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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 14.05.2019

Wie Hunde die Kommunikation rettenIn jedem Park ein Star

Von Peter Zudeick

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Ein Hund mit Bomberjacke und offener Schnauze. (unsplash/Alexandra Novii)
Ihn "putzig" zu nennen wäre eine maßlose Untertreibung. (unsplash/Alexandra Novii)

Ob in der U-Bahn, auf der Straße, selbst im Restaurant: Menschen starren auf ihr Smartphone. Miteinander gesprochen wird kaum noch. Wem das nicht gefällt, für den hat unser Autor Peter Zudeick einen guten Rat: Schaffen Sie sich einen Hund an!

Ich bin ein Katzenmensch, damit das gleich klar ist. Ein Katzennarr, um genauer zu sein. Ich liebe ihre Eleganz, ihre Schönheit, ihre Klugheit, ihren Eigensinn, ihren Charakter. Hunde finde ich eher dämlich. Charakterlos. Objekte zum Dressieren und Abrichten. Die Menschen nennen das "treu". Naja, sollen sie.

Ich bin mit Katzen aufgewachsen, hatte als Kind chronische Bronchitis, auch im Sommer. Tatsächlich bin ich hochallergisch gegen Katzenhaar, gegen Tierhaar überhaupt. Das stellte sich aber erst viel später heraus.

Ein Hund für den Tierhaar-Allergiker

Den Satz "Papa, ich will einen Hund" konnte ich deshalb ganz gelassen an mir abperlen lassen. Papa ist allergisch, und Hunde machen ihn krank. Das ging so lange, bis mein Jüngster hörte, dass es Hunde geben soll, die keine Allergien erzeugen. Von da an waren alle Abwehrgefechte Rückzugsgefechte. Ich hatte das Ding an der Backe: Einen Züchter suchen, eine Rasse auswählen, viel Geld bezahlen und schon war ich Herr mit Hund.

Von wegen: Papa, ich kümmere mich um den Hund, ich führe ihn aus, ich mach den Dreck weg, ich bringe ihn zum Arzt. Natürlich weiß jeder Vater, dass das gelogen ist. Und auch als Lüge gemeint ist. Aber man tut so, als fiele man drauf rein. In die Schule kann der Bub den Hund nicht mitnehmen, die Gemahlin kann ihn nicht mit zur Arbeit nehmen, ich bin Freiberufler, habe ein eigenes Büro – ich kann ihn mitnehmen. Herzlichen Glückwunsch.

Nun ist das aber nicht nur unangenehm und lästig. So ein Hund bereichert das Familienleben ungemein. Plötzlich führt man wieder Gespräche über Verdauung, über Häufigkeit, Regelmäßigkeit und Konsistenz derselben, als hätte man wieder ein Baby im Haus. Hat man ja auch. In die Kneipe gehen, Freunde besuchen, Urlaub planen – alles steht unter Hunde-Kuratel. Gottlob gibt es Hundetagesstätten, Hundepensionen, so nützlich und teuer wie das Futter, der Tierarzt, der Hundefriseur. Was habe ich bloß mit meinem Leben angestellt, als ich noch keinen Hund hatte. Ich muss es irgendwie vergeudet haben.

"Nein, ist der süß!"

Die schönste Bereicherung aber sind die Sozialkontakte. Die des Hundes und meine. Der kleine Kerl ist der Star in jedem Park. Er ist eine Mischung aus Golden Doodle und Australian Shepherd. Ihn "putzig" zu nennen wäre eine maßlose Untertreibung. Vor allem Frauen, Mädchen, Damen stoßen spitze Schreie aus, wenn sie ihn sehen. "Nein, ist der süß", kreischen sie und wollen sich gar nicht einkriegen. Ich muss gestehen, einmal, aber wirklich nur ein einziges Mal, rutschte mir die blöde Replik raus: "Wen meinen Sie denn?" Ich habe mir inzwischen verziehen. Wäre ich nicht verheiratet: Mein Hund wäre der perfekte Beziehungsanbahner.

Man lernt ja auch viel dabei. Hundebesitzer sind ausgesprochen kommunikativ, man erfährt ungefragt Geschlecht, Alter, Eigenschaften, Krankheiten der anderen Hunde. Und ihrer Menschen. Während mein Max in Windeseile Freundschaften schließt, wie verrückt um Frau oder Mann mit Hund herumrast, sich balgt und dann unversehens abschießt wie eine Rakete, weil er ein Kaninchen gesehen hat. Da hilft kein Rufen oder Pfeifen. Immerhin erntet man ein verständnisinniges Kopfnicken der anderen Hundemenschen: Ja, das kenn ich.

Nonverbale Kommunikation zwischen Herrchen und Hund

"Er bemüht sich doch, alles richtig zu machen", sagt die Gemahlin. Sie irrt. Er bemüht sich zunächst, seinen eigenen Kopf durchzusetzen, und macht dann auf unterwürfig, wenn’s nicht funktioniert. Aber immerhin: Wir reden miteinander. Nonverbal, versteht sich. Er hat ein Spiel erfunden, das geht so: Wenn wir unterwegs sind, bleibt er plötzlich stehen, muss unbedingt ein Grasbüschel untersuchen, in Zeitlupe an einer Hecke rauf- und runterschnuppern und einen Laternenpfahl ganz unten darauf befragen, wer da alles jüngst zu Besuch war. Ich muss dann weitergehen und darf mich nicht zu ihm umdrehen. Irgendwann, wenn ich weit genug weg bin, rast er los, überholt mich, bremst dann ab, um auf mich zu warten: Wo bleibst du denn bloß?! Wenn er mal keine Lust auf Spielchen hat, bin ich ziemlich enttäuscht. So geht das mit Herr und Hund. Mit Herr und Katze leider nicht, weil es immer noch keine zuverlässig allergiefreien Katzen gibt – schade eigentlich.

(picture alliance/Horst Galuschka/dpa)Der Journalist Peter Zudeick (picture alliance/Horst Galuschka/dpa)Peter Zudeick, geboren 1946, aufgewachsen in Solingen, promovierte in Philosophie und arbeitete als Korrespondent in Bonn und dann in Berlin. Buchveröffentlichungen u.a. 'Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch - Leben und Werk', 'Alternative Schulen' und 'Tschüss, ihr da oben. Vom baldigen Ende des Kapitalismus'.
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