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Länderreport | Beitrag vom 19.06.2019

Werben in Sachsen-AnhaltHansestadt mit Dorfcharme

Von Christoph Richter

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Fährbetrieb auf der Elbe zwischen Räbel und der Hansestadt Werben (K .M..Krause / Imago)
Werben profitierte einst davon, dass es am wichtigen Verkehrskanal Elbe liegt. Heute sorgt der Fluss eher für Abgeschiedenheit. (K .M..Krause / Imago)

Werben liegt in Sachsen-Anhalt und ist reich an Geschichte: Die Stadt gehört zu den kleinsten Städten Deutschlands und kann sich zur Gilde der Hanse-Städte zählen. Doch die Stadt kämpft gegen Leerstand und Verfall. Mit einigem Erfolg.

"In der Woche ist nicht so viel Leben. Aber am Wochenende kommen die Berliner, dann fliegen sie ein. Dann ist wieder ein bisschen mehr Leben und Abwechslung." Die 77-Jährige Gundula Quiel wohnt seit 60 Jahren schon in Werben. Direkt am Marktplatz und hat die Stadt immer im Blick, erzählt sie und lacht. An die DDR-Zeiten denkt Gundula Quiel noch mit Grausen zurück, als man die stolze Bürgerstadt Werben einfach so verfallen lies: "Ganz so schön war es nicht. Jetzt sind die Häuser alle so schön restauriert. Was früher nicht so war, wo es immer an alles gehapert hat."

Heute erstrahlt Werben. Mit rund 600 Einwohnern gilt Werben als eine der weltweit kleinsten Hanse-Städte. Eine altmärkische Kleinstadt im Norden Sachsen-Anhalts, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Sanierte Fachwerkhäuser, wohin das Auge blickt. An manchen der Gebäude hängen kleine Schilder, die die wechselvolle Geschichte erzählen. Und: Ein Hauch von Biedermeier weht durch den Ort. Als ob Kaiser Wilhelm gleich um die Ecke kommen würden, als ob nur Kutschen statt Autos durch die Stadt rollen.

Vor allem Berliner kaufen Häuser

"War 'ne wohlhabende Stadt durch den Getreidehandel. Die Stadt war 130 Jahre Mitglied im historischen Hanse-Bund und hat sehr davon profitiert. Sie ist im Mittelalter ein Wallfahrtsort gewesen. Menschen, die nach Bad Wilsnack pilgerten – das war lange, lange Zeit der berühmteste Wallfahrtsort in Nordeuropa – die kamen auch nach Werben. Hier gab es Reliquien, die man sehen konnte. Hier hatte man auch die Möglichkeit zum Bader und Barbier zu gehen, man pflegte sich auch. Also, es war eine wohlhabende Stadt", erzählt Jochen Hufschmidt, früher Bürgermeister von Werben.

Ein verfallenes Fachwerkhaus steht in einer Straße mit weiteren Fachwerkhäusern in Werben in Sachsen-Anhalt. (Deutschlandradio / Christoph Richter)Viel Fachwerk, wenige Bewohner und noch weniger Besucher: Das Wohnhaus des preußischen Scharfrichters Friedrich Reindel gibt es für einen Euro. (Deutschlandradio / Christoph Richter)

Jetzt sitzt er für die SPD im Gemeinderat der Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck, zu der jetzt Werben gehört. Er kümmert sich seit Anfang der 2000er Jahre im Arbeitskreis Werbener Altstadt – kurz AWA - um den Erhalt der einzigartigen Innenstadt. Die AWA ist eine Bürgerinitiative der Werbener Stadtgesellschaft, die ihre über 1.000 Jahre alte Stadt erhalten will. Man rettet Häuser, indem die AWA sie erstmal erwirbt, um sie später irgendwann zu sanieren. Denn die alten zweistöckigen Fachwerk-Traufenhäuser – wie man sie auch aus Lübeck oder Stralsund kennt - sind das Kapital von Werben. "Das ist ein Flächendenkmal: Die komplette Altstadt. Bestimmte Häuser sind noch mal extra geschützt, sind Einzeldenkmale."

Wenn man von oben auf Werben schauen würde, würde man sehen, wie sich die Straßen ovalförmig um das Zentrum der Stadt ziehen: die Johanneskirche. Eine mächtige Trutzburg, eine Kathedrale auf dem Dorf. Die spätgotische Backsteinhallenkirche stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der mächtige – in den Himmel ragende Westturm – ist schon von Weitem sichtbar. Jetzt müssen immer wieder Reparatur-Arbeiten vorgenommen werden.

"Der älteste Teil dieser Kirche ist noch romanisch. Nach 1160 hat Albrecht der Bär den Johannitern die Kirche zu Werben und acht Hufen Land geschenkt. Die Johanniter haben hier ihre erste norddeutsche Komturei gehabt. Später ist die Kirche zu einer hochgotischen Kirche umgebaut worden, wie man sie jetzt sieht." Sowas wie ein Dom – mitten auf dem platten Land der Altmark. Zu Zeiten König Heinrich I. war die Stadt ein umkämpfte Grenzfestung, zum Schutz gegen die heidnischen Wenden. Heute ist Werben ein Anziehungspunkt für gestresste Großstädter, modische Trendsetter. Insbesondere Berliner lassen sich zunehmend in Werben nieder, denn die Häuser sind günstig, schon ab einem Euro zu haben, natürlich kommen dann noch einige Sanierungskosten hinzu.

Verliebt in die Einsamkeit

Auch die gebürtige Pariserin und Musikwissenschaftlerin Lucile Thoyer hat sich in Werben verliebt und ein Fachwerkhaus erworben und saniert. Es dient der Familie als Wochenend-Domizil: "Also zuerst war's die Landschaft. Ich hatte ja das Glück, Werben von seiner schönsten Seite zu erleben: Da war die Elbe übergelaufen, die Elbwiesen waren vereist, und die Sonne glitzerte auf dieses Eis und die Gänse flogen darüber - das war einfach eine Kulisse zum Malen. Und da hatte ich ja die Stadt noch nicht mal gesehen. Und als ich dann die Kulisse gesehen habe mit diesen Fachwerkhäusern, das hat mich erst mal an das Elsass erinnert, aber dann doch eben ganz anders, ist ja hier alles flach. Und diese schöne Elblandschaft und diese Stadtkulisse da drin - das war einfach perfekt."

Lucile Thoyer ist die Lebensgefährtin von Dominik Geißler, Sohn des einstigen CDU- Politikers Heiner Geißler sowie Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Einer der berühmtesten Söhne der Stadt ist Friedrich Schorlemmer. Theologe und Bürgerrechtler. Er wuchs in Werben auf. Heute lebt er elbaufwärts in der Lutherstadt Wittenberg. Aber wenn er heute seinen Computer anschaltet, so heißt es, soll als erstes Bild immer die Silhouette von Werben auftauchen.

Werben: Idyllisch an den Ufern der Elbe gelegen, eingebettet in die Landschaft der Wische. Aber die über 1000 Jahre alte Stadt hat auch ein bisschen was von einer Biedermeier-Puppenstube, einer Modelleisenbahn-Kulisse. Andererseits ist die Stadt von Landflucht geprägt. "Wir müssen weitere Haltestrukturen schaffen, dass die Leute, gerade die älteren Leute, hier bleiben können. Wir haben zum Beispiel das Bürgermobil geschaffen. Mit dem vor allen Dingen ältere Leute zu Ärzten gefahren werden können, zu Behörden, zu Einkäufen etc."

Aber das reiche nicht aus, sagt Jochen Hufschmidt. Er wolle keine sanierte Schlafstadt, sondern lebendiges Leben in Werben. Das zumindest ist sein hehrer Wunsch. Junge Leute sind in Werben kaum anzutreffen. Der Marktplatz ist selbst zur Mittagsstunde bei schönstem Sonnenwetter menschenleer. "Das Problem ist ja: Es ziehen kaum jüngere Leute hierhin, es gibt keine Schule mehr. Das ist ein großer Schlag gewesen. Hat den Ort verändert, dass wir die Schüler nicht mehr hier haben." Seit zwei Jahren ist nun auch die Sparkassen-Filiale geschlossen. Der Internet-Empfang ist mehr schlecht als recht. Für Werben eine Katastrophe, weil es die Landflucht weiter verstärkt.

Lange ohne Wirtshaus und ohne Café

"Das ist ein reales Problem. Aber natürlich." Lars Krämer kommt ursprünglich aus Westfalen. Jetzt lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern in Werder bei Potsdam. Auch er hat ein Haus in Werben, engagiert sich im Arbeitskreis Werbener Altstadt. Aber einen kompletten Umzug nach Werben, das könne er sich derzeit nicht vorstellen. "Aber klar, im Hinterstübchen hab ich das. Aber wir haben zwei Kinder, das sieht ein bisschen problematisch aus. Erstmal müssen wir ein bisschen abwarten."

Derzeit stehen in Werben etwa 40 Häuser leer und verfallen. Darunter auch das Wohnhaus eines der letzten preußischen Scharfrichter, sogar die Fenster aus der Bauzeit sind noch drin. Oft kümmern sich Besitzer aber nicht um ihre Immobilien, sie verfallen, werden abgerissen. "Es geht darum, dass der Status erhalten bleibt und nicht überall Baulücken schafft und Parkplätze." Jochen Hufschmidt fordert daher Enteignungen, um dem Leerstand und Verfall entgegenzuwirken. "Und öffentlich zu versteigern. Damit die Häuser an Interessenten weiter gegeben werden können."

Obwohl viele Fahrradtouristen durch die Stadt kommen, da Werben unmittelbar am beliebten Elbe-Radweg liegt, gab es den letzten Jahren weder ein Wirtshaus, ja nicht mal ein Café. "Da blutet mir schon das Herz", sagt der bayrische Kulturgeograf Hans Hopfinger von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Autor einer umfangreichen Studie zum Wirtshaus-Sterben. Nicht nur die Schule oder der Dorfladen, auch das Gasthaus sei ein so genannter Haltefaktor, warum Menschen in der Region bleiben oder sich gar entschließen aufs Land zu ziehen.

"Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, des sozialen, kulturellen Lebens auf dem Dorf." In Werben hat man das Steuer jetzt rumgerissen. Denn: Die Bürgerinitiative Arbeitskreis Werbener Altstadt hat das ehemalige Schulhaus, das direkt gegenüber der Johanniskirche liegt, mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert und ein Café draus gemacht.

Zwischen 1720 und 1725 war das klassizistische Fachwerk-Haus errichtet worden. Jahrelang stand es leer. Jetzt habe man es perfekt saniert, auch die farbliche Stimmigkeit der Innenausstattung wie der Außenfassade sei hervorragend wiedergegeben, sagt Konservator Helfried Weidner vom Landesdenkmalamt in Halle an der Saale. "Ich freu mich immer, wenn etwas in der ursprünglichen Ästhetik zurückgewonnen ist. Denn die Menschen der vorangegangenen Stilepochen hatten sehr viel Sinn für Ästhetik. Heute bleibt das häufig auf der Strecke muss ich sagen."

Das müssen jetzt nur noch die Wochenend-Bewohner verstehen. Um aus der Biedermeierstadt Werben am Ende einen lebendigen und quirligen Ort zu machen. Indem sich auch die Teilzeit-Bewohner dauerhaft niederlassen. Um den Gegenbeweis anzutreten: Das Ostdeutschland nicht nur eine entleerte Region ist. In Werben könnte es gelingen.

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