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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 24.08.2011

"Westwind"

Ungarn-Aufenthalt stellt DDR-Nachwuchssportlerinnen vor schwere Entscheidung

Gesehen von Hannelore Heider

Die Produzentin Susann Schimk und ihre Schwester Doreen Schimk (r.) bei der Premiere des Films "Westwind". Ihre Erlebnisse dienten als Vorlage für den Film.  (picture alliance / dpa / XAMAX)
Die Produzentin Susann Schimk und ihre Schwester Doreen Schimk (r.) bei der Premiere des Films "Westwind". Ihre Erlebnisse dienten als Vorlage für den Film. (picture alliance / dpa / XAMAX)

In seinem dritten Spielfilm erzählt Robert Thalheim die Geschichte einer Republikflucht im Jahre 1988 nach wahren Ereignissen. Das ist nach den spektakulären Fernsehevents zum Thema ein mutiges Unterfangen.

Der Sättigungsgrad dürfte jetzt - nach dem Mauerjubiläum - sicher längst erreicht sein, die Klischeebilder sind in allen Köpfen. Aber hier wird nicht "exemplarisch", sondern sehr genau, in jedem Detail dieser End-80er-Jahre stimmig und nachvollziehbar chronologisch eine wahre Geschichte von zwei ganz jungen Mädchen erzählt, die sich in der ersten Szene auf der langen Zugfahrt an den ungarischen Balaton einfach nur auf ihren ersten Auslandsurlaub freuen.

Es ist ein Arbeitsurlaub, denn die Zwillinge Isabel und Doreen trainieren in einem Jugendlager als Spitzennachwuchssportlerinnen für ihre nächsten Wettkämpfe. Täglich absolvieren sie mit Spaß ihr hartes Programm in einem Ruderzweier, angetrieben und ermutigt von ihrem Trainer (Hans-Uwe Bauer).

Bei allem, was nach der Wende über den DDR-Spitzensport offenbar wurde, macht Robert Thalheim nicht den Fehler, Zielstrebigkeit und Disziplin zu diskreditieren. Dieses Bemühen um Genauigkeit und Einfühlung in eine uns jetzt schon so ferne Zeit zeichnet den ganzen Film aus.

Die Mädchen wissen, was sie riskieren, wenn sie sich am Abend mit ihrer westdeutschen Zufallsbekanntschaft Arne (Franz Dinda) und Nico (Volker Bruch) zur Disko wegstehlen. Sie wissen, was es bedeutet, den Trainer zu belügen, der Rechenschaft über das Trainingslager ablegen muss. Aber es sind 17-jährige Mädchen, die das Leben einfach auskosten wollen.

Als sich Doreen (Friedericke Becht) dann ernsthaft in Arne verliebt und der Trainer das Beisammensein verhindern will, ist der große Konflikt da. Aus dem Abenteuer ist eine Entscheidung für's Leben geworden und nicht nur die Entscheidung darüber, in welchem deutschen Staat sie leben wollen.

Der mit viel Fleiß und Ehrgeiz erkämpfte sportliche Erfolg steht ebenso auf dem Spiel wie die enge Gemeinschaft der Zwillinge, denn Isabel wird ihrer Schwester nicht folgen. So müssen sie von einem Tag zum anderen Verantwortung für ein ganzes Leben übernehmen. Jedes der Mädchen entscheidet anders und keine Entscheidung wird diskreditiert.

Auch die Betroffenheit der westdeutschen Jungs, deren Zukunftspläne niemals gefährdet sind, wird glaubhaft dargestellt, wie überhaupt alle vier jungen Darsteller einen außergewöhnlich starken Eindruck hinterlassen. Im Vergleich zu diesen wirklich dramatischen Konflikten wird das eigentliche Fluchtdrama dann unspektakulär, aber durchaus spannend in Szene gesetzt. Damit ist der Film mit diesem Konflikt jenseits aller Nostalgie auch ein Identifikationsangebot für junge Zuschauer im heute vereinigten Deutschland.

Deutschland 2011; Regie: Robert Thalheim; Darsteller: Friederike Becht, Luise Heyer, Franz Dinda, Volker Bruch, Hans Uwe Bauer, Hannes Wegener, Albrecht Schuch, Golo Euler, Ole Fischer; Prädikat: besonders wertvoll; FSK: ab 6; Länge: 90 Minuten

Link:
Filmhomepage "Westwind"

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