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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2006

Wenn Töchter oder Söhne sagen: "Ich bin homosexuell"

In "Warum gerade mein Kind?" berichten Eltern Homosexueller über ihre Erfahrungen

Rezensiert von Kim Kindermann

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Ein schwules Paar küsst sich (AP Archiv)
Ein schwules Paar küsst sich (AP Archiv)

Schwule Cowboys haben das Kino erobert. Über den Christopher-Street-Day wird in den Medien regelmäßig berichtet. Und auch der schwule Nachbar ist für viele von uns längst kein Problem mehr. Doch wenn Tochter oder Sohn sagen, "Ich bin homosexuell", dann fallen viele Eltern heute immer noch in ein tiefes Loch. Fassungslos, entsetzt und traurig fragen sie sich: "Warum gerade mein Kind?" Eine Frage, der auch Heidi Hassenmüller, Udo Rauchfleisch und Hans-Georg Wiedemann in ihrem gleichnamigen Buch nachgehen.

Enttäuscht, fassungslos, wütend und ärgerlich suchen Eltern, deren Kinder offenbaren, dass sie nicht am anderen Geschlecht interessiert sind, nach Ursachen und Gründen für das vermeintliche Desaster. Fragen sich, was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu lasch in der Erziehung? Oder sie machen andere verantwortlich – etwa den angeblichen Verführer ihres Kindes – und hoffen, dass diese homosexuelle Orientierung nur eine Phase im Leben des Sprösslings ist, die wieder von selbst vergeht. (Das glauben sie selbst dann, wenn das Verhalten ihrer Kinder über Jahre hinweg eindeutig war.) Im schlimmsten Fall befürchten sie sogar, dass ihr Kind zum widerlichen Pädophilien mutiert, der fortan kleinen Jungen und Mädchen nachstellt.

Kurz: der Umgang mit Homosexualität ist auch heute noch - trotz Homo-Ehen, offiziellen Outings bekannter Persönlichkeiten wie etwa dem des Berliner regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit oder Kinofilmen zum Thema wie etwa "Brockeback Mountain" - nicht selbstverständlich. Homosexualität ist vielmehr immer noch in weiten Teilen unserer Gesellschaft mit dem Stigma des Widernatürlichen und Schmutzigen behaftet, wie die dreizehn Interviews mit Eltern belegen, die Heidi Hassenmüller, Udo Rauchfleisch und Hans-Georg Wiedemann in ihrem Buch "Warum gerade mein Kind?" gesammelt und kommentiert haben.

"Mit der Homosexualität des Nachbarn konnte ich umgehen. Aber als mir mein Sohn seine Homosexualität eröffnete, konnte ich das kaum verkraften. Ich fiel in ein tiefes Loch", erzählt da etwa eine Mutter. Und der Vater eines 18-Jährigen sieht rot, als er seinen Sohn mit einem anderen Mann in flagranti ertappt und sagt: "Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben." Ein anderer Vater bricht in Tränen aus: "Verstehen Sie mich, bitte, richtig. Ich heulte nicht, weil er schwul war. Ich heulte, weil er mir nicht vertraut hatte. Ich heulte, weil er 27 Jahre alt werden musste, um es mir zu sagen." Und eine Mutter erinnert sich, als erstes zu ihrem damals 19-jährigen Sohn gesagt zu haben: "Dagegen kann man was tun, wir werden einen guten Psychologen einschalten."

Offen, beherzt und mit bis zur an die Schmerzgrenze gehender Ehrlichkeit berichten acht Mütter und fünf Väter von ihren Gefühlen, ihren Ängsten und Sorgen, aber auch von ihren Vorurteilen, ihren Moralvorstellungen und Klischeebildern, die mit dem Outing ihrer Kinder über sie herein gebrochen sind. "Gehört es auch zu deinen Veranlagungen, dass du kleine Jungen begehrst?", fragt da eine schockierte Mutter ihren Sohn. "Was ist mit Aids?", will eine andere wissen und berichtet dann auch noch von ihrer Sorge, um die berufliche Zukunft ihres Kindes.

Darüber hinaus erzählen die Eltern im Buch von den Reaktionen ihrer Verwandten und Bekannten. Reaktionen, die nicht immer freundlich sind. Viele wenden sich ab, fast so als gelte es sich vor einem gefährlichen Virus zu schützen. Ein Elternpaar, das Rat beim Gemeinde-Pastor suchte, muss sich anhören: "Beten sie für ihren Sohn, dass er wieder auf den rechten Weg zurückfindet." Homosexualität sei widernatürlich und werde von der Kirche nicht toleriert, so der Pastor weiter. Liest man das, dann wundert es wenig, dass viele Eltern die Neigung ihrer Kinder solange ignorieren, bis die Kinder das Thema selbst auf den Tisch bringen. Nicht selten vergehen darüber Jahre, weil auch die Kinder das Gespräch fürchten, oft aus Angst Mutter und Vater zu verlieren.

Wertvolle Jahre, in denen die Kinder unnötig leiden, sich im schlimmsten Fall von den Eltern innerlich distanzieren oder gar eine Scheinwelt aufbauen, in der alles nach außen hin normal scheint. (Studien zeigen sogar, dass 80 Prozent der Gleichaltrigen über die Homosexualität eines Jugendlichen informiert sind, wohingegen nur 40 Prozent der Eltern Bescheid wissen.) Eine Mutter berichtet von dem Scheitern der zehnjährigen Ehe ihres Sohnes: "Jürgen schrieb mir, (…) dass er nicht sein Leben lang Versteck spielen könnte. Als er geheiratet hätte, sei ihm nicht bewusst gewesen, dass er homosexuell sei. Seine sexuelle Zurückhaltung vor der Ehe hätte er sich selbst mit Respekt vor seiner Frau erklärt."

Kein Vorurteil, kein Problem im Zusammenhang mit Homosexualität – so scheint es zumindest – wird in dem 160-seitigen Buch ausgelassen; zu jedem Gefühl, zu jeder Angst ist es den drei Autoren gelungen ein Beispiel zu finden. Das Gute daran: nie lassen sie die Eltern wie auch die Leser allein mit den Geschichten und den dazu gehörenden Gefühlen, sondern begleiten und kommentieren sie einfühlsam. Das gelingt vor allem deshalb so gut, weil alle drei Autoren jeweils aus einer anderen Sicht auf das Geschehen schauen: Heidi Hassenmüller ist selbst Mutter zweier homosexueller Kinder. Udo Rauchfleisch ist klinischer Psychologe an der Universität Basel und Hans-Georg Wiedemann ist Theologe und hat eine der ersten Selbsthilfegruppen für Eltern homosexueller Kinder gegründet. Und so schaffen sie es, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben und ohne Eltern für ihr Unbehagen zu verurteilen, Mut zu machen: das eigene Kind so zu akzeptieren wie es ist.

Homosexualität, so Hassenmüller, Rauchfleisch und Wiedemann, gehört zum Leben dazu. Sie ist eine Spielart der Natur, keine Krankheit oder gar etwas wofür man sich schämen muss: "Betrachten Eltern ihre homosexuell liebenden Kinder ohne den Druck der so genannten Normalität, werden sie an ihnen nichts Krankes entdecken." Folglich kann Homosexualität nicht wegtherapiert oder behandelt werden. Und genau dieser zutiefst humanistische Ansatz macht das Buch "Warum gerade mein Kind?" so wertvoll für alle von uns - auch wenn wir nicht Eltern eines homosexuellen Kindes sind. Denn es lehrt uns tolerant zu sein und die eigenen Vorteile immer wieder neu zu hinterfragen.

Heidi Hassenmüller/Udo Rauchfleisch/Hans-Georg Wiedemann: Warum gerade mein Kind?
Patmos Verlag
Seite 160, 2006, 14.90 Euro

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