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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.11.2013

Werbevideos"Weg vom Mitleid"

Literaturwissenschaftlerin Ofuatey-Alazard bemängelt Botschaft von Spendenkampagnen

Nadja Ofuatey-Alazard im Gespräch mit Jana Wuttke

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Ein Lkw des Deutschen Roten Kreuz fährt an einem Plakat mit einem lachenden Kind im vom Oder-Hochwasser überfuteten Buschmühlenweg in Frankfurt (Oder) vorbei. (dpa / Patrick Pleul)
Bei Spendenwerbung ein Vorbild an Hochwasser-Kampagne nehmen, das fordert Nadja Ofuatey-Alazard. (dpa / Patrick Pleul)

Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit tauchen auf Plakaten und in Werbeclips Bilder von armen Waisenkindern in Afrika auf, um möglichst viele Westler zum Spenden zu bewegen. Die Wissenschaftlerin Nadja Ofuatey-Alazard verurteilt diese Praktik und rät: "Hin zur Verantwortung."

Gabi Wuttke: Ein afrikanisches Mädchen mit kurzen Zöpfen und einem Milchrand um den Mund schaut sehr ernst in die Kamera. Ein niedlicher Junge streckt seinen Bauch lächelnd einem weißen Arzt entgegen. Mit solchen Bildern werben Hilfsorganisationen für Spenden, besonders jetzt, vor Weihnachten. Eine Spendenkampagne der anderen Art kommt aus Norwegen: Da lümmelt ein dicker, schwarzhäutiger Junge in einem Regiesessel in der Wüste, die verspiegelte Sonnenbrille auf der Stirn.

Einspielung: "Jedes Mal, wenn diese Filmemacher zu uns nach Afrika kommen, bin ich der Erste, den sie anrufen. Ich bin unglaublich begabt. Wartet – das ist das traurige Afrika."

Wuttke: Und dann tröstet der Junge mit der schiefen Nase eine Charity-Lady, die anfängt zu weinen, als er ihr seine Lebensgeschichte herzergreifend erzählt, und fragt sie: "Ist das Ihr erster Hilfsaufruf?" Nadja Ofuatey-Alazard forscht an der Uni Bayreuth über Rassismus und Minderheiten in den Medien. Einen schönen guten Morgen!

Nadja Ofuatey-Alazard: Schönen guten Morgen, Frau Wuttke!

Wuttke: Gefällt Ihnen dieser Spendenaufruf, den norwegische Studenten gemacht haben?

Ofuatey-Alazard: Ja, ich muss sagen "ja, aber …". Vielleicht so im Sinne von Theodor Adorno. Der hat ja mal gesagt, es gibt kein richtiges Leben im falschen. Einerseits handelt es sich bei diesem Clip ja um eine europäische Selbstkritik, und das begrüße ich natürlich. Ich finde auch, dass Satire ein sehr probates Mittel ist, um aufzuzeigen, wie in diesem Fall bestimmte Konzepte von sich selbst, also dem weißen Europa, und von den vermeintlich anderen konstruiert werden. Also so ein bisschen die Künstlichkeit der Konstruktion und des Prozesses aufzeigen. Dieser Clip bricht also mit uns gewohnten Sehverhalten und dreht sie fiktional um.

Jetzt haben wir also einen kleine pummeligen schwarzen Jungen namens Michael, der seinerseits hilft, und zwar, indem er unerfahrenen weißen Westlern dabei unterstützt, ihre eigene Identität zu finden. Was ich damit meinte, als ich "ja, aber" sagte, ist, dass es natürlich immer gut und immens wichtig ist, über Bilderproduktionen und über Sprachgebrauch nachzudenken und da etwas zu verändern. Aber das Traurige ist ja, dass das Ganze, dieser ganze Diskurs stattfindet in bestehenden Strukturen. Was auch ausgeblendet wird, ist die Frage danach, wer hat denn in unserer heutigen Realität nach wie vor die Macht, also die wirkliche Macht über die Bilderproduktion. Wer hat die Definitionsmacht über Sprache? Welche Institutionen, welche Strukturen haben Entscheidungsmacht, haben wirtschaftliche Macht, und insbesondere auch, welche Geschichte hat uns überhaupt hierher gebracht?

"Verstrickungen der Geschichte nicht außer Acht lassen"

Wuttke: Das heißt, für Sie ist das Ganze nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ofuatey-Alazard: Sicher. Es ist ein Tropfen, es ist eine gute Initiative, aber letztendlich müssen wir, wenn wir über diese Fragen sprechen, können wir einfach auch Geschichte und können wir die Verstrickungen der Geschichte nicht außer Acht lassen. Da gibt es natürlich die Geschichte des Versklavungshandels und des Kolonialismus. Und die haben sehr stabile Machtstrukturen geschaffen.

Wuttke: Da gibt es dann Widerworte von den Hilfsorganisationen, die mit Kindern aus Afrika werben, die entweder einen Milchrand um den Mund haben oder ihren kleinen, kranken Bauch einem weißen Arzt entgegenstrecken. Die sagen nämlich: Wie sollen wir all das in 30 Sekunden packen in einem Clip oder auf einem Plakat in einem einzigen Bild?

Ofuatey-Alazard: Ja, ja, das ist die gängige Argumentation. Was ich mir oftmals überlege oder was ich dann vorschlage, ist, einfach auch mal einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Das ist ganz hilfreich, um aufzuzeigen, wie Bilder produziert werden. Wie würden Personen und Sachverhalte in einem anderen, also zum Beispiel in einem weißen Kontext dargestellt werden? Wie würde zum Beispiel am Beispiel Deutschlands verfahren werden? Was würde hier als angemessen betrachtet werden?

Wuttke: Haben Sie da ein Bild im Kopf, wie Sie das machen würden?

Ofuatey-Alazard: Ja, ich denke zum Beispiel an die Berichterstattung jetzt zu den Opfern der jüngsten Überschwemmungen, der Flutkatastrophen in Südost- und in Ostdeutschland. Oder auch am Beispiel von Kinderarmut in Deutschland. Wie wird hier um Sympathie und Solidarität geworben? Wird da auch diese Mitleidskarte gezogen? Die Antwort ist eigentlich Nein. Also, es ist durchaus möglich, so was zu kommunizieren, ohne auf diese auch rassifizierten Stereotypen zurückzugreifen.

Wuttke: Das heißt, das Argument der Hilfsorganisationen greift für Sie absolut nicht, die sagen, wenn wir nicht mit Mitleid werben, dann spenden die Leute auch nicht?

"Mitleid ist keine gute Motivation"

Ofuatey-Alazard: Nein, das glaube ich nicht, dass Mitleid eine gute Motivation ist. Ich würde wirklich auch sagen, weg von Mitleid und hin zur Verantwortung. Und wovon ich überhaupt nichts halte, ist eben, dass diese Oppositionen hergestellt werden. Also, so "geandert" wird, wie wir es nennen in den Sozialwissenschaften und Literaturwissenschaften. Das heißt, dass Menschen aus außereuropäischen Weltgegenden eben als das absolut Andere zu Europäern oder Europäerinnen gesetzt werden und auch so auf ihr Anderssein festgelegt werden. Ich glaube, ein gutes Rezept wäre ganz einfach, nicht zweierlei Maß anzulegen, und wirklich auch nach dem Motto "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu" - denn Worte, also Sprache, und Bilder sind auch gewaltvoll - einfach danach zu verfahren und zu schauen, was für Emotionen, Begriffe, Bezeichnungen, Erklärungen verwenden wir für uns selbst, wenn wir Verhältnisse in Europa oder auch Deutschland beschreiben und um Solidarität bitten.

Wuttke: Welche Stereotypen, welche Klischees gehören aus Spendenaufrufen für Sie ab sofort gestrichen?

Ofuatey-Alazard: Na ja, gut, wenn ich mir solche Clips oder Plakate anschaue, dann tue ich das eben aus einer bestimmten Perspektive. Das ist eine rassismuskritische Perspektive und eine postkoloniale Perspektive. Und dann frage ich mich eben, wo werden hier koloniale Stereotype oder Rassismen reproduziert. Das heißt, wo werden zum Beispiel schwarze Menschen oder "People of Color in diesem Kontext als Objekte dargestellt, als passive Empfänger und Empfängerinnen von Hilfe oder Unterstützung. Im Gegensatz dazu, wie und ob werden Weiße als handelnde Subjekte und eben als Experten oder Expertinnen gezeigt. Also, diese Hierarchisierung, die da auch gleich eingeschrieben ist.

Wuttke: Der kleine Michael, der ja ganz aktiv in diesem Clip auftaucht, ist also trotzdem als positives Zeichen für Sie zu werten, dass es anders geht, wenn man anders will und auch anders denkt?

Ofuatey-Alazard: Ja, natürlich! Auf jeden Fall. Was ich mir wünsche, ist eben, dass erst mal auch in den Darstellungen zum Beispiel der kulturellen Praxen, dass da auf jeden Fall mal das Prinzip Respekt herrscht, also die Wahrung der Menschenwürde der Dargestellten; dass diese Menschen auch in O-Tönen selber zu Wort kommen, dass also nicht über sie herübergeredet wird, über sie gesprochen wird, statt, dass sie selber sich äußern. Dann ist natürlich immer die Frage auch, werden die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten gewahrt, wurden überhaupt zum Beispiel bei Kinderdarstellungen die Eltern konsultiert? Haben die Partner vor Ort auch eine Mitsprache bei der textlichen oder bei der bildlichen Repräsentation? Haben sie da eine Vetomöglichkeit, et cetera, et cetera. Da gibt es Einiges, was machbar ist, was möglich ist, um diese Gewalthaftigkeit der Bilder auch eben nicht entstehen zu lassen.

Wuttke: Es geht auch anders, sagt die Wissenschaftlerin Nadja Ofuatey-Alazard über Spendenkampagnen, zwei Tage vor dem Ersten Advent. Ich danke Ihnen schön für diese Erläuterungen!

Ofuatey-Alazard: Ja, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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