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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.10.2007

Wie Johnson in New York einen Hut für Grass besorgte

Uwe Johnson, Anna Grass, Günter Grass: "Der Briefwechsel". Herausgegeben von Arno Barnert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, 231 Seiten

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Der Schriftsteller Günter Grass (AP)
Der Schriftsteller Günter Grass (AP)

Der Briefwechsel zwischen Günter Grass und Uwe Johnson beginnt 1961, nachdem Günter Grass eine Kohlezeichnung von Uwe Johnson angefertigt hatte. Der erste erhaltene Brief ist vom 17. Juni 1961 datiert. Darin berichtet Grass Johnson, wie er als Gastredner auf dem V. Schriftstellerkongreß der DDR im Mai 1961 die linientreuen Delegierten brüskierte, als er das Publikationsverbot von Johnsons Büchern in der DDR kritisierte.

1961 ist ein weiteres Schlüsseljahr - für beide deutsche Staaten und für die Literatur. Am 13. August wird die Mauer gebaut und auf der Messe in Frankfurt am Main erscheinen im Herbst Grass' Novelle "Katz und Maus" und Johnsons Roman "Das dritte Buch über Achim". Zwei Jahre später äußert Grass gegenüber Johnson - er schreibt gerade an den "Hundejahren" -, er habe das Gefühl, leer geschrieben zu sein.

Zu dieser Zeit steht Uwe Johnsons Schreibtisch in Berlin-Friedenau, in der Niedstraße 14. Wenig später richtet Günter Grass sein Arbeitszimmer im Nebenhaus ein - im August 1964 kaufen Anna und Günter Grass das Haus Niedstraße 13. Häufig treffen sich die befreundeten Ehepaare zum Frühstück oder Abendessen.

Wären die Johnsons im Frühjahr 1966 nicht nach New York gezogen, der Briefwechsel wäre ein schmales Bändchen geblieben. Doch während der zwei Jahre, in denen Johnson in New York arbeitet - im August 1968 kehrt er mit seiner Familie zurück - entwickelt sich ein intensiver Schriftverkehr zwischen beiden Autoren und zwischen Uwe Johnson und Anna Grass.

Es gibt Alltägliches zu regeln, insbesondere Anna Grass hilft Johnson bei der Erledigung ganz praktischer Dinge. Wenn auch die Anlässe eher sachlicher Natur sind, lesenswert sind diese Briefe, weil ihre Verfasser mit der Sprache umzugehen verstehen. So schreibt Johnson an Anna Grass: "Als sie [die Post] mir mein Schliessfach wegnahm, in dem ich sieben Jahre lang friedlich und behaglich wohnhaft war, machte sie mir auch noch die Auflage, die Schlüssel dazu an einem bestimmten Donnerstag im April, und zwar in einer bestimmten Viertelstunde, am Schalter 13 des Postamtes in Friedenau herauszurücken, und sorgte sodann mit ihrem eigenen Apparat dafür dass diese Kunde mir erst an einem Tag im Mai widerfuhr."

Das macht den Reiz des Schriftverkehrs aus. Die Briefschreiber verstehen es, selbst Belanglosem durch ihre Beschreibungen ein treffliches Sprachkleid anzuziehen. Die Briefe können sich sehen lassen. Auch Günter Grass ist in den Briefen ein Meister des Wortes. Weniger, wenn er von Wahlkampfauftritten für die SPD berichtet, aber umso mehr, wenn er beispielsweise Strafanträge kommentiert, mit denen ihn die Springer Presse behelligt.

Dem Spruch, der ein Geburtstagsgeschenk zu seinem 40. Geburtstag ziert - ein Mann solle ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen -, fügt er hinzu: und "einen Springer, wenn schon nicht fällen, dann wenigstens anecken."

Der Herausgeber Aron Barnert hat den Band äußerst kundig und sehr informativ kommentiert. Viele interessante Details finden sich in den Fußnoten, die sich als reicher und teilweise überraschender Fundus erweisen. Ein wirkliches Kabinettstück des Briefwechsels aber ist die Geschichte, die sich um einen Hut rankt, der Günter Grass bei einer Lesung gestohlen wurde. Die Folgen dieses Diebstahls schwappen über den Atlantik und beschäftigen Uwe Johnson in New York, der gebeten wird, ein neues Exemplar zu besorgen.

Der Briefwechsel zwischen Anna Grass, Günter Grass und Uwe Johnson endet einen Monat vor Johnsons Tod im Februar 1984. Den letzten Kartengruß schickt Johnson aus Sheerness on sea an Günter Grass nach Wefelsfleth: Er gratuliert dem Verfasser "Der Blechtrommel" zur Übersetzung des Romans ins Polnische. Günter Grass und Uwe Johnson begegnet man in diesem Briefwechsel privat. In Erinnerung werden Episoden bleiben, und, was beide Autoren mit der Sprache anzufangen verstehen.

Selbst in der Privatkorrespondenz bleiben sie in Sprachdingen als Schriftsteller Sprachsteller und also bei sich. Es bereitet ihnen Freude, nach schönen, sprachlich gelungenen Formulierungen zu suchen und sie zu finden. Sie sind es sich und dem Adressaten schuldig. Ein Band, mit dem sich Günter Grass und dieser seine Leser zu seinem 80. Geburtstag aufs Schönste beschenkt.


Rezensiert von Michael Opitz


Uwe Johnson, Anna Grass, Günter Grass: Der Briefwechsel
Herausgegeben von Arno Barnert.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, 231 Seiten, 22,80 Euro

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