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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.10.2007

Wenn Unsichtbares sichtbar wird

Alessandro Nova: "Das Buch des Windes", Deutscher Kunstverlag München/Berlin, 224 Seiten

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Ein Sturm (Stock.XCHNG / Michael Bretherton)
Ein Sturm (Stock.XCHNG / Michael Bretherton)

Alessandro Nova hat "Das Buch des Windes" vorgelegt, in dem er zeigt, dass unser Denken, unsere Kunst und unsere Kultur tief von der Geschichte des Windes geprägt sind. In dem prachtvollen Bildband öffnet der Kunsthistoriker dem Leser die Augen für das faszinierende Spektrum der Bedeutungen und der Gestalten, die der unsichtbare Wind seit der Antike hat annehmen können.

"Höre nun weiter von Körpern, die eingestandenermaßen zwar in der Welt sich befinden und doch sich nicht sichtbar bekunden. Erstlich denk’ an des Windes Gewalt!"

Zum Glück ist der Kunsthistoriker Alessandro Nova diesem Rat des römischen Dichters Lukrez gefolgt. Über mehrere Jahre hat er alle Beschreibungen und Darstellungen des Windes gesammelt, die er finden konnte.

In seinem "Buch der Winde" - einem mit großformatigen Abbildungen reich bestückten Prachtband - öffnet er seinem Leser die Augen für das faszinierende Spektrum der Bedeutungen und der Gestalten, die der unsichtbare Wind seit der Antike hat annehmen können: Götter, Engel und Dämonen - Liebe, Gewalt und Leidenschaft - Freiheit, Willkür und Wahnsinn - wohl jede Macht, die die Herzen der Menschen seit der Antike bewegt hat, hat der Wind verkörpern können - die Kulturgeschichte der unglücklich Liebenden wäre ohne seine Beteiligung schlicht nicht denkbar.

Alessandro Nova zeigt eindrucksvoll, wie fasziniert Denker, Dichter und Künstler zu allen Zeiten von der Aufgabe gewesen sind, dem unsichtbaren Wind sichtbare Gestalt zu verleihen. Und er zeigt, wie in diesen Darstellungen - von der Antike bis in die Gegenwart - immer zugleich die Kräfte Gestalt gewinnen, die die Menschen als bewegende Kräfte ihres Lebens begreifen: In der athletisch voran stürmenden Mannsgestalt des Nordwindes, den die Bewohner des antiken Athen als Gott verehren und von dem sie die Vernichtung der persischen Flotte erflehen. In den Engeln und Dämonen des Mittelalters, die mit Flügeln dargestellt werden, um ihre Leichtigkeit, Schnelligkeit und Körperlosigkeit dem Wind anzugleichen. In den flatternden Gewändern der Nymphen und den sich im Sturm biegenden Bäumen, die in den Bildräumen der Renaissance die Kräfte der Natur entfesseln.

Und Nova liefert noch mehr als diese Geschichte des Windes. Er offeriert dem Leser zugleich einen Grundkurs in Kulturgeschichte. Dass er den Ehrgeiz hat, nicht nur die Fachkollegen, sondern ein breiteres Publikum zu erreichen, formuliert der Kunsthistoriker deutlich in seinem Vorwort - und wird diesem Anspruch im Folgenden auch weitgehend gerecht. Klar und verständlich, fast im Stil einer Schritt-für-Schritt-Anleitung erklärt der Kunsthistoriker an jedem Punkt der Untersuchung seine Vorgehensweise: "Der erste Schritt besteht darin, sich bewusst zu machen, dass die Winde eine Geschichte haben." Schade ist nur, dass es weder dem Autor noch dem Lektorat gelungen ist, die Sprache durchgehend so verständlich zu halten wie das methodische Vorgehen: Zu viele Fachbegriffe werden zu selbstverständlich vorausgesetzt.

Wiederholt stellt Alessandro Nova klar, dass es ihm nicht darum geht, Fortschritte in der Darstellung des Windes aufzuzeigen, sondern dem faszinierenden Wandel der - zu jedem Zeitpunkt - künstlichen Darstellungsstrategien zu folgen. Welche Eigenschaften des Windes haben Homer interessiert? Welche beschäftigen die christlichen Schreiber? Warum hat das Thema des Schiffbruchs für die holländischen Maler des 17. Jahrhunderts eine so große Bedeutung? Und in welcher Gestalt erobert der Wind die Kinoleinwand? Immer behält Nova bei seiner Suche nach Antworten die Naturwissenschaften im Blick und zeigt, wie die Erfahrungen der Seefahrer, die Erkenntnisse der Meteorologen und die Errungenschaften der Technik unser Bild von den Kräften, die die Welt bewegen, verändern.

Auf dem Weg von der Antike in die Gegenwart wird allerdings deutlich, dass Alessandro Novas Forschungsschwerpunkt die Renaissance ist. Während die Kapitel zu Antike und Renaissance jeweils den Blick auf das Profil einer ganzen Epoche eröffnen, auf das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt, wird Nova den Werken der Moderne deutlich weniger gerecht.

Es gelingt ihm nicht zu zeigen, wie grundlegend sich das Verhältnis zur Natur durch die Industrialisierung hier geändert hat. Wenn Künstler des 20. Jahrhunderts den Wind mit modernsten Mitteln der Ingenieurstechnik zum Mitspieler ihrer Konstruktionen machen - dann zeigt sich ein Wandel der Kräfteverhältnisse, den Nova nicht ausreichend deutlich macht.

Und trotzdem: Nova gelingt mit seinem "Buch des Windes" eine überzeugende Verbindung von spannend erzählter Geschichte und Methodengrundkurs. Und das liegt wesentlich in der klugen Wahl seines Gegenstandes begründet: Weil der Wind selbst unsichtbar ist, lassen seine Darstellungen die kulturellen Techniken einer Zeit umso deutlicher erkennen. Und: Der Wind weht uns täglich um die eigene Nase. So kann sich die beglückende Fähigkeit des Kunsthistorikers, Wahrnehmung durch Wissen zu bereichern, besonders wirkungsvoll entfalten.

Rezensiert von Alexandra Mangel

Alessandro Nova: Das Buch des Windes. Das Unsichtbare sichtbar machen,
Übersetzt von Birgit Witte
Deutscher Kunstverlag München/Berlin, 2007
224 Seiten, 49,90 Euro.

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