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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.01.2009

"Wer den Bürgerkrieg entfesselt, lebt immer im Angesicht des Todes"

Hans-Ulrich Wehler zum Mord an Luxemburg und Liebknecht

Hans-Ulrich Wehler im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Politprominenz der Linken bei der Luxemburg-Demo: Petra Pau, Parteivorsitzender Lothar Bisky, Fraktonsvorsitzender Gregor Gysi und die stellvertretende Parteivorsitzende Halina Wawzyniak. (AP)
Politprominenz der Linken bei der Luxemburg-Demo: Petra Pau, Parteivorsitzender Lothar Bisky, Fraktonsvorsitzender Gregor Gysi und die stellvertretende Parteivorsitzende Halina Wawzyniak. (AP)

Für den Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler ist es ein "großes Rätsel", warum der Verantwortliche für den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Bundesrepublik nie vor Gericht gestellt worden ist. Dass Waldemar Papst – der Hauptmann, der den Befehl zum Mord gab - nie zur Rechenschaft gezogen worden sei, obwohl er bis 1970 in Deutschland lebte, "ist schlechterdings unverständlich", sagte Wehler. Pabst hatte als Offizier im Januar 1919 den Befehl zu den Morden gegeben.

Liane von Billerbeck: Das Ereignis zieht bis heute Zehntausende Demonstranten an, die Jahr für Jahr im Januar nach Berlin-Friedrichsfelde pilgern, um Kränze zum Gedenken an Karl und Rosa niederzulegen.

Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet. Den Befehl dazu gab Hauptmann Waldemar Pabst und der Mord wurde zumindest indirekt von führenden Sozialdemokraten gedeckt. Welche Hintergründe und Folgen der Mord an den beiden Führern des Spartakusbundes hatte, darüber wollen wir jetzt mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler sprechen, mit dem ich telefonisch in Bielefeld verbunden bin. Herr Wehler, ich grüße Sie!

Hans-Ulrich Wehler: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

Billerbeck: Versetzen wir uns mal 90 Jahre zurück. Was geschah an diesem 15. Januar 1919?

Wehler: Ich gehöre nicht zu denen, die diesen Mythos um Liebknecht und Luxemburg teilen. Das Kaiserreich hatte einen Krieg verloren, der in der Schlussphase ein totaler Krieg geworden war, die aufgelösten Armeen strömten zurück, und in dieser Situation, als keiner so genau wusste, wie stabil die soeben ausgerufene Republik sein würde, entschloss sich der Spartakus, den Bürgerkrieg zu entfesseln.

Wer den Bürgerkrieg entfesselt, lebt immer im Angesicht des Todes, wenn er von der Gegenseite erwischt wird, wird er an die Wand gestellt. Wenn Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht korrekt überstellt worden wären, wären sie abends vor ein Standgericht gekommen und erschossen worden. So sind sie gräulich erschlagen worden, aber wer sozusagen den Bürgerkrieg provoziert, muss mit dem Tod rechnen.

Billerbeck: Aber nun waren doch ihre eigenen Genossen an der Macht.

Wehler: Ja, was heißt eigene Genossen, sie waren früher einmal SPD-Mitglieder gewesen und waren 1917 mit der Unabhängigen Sozialdemokratie ausgeschert. Das ist ja oft so, dass sozusagen feindliche Brüder sich ungleich gehässiger gegenüberstehen als andere.

Also das ist ein tiefer Graben, der sich da 1917 aufgetan hatte, und derjenige, der für die SPD, die ja mit Ebert gewissermaßen die neue Republik zu stabilisieren versuchte, die militärische Kommandogewalt übernahm, musste alles daran setzen, dass das Land nicht im Bürgerkrieg versank. Also da sehe ich also überhaupt nicht, wie man heute noch daran zweifeln kann, dass die SPD im Besitz sozusagen der frisch geborenen Macht in der Republik anders handeln konnte, als gegen diese Bürgerkriegspartei vorzugehen.

Billerbeck: Das klingt ein bisschen so, als sei der Liebknecht-Luxemburg-Mord geradezu zwangsläufig gewesen.

Wehler: Na ja, gut, wenn Sie sozusagen sich in eine Bürgerkriegssituation begeben und sie werden von der Gegenseite erfasst, dann werden Sie im besten Fall gefangengenommen und kommen vor ein Standgericht, vor allem, weil es sich um zwei der führenden Persönlichkeiten handelte. Wobei man sagen muss: Ich habe mich früher mal lange mit Rosa Luxemburg beschäftigt und war in Warschau der erste, der ihren Nachlass durchgearbeitet hat, das ist schon eine ungeheuer imponierende Frau.

Sie hat auch lange abgeraten, in dieser Krisensituation sozusagen den Aufstand zu riskieren, aber dann hat sie sich zusammen mit Liebknecht gefügt. Ob das zwangsläufig war, weiß ich nicht, aber es scheint mir ganz unwahrscheinlich, dass wenn die korrekt überstellt worden wären, dass sie sozusagen dem Standgericht hätten entkommen können.

Billerbeck: Sie haben es schon gesagt, Sie können dem Mythos, der die beiden Personen umweht, nicht viel abgewinnen. Den gibt es aber bis heute. Und Sie haben auch schon erwähnt, dass Sie Rosa Luxemburg durchaus als eine beeindruckende Persönlichkeit empfunden haben. Was hat denn dieser Mythos mit den beiden tatsächlichen Personen von damals, mit Rosa Luxemburg und mit Karl Liebknecht, noch zu tun?

Wehler: Ja, das ist bei Mythen immer die Frage, was da sozusagen hochstilisiert wird. Es gibt ja eine Reihe von außerordentlich folgenreichen Morden, Hunderte von Morden an Politikern und Schlüsselfiguren der Linken, wobei die rechten Mörder, die Fememörder, sehr oft ungestraft davonkommen. Dass also zum Beispiel der Chef der Unabhängigen Sozialdemokratie Hugo Haase ermordet wird, dass eine so illustre, kluge Figur wie Walther Rathenau ermordet wird - das sind in gewisser Hinsicht dramatischere Ereignisse, wenn auch nicht für die damaligen und heutigen Linken.

Und dann spukt bei der Rosa Luxemburg immer ein Satz herum, man müsse kämpfen für die Freiheit der anderen. Das erweckt den Anschein, als ob Rosa Luxemburg, die ja trotz aller Klugheit auch in vieler Hinsicht eine dogmatische Frau war, gestritten hätte für die gleichberechtigten Äußerungen von Liberalen, Konservativen, katholischen Zentrumspolitikern. Die "anderen" sind aber nur diejenigen in der Partei!

Man soll also diejenigen, die in der eigenen Partei eine abweichende Meinung äußern, denen soll man die Freiheit der Meinungsäußerung gewähren, und das stammt aus der Polemik zwischen Lenin und Rosa Luxemburg. Lenin knüppelte sozusagen seine Kontrahenten nieder, und da sagt Rosa Luxemburg, nein, in der Partei müssen wir auch den anderen zuhören. Wenn ich dann so sehe, wie die Herren Bisky und Gysi und Lafontaine da wallfahrten - und andere Leute Rosa Luxemburg sozusagen als Liberale, die für freie Meinungsäußerung gekämpft habe, verehren, dann hat das mit der Realität damals nichts zu tun.

Billerbeck: Lafontaine war, glaube ich, beim Wahlkampf dieses Jahr, in Hessen, der war nicht da. Aber dieser Satz von Luxemburg, den Sie erwähnt haben, der ist ja immer mal wieder benutzt worden, wir erinnern uns an die Zeit kurz vor 1989 in der DDR, als der bei einer Demonstration von Oppositionellen getragen wurde, Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden oder so. Der hat ja offenbar eine Gewalt, deshalb zieht der auch so viele Leute an, genau wie die Person.

Wehler: Ja, das ist, wenn man sozusagen sich das ganze Textstück nicht immer vergegenwärtigt, und das soll man ja gar nicht sozusagen den Dissidenten von 1988, 1989 unterstellen, dass sie erst mal Rosa Luxemburg nachgelesen hätten...

Der Satz war überkommen und für sich genommen ist der sozusagen ein Streit für liberale, ungestrafte Meinungsäußerung. Und man kann ja nur vor dem Mut der Dissidenten den Hut ziehen, dass sie mit solchen Plakaten auch bei den Leipziger Rundmärschen auf die Straße gegangen sind. Insofern würde ich das auch unterstützen, aber es hat nichts sozusagen mit dem wirklichen historischen Kontext zu tun. Rosa Luxemburg war durchaus nicht der Meinung, dass man Liberale, Konservative und Katholiken sozusagen gleichberechtigt als Diskussionspartner anerkennen sollte.

Billerbeck: Nun gibt es ja einige Äußerungen von führenden SPD-Männern - Ebert und Noske - aus der Spätzeit des Ersten Weltkrieges, die sind überaus nationalistisch, könnte man sagen. War die SPD-Führung viel enger mit der Reichswehr und der Obersten Heeresleitung verbunden, als bisher angenommen?

Wehler: Das ist gar keine Frage, dass das sogenannte Bekenntnis zur internationalen Solidarität des Proletariats eine Floskel gewesen ist in dem Augenblick, als der Krieg kommt, und die SPD sich ganz hinter die Reichsregierung stellt.

Schon der alte Bebel, der rote Kaiser des Kaiserreichs, hatte gesagt: Wenn die Kosaken kommen, ergreift jeder Sozialdemokrat die Flinte. Die SPD hat sich weithin vorbehaltlos drei Jahre mit der Reichsführung und der Kriegsführung identifiziert. Dann schert sozusagen ein linker Flügel aus, das sind Metallarbeiter, die sogenannten Revolutionären Obleute in Berlin organisieren die Metallarbeiter, dann geht ganz am linken Rand der Spartakusbund, das sind so Intellektuelle wie Rosa Luxemburg, Liebknecht, Franz Mehring und ein paar andere, aus denen geht dann die kommunistische Partei hervor.

Da zerfällt die Partei, aber der Großteil, die sogenannte Mehrheitssozialdemokratie, die sind in unserer Sprache ganz fraglos Nationalisten und Ebert sagte mal über die Linken: Ich hasse sie wie die Sünde. Das ist also keine Frage, aber wenn man jetzt die Konstellation sich vergegenwärtigt, ein Heer, rund acht Millionen Männer noch unter Waffen zurückzuführen, die Gefahr, dass die Revolution - die Rätebewegung hatte ja revolutionären Charakter und hatte zur Republik geführt -, dass die sozusagen das Land weiter in Unruhe versetzen oder wirklich wie im Januar 1919 in Berlin in den Bürgerkrieg stürzen würden, das ist für diejenigen, die nun ganz unerwartet - wie die Gruppe um Ebert - die Macht übernehmen, eine sozusagen Bedrohungssituation. Und jeder hatte vor Augen, was in Russland passiert war, als es dem Premier Kerensky nicht gelungen war, das Land zu stabilisieren und Lenin dann übernommen hatte. Das ist die tiefe Furcht.

Billerbeck: Das heißt, man wollte den Kommunismus verhindern und hat dafür billigend den Tod von Liebknecht und Luxemburg in Kauf genommen.

Wehler: So würde ich in einer Diskussion, wenn ich ein Seminar in Gang kriegen müsste, auch mal formulieren. Wenn man in einer solchen Situation handeln muss, und da sind schon sozusagen zig Tote bei den Abschlussmanövern des Krieges und bei der Rückführung, und dann bricht der Bürgerkrieg aus - dann muss einer, wie Noske immer von sich gesagt hat, da den…

Billerbeck: Einer muss der Bluthund sein.

Wehler: Der Bluthund, ja. Einer muss den Bluthund spielen.

Billerbeck: Ein Verantwortlicher für die Morde, das war der Freikorpshauptmann Waldemar Pabst. Der wäre auch juristisch zu belangen gewesen, denn es gab ein lesenswertes "Spiegel"-Interview von 1962, da hat er zwar mehrfach bei direktem Nachfragen immer wieder die Aussage verweigert, hat aber an einer Stelle durchaus gesagt, dass er Rosa Luxemburg "richten" ließ.

Pabst hat aber bis zu seinem Tode 1970 unbehelligt in der Bundesrepublik gelebt, angeklagt wurde er nicht. Im Gegenteil, es gab sogar ein Bulletin der Bundesregierung, da wird ihm bestätigt, er habe in höchster Not gehandelt, als er die beiden habe ermorden lassen. Wieso hat man ihn nie angeklagt?

Wehler: Ja, das ist ein großes Rätsel. Ich war damals schon "Spiegel"-Leser und habe das genau verfolgt und es ist natürlich, Bürgerkrieg hin oder her: Zwei unbewaffnete Gefangene mit dem Gewehrkolben zu erschlagen und dann in den Kanal zu stürzen - der Berliner Spruch "Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal" bezieht sich ja auf diesen Mord - und dann diesen Mann, wenn man seiner habhaft werden kann, nicht der ordentlichen Gerichtsbarkeit zuzufügen, das ist schlechterdings unverständlich, genauso unverständlich wie, dass Herr Globke im Kanzleramt jahrelang regieren durfte, oder das frühe Bundeskriminalamt mit den Spitzen des Reichssicherheitshauptamtes besetzt wurde. Das ist eine der schwarzen Seiten der jungen Bundesrepublik, da gibt es nichts zu verteidigen.

Billerbeck: Heute vor 90 Jahren wurden die Führer des Spartakusbundes Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Wir sprachen darüber mit dem Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler. Ich danke Ihnen!

Wehler: Gerne!

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