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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2007

Wer Indien sucht, kann Amerika entdecken!

Frieder Lauxmann: "Vom Nutzen des unnützen Denkens", Nymphenburger Verlag: München 2007, 206 Seiten

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Bildband mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Bildband mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Landläufig herrscht die Vorstellung: Forschern gelingen bedeutende Entdeckungen nur dank zielgerichteter Suche, zahlreicher Wiederholungen und akribischer Notizen. Als Gegenbild muss oft Picasso herhalten. Von ihm wird der Ausspruch überliefert: "Ich suche nicht, ich finde."

Hier Genie und Intuition, dort Fleiß und Effizienz? Ein Schwarzweiß-Bild, dem Frieder Lauxmann in den 25 Kapiteln seines neuen Buches zahlreiche Grautöne beifügt. Sicher bedarf es ausgewiesener handwerklicher Tüftler, aber nicht selten führen ein Traum oder auf den ersten Blick schlicht unnützes Denken weiter und bringen schließlich neue Einsichten sowie großen Nutzen mit sich – auf dem Terrain der Naturwissenschaften ebenso wie im Bereich der Philosophie.

Den Nachweis geht der promovierte Jurist in drei Teilen an: Im ersten Teil zeichnet Lauxmann exemplarisch die Wege einiger Vorausdenker nach. Thales und Galilei kommen ebenso in den Blick wie etwa Rousseau, dessen Denken "nützliche Menschen", Reiche und Machthaber, Bürokraten und Kleriker, seinerzeit "für unnütz und schädlich" hielten.

Im zweiten Teil betrachtet Lauxmann "die Herrschaft der Nützlichkeit", die von der Devise ausgeht: "Nützliches ist gut und alles, was uns nicht nützt, lässt sich vernachlässigen." Diese Maxime mag mitunter hilfreich sein, unter einer absoluten Herrschaft des Zweckrationalismus würde menschliches Leben jedoch zusehends verarmen.

Entsprechender Protest etwa von Kubisten, Dadaisten und Surrealisten spricht Bände und lässt sich sehen – wie zum Beispiel das Kunstobjekt des Amerikaners Man Ray mit dem Titel "Geschenk". Dabei handelt es sich um ein Bügeleisen, dessen glatte Unterseite von einer Reihe nach außen stehender Nägel durchbohrt wird.

Im dritten Teil, überschrieben mit "Das Neue aus dem geistigen Hintergrund", geht es um weiterführende Fragen wie "Kann Denken den Zufall beeinflussen oder ist es umgekehrt?" Hier erklärt Lauxmann mehrmals, wie "der Zufall ein geistiges Phänomen [wird] aus dem Zusammenwirken von Ereignis und Entdecker." Was am Beispiel der Entdeckung von Penicillin verdeutlicht wird, ließe sich auch mit Blick auf die Genese von Champagner, Teflonpfanne, Post-Its und Viagra erklären. Sie sind allesamt "Fehlerprodukte" und verdeutlichen exemplarisch: Irren ist menschlich und darüber hinaus nicht selten der Ursprung neuer Ideen und Produkte.

Am Ende des Buches findet man zwölf Thesen und ein philosophisches ABC. Im Laufe der Lektüre stößt man zudem auf zwei kurze Intermezzi. Eines dreht sich um Kolumbus und verweist auf die verblüffende Tatsache: Wer Indien sucht, kann Amerika entdecken! Abgerundet wird Lauxmanns unkonventionelle Betrachtung der Kultur und Philosophiegeschichte durch drei Ansammlungen von Merksätzen:

"Zielloses Denken kann manchmal zu Zielen führen, die wir erst dann als Ziel erkennen, wenn wir angekommen sind. ... Der Vorausdenker durchstöbert auch geistige Papierkörbe. ... Jeder Erfolg erwächst aus einem erfolglosen Umfeld."

Frieder Lauxmann war über dreißig Jahre als Jurist im Staatsdienst tätig und wurde vor fünfzehn Jahren mit seinem Buch "Der philosophische Garten" einer größeren Leserschaft bekannt. Seither legt der bald 74-Jährige Buch um Buch vor und bezeugt ein ums andere Mal seine Liebe zur klassischen Philosophie.

In seiner Hommage für das unnütze Denken geht Lauxmann immer wieder von Beobachtungen im Alltag aus. Die führen ihn zu philosophischen Fragen, Einsichten und Erwägungen, die er allgemein verständlich darzulegen weiß.

Die Ameise etwa, die den Weg zur Zuckerdose findet, hat sich laut Lauxmann auf Neben und Abwegen bewegt. Sie hat "den Zuckerstreuer gesund wieder verlassen", um anderen vom Weg und Fundort zu berichten. "Doch viele weitere haben sich in ihrem blinden Forscherdrang tief in die Zuckermasse hineingebohrt und von dort aus den Weg nicht mehr nach oben gefunden."

Der Untertitel "Wie Philosophie auf die Welt einwirkt" wird im Laufe des Buches nur teilweise eingelöst. Die meisten seiner Beispiele entnimmt Lauxmann den Bereichen Naturwissenschaften und Technik, den "unnützen Kindern", die Mutter Philosophie nach und nach aus sich entlässt.

An manchen Stellen des Buches macht sich ein konservativer, mahnender Geist bemerkbar. Der mag Alter und Lebenserfahrungen des Autors geschuldet sein, muss aber nicht von der Lektüre abhalten. Kein unnützes Buch, vielmehr Anregung und Einladung zu Mußestunden verbunden mit Impulsen, weiter zu denken.


Rezensiert von Thomas Kroll


Frieder Lauxmann: Vom Nutzen des unnützen Denkens. Wie Philosophie auf die Welt einwirkt
Nymphenburger Verlag, München 2007, 206 Seiten, 19,90 Euro

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