Seit 02:05 Uhr Tonart
Sonntag, 20.06.2021
 
Seit 02:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 30.04.2020

WertedebatteMaßhalten als Akt der Befreiung

Thomas Vogel im Gespräch mit Julius Stucke

Fliegende Euroscheine vor Wolkenhimmel,  (picture-alliance/Stock4B/VisualEyze/Andreas Körner )
In der Überflussgesellschaft hat das Nachdenken über das "Maßhalten" selten eine Rolle gespielt. In der Coronakrise scheint sich das zu ändern. (picture-alliance/Stock4B/VisualEyze/Andreas Körner )

In der Coronakrise werden viele Werte neu diskutiert. Auch der altmodische Begriff des "Maßhaltens" scheint wieder an Bedeutung zu gewinnen. Der Pädagoge Thomas Vogel beschäftigt sich mit dessen unterschiedlichen Facetten.

Der Begriff "Maßhalten" gebe wenig Orientierung, sagt der Erziehungswissenschaftler Thomas Vogel. "Wir müssen erst mal das Maß bestimmen, und da haben wir als Kultur ein Problem, denn wir leben in einer Kultur der Maßlosigkeit", sagt er. Es werde nach Wachstum gestrebt, nach immer mehr und immer schneller. "Unsere Industriekultur ist wachstumskrank." Sie kenne weder Maße noch Grenzen.

Das rechte Maß im Leben 

Es liege in der Natur des Menschen, dass er nicht immer das richtige Maß kenne und es zum Exzess komme - aber der Mensch werde glücklich, wenn er das rechte Maß in seinem Leben gefunden habe und sich daran orientiere, meint Vogel:

"Selbst wenn er dann ein einfaches Leben führt und mal über die Stränge schlägt, ist er anschließend wieder glücklicher, weil er sagt, ich brauche eigentlich den Exzess nicht und den Überfluss." Er könne dann auch zufrieden sein mit dem Blick in die Natur oder dem Beobachten der eigenen Kinder.

"Zwangsmäßigung" in der Coronakrise 

Mit Blick auf die Auswirkungen der Coronakrise sagt Vogel: "Wir sind von 200 Stundenkilometern auf null gesetzt worden." Fabriken seien stillgelegt, Flüge ausgesetzt, die Autos blieben in der Garage stehen, Millionen von Menschen müssten ihre Sozialkontakte begrenzen. Das sei alles in einem sehr kurzen Zeitraum geschehen.

Bislang sei es aber sehr gut gelaufen und die Menschen hätten sich gemäßigt - doch leider handele es sich um eine "Zwangsmäßigung", so Vogel: "Wenn wir gezwungen werden uns einzuschränken, besteht auch die Gefahr, dass wir anschließend wieder in den Exzess verfallen."

Die Coronazeit als Lehrzeit

Maßhalten sei ein "Akt der Befreiung", sagt Vogel, und erinnert an den antiken Philosophen Diogenes und dessen berühmten Satz: "Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde." Das bedeute, dass Besitz zu Abhängigkeiten führe.

Insofern sei die Coronazeit ein gutes Lehrstück - die Menschen gingen mit ihren Dingen sorgsamer um, ordneten sie, oder sortierten sie aus. Entrümpeln sei zur Zeit ganz groß in Mode. Dadurch gewinne man ein anderes Verhältnis zu den Dingen - aber auch zu den Menschen, mit denen man zusammenlebe.

(gem)  

Thomas Vogel: Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können
oekom-Verlag 2018
192 Seiten, 17 Euro

Mehr zum Thema

Grüner Hedonismus - Verzichten – aber mit Stil
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 06.04.2020)

Wolf Lotter vs. Thomas Vogel - Mäßigung – eine unterschätzte Tugend?
(Deutschlandfunk, Streitkultur, 09.03.2019)

Thomas Vogel: "Mäßigung" - Mit der Schafherde zum richtigen Maß
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 10.08.2018)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Heike Geißler über die Bachmann-Jury"Das geht nicht"
Die Jury im Studio bei der Lesung von Heike Geißler. Die Schriftstellerin ist über Bildschirme zugeschaltet. (LST Kärnten / Johannes Puch)

Die Schriftstellerin Heike Geißler hat in Klagenfurt gelesen und übt nun deutliche Kritik an der Arbeit der Jury: Die Diskussion sei unfair und nicht auf den Text bezogen gewesen. Das sei aber das Mindeste, was Literaturkritik leisten müsse.Mehr

Studie zur Spaltung der GesellschaftEin Land, zwei Lager
Köpfe einer Menschenmenge am Potsdamer Platz in Berlin. Es handelt sich um eine Demo. Zwischen den Köpfen ragt ein Schild mit der Aufschrift "Dagegen" hervor. (Unsplash / Leon Bublitz)

Eine Studie zeigt, dass sich in der deutschen Gesellschaft zwei Lager polarisiert gegenüber stehen: Das Problem daran ist, dass sich eines von ihnen marginalisiert fühle und unzufrieden mit der Demokratie sei, sagt der Psychologe Mitja Back. Mehr

Schule und CoronaNoch nicht fit für den Herbst
Unterrichtsszene: In einem Klassenzimmer sieht man zwei Kinder von hinten. Sie sitzen jeweils einzeln an einer Bank und blicken nach vorne zur Tafel, neben der ihre Lehrerin steht. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleu)

Im Herbst könnten die Infektionszahlen wieder steigen. Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband mahnt, die Schulen bis dahin mit Luftfilteranlagen und schnellem Internet auszustatten: Distanzunterricht könnte wieder notwendig werden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur