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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.06.2011

Wie Jesus zum "Arier" gemacht wurde

Die vergessene Geschichte des "Entjudungsinstituts"

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Die Wartburg bei Eisenach: In der thüringischen Stadt hatte das "Entjudungsinstitut" seinen Sitz (AP Archiv)
Die Wartburg bei Eisenach: In der thüringischen Stadt hatte das "Entjudungsinstitut" seinen Sitz (AP Archiv)

Nach 1933 verschmolzen viele Ziele des Protestantismus und der NSDAP, gingen der kirchliche Antijudaismus und der Antisemitismus ihre unheilige Allianz ein. 1939 wurde in Eisenach ein Institut gegründet, das die "Entjudung des religiösen Lebens" zur Aufgabe hatte.

Es war eine überaus stimmungsvolle Einweihungsfeier mit würdigen geistlichen Herren in dunklen Anzügen, Blumenschmuck und Mozartscher Klaviermusik. Dann sang die versammelte Festgesellschaft das Lied:

"Ans Werk, ihr Kameraden,
Zum Kampf, zu frohen Taten..."


Welcher Art diese "frohen Taten" sein sollten, mochte deutlich werden, als der Leiter des neu gegründeten Instituts, der Theologieprofessor Walter Grundmann ans Rednerpult trat. Sein Festvortrag trug den Titel:

"Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche..."

Dieser Titel war Programm, erläutert Professor Karl Wilhelm Niebuhr, evangelischer Theologe an der Universität Jena:

"Die Ziele dieses Instituts sind relativ klar bestimmt worden. Eines war die Untersuchung der Entstehungsverhältnisse des Christentums unter dem rassischen Gesichtspunkt, unter Einbeziehung der bevölkerungspolitischen und religiösen Einflussverhältnisse Palästinas; ein zweites die Herausarbeitung klarer Grundsätze für die Beurteilung und Aufführung von Kunstwerken, die alttestamentliche Figuren, Symbole und Texte zum Ausdruck eines Arteigenen verwenden und dann etwas später: Klarstellung der Haltung großer deutscher religiöser Persönlichkeiten zum Judentum, in Klammern Luther, Herder, Stöcker usw. Es geht darum, jüdische Elemente aus dem deutschen kirchlichen und theologischen Leben zu entfernen. Und so ist dann auch der Name dieses 'Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben'."

Es ist ein Stück längst vergessener, vor allem aber auch verdrängter Kirchengeschichte - dieses Institut, dessen Gründung man am 6. Mai 1939 auf der Wartburg so festlich beging. Dort, wo die Bibel übersetzt wurde und die Wiege der Reformation stand, predigte man von 1939 bis 1945 die rassische und religiöse Minderwertigkeit der Juden. Dort wurde der Jude Jesus aus seinem Judentum hinauskatapultiert, dort wurden Kirche und Theologie von jüdischen Einflüssen "gesäubert". 13 evangelische Landeskirchen trugen das sogenannte "Entjudungsinstitut"; keine weigerte sich mitzumachen. Rund 200 Mitarbeiter zählte die Einrichtung, die sich durch einen hohen akademischen Anspruch auszeichnete.

Karl Wilhelm Niebuhr: "Zu diesem Institut gehörten Bibelwissenschaftler, Alttestamentler, Neutestamentler, Kirchengeschichtler, praktische Theologen, Kirchenleute bis hin zu Bischöfen oder Pfarrern, Superintendenten. Es war ganz klar der Selbstanspruch: Das ist ein wissenschaftliches Institut, allerdings eines, das ganz gezielt die kirchliche Praxis in den Blick nimmt. Also man wollte zunächst mal erforschen an dem Bibeltext, an den Liedtexten, an der Frömmigkeitspraxis, den Kunstwerken forschen: Wo gibt es jüdischen Einfluss? Und dann wollte man konkrete Vorschläge machen, wie man diesen Einfluss beseitigen kann."

Nun waren solche Bemühungen keineswegs neu und sie geschahen auch 1939 nicht aus heiterem Himmel. Bereits in der Spätantike sorgte die jüdische Wurzel der Kirche in einer Art "Erbstreit" für Debatten, die sich auch und vor allem am Judentum Jesu entzündeten.

Nach 1933 verschmolzen viele Ziele des Protestantismus und des Nationalsozialismus, gingen der Antijudaismus der Kirche und der Antisemitismus der Politik ihre unheilige Allianz ein. Und als der Jenaer Neutestamentler und NSDAP-Parteigenosse Professor Walter Grundmann das Eisenacher Institut übernahm, konnten die Nationalsozialisten sicher sein, den richtigen Mann am richtigen Platz zu haben:

Karl Wilhelm Niebuhr: "Das war der Höhepunkt einer Blitzkarriere, denn Grundmann ist erst 1906 geboren, war also gerade mal Mitte 30 und schon Professor der Jenaer Universität geworden. Sein Mittel für diese Profilierung war eindeutig im Sinne der 'Deutschen Christen' und zwar des relativ radikalen Flügels der 'Deutschen Christen', wie er sich in Thüringen insbesondere herausgebildet hatte. Von daher war es gar kein Zufall, dass gerade Grundmann der fachliche Leiter dieses Instituts wurde."

Unter Grundmann entwickelte das Institut bald Schubkraft. Etwa mit einer Neuausgabe des Neuen Testaments, die sich "Botschaft Gottes" nannte, und eine Art Volksbibel darstellte, die akribisch "entjudet" worden war.

Karl Wilhelm Niebuhr: "Da hab ich ein schönes Beispiel gefunden, die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium: 'Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging...' usw. Und dann geht es ja in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas weiter: 'Da ging jedermann in die Stadt, in der er gezählt werden sollte...'. Und jetzt lese ich einfach mal weiter im Wortlaut dieser 'Botschaft Gottes'... 'auch Joseph aus Galiläa von der Stadt Nazareth wanderte nach Bethlehem mit Maria, seiner lieben Frau, die ein Kind unter ihrem Herzen trug...' Haben Sie gemerkt, dass da was fehlt? Im Bibeltext heißt es: 'Auch Joseph aus Galiläa aus der Stadt Nazareth ging nach Bethlehem zu der Stadt Davids im jüdischen Land... weil er aus der Nachkommenschaft Davids war...' Das ist einfach ausgelassen worden und keiner merkt’s. Das ist jetzt die Bibel für das deutsche Volk."

Das Alte Testament sparte man konsequenterweise ganz aus. Und auch den Hebräischunterricht für angehende Pfarrer schaffte Grundmann ab. Am Ende des Vaterunsers hieß es nun nicht mehr - hebräisch - "Amen", sondern "Das walte Gott". Worte wie "Hosianna" oder "Halleluja" verschwanden. Ungeschoren kam selbst das Gesangbuch nicht davon, das im Juni 1941 unter dem Titel "Großer Gott, wir loben Dich" in einer Neuauflage erschien und Züge eines Feldgesangbuchs trug.

Karl Wilhelm Niebuhr: "Ein schönes Beispiel ist das sehr bekannte Lied 'Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren', wo es ja in der letzten Strophe heißt 'alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen...' Und da hat man einfach 'Abrahams Samen' rausgenommen und etwas umgedichtet 'Alles was Odem hat lobe, die seine Verheißung bekamen...' Mit ähnlicher Weise hat man versucht, sehr bekannte und beliebte alte Lieder, die man nicht einfach streichen wollte, zu bearbeiten. Oder man hat Strophen hinzugefügt. Da gibt’s ein drastisches Beispiel zu diesem Lied "Großer Gott, wir loben dich", wo dann eine ganz massiv deutsch-christlich-nationalsozialistische Strophe noch hinzugefügt wurde."

"Dort, wo uns’re Fahnen weh’n,
Sei’s zu Lande, sei’s zu Meere,
Laß die Treue Schildwach’ steh’n,
Sei uns selber Waff’ und Wehre,
Losungswort sei allzugleich:
Treu’ zu Führer, Volk und Reich..."


Um Jesus zum "Arier" zu machen, erklärte Grundmann, der Mann aus Nazareth sei "Galiläer" gewesen und bei den "Galiläern" habe es sich um einen "arischen" Stamm im jüdischen Herrschaftsgebiet gehandelt, dem der jüdische Glaube aufgezwungen worden sei.

Karl Wilhelm Niebuhr: "Er schreibt, dass, wenn man die 'seelische Artung' als entscheidende Größe einsetzt, die nichtjüdische Abkunft Jesu mit großer Sicherheit behauptet werden könne. Das ist nun ganz gezielt etwas kompliziert formuliert, denn Grundmann sagt nicht: 'Jesus war Arier', das könnte er als Wissenschaftler nie beweisen. Und er sagt auch nicht, dass Jesus im rassebiologischen Sinn kein Jude gewesen sei, sondern er spricht eben von der 'seelischen Artung'. Aber die Tendenz war klar: Jesus soll vom Judentum abgerückt werden."

1943 wurde Grundmann eingezogen. Die Arbeit des Instituts kam damit praktisch zum Erliegen. Nach dem Krieg wirkte er als Pfarrer in Thüringen und wurde 1975 zum Kirchenrat befördert. Eine klare Position zu seinen Fehlurteilen und zu seiner Vergangenheit habe er bis zu seinem Lebensende nicht bezogen, sagt Karl Wilhelm Niebuhr:

"Da ist er natürlich auch ein Kind seiner Zeit im Blick auf die fachlichen Ansichten, die nicht nur vor '45, sondern bis in die 50er, 60er-Jahre weit verbreitet waren: Dieses grundsätzliche Ziel, Jesus abzugrenzen vom Judentum, ihn gerade in den Gegensatz zum Judentum seiner Zeit zu rücken. Das findet man auch ganz ohne irgendwelche nationalsozialistischen Tendenzen bei vielen Neutestamentlern der Generation von Grundmann."

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