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Profil / Archiv | Beitrag vom 23.11.2005

Wie aus Frank Marlene wird

Michael Walter schneidert Kostüme für Travestie-Shows

Von Axel Schröder

Schrill, schön, bunt: Kostüm von Michael Walter aus Hamburg. (Michael Walter)
Schrill, schön, bunt: Kostüm von Michael Walter aus Hamburg. (Michael Walter)

Vom italienischen "travestare" für "verkleiden" hat die Travestie-Kunst ihren Namen. Meistens sind es Männer, die in Frauenkleidern singen, tanzen und das Publikum an der Nase herumführen wollen. Der Schneider Michael Walter aus Hamburg näht den Herren die entsprechenden Kostüme, damit sie ganz damenhaft bezaubern können.

Michael Walter: " Ja, und zwar wird das ein Kleid für einen Marlene-Dietrich-Darsteller. Wir empfinden ein Bühnenkleid nach, was Marlene Dietrich wirklich getragen hat. Das ist ein schwarzer, transparenter Stoff, und 400 einzelne Pailletten-Motive werden da raufgesetzt."

Michael Walter sitzt an seiner Nähmaschine. Er ist 41 Jahre alt, trägt blondierte, kurze Haare, enge Jeans und Dreitage-Bart.

Michael Walter: " Die Kanten versäubern wir jetzt noch ein bisschen, weil man die natürlich nachher nicht mehr sehen soll. Die werden also ganz, ganz knapp eingefasst."

Michael Walter näht Kleider für besondere Anlässe: an Männerkörpern sollen sie glitzern. Es geht um Glamour und Verwandlung. Viele Travestie-Künstler besuchen seinen Laden, das kleine "Hippodrom" an der Wandsbeker Chaussee in Hamburg. Alle, die etwas Ausgefallenes wünschen, werden prompt bedient.

Lady Mona: " Ja - ich arbeite als Domina, als Herrin. Deshalb brauche ich zu meinem schwarzen Ledermantel die passende Korsage. Auch passend zu der Hose und zu dem Kleid, weil ich auf 'ne Sklaven-Party gehe."

In seinem Domina-Studio nennt sich Andreas "Lady Mona", er ist Stammkunde bei Michael Walter. Ihm muss er seine Kleiderwünsche nicht lang erklären:

Lady Mona: " Für mich kommt es darauf an, dass es praktisch ist, und für meine Gäste kommt es darauf an, dass es derbe aussieht, dass es Phantasien erweckt, Ängste, so was eben."

Michael Walter: " Wenn jetzt ein Kunde kommt und sagt: "Ich möchte etwas haben, um damit die und die Person zu verkörpern oder das und das damit auszusagen", dann erarbeiten wir das. Es ist viel Spielerei dabei, dass wir einfach Sachen hin und her schieben, Materialien gegeneinander halten, Rauflegen, Weglegen, Ausprobieren. "

Vor sieben Jahren stand Michael Walter zum ersten Mal selbst auf der Travestie-Bühne. Als "Xenia", beim Hamburger "Tunten-Ball". Erster Preis für das schönste Kostüm.

Michael Walter: " Marilyn Monroe, Marlene Dietrich wurde dann dargestellt und da versucht man natürlich, diese Person richtig zu treffen und das macht dann eigentlich auch den Reiz aus, diese Illusion verkaufen. So ist das eigentlich entstanden."

Kostüm von Michael Walter, Modell "Matrix" (Michael Walter)Kostüm von Michael Walter (links im Bild), Modell "Matrix" (Michael Walter)Als Kürschner und Dekorateur hat Michael Walter gearbeitet. Seit einem Jahr ist er selbständig und schneidert Kostüme für pompöse bis schräge Auftritte der Kundschaft. Nach Schnittvorlagen kann sich der Schneider bei der Arbeit nicht richten. Die gibt es nicht. Nur anhand eines alten Marlene-Dietrich-Fotos schneidert Michael Walter das bestellte Pailletten-Kleid. Improvisieren ist alles.

Michael Walter: " Wir verarbeiten ja eigentlich alles, kaufen die Materialien zum Teil im Baumarkt ein. Aus Isolierungen werden große Kopfhauben gemacht, es wird geschraubt, geschweißt, mit Gips und Pappmachée gearbeitet."

Gearbeitet wird auch mit Plastik-Busen aus dem Erotik-Fachhandel. Den Busen hat sich "Laurence Gérard" selbst besorgt. Laurence Gérard heißt eigentlich Frank Trautner, er lebt in Bremen und ist Marlene-Darsteller. Braungebrannt, durchtrainiert, mit gewelltem, blonden Haar und Unterhosen steht Frank Trautner in der Schneider-Werkstatt. Anprobe für das Marlene-Dietrich-Kleid. Der Plastik-Busen wird eingenäht.

Frank Trautner: " Ich zieh das jetzt an. Deshalb bin ich ja da. Wir müssen jetzt hier die Brust noch einarbeiten und denn die Ornamente auf der Brust so festlegen, dass die abgedeckt wird. Dass man was sieht, aber auch nicht zuviel sieht. Und dass es halt auch schön aussieht. Das sind kleine Brüste! Klein sind die…"

Das Kleid passt, nur die breiten Hüften fehlen noch. Und bald, schon im November, wird Laurence Gérard damit auf der Bühne stehen. Michael Walter sitzt dann im Publikum und bestaunt sein Werk im Scheinwerferlicht.

Michael Walter: " Man freut sich natürlich wahnsinnig mit dem Artisten zusammen, wenn dieser "Ooh-" oder "Aah"-Effekt da ist, wenn man auf die Bühne kommt und das Publikum dann das Kostüm in seiner vollen Pracht sieht. Das macht einen dann schon stolz…"

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