Seit 17:05 Uhr Studio 9

Donnerstag, 23.05.2019
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.02.2011

Westen muss sich selbst ernst nehmen

Klemens Ludwig: "Die Opferrolle. Der Islam und seine Inszenierung", Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2011, 254 Seiten

Podcast abonnieren
Viele Muslime sähen sie sich häufig als "Opfer", unterdrückt von der hiesigen Mehrheitsgesellschaft, so Ludwig. (AP)
Viele Muslime sähen sie sich häufig als "Opfer", unterdrückt von der hiesigen Mehrheitsgesellschaft, so Ludwig. (AP)

Ludwigs Buch ist gut lesbar als aktueller Debattenbeitrag zum Verhältnis von Muslimen und westlicher Mehrheitsgesellschaft. Er macht sich stark dafür, dass Werte wie Pluralismus, Menschenrechte sowie die Trennung von Religion und Politik verteidigt werden

Als Experte für die Geschichte des Islam ist er bisher nicht aufgefallen: Klemens Ludwig, freiberuflicher Publizist. Über Astrologie hat er Bücher geschrieben, über Lettland und Estland, China und Birma, er hat einen historischen Roman verfasst und eine Biografie des Dalai Lama. Viele Jahre lang war der gebürtige Sauerländer auch Mitarbeiter der "Gesellschaft für bedrohte Völker". 1977, damals noch Student der Theologie, nahm Klemens Ludwig an einem Weltkongress indigener Völker teil – und kam dort zum ersten Mal in Kontakt mit Muslimen. Seitdem habe er sich mit dem Islam beschäftigt, gibt er in seinem neuen Buch "Die Opferrolle. Der Islam und seine Inszenierung" an.

Im ersten Kapitel widmet er sich jedoch erst einmal dem Abendland – das er nicht geografisch, sondern als "Geisteshaltung" definiert: als Vielfalt von Religion, Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und gesellschaftlicher Ordnung. Er erläutert Wurzeln und Entwicklung abendländischer Kultur und Werte. Und propagiert sie als geeignete Basis für ein friedvolles Zusammenleben mit Millionen zugewanderter Muslime.

Viele Muslime allerdings würden diese Werte nur selektiv wahrnehmen, kritisiert der Autor im Hauptteil seines Buches. So würden sie für sich Toleranz reklamieren, ohne sie anderen zuzugestehen. In ihrer Eigenwahrnehmung sähen sie sich häufig als "Opfer", unterdrückt von der hiesigen Mehrheitsgesellschaft oder "dem Westen" an sich. Dabei blendeten sie die eigene Geschichte und deren Schattenseiten aus. Ludwig verweist auf die Vernichtung des christlichen Karthago 698 n. Chr., der indischen Klosterstadt Nalanda, Zentrum der buddhistischen Welt im Mittelalter, die millionenfache Versklavung von europäischen Mittelmeerbewohnern und Afrikanern durch islamische Sklavenhändler, den hunderttausendfachen Mord an Armeniern und Assyrern durch das Osmanische Reich. Der Autor warnt davor, derlei Gewalttätigkeiten gegen westliche Kolonisation und Kreuzzüge aufzurechnen. Christliche und islamische Kultur stünden sich hinsichtlich des Ausmaßes begangener Verbrechen in nichts nach.

Umso mehr verwundert es den Autor, dass in Deutschland "Islamwissenschaftler, Theologen und andere Intellektuelle, (...) das Bild vom Opfer Islam immer wieder neu zu dokumentieren und zu festigen versuchen". Für ihn sei das Ausdruck unbewusster Angst vor der militanten Seite der angeblichen Opfer – und einer Unsicherheit gegenüber den Werten der eigenen, abendländischen Kultur. Sich dieser zu vergewissern, ist für ihn jedoch unabdingbar, um in einen ernsthaften Dialog zu führen. Der Westen müsse sich selbst genauso ernst nehmen wie den Islam.

Ludwigs Buch ist gut lesbar als aktueller Debattenbeitrag zum Verhältnis von Muslimen und westlicher Mehrheitsgesellschaft. Es kritisiert Muslime, die sich als Opfer sehen, wenn die Werte ihrer Religion nicht mit den säkularen Werten westlicher Gesellschaften übereinstimmen. Und auch jene Nicht-Muslime (wie etwa den Oberkirchenrat der EKD, Jürgen Miksch), die dies unterstützen. Der Autor argumentiert klar, moderat im Tonfall, entschieden in der Position. Das tut gut bei aller emotionalen Aufregung und Polemik, die das Thema Islam reflexartig auslöst.

Klemens Ludwig ist kein Alarmist wie Hans Peter Raddatz, der eine Art Machtübernahme des Islam in Europa bereits für vollzogen hält. Auch kein Sarrazin, aber einer, der sich stark dafür macht, dass Werte wie Pluralismus, Menschenrechte sowie die Trennung von Religion und Politik verteidigt werden.

Besprochen von Carsten Hueck

Klemens Ludwig: Die Opferrolle. Der Islam und seine Inszenierung
Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2011,
254 Seiten, 16,95 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Die "christlich-jüdischen Wurzeln" der Bundesrepublik
Integration - eine Frage des Selbstbewusstseins
Dialog und Integration

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Joseph Roths letzte Jahre in ParisLeben, Schreiben, Trinken
Der Schriftsteller Joseph Roth spaziert an der Seite einer Frau durch Paris. (dpa / picture-alliance / Imagno/Austrian Archives)

Am Tag von Hitlers Machtergreifung verließ der Schriftsteller Joseph Roth Deutschland. „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben", schrieb er Stefan Zweig. In Paris fand Roth in dem Café "Tournon" einen Zufluchtsort. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur