Wer sind wir?

Typisch Deutsch? Reiterdenkmal des "Alten Fritz" mit Deutschlandflagge im Hintergrund © AP-Archiv
Von Michael Stürmer · 11.10.2005
An die 35 Millionen Euro in Sendezeit und Druckseiten lassen sich deutsche Sender und Zeitungsverlage eine Kampagne kosten, die vielstimmig und vielfarbig versichert: "Du bist Deutschland". Lassen wir einmal das vertrauliche Du beiseite, so sollen die Deutschen, von Zukunftsangst und Selbstmitleid heimgesucht, sich wieder etwas zutrauen, fröhlicher in die Welt schauen und anpacken.
So gut gemeint die Sache ist, so sehr verrät sie Unsicherheit über das, was heute deutsch ist: "German Angst" und Ammenstaat? Oder Selbstvertrauen und Leistungswille Made in Germany.

Es gibt quer durch die Jahrhunderte kein schärferes Zeichen kollektiver Depression als den Niedergang von Heiraten und Geburten. In Deutschland gibt es kein Kinderlachen mehr, und wo es dennoch vorkommt, fühlen sich alte Leute gestört. Seit den frühen 60er Jahren gibt es Vergreisung, zusammen mit immer mehr Missmut und dem Anspruch auf umfassende Versorgung. So kündigen sich noch immer Zusammenbrüche an. Modell Deutschland, wie die SPD in den Wahlkämpfen der 70er Jahre tönte, ist Vergangenheit. Rundum schaut man halb abschätzig, halb besorgt auf den "sick man" in der Mitte von Europa. Schlechte Zeiten für neuen Nationalstolz. Schlechte Zeiten auch für Europa und den Euro. Umso notwendiger allerdings auch, dass die Bürger aufhören, alles vom Staat zu erwarten und nichts von sich selbst. Der Staat ist, wenn man die Schulden anschaut, am Ende.

Die Medienkampagne ist eine neue Variante über ein altes Thema. Friedrich Nietzsche spottete vor mehr als 100 Jahren, es kennzeichne die Deutschen, dass unter ihnen die Frage "Was ist deutsch?" niemals ende. In der Tat: Was ist so deutsch an den Deutschen? Am meisten vielleicht, dass sie es nur in Gestalt des Föderalismus aushalten, miteinander zu leben in Ost und West, Nord und Süd. Im Übrigen sind wir stolze Hanseaten, Bayern des "mir san mir" –Typs, emsige Württemberger, ruppige Berliner oder verschlossene Schweiger aus MeckPom. Die Deutsche Mark, die ein gutes Jahr vor der Bundesrepublik entstand, angehängt an den US-Dollar, war den Deutschen Inbegriff des Wiederaufstiegs aus der nationalen Katastrophe, die Herren im eleganten Pelz sahen so aus, wie die Deutschen sich gern sehen wollten, und die kecke Nackte auf dem Stier stellte jenes Europa dar, das die Deutschen vom Nationalstaat erlösen sollte. Die Mark aber ist den Weg des Euro gegangen, und niemand bringt sie mehr zurück. Der Nationalstaat aber dementiert alle Nachrichten über sein Dahinscheiden und meldet sich zurück als Sozial- und Steuerstaat und Gehäuse geordneter Machtzuteilung.

Der Verfassungspatriotismus, gegründet auf Vernunft und Wertbedarf, blieb immer ein blasses Gebilde. Die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 2006 dagegen wird in Freud und Leid zeigen, ob die Herzen für Deutschland höher schlagen.

Aber haben wir nicht den sozialsten aller Sozialstaaten, Staunen der Welt? Das kann uns keiner nehmen, haben wir lange geglaubt. Die Renten sind sicher, hat man gesagt. Mittlerweile sind wir nicht mehr so sicher, schauen auf China, die Tigerstaaten und die Demographie und beginnen zu begreifen, dass die fetten Jahre vorbei sind und die mageren begonnen haben. Wir ahnen sogar, dass, wenn nichts geschieht, der Sozialstaat gegen die Wand fährt, und Modell Deutschland mit. Das war der Ansatz der späten Reformen von Helmut Kohl und von Gerhard Schröder. Wer die Zahlen kennt, weiß, dass das alles nur Anfang war und ist und sein wird.

Seitdem es Politik gibt, wurde sie von den Leuten daran gemessen, dass das Huhn im Topf war. Das gilt auch für die Demokratie, und am meisten dann, wenn das Huhn kleiner wird und der Topf größer. Da kommt noch ein Test auf die Deutschen zu und ihre Liebe zur Demokratie. Wenn der Sozialstaat, nach der D-Mark, alleinige Grundlage des Deutschseins ist, dann kommen schwierige Zeiten. Denn es bleibt die Frage aller Fragen, wie denn die Wiegen wieder gefüllt, die Generationen wieder im Gleichgewicht sein sollen. Zuerst weigern sich die Deutschen, Kinder in die Welt zu setzen, dann wollen sie gut leben, und am Ende weigern sie sich zu sterben: Wenn das vom deutschen Sozialkontrakt geblieben ist, dann ist es schlecht um ihn bestellt, und er bedarf schmerzhafter Revision. Andernfalls werden Sozialstaat und Patriotismus ernsten Prüfungen ausgesetzt sein.

Keine schlechte Idee deshalb, die Deutschen daran zu erinnern, dass wir - jeder für sich und alle zusammen - verantwortlich sind für den Zustand der Republik - es gibt nur diese.

Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: "Das ruhelose Reich", "Dissonanzen des Fortschritts", "Bismarck - die Grenzen der Politik" und zuletzt "Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte". Im so genannten "Historikerstreit" entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, schreibt jetzt für die Welt und die Welt am Sonntag.