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Tonart | Beitrag vom 13.08.2020

Werkbiografie "Widerstand"Tori Amos und der Wille zur Selbstbehauptung

Christoph Reimann im Gespräch mit Mascha Drost

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Tori Amos sitzt im farbenfrohen Kleid am Flügel, links im Hintergrund leuchtet ein Scheinwerfer strahlenförmig in Gelb. (imago /  Hartenfelser)
Tori Amos auf einem Konzert in Frankfurt: Ihr langjähriges Wissen über das Pop-Business gibt sie in ihrem Buch "Widerstand" weiter. (imago / Hartenfelser)

Seit 30 Jahren ist die Singer-Songwriterin Tori Amos im Musikgeschäft. Über die Widerstände, die sie überwinden musste, hat sie ein Buch geschrieben. Das sei gerade für Musikerinnen ermutigend, meint Kritiker Christoph Reimann, bisweilen aber etwas langatmig und dünn.

Mascha Drost: Für Tori Amos ist das Klavier immer ganz prägend gewesen, etwa in "Silent All These Years" von ihrem Debütalbum – das es in dieser Form aber fast nicht gegeben hätte: "Klavier raus, Gitarren rein – sonst hat die Platte keinen Erfolg" musste sich Amos Anfang der 90er-Jahre nämlich anhören.

Durchgesetzt hat sie sich trotzdem und die Lektion gelernt: Widerstand lohnt sich. Von Widerständen hat es in der rund 30-jährigen Karriere der Amerikanerin offenbar so viele gegeben, dass sie jetzt ein ganzes Buch unter diesen Titel veröffentlicht hat: "Widerstand – Hoffnung, Wandlung und Mut". Heute erscheint es in deutscher Sprache. Eine Biografie von Tori Amos gibt es ja schon, "Piece by Piece" aus dem Jahr 2005. Ist das neue Buch eine Fortsetzung davon?

Chistoph Reimann: Nicht wirklich. Es ist schon so, dass sie immer wieder Bezug nimmt auf einschneidende Momente in ihrem Leben, von der Kindheit bis heute. Aber mit diesem Buch verbindet sie doch ein übergeordnetes Anliegen. Sie schreibt:

"Auf den folgenden Seiten beschreibe ich meine Reise, um die Rolle einer Künstlerin in der Gesellschaft zu untersuchen, einzuschätzen und dann neu zu bewerten. Damit zeige ich uns einen nach vorn gerichteten Weg auf, während wir uns dazu entschließen, den dunklen Mächten zu widerstehen. Den Mächten, die uns unterwerfen wollen, statt uns weiterzubringen, statt dem Besten tief in uns eine Stimme zu verleihen."

Misstrauen gegenüber Politikern

Drost: Das klingt nicht gerade nach lakonischem Understatement. Wer sind denn die dunklen Mächte, von denen sie spricht?

Reimann: Da bleibt sie zum Teil etwas vage, oft sind es Männer in Machtpositionen. Tori Amos hat schon als Teenagerin in Piano Bars in Washington D.C. gespielt. Das waren Bars, die von Politikerin und Lobbyisten besucht wurden, wie sie schreibt. Das habe sie schon früh misstrauisch gemacht gegenüber der Politik der Mächtigen – was dann auch immer wieder Einzug findet in ihre Songs: etwa in den Song "Yo George" aus dem Jahr 2007, gerichtet gegen den damaligen Präsidenten der USA, George W. Bush. Leider sind die Passagen, in denen sie über Weltpolitik spricht – und das macht sie oft – relativ platt: Da gibt es dann entweder die Guten oder die Bösen. Spannend wird es eigentlich immer dann, wenn man etwas über sie selbst erfährt, über ihren kreativen Prozess.

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Sie schreibt zum Beispiel darüber, wie aus Gesprächen mit Fans Songs werden, etwa Songs über häusliche Gewalt. Oder sie spricht darüber, welche Bedeutungen Songs haben. Zum Beispiel stellt sie den Song "Cornflake Girl", einen der bekanntesten Songs von ihr, in Verbindung mit weiblicher Genitalverstümmelung. Das war neu für mich. Denn in dem Song gibt es keinen Verweis darauf. Da wird zwar von Grausamkeiten zwischen oder unter Frauen gesprochen, aber es ist nicht die Rede von einem solch körperlichen Eingriff.

Und dann geht es noch darum, wie man sich manchmal selbst disziplinieren muss als Künstlerin oder Künstler, also wie man Schreibblockaden Widerstand leistet – da ist dann wieder das Wort "Widerstand". Oder sie erzählt, wie ihre Mutter bald sterben wird und sie eine Pilgerreise unternimmt, die ihr Album "Native Invader" inspiriert.

Songs, das eigene Leben, Politik

Drost: Da wird ja einiges verhandelt. Wie bringt sie das denn alles unter? Wie ist das Buch aufgebaut?

Reimann: Sie hangelt sich an Songs entlang, alte und neue Songs, verbindet diese mit ihrem eigenen Leben und eben der Politik: Das ist zum Teil sehr mäandernd. Es gibt Zeitsprünge, die sich nicht wirklich erklären. Das Buch ist geprägt von oft schwurbeligen Formulierungen – und es scheint auch, als hätte sich der Übersetzer, Alan Tepper, wenig Mühe gegeben, das zu glätten.

Insgesamt scheint Tori Amos auch sehr überzeugt von sich selbst zu sein – auch von den Songs, die manchmal, gerade die späten Songs, eher musikalisch schwach sind. Und diese eher schwachen Songs überhöht sie dann durch ihre manchmal dann doch länglichen Ausführungen.

Drost: Sie klingen nicht richtig überzeugt, ein bisschen, als würden Sie die Sängerin Tori Amos zu sehr schätzen, um das Buch komplett zu verreißen.

Reimann: Ich will das Buch auch nicht komplett verreißen, denn es gibt sehr konkrete Passagen, die viel darüber verraten, wie sie sich als Künstlerin verortet: nämlich als politische Musikerin, als Feministin – und das eben schon seit 30 Jahren. Und 30 Jahre im Popgeschäft – das ist eine lange Zeit und wirklich auch ein Verdienst. Da kann man sich schon etwas abgucken und auch etwas aus diesem Buch lernen.

Empowerment für Künstlerinnen

Drost: Ist es vielleicht besonders interessant für Musikerinnen und Musikern, für Künstlerinnen und Künstler?

Reimann: Ja. Die werden auch oft direkt angesprochen und ermutigt, ihre Kunst zu machen. Insofern steht das Buch auch uneitel für eine Weitergabe von Wissen. Aber das kann auch andere angehen, die nicht Kunst machen.

Es gibt im Pop ja wahnsinnig viele Biografien von sehr jungen Leuten: Die sind 30 Jahre alt und man fragt sich: Was wollen die einem eigentlich erzählen? Woran ein Mangel herrscht, das sind Biografien von älteren Frauen. Denn die verlassen oft irgendwann das Popgeschäft, kümmern sich vielleicht um ihre Familie – oder die Popkritik lässt sie links liegen, gerade bei Frauen über 50.

Tori Amos versucht hier, sich ihrer Relevanz zu behaupten, vielleicht auch zu Recht, eben weil es Kritikerinnen und Kritiker gibt, die das nicht ausreichend machen. Und das Buch zeigt: Die Geschichten, die gestandene Frauen erzählen können, sind interessant und wichtig. Weil es vielleicht dazu führen kann, dass Pop für Frauen irgendwann nicht mehr in den 30ern endet, sondern dass sie auch Karrieren haben, die lange darüber hinausgehen. Solche Erfahrungsberichte sind deshalb sehr wertvoll und können Vorbildcharakter haben. Daher doch ein interessantes Buch.

Drost: Also auch eine Art Empowerment.

Tori Amos: "Widerstand - Hoffnung, Wandlung und Mut"
Aus dem amerikanischen Englisch von Alan Tepper
Hannibal-Verlag, Höfen 2020
240 Seiten, 20 Euro 

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