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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.04.2020

WertedebatteMaßhalten als Akt der Befreiung

Thomas Vogel im Gespräch mit Julius Stucke

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Fliegende Euroscheine vor Wolkenhimmel,  (picture-alliance/Stock4B/VisualEyze/Andreas Körner )
In der Überflussgesellschaft hat das Nachdenken über das "Maßhalten" selten eine Rolle gespielt. In der Coronakrise scheint sich das zu ändern. (picture-alliance/Stock4B/VisualEyze/Andreas Körner )

In der Coronakrise werden viele Werte neu diskutiert. Auch der altmodische Begriff des "Maßhaltens" scheint wieder an Bedeutung zu gewinnen. Der Pädagoge Thomas Vogel beschäftigt sich mit dessen unterschiedlichen Facetten.

Der Begriff "Maßhalten" gebe wenig Orientierung, sagt der Erziehungswissenschaftler Thomas Vogel. "Wir müssen erst mal das Maß bestimmen, und da haben wir als Kultur ein Problem, denn wir leben in einer Kultur der Maßlosigkeit", sagt er. Es werde nach Wachstum gestrebt, nach immer mehr und immer schneller. "Unsere Industriekultur ist wachstumskrank." Sie kenne weder Maße noch Grenzen.

Das rechte Maß im Leben 

Es liege in der Natur des Menschen, dass er nicht immer das richtige Maß kenne und es zum Exzess komme - aber der Mensch werde glücklich, wenn er das rechte Maß in seinem Leben gefunden habe und sich daran orientiere, meint Vogel:

"Selbst wenn er dann ein einfaches Leben führt und mal über die Stränge schlägt, ist er anschließend wieder glücklicher, weil er sagt, ich brauche eigentlich den Exzess nicht und den Überfluss." Er könne dann auch zufrieden sein mit dem Blick in die Natur oder dem Beobachten der eigenen Kinder.

"Zwangsmäßigung" in der Coronakrise 

Mit Blick auf die Auswirkungen der Coronakrise sagt Vogel: "Wir sind von 200 Stundenkilometern auf null gesetzt worden." Fabriken seien stillgelegt, Flüge ausgesetzt, die Autos blieben in der Garage stehen, Millionen von Menschen müssten ihre Sozialkontakte begrenzen. Das sei alles in einem sehr kurzen Zeitraum geschehen.

Bislang sei es aber sehr gut gelaufen und die Menschen hätten sich gemäßigt - doch leider handele es sich um eine "Zwangsmäßigung", so Vogel: "Wenn wir gezwungen werden uns einzuschränken, besteht auch die Gefahr, dass wir anschließend wieder in den Exzess verfallen."

Die Coronazeit als Lehrzeit

Maßhalten sei ein "Akt der Befreiung", sagt Vogel, und erinnert an den antiken Philosophen Diogenes und dessen berühmten Satz: "Ich besitze nicht, damit ich nicht besessen werde." Das bedeute, dass Besitz zu Abhängigkeiten führe.

Insofern sei die Coronazeit ein gutes Lehrstück - die Menschen gingen mit ihren Dingen sorgsamer um, ordneten sie, oder sortierten sie aus. Entrümpeln sei zur Zeit ganz groß in Mode. Dadurch gewinne man ein anderes Verhältnis zu den Dingen - aber auch zu den Menschen, mit denen man zusammenlebe.

(gem)  

Thomas Vogel: Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können
oekom-Verlag 2018
192 Seiten, 17 Euro

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