für Museumspräsentationen ausstopfen.

Kritisch fallen die Bewertungen berühmt gewordener deutscher Tierfilmer und deren Ergebnisse aus. Hendrik Pletz etwa analysiert jene versteckten Ideologien und Rassismen in den Tierstreifen von Grzimek wie "Kein Platz für wilde Tiere" oder "Serengeti darf nicht sterben" aus den Fünfzigerjahren, beides dereinst sehr populäre Streifen, und gibt eine schlüssige Ideologieanalyse, die wieder aktuell ist. Der Kolonialismus hätte den Afrikanern nicht Leid und Tod gebracht, sondern Gesundheit und Frieden, so die Botschaft dieser Filme.

Insoweit die Filme die Tiere als Opfer in Stellung brachten und zur Identifikation mit ihnen einluden, konnten sie durchaus einen deutschen Opferdiskurs befördern.

Kurios die Beschreibungen von Olaf Stieglitz, der in seinem Beitrag "Citizen Lassie" Tiere als bessere Staatsbürger im US-Fernsehen der Fünfzigerjahre beschreibt. Hunde wie Lassie haben natürlich ihre Widerparts. Sie dringen in die nur scheinbar heile Welt der Kernfamilie und ihrer Gemeinde ein. Exotische Raubkatzen, der akrobatischen Welt des Zirkus entlaufen, gefährden das Leben der Bewohner. Schwärme von Insekten bevölkern Räume und machen diese zu No-Go-Areas wie Kinder und Erwachsene. Ein erhellender Beitrag.

Wir kennen die Tierquälereien, wie sie einzig der Film ganz nahe an uns herantragen kann. Und sehen die toten Augen eines von Kojoten gerissenen Schafs auf der Leinwand so, als wären es die eines hingerichteten Menschen. In der Richtung geht Sulgie Lie einfühlsam auf Tierbilder ein, wie sie der Filmregisseur Robert Bresson bildlich-metaphorisch geformt hat. Bresson zeichnet Tiere als mitfühlende wie leidende Kreaturen. Stummer Zeuge ist etwa der Esel Balthazar in dem gleichnamigen Bresson-Film. Erzählt wird dessen Passionsgeschichte.

Balthazars Glück der Kindheit endet mit dem ersten Peitschenschlag. Er kommt in einen Zirkus, wird dort - gegen seine Natur - vor einem aktionshungrigen Publikum dressiert. Balthazar erlebt die Schreie des Löwen, des Bären, des Affen, Schreie der geschundenen Kreatur, und erschrickt. Die Tiere tauschen, getrennt vom Menschen, Blicke aus. Der ungerührte und doch so gerührte Blick Balthazars in dem Moment, schreibt die Autorin, macht ihn zu einem stummen Zeugen, "der sich dem bezeugten Leid in somatischer Solidarität anschmiegt."

Alles in allem ist der Band, – er ist sparsam, aber geschmackvoll illustriert - , eine lohnenswerte Lektüre. Schade nur, dass die Biografien der Buchautoren fehlen und auch keine Filmografie der in den Texten erwähnten Streifen angefügt ist.

Besprochen von Stefan Amzoll

Maren Möhring/Massimo Perinelli/Olaf Stieglitz: Tiere im Film -
Eine Menschheitsgeschichte der Moderne

Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien 2009, 292 Seiten

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