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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.09.2010

Wie der Punk in die Niederlausitz kam

Das kurze Leben der "Partyrepublik Lugau"

Alexander Kühne im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Punkrock in der DDR (AP Archiv)
Punkrock in der DDR (AP Archiv)

Das Dörfchen Lugau in der Niederlausitz war Anfang der 80er-Jahre sowas wie der Hotspot des musikalischen Undergrounds der DDR. Alexander Kühne organisierte dort im ehemaligen Kulturhaus der Bergarbeiter Punk- und New-Wave-Konzerte - paradoxerweise half ihm die FDJ dabei.

Klaus Pokatzky: Die Niederlausitz ist eine beschauliche Region mit schrecklich viel Braunkohle, südlich von Berlin, auf dem Weg nach Dresden. Die Niederlausitz war in der alten DDR so etwas wie das Emsland oder Ostwestfalen für die alte Bundesrepublik, also für junge Menschen vom Unterhaltungswert her eher begrenzt.

In der Niederlausitz gibt es ein Dörfchen namens Lugau, wie es das Dörfchen Breddenberg im Emsland gibt oder das Dörfchen Bleiwäsche in Ostwestfalen. Aber Lugau war zu DDR-Zeiten ganz anders, Lugau war kein verschlafenes Dorf, Lugau war eine Partyrepublik. Der Republikgründer ist nun bei uns im Studio, willkommen Alexander Kühne!

Alexander Kühne: Guten Tag!

Pokatzky: Herr Kühne, Sie arbeiten heute als Drehbuchautor, vor mehr als 30 Jahren waren Sie 14 Jahre alt, Schüler in Lugau, Ihre Mutter war Schuldirektorin, Ihr Vater leitete einen Kleinbetrieb. Welche sozialistische Karriere war denn da für Sie vorgesehen?

Kühne: Ja, die sozialistische Karriere hätte höchstwahrscheinlich darauf abgezielt, dass ich Offizier geworden wäre oder FDJ-Sekretär, hauptamtlicher, oder so was Ähnliches, weil ich hatte zwei linke Hände, was Praktisches wäre nicht infrage gekommen, also wäre ich höchstwahrscheinlich Funktionär geworden vielleicht.

Pokatzky: Aber, Sie mussten dann ganz heftig mit Ihren beiden unpraktischen Händen arbeiten, wie kam das? Sie waren dann Braunkohleaufkehrer, also nichts mit NVA-Offizier und FDJ-Sekretär?

Kühne: Nein, leider nicht. Ich habe praktisch durch die Gängelei meiner Lehrer, weil ich eigentlich trotz meiner Mutter, dass sie Schulleiterin war, eigentlich immer ein ziemlich rebellischer Geist war zu Hause und das auch nicht aberzogen bekommen habe, habe ich natürlich beizeiten gemerkt, dass ich mit meinen Lehrern schnell in Konflikt gerate, weil bei uns wurde halt auch immer Westen geguckt zu Hause, wir hatten auch Verwandte und so weiter und so fort, und dadurch hat man sich dann schon so ein eigenes Bild geformt, was man will und was man nicht will.

Und es war ja nichts anderes vorprogrammiert für uns. Entweder hätte man auf der Penne oder so Maschinenbau studieren können, also viel mehr war ja nicht drin, oder man hätte eben Arbeiter werden können. Und weil meine Leistungen dadurch, dass ich in Opposition zum System gegangen bin, sage ich mal, immer schlechter wurden, blieb nicht viel mehr übrig. Ich habe dann erst in einer Maschinenfabrik gelernt und später dann auf'm Kohleplatz Waggons ausgefegt.

Pokatzky: Das Schlüsseldatum für diese Entwicklung war 1978, als Ihnen eine Platte der legendären Gruppe Genesis in die Hände fiel, und dann haben Sie angefangen, welches Radio zu hören?

Kühne: Den RIAS, wo wir jetzt hier sitzen, ich bin ja froh, dass wir mal in diesem Gebäude überhaupt … macht mich ganz stolz, also früher der RIAS.

Pokatzky: Was gab es denn damals, also Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre dann überhaupt für Freizeitmöglichkeiten in der Region Doberlug-Kirchhain, wo ja Lugau liegt.

Kühne: Die Freizeitmöglichkeiten waren gar nicht so, sage ich mal, so eingeschränkt. Es gab fast in jedem Kaff eine Disko, und vor allen Dingen in Doberlug-Kirchhain gab es den "Kohlenpott", das Kulturhaus der Bergarbeiter – inzwischen abgerissen leider Gottes, wie so vieles –, und da war vier- oder fünfmal in der Woche Disko, und man wurde dadurch natürlich auch geprägt, weil die DJs dort spielten überhaupt keine DDR-Musik.

Also, es wurden grundsätzlich West-Sachen entweder vom RIAS aufgenommen oder eben die Platten, die sie gekriegt haben, wurden dort gespielt. Und da ist man dann auch noch mal geprägt worden durch die Musik.

Pokatzky: Was haben Sie dann aus diesem Kulturhaus der Bergarbeiter, dem "Kohlenpott" gemacht in den 80er-Jahren?

Kühne: Na, der "Kohlenpott" hat geschlossen wegen einem großen Konzert von einer Band, die hießen "Freigang", die waren aus Berlin, und da waren die ganzen Blues-Typen, also die Langhaarigen mit den Parkern und so, die haben das ganze Haus auseinandergenommen, dann war es geschlossen. Und wir waren schon, in der Zeit waren unsere Haare schon kürzer und wir waren schon so auf New Wave und so und haben dann die Kneipe in meinem Ort, in Lugau, was nur zwei Kilometer entfernt davon war, genutzt, um praktisch dort die erste New-Wave-Party zu machen, und dann angefangen, die Untergrundbands, die es so in der DDR gab, die Handvoll, die dann bei uns spielen zu lassen.

Pokatzky: Wie haben Sie dann den "Jugendclub Extrem", also der ja sozusagen dann der Hort dieser Partyrepublik Lugau war, ausgerechnet unter dem Dach der FDJ, der Freien Deutschen Jugend hingekriegt?

Kühne: Na, das war das Paradoxe an der DDR, dass man praktisch, dass die ja eines Teils die FDJ – wir mussten ja ständig mit denen reden, also es waren ja so hauptamtliche Leute, die da in blauen Hemden in irgend so einer FDJ-Kreis…, bei der FDJ-Kreisleitung saßen und die auch meistens 20, 30 Jahre älter waren als wir.

Pokatzky: Und wie lang waren deren Haare?

Kühne: Die hatten noch Bärte, die Haare waren ziemlich kurz, aber Bärte hatten sie auf jeden Fall, also viele von denen. Und die wollten ja, dass was passiert, das war ja ihnen wichtig. Und wir haben uns dann praktisch unabhängig gemacht. Zum Anfang haben wir die Partys schwarz gemacht, und dann kam ja gleich das System, also es wurde ja alles gleich verboten, und dann hat die FDJ uns geholfen. Wir haben dann einen Jugendclub gegründet, und dadurch waren wir nicht sicher, aber wir konnten immer zur FDJ gehen und sagen, passt auf, die wollen uns wieder verbieten und so. Aber dann haben sie uns manchmal geholfen und manchmal eben auch nicht, je nachdem, wie stark wir gegen die Gesetze dieses Landes verstoßen haben.

Pokatzky: Und dann war erst mal die Langeweile vorbei, und "Langeweile" ist der Titel von der Band Pankow, den wir jetzt mal so ein bisschen uns anhören werden.

(Musikeinspielung)

Pokatzky: Alexander Kühne, das war jetzt aber nicht die Musik, die damals so in dem Jugendclub extrem in Lugau gegeben wurde?

Kühne: Nein, das war nicht die Musik, aber obwohl diese Band Pankow zum Anfang eigentlich ganz ... hatte eigentlich so ein paar Meriten unter den Leuten, weil sie als unabhängig galten. Als wir die dann das erste Mal gesehen haben und mit denen ins Gespräch gekommen sind, bezogen sie sich doch auf Beatles oder Stones, was wir langweilig fanden, weil wir dachten, die sind von The Clash oder so was beeinflusst, aber das waren sie natürlich nicht, also vor allen Dingen mit dem Song sowieso nicht, aber vorher war die Musik etwas aggressiver und der Text war einfach nur gut. Dieses "Langweile" finde ich sehr, das ist "rumgerannt und doch nichts passiert", man muss da halt was tun, damit was passiert, weil sonst wäre wirklich nichts passiert.

Pokatzky: Ja, aber was passierte denn jetzt in diesem Jugendclub Extrem?

Kühne: In dem Jugendclub passierte, dass wir praktisch diese ... Also es gab ja Bands, die hießen "Rosa Extra", "Hard Pop", "Expander des Fortschritts" und so weiter und so fort, und das waren ja, in Anführungsstrichen, "New Wave Bands", also die sozusagen zu der 80er-Jahre-Untergrundmusik dieses Landes gehörten und die zum Teil Spielerlaubnis hatten oder nicht – also man brauchte ja immer eine Spielerlaubnis, wenn man so eine Band war –, und die spielten dann halt bei uns und zogen dann die ganzen Leute aus Leipzig, Dresden, Berlin und wo sonst her, Cottbus vor allen Dingen, zogen die dann in unser Kaff sozusagen, nach Lugau, in unseren Ort. Und dort hat sich dann mit der Zeit eine richtige Szene herausgebildet, von der man immer glaubte, dass sie ewig bestehen wird, aber am Montag war dann meistens wieder Schluss oder am Sonntag schon, wenn die Polizei anrückte oder die erzürnten Bürger und ...

Pokatzky: Genau, das reichte ja schon den 400 Einwohnern von Lugau. Sie haben einen interessanten Artikel im Jugendmagazin "Dummy" geschrieben, da zitieren Sie auch die "Lausitzer Rundschau" aus damaligen Zeiten, und die hat damals geschrieben: "Schicken Sie Ihre Kinder auch nach Lugau, wo die Dekadenz wahre Orgien feiert?", weil – das beschreiben Sie ja auch ganz offen - das Dorf wurde ja regelmäßig, ja, wenigstens ansatzweise verwüstet, Glasscherben auf den Wegen und bekotzte Gartenzwerge. Also, für die Menschen dort war es ja nicht nur angenehm.

Kühne: Das ist richtig, für die Leute war es nicht angenehm zum Teil, aber es war ja jetzt nicht so, dass man denen jetzt in die Wohnungen oder so was gegangen ist. Klar lagen mal ein paar auf dem Friedhof rum und so weiter ...

Pokatzky: Nur die Gartenzwerge mussten dran glauben?

Kühne: Die Gartenzwerge muss man ... nein, man muss auch viel mehr glauben: Es gab auch schon, also es wurde viel zerschlagen und so, öfter mal, und so ist das nun mal …

Pokatzky: Aber das ist nicht kaputtgemacht worden vom Staat, wie man ja jetzt eigentlich so denken würde – da kommt die Stasi und spioniert alles aus, haben die jetzt nicht gemacht, sondern die FDJ hat Ihnen zum Ende der DDR hin sogar noch den Titel "hervorragendes Volkskunstkollektiv" verliehen. Was war das für ein seltsamer Spagat?

Kühne: Ja, der Spagat, der musste halt immer gelingen. Wir mussten halt immer versuchen, wieder die auf unsere Seite zu ziehen und so weiter und so fort. Und die Stasi kam auch zu unserem Clubleiter, dem Henry, und wollte, dass der uns ausspioniert, und der Henry hat Nein gesagt und hat uns darüber auch informiert. Und nach der Wende haben wir das auch aus seiner Stasiakte, die er dann bekommen hat, erfahren, dass er Nein gesagt hat, und sie haben dann praktisch diesen operativen Vorgang, wie sie es nannten, abgebrochen.

Pokatzky: Das ging alles so unheimlich letztlich doch so harmonisch – war dann das Schlimmste im Grunde die Wiedervereinigung, als sich dann der Club ja irgendwann aufgelöst hat?

Kühne: Nein, das war schön, also um Gottes willen, ich konnte dann endlich weg vom Kohleplatz und konnte endlich mal das machen, was ich wollte, ich konnte Fernsehjournalist werden, konnte mit Musik beruflich zu tun haben. Es war ein Segen, dass dieses Land endlich den Bach lang runtergegangen ist. Aber für den Club war es in der Tat, das Anarchistische der DDR war natürlich vorbei, man konnte jetzt machen, was man wollte, und wir mussten professionell sein, aber wir konnten jetzt ganz viele Bands aus England und von sonstwo einkaufen, und die konnten dann offiziell spielen, was da auch passiert ist. Und in der Region war noch ganz viel los bis Mitte der 90er-Jahre.

Pokatzky: Aber Sie hatten ja vorher schon mal eine Band aus Westberlin geholt, die wurde dann bezahlt in Korn und Bier, das war dann offenbar nach der Wiedervereinigung nicht mehr möglich.

Kühne: Das war richtig, da gab es dann offizielle Verträge und Rider oder wie diese Dinger hießen, wo man dann den Leuten irgendwelches Catering zur Verfügung stellen musste und so weiter und so fort, alles wurde mit offiziellen Verträgen geregelt. Solche Sachen gab es dann natürlich nicht mehr. Es hat immer eins das Gute und das andere, aber dafür waren wir frei, oder ich zumindest.

Pokatzky: Aber warum ging dann die Partyrepublik Lugau, wenn wir bei diesem Schlagwort bleiben, gefragt an den Republikgründer, warum ging sie dann völlig unter?

Kühne: Ich glaube, die Partyrepublik Lugau ging, na ja, der Zusammenhalt war halt nicht mehr so da, viele Leute gingen natürlich auch weg. Also, die ging ja erst richtig kaputt Mitte der 90er mit der Abwanderung der meisten Menschen da, vorher war ja noch ziemlich viel los und so, also bis Mitte der 90er. Wir haben ja dann auch noch Technopartys gemacht, sogar mit Paul van Dyk und internationalen Künstlern und so. Aber je mehr Abwanderung, je weniger Chancen die Leute da hatten, irgendwie einen Beruf zu finden und so weiter, umso mehr ist dann diese Partyrepublik dann auch kaputtgegangen.

Pokatzky: Aber Sie haben, um noch mal auf den "Dummy"-Artikel, den Sie geschrieben haben, zurückzukommen: Lugau in der Niederlausitz wurde zum In-Treff des Undergrounds. Was hieß das damals in Lugau oder in ähnlichen Regionen, was bedeutete da Underground? War das politisch überhaupt?

Kühne: Nee, also, ich wollte immer, dass es nicht politisch ist, weil ich dachte, wenn es politisch wird – ich war eigentlich ein Popper, ich wollte Spaß haben, ich war zwar politisch interessiert, aber ich war kein Revoluzzer. Und wenn ich sozusagen "Scheißzone" irgendwie an eine Mauer geschrieben hätte und ich wäre in den Knast gegangen, dann hätten die mich kaputtgemacht und ich hätte mein Leben, mein junges Leben irgendwie dafür geopfert, für nichts und wieder nichts. Also da war ich schon, wenn man so will, vielleicht nicht Opportunist, aber vorsichtig, und wir haben immer versucht, nicht politisch zu sein.

Aber selbst das hat uns ja schon politisiert, und die wollten uns verbieten, also musste man ja irgendwie politisch werden – das war das Paradoxe an der ganzen Sache halt. Also, wir haben versucht immer, wir haben ganz viele Ordnungsstrafverfahren bekommen, wegen allen möglichen Strafen, die sie sich ausgedacht haben, aber politisch in dem Sinn - dafür war ich viel zu sehr 80er-Jahre-Kind, mit Politik wollte ich gar nicht so viel zu tun haben. Ich wollte feiern und einen schicken Anzug tragen im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Pokatzky: Danke, Alexander Kühne. Wir sprachen über die letztlich doch etwas paradoxe Partyrepublik Lugau und wie der Punk in die Niederlausitz kam.

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