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Länderreport | Beitrag vom 12.08.2020

Wetterphänomen in den AlpenWie der Föhn die bayerische Psyche prägt

Von Tobias Krone

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Ein Mann, der sich mit der rechten Hand vor dem Sonnenlicht schützt, schaut von Hohenpeißenberg aus auf die Alpen. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Föhnwetter in den Alpen. Das macht was mit dem Menschen, berichtet unsere Bayernkorrespondent Tobias Krone. Auch mit ihm. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Der Föhn sorgt für ganz besonders schönes Wetter in München und beste Bergsicht. Ein Bayernkenner spricht von der Fata Morgana der Münchner. Und während manche den Föhn genießen, erleiden ihn andere. Einer davon ist unser Korrespondent.

Die Station Laim, an der ich öfter mal die Verspätung der S-Bahn aussitze, zeichnet sich durch architektonisch besonders gewöhnungsbedürftige neue Büroklötze aus – in aschgrau und mintgrün. Doch die Station Laim liegt auch an der Fürstenrieder Straße, einer kilometerlangen strichgeraden Autoschneise durch München in Richtung Süden.

An manchen Tagen sieht man hier bis zum Schafreuter an der Grenze zu Österreich – und auf die Bergkette des Karwendel, 70 Kilometer weit entfernt – scheinbar zum Greifen nah, glasklar – und strahlend verheißungsvoll.

Die Fata Morgana der Münchner

Thomas Grasberger ist ein versierter Kenner der bayerischen Kultur, er hat sich seine literarischen Verweise vor dem Interview extra zurechtgelegt.

"Ich weiß nicht, aber ich glaube, auf der Terrasse zu Bogenhausen im Angesicht der Tiroler Alpen geschah meinem Herz solch neue Verzauberung! Wenn ich dort in Gedanken saß, war mir es oft, als sähe ich ein wunderschönes Jünglingsantlitz über jene Berge hervorlauschen. Und ich wünschte mir Flügel, um hinzueilen nach seinem Residenzland: Italien." 

Grasberger meint zu Heinrich Heines Versen: "Da hat ihm der Föhn was vorgegaukelt, diese Sehnsucht nach dem Süden, wo alles besser ist – ja? Das Land, wo die Zitronen blühen. Wir kennen das alle. Der Münchner, wenn er den Föhn hat, dann träumt er davon, dass er raus will, am Besten nach Italien. Bloß ned hierbleiben. Hier ist alles schlecht. Aber dort ist es gut. Aber… ist halt nur eine Täuschung."

Ja. Der Föhn. Für Thomas Grasberger ein klarer Fall. "Der Föhn ist die Fata Morgana des Münchners", der auch schon Heinrich Heine erlag.

Temperaturunterschiede zwischen Luv- und Leeseite

Und ich erliege ihm auch regelmäßig – dem Föhn: physisch und psychisch. Wenn ich in Laim sitze und ins morgendliche Alpenglühen starre, kann ich meinem Kopfschmerz quasi beim Anfangen zuschauen.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so lätschert bin?
Was habe ich dieser Welt getan, dass mich dieses Wetter so umhaut?
Und was ist dieses Wetter eigentlich, dieser Föhn?

Das Geografielehrbuch beschreibt ihn so: "Aus der Kombination feuchtadiabatisch dominierten Aufsteigens und im Wesentlichen trockenadiabatischen Absinkens resultieren in gleicher Höhe über Normalnull Temperaturunterschiede zwischen Luv- und Leeseite, die bis zu zehn Kelvin betragen können."

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Also, der Wind aus dem Süden steigt über Norditalien auf, kühlt ab – lässt die Wolken in Südtirol zurück, wärmt sich beim Absteigen über dem süddeutschen Voralpenland wieder auf – und ist dann oft wärmer als in Italien.

Der Föhn – Genuss oder Tortur?

"Ich merke den Föhn eigentlich nur dadurch, dass es mir gut geht", sagt ein Mann. "Der warme Wind, der da von den Alpen runterbläst, der ist wunderbar. Klarer Himmel, keine große Luftfeuchtigkeit – das ist herrlich."

Ja, solche Leute soll es auch geben. Dieses ältere Ehepaar ist mit seinen Einkäufen auf dem Münchner Viktualienmarkt unterwegs. In puncto Föhngenuss ist es zwiegespalten.

"Ja, ich krieg halt Kopfschmerzen", sagt die Frau. "So ganz leise geht das immer weiter. So merkt man den Föhn, oder?" Der Mann sagt: "Ich denke auch, dass das ein bisserl so psychosomatisch sein kann."

Ist der Föhn also Einbildung? "Ja. Einbildung macht die Leute krank", sagt der Mann. Einbildung? Wirklich? Nur weil man das Wetter fühlt?

Wetterfühligkeit aus wissenschaftlicher Sicht 

"Nein, das ist definitiv keine Einbildung, sondern es ist nachgewiesen, dass sogar knapp die Hälfte der Bevölkerung sich selbst als wetterfühlig bezeichnet. Man kann das nur anhand von Befragungen festmachen, dass sich diese Menschen tatsächlich bei bestimmten Wettersituationen nicht wohlfühlen: Die haben Stimmungsschwankungen und subjektive Befindlichkeitsstörungen. Es ist insgesamt keine Einbildung." 

Na eben! Professorin Angela Schuh ist medizinische Klimatologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie kann das mit dem Föhn physiologisch erklären.

"Föhn ist eine sehr deutliche Änderung, ein Temperatursprung. Es wäre eigentlich kühler und plötzlich wird es warm, ganz schnell, innerhalb kurzer Zeit. Und genauso ändert sich schnell die absolute Luftfeuchtigkeit." Der Föhn geht sprichwörtlich unter die Haut. Schwindel, Migräne, Neurasthenie...

Thomas Grasberger hat dem Föhn in seinem Buch "Gebrauchsanweisung für München" mehrere Seiten gewidmet. "An schlechten Tagen, an Föhntagen kann es schon mal passieren, dass im Straßenverkehr kleine Auseinandersetzungen geschehen, dass die Menschen gereizt sind, dass man zum Streiten beginnt", sagt der Bayer und Bayernkenner. "Das führt dann zu kleinen Beleidigungen, vielleicht sogar hin bis zur leichten Körperverletzung im Biergarten. Das kann also von Meineid bis zum Ehebruch alle möglichen Phänomene hervorbringen, die man dann ex-post erklärt: Es war Föhn, Herr Richter, ich konnte nix dafür."

Der Grant – typische Stimmungslage bei Föhn

Der Föhn ist bei vielen hier unten auch verantwortlich für die typische Stimmungslage: den Grant. Darüber hat Grasberger auch gleich ein ganzes Buch geschrieben.

"Das geht natürlich von einer miesepetrigen Übellaunigkeit – würde man im Norden der Republik wohl sagen – bis hin zu durchaus aggressiveren Formen", sagt Grasberg. "Es ist aber immer letztlich auch eine Form des Theaters, eine Form der Selbstdarstellung. Es kann große Oper sein oder kleines Vorstadttheater – je nachdem, wer dieses Stück gerade aufführt. Aber in der Regel hat es was zu tun mit – ja, mit Augenzwinkern." 

Letzteres ist blanker Hohn. Mit meinem Föhngrant ist es mir ernst, da zwinkert überhaupt nix mehr. Zumal ich ja einfach immer recht habe: Ist mal kein Regen, spaltet mir die Sonne das Hirn.

"Ja, ich glaube, da sind Sie mittlerweile ein ausgelernter Münchner und Sie haben kapiert, wie das Spiel funktioniert. Selbst wenn noch kein Wölkchen am Himmel ist, muss man es antizipieren: Wird schon noch kommen, wirst es schon sehen!", beurteilt Grasberger meine Integration.

"Und das ist diese typische Grantlerskepsis, diese skeptische Grundhaltung, die sagt: Wird schon noch richtig scheiße werden. Und das wird es dann auch. Man muss nur dran glauben!" 

Gute Laune beim Föhn

Kaum zu glauben, aber manche haben bei Föhn richtig Spaß. Zum Beispiel mein Kollege Michael Watzke – immer mal wieder draußen beim Segelfliegen, in der Föhnwelle über den Alpen.

"Meistens fliegt man durch den Rotor, der sich am Rand dieser Welle bildet: In dem ist es sehr turbulent. Da kracht es und klappert es und wackelt es im Segelflugzeug", schildert der Kollege. "Aber dann kommt man in ein ganz ruhiges Aufwindband hinein. Das ist dann wie im Fahrstuhl, man steigt dann mit zwei, drei, vier, fünf Metern pro Sekunde wie im Fahrstuhl nach oben. Und die Höhen, die man dann erreichen kann, sind extrem. Wenn man also eine Verkehrsfreigabe bekommt, dann kann man bis in sechs, sieben, acht, neun, manchmal zehn Kilometern Höhe sich von dieser Welle tragen lassen."

Der Glückspilz! Während die Segelflieger auf der Welle des Glücks reiten, schleudert sie meinen Kopf im Vollwaschgang.

Am Schlimmsten: Menschen, die bei schönem Wetter auch noch gute Laune haben, die mag ich am allerwenigsten. Und mein Therapeut Thomas Grasberger gibt mir recht. "Der Föhn ohne Grant ist eigentlich nur ein Wetterphänomen. Oder anders formuliert: So richtig schön wird der Föhn erst, wenn man einen Grant hat."

Grantler wie ich stehen eben zu ihrem Föhn – gegen alle Stehkrägen und Föhnfrisuren dieser Welt.

"Es gibt natürlich dieses schöne München, dieses glatte, dieses designte München, diese Veuve-Clicquot-Entourage, diese Zahnanwälte, die ihre Schlamperl in Schlangenleder im Porsche ausfahren – alles das gibt es natürlich in dieser Stadt, wir wissen es alle. Aber ich glaube, es gibt noch diese kleinen Residuen des Widerstands, dieser Grant, dieser alte", schwärmt Grasberger.

Lernen, den Föhn zu genießen

Naja. Manchmal würde ich vielleicht schon einfach ein kleines bisschen von diesem zugegeben traumhaften Wetter genießen wollen. Einfach auch mal einen unbeschwerten Aperol Spritz am Tegernsee trinken – in der tadellosen Abendsonne.

Laut Professorin Angela Schuh kann man den Föhn wegtrainieren. "Leichter Sport, leichter Ausdauersport, leichtes Spazierengehen. Jetzt nichts Übertriebenes, nichts Heftiges. Und das thermoregulatorische Training – das kann man hervorragend machen zu Hause, indem man Kneipp'sche Anwendungen durchführt, Kneipp'sche Hydrotherapie: ein Wechsel von warmem Wasser und kaltem Wasser. Oder nur kaltes Wasser. Oder in die Sauna geht."

Ich habe den Föhnschädel geerbt. Meine Mutter wuchs am Bodensee auf – mit regelmäßigem Kopfschmerz. Dann ging sie zur Ausbildung nach Göttingen.

"Da habe ich irgendwann mal festgestellt – es fiel mir am Anfang ja gar nicht auf –, dass ich nie wieder Kopfschmerzen hatte", erinnert sie sich. "Und da habe ich dann mir überlegt, es muss daran liegen, dass es in Göttingen keinen Föhn gibt. Und dachte: Okay, es lohnt sich tatsächlich umzuziehen, wenn jemand sehr unter Kopfschmerzen leidet."

Umziehen wegen des Föhnphänomens?

"Also, würdest du mir das auch empfehlen, wenn ich in München immer mal wieder Kopfweh habe?", frage ich meine Mutter. "Ja, wenn man häufig unter Kopfweh leidet, wäre es zumindest wert, es auszuprobieren, mit einem längeren Urlaub mal irgendwo anders – ob es einem da besser geht." 

Doch bevor ich mich frage, was ich unter dem grauen Himmel Niedersachsens mit der plötzlichen guten Laune anstellen sollt – warum ist sie eigentlich zurück in den Süden gezogen, in die Höhle des Föhn? "Ich habe, Gott sei Dank, gar nicht mehr so starke Kopfschmerzen", sagt meine Mutter. "Ich glaube, da ist das Alter ein Vorteil. Mit der Zeit wird es besser."

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