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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.01.2012

"Who is Who" der Kinderlyrik

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): "Wo kommen die Worte her?", Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2011, 264 Seiten

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Viele Autoren haben extra neue Gedichte für Gelbergs Lyrik-Band für junge Leser geschrieben.  (Stock.XCHNG / Vinícius Sgarbe)
Viele Autoren haben extra neue Gedichte für Gelbergs Lyrik-Band für junge Leser geschrieben. (Stock.XCHNG / Vinícius Sgarbe)

In seiner Branche ist er bekannt wie ein "bunter Hund", der Verleger Hans-Joachim Gelberg. Im Herbst 1971 begründete er das Kinder- und Jugendbuchprogramm von Beltz & Gelberg, 25 Jahre später hatte er fast 1000 Titel verlegt. Sein Markenzeichen: das freche, lustige Kinderbuch im grell orangefarbenen Outfit. Seine Favoriten: kreative junge Autoren und Illustratoren. "Wo kommen die Worte her?" – so der Titel seiner neuen Lyrikanthologie.

Lyrikanthologien für Kinder gibt es wie Sand am Meer. Da muss man sich schon etwas Besonderes einfallen lassen, wenn man da herausragen will. Das hat Hans-Joachim Gelberg wieder getan! Nicht nur die Aufmachung des neuen Bandes spricht alle Sinne an, auch die Auswahl der Gedichte ist einmalig: Über 100 Dichter haben extra neue Gedichte für seine Anthologie geschrieben. Dazu kommen ältere Texte, angefangen bei Morgenstern und Ringelnatz. Es geht weiter mit Janosch, Härtling, Paul Maar und Christine Nöstlinger bis hin zu ganz "jungen" Autoren wie Frantz Wittkamp, Peter Jepsen und sogar Kindern. Herausgekommen ist ein "Who is Who" der deutschsprachigen Kinderlyrik.

"Wo kommen die Worte her?" - die Zeile aus einem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz hat Gelberg Dichtern und Illustratoren als Inspiration mitgegeben. Die Antworten waren höchst unterschiedlich. Jochen Missfeldt meint: "Sie kommen aus dem Mund! Na und?". Martina Wildner schreibt: "Die Wörter kommen aus der Luft". Und Wolf Harranth ist überzeugt, die Worte kämen "aus dem Wüstensand, aus dem Andersland, aus der Einsamkeit, aus dem Glück zu zweit". So verschieden die vielen Antworten auch sind – so richtig sind sie alle!

Lyrik für Kinder heißt: keine oder kaum klassische Formen, kurze, leichte, spielerische Texte vor allem. Gelberg versammelt Spaßgedichte und Poetisches, Ernstes und Komisches, Nachdenkliches und Freches, Philosophisches und Fantastisches. Einige Gedichte, wie Hans Sahls "Die Zeit" oder Gabriele Wohmanns "Gestern", sind keineswegs für Kinder geschrieben. Aber schon der Untertitel des Bandes weist ja darauf hin, dass der Herausgeber die Erwachsenen mit im Blick hat. Schaden werden diese Zeilen den Kindern nicht, auch wenn die sie noch nicht recht begreifen. "Gedichte sind nämlich Wiederholer", schreibt Gelberg. Manches erschließt sich erst bei wiederholtem Lesen. Das gilt auch für Erwachsene!

Einmalig sind auch die hinreißenden Illustrationen: Von Buchstabenspielen und Bilderrätseln, Tierskizzen, Schwarz-Weiß-Zeichnungen, halbseitigen Aquarellen und ganzseitigen fantastischen Bildern ist alles dabei. Abgerundet wird das Ganze durch die witzige Kombination von Wort und Bild. Der Band ist einfach ein Augenschmaus!

Gelbergs Gedichtanthologie ist ein Familienbuch - von ganz jung bis ganz alt. Für all jene, die Freude an Gedichten, Reimen, Sprache und Spielerei haben. Am Blättern und Anschauen, Lachen und Nachdenken – und auch am Träumen:

Wir sagen Wörter in den Wind
Damit sie Flügel kriegen.
Weil Wörter nämlich Vögel sind.
Sie können alle fliegen.


(Franz Wittkamp)

Besprochen von Sylvia Schwab

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Wo kommen die Worte her? Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene
Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2011
264 Seiten, 19,95 Euro

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