Seit 22:03 Uhr Freispiel

Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 22:03 Uhr Freispiel

Zeitfragen | Beitrag vom 07.08.2019

Widerstand gegen Manga-Bell-PlatzWie in Berlin um einen Straßennamen gestritten wird

Von Manfred Götzke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Straßenschild von Nachtigalplatz und Petersallee im Afrikanischen Viertel in Berlin Wedding vor unscharfem Hintergrund. (Getty Images / Adam Berry)
Noch erinnert der Nachtigalplatz an den kaiserlichen Reichskommissar für "Deutsch-Westafrika" Gustav Nachtigal, auch die Petersallee soll umbenannt werden. (Getty Images / Adam Berry)

Es geht um die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte: Der Nachtigalplatz im Berliner Ortsteil Wedding soll in Zukunft Manga-Bell-Platz heißen – so ist es beschlossen. Eine Initiative versucht allerdings, dies zu verhindern.

Myaka Sururu Mboro bestückt seine Umhängetasche mit Fotos, Zeichnungen und historischen Karten von Tansania und Kamerun. Er tritt aus dem Büro seiner NGO "Decolonize Berlin" hinaus, auf die Kameruner Straße im Afrikanischen Viertel im Wedding.

Bevor der Aktivist und Stadtführer seinen Rundgang beginnt, stellt er noch kurz etwas klar: "Wenn man sagt, Afrikanisches Viertel, klingt das so als wenn hier viele Afrikaner wohnen, aber hier ist es total anders. Wenn man alle Namen checkt – alle diese Namen haben zu tun mit deutschem Kolonialismus in Afrika damals, ich bezeichne das Viertel deshalb als Kolonialviertel."

Die meisten Straßen in diesem größten Kolonialviertel Deutschlands tragen die Namen von afrikanischen Ländern, Flüssen und Gebirgen. Drei jedoch sind  nach deutsche Kolonialherren benannt. Männer, die mitunter für schlimmste Gräueltaten verantwortlich sind. Adolf Lüderitz, Carl Peters, Gustav Nachtigal.

Wir biegen in die Lüderitzstraße ein, passieren die Petersallee und gelangen auf den Nachtigalplatz. Mboro zeigt auf das Straßenschild.

Der Nachtigalplatz soll umbenannt werden

"Der war Medizindoktor und Diplomat und wurde nach Kamerun und Togo geschickt, um die Kolonie zu sichern", erzählt Myaka Sururu Mboro.

1884 wurde Gustav Nachtigal zum Reichskommissar für "Deutsch-Westafrika" ernannt. Manchen gilt der Mann bis heute als neutraler Afrika-Forscher, der sich schon früh für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt hat. Mboro zeichnet ein anders Bild von ihm:

"Sicher hat er Sklaverei beendet, um Kolonien zu sichern, würde man nicht zulassen, dass die Männer weggenommen und nach Amerika geschickt werden. Nein, man hat gesagt, wir kolonisieren das Land und stoppen Sklaverei – aber versklaven diese Menschen hier, die werden für uns arbeiten. Also, dass man sagt, oh er hat Sklaverei beendet – das ist völliger Unsinn."

Wie die Petersallee und die Lüderitzstraße soll auch der Nachtigalplatz umbenannt werden. So hat es die Bezirksverordnetenversammlung nach jahrelangen Diskussionen, Expertenanhörungen und Gutachten im April 2018 beschlossen. Manga-Bell-Platz – sollte der Platz eigentlich schon längst heißen.

"Manga Bell war ein Sohn des Königs von Duala", erklärt der Stadtführer. "Er war in Deutschland und hat hier gesehen, wie die Regierung mit den eigenen Leuten umgeht. Und er hat verlangt, dass man mit den Kamerunern genauso umgeht. Doch niemand hat auf ihn gehört. Es ist in Kamerun in den Widerstand gegangen, wurde dann verhaftet und exekutiert."

Initiative kämpft gegen Umbenennungen

Doch auf dem Straßenschild steht nach wie vor Nachtigal. Dass die Umbenennung noch nicht umgesetzt wurde, hängt auch mit der Initiative "Pro Afrikanisches Viertel" von Karina Filusch zusammen. Sie kämpft mit eigener Website, Diskussionsveranstaltungen und Flyer-Aktionen dafür, dass die alten Straßennamen erhalten bleiben. Die demokratische Entscheidung der Lokalpolitiker nennt sie "liederlich", die Bezirksverordneten selbst: "Schilderstürmer".

"Wir haben ein Problem mit dem liederlichen Verfahren", sagt Karina Filusch, "mit der Arroganz gegenüber den Bürgern, mit dem undifferenzierten Umgang mit den neuen Namenspatronen und damit, dass die Hautfarbe der Community instrumentalisiert wird. Wir glauben nicht, dass es um die Sache geht, sondern eine machtbesoffene Machtdemonstration."

Die Gruppe der Berliner Anwältin hat dazu aufgerufen, beim Bezirk Widerspruch gegen die Umbenennung einzulegen. Mehr als 400 Bürger sind dem nachgekommen, zum Teil mehrfach. Doch bislang hat die zuständige Stadträtin noch nicht dazu Stellung bezogen.

Filusch wittert - Verzögerungstaktik: "Am 6. August sind es 250 Tage, die die Stadträtin einfach überfällig ist. Vorher können die Bürger auch nicht klagen, und es kann auch weiter nichts passieren es kann auch keine Umbenennung stattfinden."

Umwidmung als Alternative

Filiusch will, dass im Grunde alles beim Alten bleibt. Die Straßennamen sollen nicht umbenannt, sondern umgewidmet werden. Bei der Petersallee ist das schon 1986 genau so gemacht worden. Eine kleine Plakette unter dem Straßenschild weist darauf hin, dass die Straße nicht mehr Carl Peters - den wohl grausamsten unter den deutschen Kolonialherren – ehrt sondern einen Berliner Lokalpolitiker gleichen Nachnamens.

"An diesem Beispiel haben wir uns orientiert", sagt die Anwältin, "und haben den Kompromissvorschlag eingebracht, die anderen Straßen ebenfalls umzuwidmen."

Dass viele der Nachfahren der Opfer des deutschen Kolonialismus seit Jahrzehnten für die Umbenennung kämpfen – ist für Filusch und ihre Mitstreiter irrelevant: "Hier werden immer dieselben Personen befragt, aber die Community hat noch kein Mandat nachgewiesen, dass sie wirklich für die Menschen im Afrikanischen Viertel sprechen kann."

Filusch meint damit wohl auch Menschen wie Tahir Della. Er engagiert sich bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und kämpft seit Jahrzehnten für die Umbenennung der Straßen im Afrikanischen Viertel.

Tahir Dalla steht auf dem Nachtigalplatz in Berlin. (Manfred Götzke)Tahir Dalla kämpft seit Jahrzehnten für die Umbenennung der Straßen im Afrikanischen Viertel. (Manfred Götzke)

"Ich hab den Eindruck, dass es hier viel um Deutungshoheit geht", sagt Tahir Della. "Welche Menschen sollen geehrt werden, wer bestimmt auch, wie diese Prozesse zu verlaufen haben? Und man hat das Gefühl, einem wird was Gewohntes weggenommen. Und das zeigt, dass noch viel passieren muss, im Sinne von Debatten, Diskursen – und die müssen auch von gegenseitigem Respekt bestimmt sein, das ist ganz wichtig. Und daran mangelt es den Initiatoren, weil die oft mit Argumenten kommen, die darauf abzielen dass man keine Veränderung will."

Im Mai hatten die Umbenennungsgegner vermeintlich sogar Argumente von einem Betroffenen selbst: Ein Großneffe des Königs merkte an, dass der Name Manga Bell eine, Zitat, "Erfindung der Kolonialherren" sei. Der eigentliche Name des Königs sei "Duala" gewesen.

Kampf für die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte

Doch zumindest diese Unstimmigkeiten sind ausgeräumt, sagt Tahir Della: "Er hatte ursprünglich kritisiert, dass der Platz nicht Manga-Duala-Bell-Platz heißt. Wir haben gesagt, dass der Name zu lang wäre für ein Straßenschild und zum anderen hat Bell den Namen früher selbst so benutzt. Das wurde dann aber sehr schnell ausgeräumt. Der war natürlich nie gegen die Umbenennung."

Dass der Platz wie ursprünglich geplant, noch in diesem Jahr in Manga-Bell-Platz umbenannt wird, daran glaubt auch Tahir Della nicht mehr so recht. Doch auf ein Jahr komme es letztlich auch nicht mehr an.

"Wir kämpfen seit über 30 Jahren für die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte", sagt Tahir Della. "Deutschland hat sich nach über 100 Jahren jetzt endlich auf den Weg gemacht und das wird noch ein langer Prozess sein, dass sich Deutschland umfassend mit der Thematik beschäftigt. Wobei ich davon ausgehe, dass die Straßennamen am schnellsten gehen werden – aber die weiteren Prozesse werden noch eine ganze Weile dauern."

Mehr zum Thema

Deutsches Erbe in Kamerun - Nach 100 Jahren startet Aufarbeitung
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 12.06.2019)

Gedenken an den Kolonialismus - "Das Humboldtforum soll kein Mahnmal sein"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 09.01.2019)

Manga Bell - Über einen antikolonialen Helden
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.03.2015)

Zeitfragen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur