Seit 15:05 Uhr Tonart
Freitag, 30.07.2021
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 12.12.2014

Widerstand gegen FrancoJüdische Unterstützer der Internationalen Brigaden

Von Ralf Bei der Kellen

Soldaten der internationalen Brigaden marschieren durch Barcelona. (picture-alliance / dpa)
Soldaten der internationalen Brigaden marschieren durch Barcelona. (picture-alliance / dpa)

In ihrer Heimat Israel stießen die freiwilligen jüdischen Kämpfer gegen den Faschismus in Spanien auf Unverständnis. Die Dokumentation "Madrid Before Hanita – 300 Juden gegen Franco" macht deutlich, dass die Zionisten alle Kräfte auf Palästina fokussierten.

"Spaniens Brüder stehen auf der Barrikade unsere Brüder sind Bauern und Prolet. Vorwärts internationale Brigade, hoch die Fahne der Solidarität."

Als sich die Nachricht vom Bürgerkrieg verbreitet, strömten Menschen aus aller Welt nach Spanien, um der demokratisch gewählten Regierung im Kampf gegen die Faschisten zur Seite zu stehen. Man schätzt, dass sich zwischen 35 und 40.000 Menschen den fünf sogenannten "Internationalen Brigaden" anschlossen – darunter auch 300 Juden aus Palästina.

"Die meisten der Freiwilligen aus Palästina waren jüdische Kommunisten. Bereits in Palästina waren sie angeeckt mit ihrem Glauben an eine friedliche Ko-Existenz mit den Arabern. Weder die zionistische Gesellschaft, noch die britische Regierung wollte eine starke jüdisch-arabische Verbindung."

Zu den jüdischen Kommunisten gehörte auch Shmulik Shtemler. Während viele seiner Genossen den Weg nach Spanien antraten, blieb er, um am Bau seinen Kibbuzes mitzuhelfen. Im Film erklärt er die politischen Umstände im Palästina der 30er-Jahre:

Kommunismus als Problemlösung

"Die Losung lautete damals 'Arbeit nur für Juden'. Wir Kommunisten fanden das falsch, für uns war ein Arbeiter ein Arbeiter, egal, ob er Jude oder Araber war. Beide hatten ein Recht auf Arbeit. Wir stellten uns damit gegen die Zionisten. Außerdem waren wir überzeugt, dass der Kommunismus sich ausbreiten würde, und dass dann alle Probleme, auch die, die uns Juden beträfen, gelöst sein würden."

Vielen Kommunisten ging es um die internationale Solidarität. Die Zionisten dagegen wollten alle Kräfte auf den Bau der jüdischen Siedlungen fokussieren. Die Siedlung Hanita war sozusagen das Vorzeigeprojekt – weshalb der Film von Eran Torbiner im Original "Madrid before Hanita" heißt. Als der Kibbuznik Robert Aaquist sich entschloss, auf Seiten der Internationalen Brigade zu kämpfen, wurde er aus seinem Kibbuz ausgeschlossen. Aus Spanien schrieb er an seine Eltern:

"Ihr musstet aus Deutschland raus – warum? Onkel Ludwig und Onkel Ede gehen weg – warum? Ist Onkel Mors etwa aus Spaß aus Deutschland weg? Ihr und viele Euresgleichen habt es hinter Euch, und versucht, einfach irgendwie weiterzumachen in Eurem Trott – nicht sehend, oder nicht sehen wollend, was um Euch vorgeht. Seht ihr nicht das Massenelend, das der Faschismus verursacht und noch verursachen wird? Ist dieses Elend etwa verschieden bei Juden und Nichtjuden? Also – herzliche Grüße an alle, Euer Robert."

Idealisten chancenlos gegen Kriegsmaschinerie

"Guten Tag, hier spricht die Schwester von Robert Aaquist, der in Spanien gekämpft hat und dort gefallen ist. Ich spreche aus Haifa, Israel. Und ich wollte gern fragen, ob Sie sich vielleicht an Robert Aaquist erinnern."

Als der 2006 in Tel Aviv fertig gestellte Film gedreht wurde, suchte Suzi Aaquist noch immer nach Spuren ihres Bruders. Bei vielen der in dem knapp 60 Minuten langen Film portraitierten Menschen bekommt man das Gefühl, dass sie sich noch immer fragen, warum man damals trotz der großen Solidarität dem Faschismus unterlag. Letztlich hatten diese Idealisten keine Chance gegen die industrialisierte Kriegsmaschinerie der Deutschen und Italiener etwas auszurichten. Von den 300 Freiwilligen aus Palästina wurden 70 getötet, 50 starben später als Freiwillige im 2. Weltkrieg.

"Dem Faschistengesindel keine Gnade, keine Gnade dem Hund, der uns verrät, vorwärts Internationale Brigade, hoch die Fahne der Solidarität!"

Viele Zeitzeugen vor Filmpremiere verstorben

Auf den ersten Blick erscheint die Dokumentation in ihrer Machart ziemlich amateurhaft – was allerdings der drängenden Zeit geschuldet ist, da die Zeitzeugen bereits sehr betagt waren und viele von ihnen die Fertigstellung des Filmes nicht mehr erlebten – darunter auch Salman Salzman, der ein beklemmendes Resümee seines Einsatzes in den Internationalen Brigaden zieht:

"Als ich nach Jerusalem zurückkehrte, wog ich noch 50 Kilo. Ich kam nach Hause und wurde herzlich empfangen. Aber keiner hatte begriffen, warum ich in Spanien war. Sie luden ihre Freunde ein und Yitzhak Rabin, der spätere Präsident von Israel, sagte zu mir: 'Salman Salzman, warum bist Du nur nach Spanien gegangen, was war mit Hanita?' Ich sagte: 'Yitzhak, Onkel Yitzhak, ich bin gegangen, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Das war nicht irgendein Bürgerkrieg. Meinst Du, mit Hanita kannst Du Hitler aufhalten? Träum weiter.'"

Mehr zum Thema:

Spaniens verdrängte Erinnerung
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 29.03.2013)

Gespenster der Vergangenheit
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 18.07.2011)

Der Beginn der Franco-Diktatur
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 28.03.2009)

Aus der jüdischen Welt

Gedenken an die SchoahEin Buch wie ein Gespräch
Buchcover von Lena Müller u.a: "Treffen mit Sara"Herausgegeben von Erinnern und VerANTWORTung e.V.Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2021 (Verlag Hentrich & Hentrich / Deutschlandradio)

Um Jugendliche für Schoah-Literatur zu interessieren, versucht die Grafikerin Lena Müller, neue Wege zu gehen. "Treffen mit Sara" heißt ihr illustriertes Gesprächsbuch, das die Geschichte der Überlebenden Sara Bialas erzählt.Mehr

Kerzenrituale am SchabbatDas Zünden ist Frauensache
 Gedeckter Tisch am Freitagabend (Beginn des Sabbats) mit angezündeten Kerzen und zwei Laiben Brot (Challa).  (picture alliance / akg-images / János Kalmár)

Zu einem jüdischen Schabbat gehören unbedingt zwei Kerzen am Freitagabend. Viele jüdische Frauen zünden sie vor Sonnenuntergang an. Danach darf man sie nicht löschen, denn das gilt religionsgesetzlich als Arbeit. Was also tun? Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur